21. November 2007
Legenden der Dummheit
Stellen wir uns mal folgende Szene vor:
Nacht. Ein U-Bahnhof. Zwei Grüppchen junger Leute. Die eine Gruppe geht auf die andere zu und “macht sie an”, reißt ihnen Aufnäher von der Kleidung.
Wenig später kommt es zu einer Messerstecherei (ausgelöst offensichtlich durch Mitglieder der “angemachten” Gruppe), in der einer der jungen Männer umkommt.
Das ist eine traurige Geschichte. Ein junger Mann muss sinnlos sterben.
Politisch aufgeladen wird daraus aber ein Heldenmärchen.
Denn wenn die erste Gruppe, die die zweite anpöbelt, “Antifaschisten” sind und die zweite Gruppe “Neonazis”, wenn die abgerissenen Aufnäher “rechte Aufnäher” waren, dann sieht die Geschichte gleich ganz anders aus, nicht wahr?
Dann wird das Anpöbeln und Beschädigen fremder Kleidung eine mutige, antifaschistische Tat und das Töten eines jungen Mannes nicht die schlimme Folge einer Prügelei unter Jugendlichen sondern ein faschistischer Mord.
Dann wird es für manche gar begrüßenswert, die juristische Aufarbeitung des Falls durch Niederbrennen von Jugendclubs vermeintlich zu forcieren. Wörtlich heißt es bei den “Antifaschisten”
:
Erst durch intensive Öffentlichkeitsarbeit, Demonstrationen und spektakuläre Aktionen (wie das Niederbrennen des Jugend-Clubs, in dem die Nazis verkehrten) wurde die Tat weiter untersucht und die rechte Gesinnung der Täter offensichtlich.
Übersetzung: Erst dadurch, dass wir Gewalt eingesetzt und fremdes Eigentum zerstörten haben, wurde die Gesinnung unserer Gegner offensichtlich.
Wie dämlich (oder nur pubertär, unreif) muss man den sein, um solchen Unsinn zu schreiben? (Meine Antwort: ziemlich). Das ergibt ja (hoffentlich) nicht einmal in der Logik dieser “Antifaschisten” irgendeinen Sinn.
Nun will ich keineswegs irgendetwas gleichsetzen. Ich halte Neonazis im Zweifel für gefährlicher als Antifaschisten (wobei ich sehr vermute, dass es sich bei vielen Anhängern beider Seiten um Jugendliche mit Testesteron-Überschuss handelt, die schlicht und einfach Action erleben wollen und sich dafür – wohl mehr zufällig – einen politischen Grund suchen). Ich habe zwar auch schon kiffende Rasta-Haarträger erlebt, die einen wesentlich jüngeren Kurzhaarträger von der Seite seiner Mutter rissen und ihn (zu dritt gegen einen) zusammenschlugen und ihn noch traten, als er auf dem Boden lag. Ich wusste von Kommilitonen, die jeden Samstag Baseballschläger nahmen, Motorradhelme aufsetzten und in die “Nazi”-Viertel fuhren, um ihre Gegner “aufzumischen” (und hoffentlich traf es keine Leute, die nur den falschen Haarschnitt hatten).
Aber ich bin davon überzeugt, dass fremd oder anders Aussehenden von Rechtsradikalen statistisch gesehen größere Gefahr droht.
Auch nicht zu bestreiten ist meiner Meinung nach, dass sich bestimmte Formen “antifaschistischer” Betätigung in eine Richtung bewegen, die ich für moralisch begrüßenswert halte. Nämlich weg von diesem dämlichen Gewalt-Gegengewalt-Gehampel (das eben solche tragischen Folgen wie den Tod junger Menschen hat).
Wenn Nachbar Che (bei dem ich den Hinweis auf die hier betrachtete Geschichte gefunden habe) also hier lebende Flüchtlinge betreut und gegen staatliche Abschiebebemühungen (oder auch gegen angreifende Neonazis) verteidigt, dann hat das meine grundsätzliche Sympathie. Aber da geht es dann ja auch weniger um “Antifaschismus” und das ganze ideologisch-dumme Brimborium. Sondern vielmehr um die konkrete Verteidigung von Gewalt bedrohter Menschen.
Verfasst von Boche um 11:38 Uhr in der Kategorie Politik (Trackback)
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