26. November 2007
“Es ist nicht alles gut an der Antifa” – und auch nicht an der “Achse der Guten”
Normalerweise freue ich mich, wenn ein einer meiner Beiträge verlinkt wird. Und ich freue mich auch über Kritik – je schärfer, desto besser. Dogmen sind etwas für Denkfaule. Und außerdem illiberal.
Der Fall meines Beitrags Von Antifa und Antifanten und der Reaktion von Michael Holmes von der “Achse des Guten” Es ist nicht alles schlecht an der Antifa ist aber nicht normal. Denn allzu viel Kritik enthält Holmes Artikel nicht. Dafür umso mehr Polemik. Anmerkung vom 27. 11.: Der Artikel ist inzwischen von der “Achse des Guten” entfernt worden.
Michael Holmes schreibt:
Ich war mehrere Jahre in der Antifa organisiert und weiß wovon ich rede.
Das ist an und für sich gut. Allerdings stellt sich dann die Frage, in welcher “Antifa” er damals organisiert war – denn, wie ich in meinem Artikel schrieb, ist “Antifa” eher ein Oberbegriff. Das Spektrum reicht von solchen, bei denen der Marxismus-Leninismus, auch in der autoritären Variante, noch hoch im Kurs steht, über solche, die über den Antifaschismus zum Antirassismus zur Arbeit mit und für Migranten und Bürgerkriegsflüchtlinge fanden, über eher christlich-pazifistisch orientierte Gruppen bis zu libertären Autonome, die schon aus Prinzip gegen alles sind, was auch nur “autoritär” aussieht.
Vor allem ist der Übergang zwischen der klassischen linken “Antifa” und den “bürgerlichen” Gegnern des Rechtsextremismus (jedenfalls denen, die sich nicht auf Lichterketten und ohnmächtige Empörung beschränken wollen) fließend geworden. Viele der heute z. B. auf “MUT gegen rechte Gewalt” vorgestellten Initiativen haben ihre Wurzeln in der “Antifa”. Oder hier in Hamburg: das jährliche “umsonst & draußen Musikfestival “Wutzrock” ist eng mit Antifas verbunden – was selbst die eher konservative Lokalpresse nicht stört.
Zählen Initiativen wie “Metal gegen Rechts” zur Antifa? In dem Moment, in dem sie mehr tun, als nur ein “Zeichen setzen”, sondern z. B. Aufklärungsarbeit leisten, Infostände und Gegendemonstrationen (mit-)organisieren, als “Antifa-Arbeit” machen, nach meine Ansicht schon.
Aber zurück zu Holmes:
Die Antifa ist in erster Linie kommunistisch. Etwa 80% ihrer Kader und Anhänger sind bekennende Kommunisten. Der Rest ist eher anarchistisch orientiert (und manchmal, keineswegs immer, etwas weniger unsympathisch). Dementsprechend wird ihr Logo dann auch von zwei wehenden roten und schwarzen Fahnen geziert, wobei sich die rote Fahne aufdringlich über die schwarze schiebt, so als wollte sie drohend an Kronstadt erinnern. In den besetzten Häusern und Jugendzentren, wo man sich zwecks Vorbereitung der Weltrevolution trifft, hängen dann auch bis heute die Fahnen der untergegangenen Sowjetunion, der DDR oder des kommunistischen Kuba.
Es ist schon lange her, dass ich diese Sorte “Antifa” erlebt habe. Das muss irgendwie in den 80ern gewesen sein. Und auch schon damals gab es unter “Westlinken” nur wenige Fans des “real existierende Sozialismus” a la UdSSR oder DDR – und von den wenigen waren die meisten in der DKP. Die dann auch bei jeder Demo dabei waren – wenn da zwei DKPler im Zug mitmarschierten, hatten sie garantiert ein riesiges DKP-Transparent zwischen sich aufgespannt. (So, wie ich heute manchmal den Eindruck habe, dass “die Linke” auf Demos gern wörtlich genommen (Partei-)”Flagge zeigt” und sich mit Sachaussagen zurückhält.)
Ich frage mich wirklich, unter welche Sektierer Michael Holmes damals geraten ist.
Kommen wir zu entscheidenden Frage. Zur Frage “Gewaltpotenzial”.
Und zur Gewalt: Zu den Lieblingshobbys der Antifas gehört neben dem rituellen Steinewerfen auf die Polizisten der ersten stabilen Demokratie in Deutschland immer auch das Erstellen von Listen. Von Listen? Von Listen. Da stehen nicht nur ortsbekannte Neonazis drauf. Da stehen dann – je nach Geschmack – auch die Namen einer Menge von konservativen oder liberalen, manchmal auch von grünen oder sozialdemokratischen Politikern, von Unternehmern oder religiösen Führern und natürlich von Aussteigern drauf.
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Das – angeblich – “rituelle Steinewerfen”, meistens aus der Deckung aus der dritten Reihe heraus, sind selbst beim “schwarzen Block” alles andere als beliebt, weil sie unnötig provozieren. Sie sind damit ein Musterbeispiel für jene, die ich “Antifanten” nenne. Oder – dem Alter der meisten entsprechend – Randalekids.
Die meistens Gegendemos laufen mittlerweile ohne Gewalt ab. Es gibt zwar nach wie vor Antifanten, die nicht kapieren, dass ein Pflasterstein kein Argument ist, und nach wie vor Polizisten, die noch nichts von Deeskalation gehört haben (oder halten), aber verglichen mit den “wilden 80ern” (oder noch früher) geht es zivilisiert zu.
Es sei denn, man will unbedingt “linke Chaoten” am Werk sehen.
Ich erwähnte schon tief untern in den Kommentaren zu meinem Beitrag, dass ich in einer tief konservativen Lokalzeitung aus dem westlichen Westfalen einen Bericht über einen Anti-Nazi-Demo mit der Überschrift: “Nach der Demo die Randale” las. Die “Randale” bestand aus einem (!) geworfenen Ei. Selbst im Polizeibericht stand nur Lobendes über die Besonnenheit der Demonstranten.
Nein, ich sehe die “Antifa” nicht unkritisch. Ich bin mir darüber im Klaren, dass es in jeder “Antifa”-Gruppe, die sich im Bürgerhaus, im Jugendzentrum und in (ehemals) besetzten (nun selbstverwaltet genossenschaftlich instandgesetzten und bewohnten) Häusern trifft, auch ein paar Leute geben kann deren Ansichten als “totalitär” beschrieben werden muss. Das erwähnte “Listenschreiben” – meistens sind es regelrechte Dossiers – betrifft bei der “politische seriösen Antifa” tatsächlich meistens nur Rechtsextremisten und ihre Helfer. Ich will nicht verniedlichen, dass es unangenehm sein kann, aus irgend einem wilden Grund auf die “Liste” einer “Antifa” geraten zu sein – das ist Freunde von mir vor einigen Jahren passiert – aber es ist auf alle Fälle ungefährlicher, als auf der entsprechenden Liste der “Anti-Antifa” zu stehen.
Verfasst von MartinM um 20:34 Uhr in der Kategorie Grundsatzfragen, In eigener Sache, Politik (Trackback)
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