Legenden der Dummheit

Stellen wir uns mal folgende Szene vor:

Nacht. Ein U-Bahnhof. Zwei Grüppchen junger Leute. Die eine Gruppe geht auf die andere zu und “macht sie an”, reißt ihnen Aufnäher von der Kleidung.
Wenig später kommt es zu einer Messerstecherei (ausgelöst offensichtlich durch Mitglieder der “angemachten” Gruppe), in der einer der jungen Männer umkommt.

Das ist eine traurige Geschichte. Ein junger Mann muss sinnlos sterben.

Politisch aufgeladen wird daraus aber ein Heldenmärchen.
Denn wenn die erste Gruppe, die die zweite anpöbelt, “Antifaschisten” sind und die zweite Gruppe “Neonazis”, wenn die abgerissenen Aufnäher “rechte Aufnäher” waren, dann sieht die Geschichte gleich ganz anders aus, nicht wahr?
Dann wird das Anpöbeln und Beschädigen fremder Kleidung eine mutige, antifaschistische Tat und das Töten eines jungen Mannes nicht die schlimme Folge einer Prügelei unter Jugendlichen sondern ein faschistischer Mord.
Dann wird es für manche gar begrüßenswert, die juristische Aufarbeitung des Falls durch Niederbrennen von Jugendclubs vermeintlich zu forcieren. Wörtlich heißt es bei den “Antifaschisten”
:

Erst durch intensive Öffentlichkeitsarbeit, Demonstrationen und spektakuläre Aktionen (wie das Niederbrennen des Jugend-Clubs, in dem die Nazis verkehrten) wurde die Tat weiter untersucht und die rechte Gesinnung der Täter offensichtlich.

Übersetzung: Erst dadurch, dass wir Gewalt eingesetzt und fremdes Eigentum zerstörten haben, wurde die Gesinnung unserer Gegner offensichtlich.
Wie dämlich (oder nur pubertär, unreif) muss man den sein, um solchen Unsinn zu schreiben? (Meine Antwort: ziemlich). Das ergibt ja (hoffentlich) nicht einmal in der Logik dieser “Antifaschisten” irgendeinen Sinn.

Nun will ich keineswegs irgendetwas gleichsetzen. Ich halte Neonazis im Zweifel für gefährlicher als Antifaschisten (wobei ich sehr vermute, dass es sich bei vielen Anhängern beider Seiten um Jugendliche mit Testesteron-Überschuss handelt, die schlicht und einfach Action erleben wollen und sich dafür – wohl mehr zufällig – einen politischen Grund suchen). Ich habe zwar auch schon kiffende Rasta-Haarträger erlebt, die einen wesentlich jüngeren Kurzhaarträger von der Seite seiner Mutter rissen und ihn (zu dritt gegen einen) zusammenschlugen und ihn noch traten, als er auf dem Boden lag. Ich wusste von Kommilitonen, die jeden Samstag Baseballschläger nahmen, Motorradhelme aufsetzten und in die “Nazi”-Viertel fuhren, um ihre Gegner “aufzumischen” (und hoffentlich traf es keine Leute, die nur den falschen Haarschnitt hatten).
Aber ich bin davon überzeugt, dass fremd oder anders Aussehenden von Rechtsradikalen statistisch gesehen größere Gefahr droht.

Auch nicht zu bestreiten ist meiner Meinung nach, dass sich bestimmte Formen “antifaschistischer” Betätigung in eine Richtung bewegen, die ich für moralisch begrüßenswert halte. Nämlich weg von diesem dämlichen Gewalt-Gegengewalt-Gehampel (das eben solche tragischen Folgen wie den Tod junger Menschen hat).
Wenn Nachbar Che (bei dem ich den Hinweis auf die hier betrachtete Geschichte gefunden habe) also hier lebende Flüchtlinge betreut und gegen staatliche Abschiebebemühungen (oder auch gegen angreifende Neonazis) verteidigt, dann hat das meine grundsätzliche Sympathie. Aber da geht es dann ja auch weniger um “Antifaschismus” und das ganze ideologisch-dumme Brimborium. Sondern vielmehr um die konkrete Verteidigung von Gewalt bedrohter Menschen.

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44 Kommentare zu “Legenden der Dummheit”

  1. R.A.
    21.11.2007 | 12:53

    Wenn zwei das Gleiche tun …

    Paßt irgendwie zum parallelen Thema.

  2. 21.11.2007 | 12:58

    [...] quelle :  B.L.O.G.  [...]

  3. 21.11.2007 | 13:00

    @R.A.

    Stimmt. Hatte ich beim Schreiben auch gedacht.

  4. 21.11.2007 | 13:14

    Lieber Boche,

    volle Zustimmung!

    Es kommt noch etwas hinzu: Nicht nur sind diese kriminellen “Antifas” genauso auf Gewalt aus wie ihre Zwillinge auf der anderen Seite – sondern in ihrer Mehrheit wollen sie ja, genau wie diese Zwillinge, den demokratischen Rechtsstaat zerstören.

    Die einen träumen von einem “Freien Deutschland” oder irgend sowas. Die anderen wollen “den Sozialismus” oder irgend sowas. Den Rechtsstaat, die offene Gesellschaft lehnen die einen wie die anderen ab. Beide beweisen durch ihre Praxis, daß sie politische Auseinandersetzungen austragen wollen wie weiland Rotfront und die SA: Indem man sich gegenseitig verprügtel, indem man die Zentren der anderen in Stücke haut usw.

    Einen Unterschied allerdings darf man nicht übersehen: Während die Nazis von allen anderen Parteien und gesellschaftlichen Gruppen ausgegrenzt werden, sind die Antifas bestens vernetzt – bis hin zu gewerkschaftlichen Gruppen, zu kirchlichen Gruppen. Und vor allem bis hin zu den parlamentarisch agierenden Kommunisten der umbenannten PDS.

    Herzlich, Zettel

  5. 21.11.2007 | 13:35

    Lieber Zettel,

    an den Vergleich mit den Straßenkämpfen der Weimarer Republik zwischen SA und Rotfront hatte ich auch gedacht. Und mich gefragt, ob das wohl genauso gewesen sein mag.

    Dass die Form der gewählten Auseinandersetzung nicht dafür spricht, dass freiheitlich-demokratische Ziele verfolgt werden, sehe ich auch so.

    Nur bei der Linkspartei bestehe ich auf “umbenannter SED”. ;-)

  6. 21.11.2007 | 14:06

    > und die zweite Gruppe “Neonazis”

    Wieso steht das in Anführungszeichen?

    Um besonders herauszustreichen, daß sich die irregeleiteten und entsprechend auch in Anführungszeichen präsentierten Antifaschisten sich die spezifischen Gewalttaten und Propagandadelikte nur eingebildet oder zumindest völlig in den falschen Hals bekommen hatten, die ganze “traurige Geschichte” also einfach nur eine tragische ist, die auf einem Mißverständnis beruht?

  7. 21.11.2007 | 14:18

    Die Anführungszeichen deswegen, weil ich die Beschuldigung, es wären welche, einer mir nicht wirklich seriös erscheinenden und schon gar nicht unparteiischen Seite entnommen habe.

    Um besonders herauszustreichen, daß sich die irregeleiteten und entsprechend auch in Anführungszeichen präsentierten Antifaschisten sich die spezifischen Gewalttaten und Propagandadelikte nur eingebildet oder zumindest völlig in den falschen Hals bekommen hatten, …

    Von spezifischen Gewalttaten als Auslöser dieser Geschichte lese ich in der Darstellung der Antifa-Seite nichts. Da scheint mir mit dem “Entfernen der rechten Aufnäher” die initiale Gewalt doch von den “Antifaschisten” auszugehen.
    Einen Propagandadelikt sehe ich dann auch nicht als ausreichende Begründung für irgendwelche Attacken an. Und schon gar nicht von solchen, die wohl auch gern Symbole totalitärer Systeme tragen.

    die ganze “traurige Geschichte” also einfach nur eine tragische ist, die auf einem Mißverständnis beruht?

    Ich hatte die Testesteron-These genannt. Aber vielleicht wars ja auch ein Missverständnis.
    Für eine genauere Ursachenforschung fehlen mir die Hintergründe.

    Die traurige Geschichte schreibst du in Anführungszeichen, weil es keine traurige sondern eine heroische ist?

  8. 21.11.2007 | 14:29

    @classless: Selbst wenn die “Neonazis” mit den Aufnähern ein Propagandadelikt begangen hätten, wäre es nicht Sache der “Antifaschisten”, dieses Delikt zu bestrafen. Dazu gibt es geregelte Verfahren. In der Regel wählen gewalttätige Rechts- und Linksextreme aber ohnehin Symbole, deren Zeigen nicht strafbar sind. Und von vorausgegangenen Gewalttaten war in dem eingangs skizzierten Szenario bis zum Ausbruch der Gewalt zwischen beiden Gruppen überhaupt nicht die Rede.

    Um Boches Worte von oben aufzugreifen: Wenn die Linken wirklich aufklären wollen, wenn sie sich und andere Menschen verteidigen oder schützen, dann ist das in Ordnung. Wenn sie nachts hinterhältig brandschatzen [ohne Rücksicht auf benachbarte Unbeteiligte], wenn sie in der Überzahl feige jemanden zusammenschlagen oder Anschläge auf die Bundeswehr ausüben, dann sollten sie genau wie die Neonazis mit allen rechtsstaatlichen Mitteln verfolgt und bestraft werden.

  9. Lrg
    21.11.2007 | 16:44

    traurig

  10. 21.11.2007 | 17:18

    Lieber Boche,

    jaja, “umbenannte SED”. Die freilich wieder nur eine umbenannte KPD gewesen war.

    Jedesmal, wenn die Kommunisten entweder Ballast abwerfen (wie 1989) oder Ladung aufnehmen (wie 1946 und 2007), wird mal wieder der Name gewechselt.

    Seit 1989 ja, streng genommen, schon viermal. Aus der “SED” wurde die “SED/PDS”, daraus die “PDS”, daraus die “Linkspartei.PDS”, daraus die “Linke”.

    Die ganze Täuscherei, Trickserei, die ganze Verlogenheit, die den Kommunisten eigen ist wie dem Knut sein weißes Fell, kommt in diesen ständigen Umbenennungen zum Ausdruck.

    Ich mache mir’s einfach und spreche, wenn möglich, schlicht von den Kommunisten. Und von der SPD, brav ihrem Selbstverständnis folgend, als der Partei des demokratischen Sozialismus. ;-)

    Herzlich, Zettel

  11. 22.11.2007 | 0:03

    omg

  12. 22.11.2007 | 10:38

    @Boche

    Meine Anführungszeichen sollten ein Zitat von dir anzeigen.

    @Boche und Stefanolix

    Schön, daß ihr auf diesem Wege noch mal einräumt, von der Rahmensituation um die Tat keine Ahnung zu haben, so daß ihr ein von jedem Kontext ungetrübtes Urteil fällen könnt. Wo der tolle Rechtsstaat in den ersten Jahren nach der Wiedervereinigung seinen Segen getan haben soll, wenn Nazis Menschen umgebracht und in Massen verletzt haben, könnt ihr mir gerne noch mal erklären.

  13. 22.11.2007 | 10:56

    @classless

    Meine Anführungszeichen sollten ein Zitat von dir anzeigen.

    Ach so.

    Und wenn der Rechtsstaat mangelhaft arbeitet, ist das zu kritisieren. Ausdrücklich sympathisiert habe ich ja auch mit Aktionen, bei denen es um den konkreten Schutz von Menschen vor fremdenfeindlichen Übergriffen geht (auch, wenn ich das nur als Notlösung akzeptieren kann).

    Der Schilderung des Vorfalls, der hier Thema ist, entnehme ich aber, dass es da keinesfalls um Schutz von irgendwem vor irgendwem ging. Sondern offensichtlich um die Eskalation eines Streits um abgerissene Aufnäher und vermutlich vorangegangene Pöbeleien.

  14. stefanolix
    22.11.2007 | 10:59

    @classless: Es bringt hier nichts, in die Vergangenheit zurückzublicken. Es wurden gewisse Konsequenzen aus dieser Zeit gezogen, aber das geschah leider nicht nachhaltig. Es müssten alle Gesetze im vollen Umfang angewendet und alle Delikte konsequenter verfolgt werden. [Natürlich gilt das auch für linke Brandstifter, Randalierer und Gewalttäter.]

    Ich fand die konsequente Linie richtig, die hier in Sachsen für eine bestimmte Zeit verfolgt wurde: gerade junge Rechtsextremisten wurden durch die Polizei ganz offen unter einen gewissen öffentlichen Verfolgungsdruck gesetzt. Damit wurde das Umfeld auf die jungen Rechten aufmerksam und man konnte einige vor dem Abgleiten in die gewalttätige Szene bewahren. Leider hat man das nicht in dieser Form weitergeführt.

    Hier in Sachsen ist die politische Aktivität der Rechtsextremen seit dem schändlichen Wahlergebnis von 2004 zurückgegangen. Die Mitglieder der NPD-Fraktion haben sich selbst demontiert, die NPD-Vertreter will niemand in seiner Nähe haben und von den sonstigen organisierten Rechten hört man auch kaum noch etwas.

  15. 22.11.2007 | 13:55

    @Die Mitglieder der NPD-Fraktion haben sich selbst demontiert, die NPD-Vertreter will niemand in seiner Nähe haben und von den sonstigen organisierten Rechten hört man auch kaum noch etwas.
    - Nee, stattdessen betätigen sich normale Bürger einer sächsischen Kleinstadt als Lynchmob, und der FDP-Bürgermeister beschwichtigt. Ein nigerianischer Bekannter sagte mir mal, ohne Pistole gingen Landsleute von ihm abends im Osten nicht nach draußen.

  16. stefanolix
    22.11.2007 | 14:54

    Was würdest Du denn sagen, wenn die Rechten mit der selben Logik wie die Linksextremen argumentierten und aus äußeren Umständen einfach ein Recht auf Selbstjustiz ableiteten? Bestimmte Vertreter der Linken argumentieren: Weil der Staat nichts gegen rechte Gewalt tut, dürfen wir in Überzahl mutmaßliche Rechte zusammenschlagen, Fahrzeuge von NPD-Abgeordneten abbrennen oder in Treffpunkte rechter Jugendgruppen einbrechen.

    Es sollte kein Problem sein, die Argumentation für die andere Seite (oder gar für Mügeln) umzustellen. Das klingt dann nicht mehr so schön. Und genau deshalb muss der Staat gegen alle Arten von Extremisten und gegen alle Arten von Selbstjustiz einschreiten.

    Che, den Hinweis auf Mügeln hast Du doch nun wirklich nicht nötig. Die Bierzeltprügelei von Mügeln ist von den Medien bis zur Unkenntlichkeit aufgeblasen worden. Zur gleichen Zeit wurden auch Ausländer auf einem Fest im Westen zusammengeschlagen, was aber kaum in der Öffentlichkeit diskutiert wurde.

    An der initialen Prügelei in Mügeln waren beide Seiten aktiv beteiligt. Dann haben sich die Inder in einem nahegelegenen Haus versteckt, weil sie Gewalt fürchteten und in der Unterzahl waren.

    In der Folge haben Wurfgeschosse eben gerade nicht die Inder getroffen. Sie gingen auf die Polizisten nieder, die vor dem Gebäude Posten bezogen hatten. Dazu gab es viel idiotisches Geschrei aus einer betrunkenen Meute. Bis heute sind keine weiteren Ermittlungsergebnisse bekannt. Es wird (wurde?) gegen mehrere Beteiligte der Prügelei im Bierzelt ermittelt, sowohl gegen Inder als auch gegen Deutsche.

    Und solange nichts weiteres bekannt ist, sollten wir mit Begriffen wie “Lynchmob” vorsichtig umgehen.

  17. 22.11.2007 | 15:35

    Danke für den Hinweis auf Mügeln. Da gibt es viel zu kritisieren und viel zu verurteilen, aber eine Institution verhielt sich da m.E. vorbildlich: Eben der geschmähte Rechtsstaat.

    Was Boche kritisiert und was auch ich für ein wesentliches Problem halte, ist, dass nicht mehr das “was”, sondern das “wer” entscheidend sein soll für die Beurteilung von Handlungen. Das ist eine Tendenz, die sich historisch zur Genüge als verhängnisvoll herausgestellt hat.

  18. 22.11.2007 | 15:35

    @Boche

    >Und wenn der Rechtsstaat mangelhaft arbeitet, ist das zu kritisieren. Ausdrücklich sympathisiert habe ich ja auch mit Aktionen, bei denen es um den konkreten Schutz von Menschen vor fremdenfeindlichen Übergriffen geht (auch, wenn ich das nur als Notlösung akzeptieren kann).

    Kritisieren hilft leider auch nicht immer. In diesem konkreten Fall haben wir es mit der Spätphase einer Auseinandersetzung zu tun, die bis heute Einfluß auf die Ausdehnung des Gebiets hatte, innerhalb dessen Nazis ihre Gewalttaten bis zur Straßenhegemonie ausweiten konnten – dort, wohin sie (nicht nur) von den Antifas zurückgedrängt wurden, im Lichtenberger Weitlingkiez, müssen immer noch “ausländische” Imbißbetreiber vor der Gewalt kapitulieren, dort herrscht die in Berlin mit Abstand höchste Verbrechensrate (Polizeiwache Sewanstraße) und die höchste Zahl an Gewalttaten.

    @stefanolix
    Ist das nicht in Sachsen, wo die NPD in Umfragen mehr Prozent als die SPD bekommt? Ob vielleicht auch so rechtsstaatlich bedenkliche Mittel wie die Brückenblockade am 13.2.06 (http://www.classless.org/2006/02/12/geisterjagd-destroy-the-spirit-of-dresden-teil-1/) dazu geführt haben könnten, den Nazihöhenflug wenigstens ein bißchen zu bremsen?

  19. 22.11.2007 | 15:38

    @classless

    Wie gesagt: Ich halte nichts von Straßenkämpferprosa, die schlichte Pöbeleien zum Widerstand verklärt.

  20. stefanolix
    22.11.2007 | 16:15

    Die Blockade der Brücke war eine gewaltlose und angemessene Aktion, die ich genauso wie Selbstverteidigung und die Verteidigung Schwächerer unterstütze. Bei der Brückenblockade wurden weder Menschen verletzt noch Sachen beschädigt. Rein rechtlich gesehen hätte man es als Nötigung einordnen können, aber in der Gesamtwürdigung auch als Aktion zur Verhinderung von Gewalt.

    Die Umfragen sind für die SPD wohl inzwischen wieder günstiger als für die NPD. Ich wohne in einer Gegend, wo es ohnehin immer ein wesentlich besseres Wahlergebnis gab: bei der letzten Landtagswahl ca. 4.9% der Zweitstimmen für die NPD (was immer noch zu viel ist, aber in vielen Gebieten Westdeutschlands auch erreicht werden dürfte). Ja, ich gebe zu, dass es zehn Kilometer weiter schon anders aussieht …

  21. 22.11.2007 | 16:30

    In der Zeit, in der behelmte und vermummte Antifademos in Niedersachsen an der Tagesordnung waren (und die strahlten zwar Militanz aus, verliefen aber im Allgemeinen selber nicht gewalttätig, sondern sollten nur eine Drohkulisse aufbauen, in Göttingen spielte die Polizei das Spiel ganz bewusst mit)hielten sich jedenfalls Übergriffe von Neonazis dort in engen Grenzen. Und hinsichtlich der Gewalteskalation von links bremste sich die Antifa selber aus.

  22. 22.11.2007 | 16:49

    Die Behauptung, dass das eine zum anderen geführt hat, lässt sich natürlich schwer überprüfen.
    Meine Testesteron-These würde es, falls es denn so war, theoretisch jedenfalls auch erklären können.

  23. stefanolix
    22.11.2007 | 17:10

    @Che: Abschreckung kann sinnvoll sein. Wenn man potentiellen Gewalttätern zeigt, dass man genug Macht hat, um sich zu verteidigen, dann tut man ihnen ja erst mal nichts Böses.

    Allerdings kommt da wieder meine unbeantwortete Frage von vorhin ins Spiel. Auch andere Gruppen müssten dann das Recht auf Abschreckung haben und könnten argumentieren, dass ihre Aufmärsche zur Verhinderung bestimmter Übergriffe dienen. Also muss man auch der Abschreckung Grenzen setzen.

    @Boche: eine Nebenbemerkung — das Zeug heißt Testosteron.

  24. 22.11.2007 | 21:04

    @stefanolix

    Stimmt. Die Hitze des “antiantifaschistischen” Gefechts soll mir Entschuldigung sein. ;-)

  25. 23.11.2007 | 11:19

    @stefanolix:

    Was würdest Du denn sagen, wenn die Rechten mit der selben Logik wie die Linksextremen argumentierten und aus äußeren Umständen einfach ein Recht auf Selbstjustiz ableiteten?

    Tun sie doch, jedenfalls hier bei uns. Wenn man mit den jungen Rechten spricht, argumentieren viele damit, öfter schon von Türken beleidigt oder angegriffen, manchmal gar zusammengeschlagen worden zu sein, ohne dass die Polizei wirklich etwas dagegen unternimmt (oder die Ausländer gleich abschiebt). Man wehrt sich ja nur. So sehen es diese Jungs.

  26. 23.11.2007 | 11:24

    @che:

    Deine Logik klingt nach denjenigen, die in der Blogosphäre so gern “Neoconazis” genannt werden. Natürlich hatte niemand vor, den Irak anzugreifen. Man wollte nur eine Drohkulisse aufbauen. Leider spielte der Irak aber mit…

  27. 23.11.2007 | 11:26

    @Karsten

    In der Antifa-Logik wäre es dann ja fair, wenn man sie martialische Demonstrationszüge durch die Stadt machen ließe.

  28. 23.11.2007 | 13:41

    Ich verstehe den Punkt nicht: Nazis dürfen demonstrieren, Nazis setzen gewaltsam ihre Hegemonie in bestimmten Gegenden und Stadtvierteln durch, Nazis drohen darüber hinaus mit weiterer Eskalation. Das hat oft gar nichts mit einem ihnen gewährten Recht zu tun, oder?

    Ich bin möglicherweise überhaupt noch am Leben, weil die Nazis irgendwann wußten, daß sie, wenn sie mich anfassen, riskieren, daß ihre Autos brennen. Und das wußten sie, weil es zuvor mindestens einmal passiert ist.

  29. 23.11.2007 | 14:05

    @classless

    Ich verstehe den Punkt nicht: Nazis dürfen demonstrieren

    Dürften sie es auch, wenn du darüber zu befinden hättest?

    Dass du meinst, dein Leben der antifaschistischen Selbstjustiz und antifaschistischen Angriffen auf Neonazis zu verdanken – könnte das etwas damit zu tun haben, dass du von denen als gewaltbereiter (nicht nur im Sinne von Gewalt als Mittel der Verteidigung sondern auch des Angriffs) Feind wahrgenommen wirst?

  30. stefanolix
    23.11.2007 | 14:29

    Ich kann den Wahrheitsgehalt dieser Geschichte nicht einschätzen und ich weiß auch nicht, wer da »angefangen« hat. Ich weiß aber, dass es junge Linke und junge Rechte und auch junge Ausländer gibt, die nur deshalb ins jeweilige gewaltbereit Lager gegangen sind, weil sie irgendwann wegen eines »falschen« Aussehens auf der Straße angegriffen wurden.

    Ab dem Zeitpunkt, an dem die Gewaltspirale immer weiter gedreht wird, ist die ideologische Verbrämung nicht mehr relevant.

  31. 23.11.2007 | 15:30

    Oh Mann, diese Unterstellungen. Na klar, ich war für die Angriffe auf mich stets selbst verantwortlich, bin schon als 13jähriger mit Molly und Messer Nazis jagen gegangen, klar.

    Nein: Ich war hauptsächlich gut in der Schule, die Nazis schlecht. Außerdem war ich keiner von ihnen. Viel mehr hat es am Anfang nicht gebraucht.

    Wegen der beständigen Gewaltandrohung und den immer häufiger werdenden Jagdszenen nahm ich mir irgendwann frecherweise heraus, mich weniger nett über die Nazischläger zu äußern.

    Danach haben die Übergriffe erst wieder aufgehört, als es eine glaubwürdige Drohung gab. Vielmehr bin ich – so wie hier gerade auch wieder – von der Schulleitung zum Urheber der Gewalttaten gegen mich erklärt worden.

    Das Problem war also nicht mein Aussehen, nicht meine Gesinnung und nicht mein Testosteronspiegel, sondern einzig, daß ich den Nazis nicht gepaßt habe und dennoch alle glauben wollten, ich hätte sie irgendwie provoziert.

    Und jetzt bitte noch mal alle im Chor: “Ich kann den Wahrheitsgehalt dieser Geschichte nicht einschätzen.”

  32. 23.11.2007 | 15:54

    Aber es gibt Neues von der Abnahme des Problems in Sachsen:

    “Nach Angaben des Mädchens müssen zahlreiche Menschen, die sich auf Balkons umliegender Häuser aufhielten, den Überfall mitverfolgt haben…”
    http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,519208,00.html

  33. 23.11.2007 | 18:49

    Wieviele Menschen wurden denn in Deutschland bislang durch rechtsradikale oder rassistische Gewalt ermordet, plus die Toten bei Abschiebungen (ob Nazis oder Bundespolizeibeamte die Täter sind, ist aus Sicht des mit dem Tode bedrohten Asylbewerbers oder Flüchtlings nämlich egal)und wieviel durch Antifas? Einfach mal durchrechnen.

    Zwischen 88 und 153 Tote seit 1990 durch Neonazis, 307 getötete Flüchtlinge durch staatliche Zwangsmaßnahmen, ein Mensch, der Neonazi Kaindl, der durch Antifas getötet wurde.

    Das ist aber gleich mehrfach mehr als die RAF jemals umgebracht hat. Wären die von Neonazis, rechten Hools usw. Umgebrachten keine Flüchtlinge, Schwarzen, Punks und sonstigen aus Sicht der Faschos “Undeutschen”, sondern Manager und Politiker gewesen, säße aber die ganze NPD wegen 129a) im Knast.

  34. gogo
    23.11.2007 | 20:45

    “Nach Angaben des Mädchens müssen zahlreiche Menschen, die sich auf Balkons umliegender Häuser aufhielten, den Überfall mitverfolgt haben…”

    Naja, sie wollten bestimmt nicht an die “Gewaltspirale weiterdrehen”.

    Man vergleiche auch die Meldungen. Spiegel: “Neonazis schnitten 17-Jähriger Hakenkreuz in die Hüfte”. Klar und aussagekräftig.

    Und jetzt Jumpradio MDR: http://www.jumpradio.de/programm/inhalt/nachrichten.shtml
    “Mittweida – Bürgermeister Damm hat einen rechtsextremen Überfall in seiner Stadt verurteilt: Er hoffe, dass sich Zeugen meldeten. Neonazis sollen einer jungen Frau ein Hakenkreuz in die Haut geritzt haben.” 1. Die Empörung des BM ist wichtiger als die Tat selbst. 2. Erst im letzten Satz dieser kitzekleinen Kurzmeldung kommt die Beschreibung dieser bestialischen Tat. Und dann auch noch im Konjunktiv! Als ob Zweifel bestünde, dass es sich wieder um eine Gräultat von Nazis im Osten handelt.

    Wer solchen Meldungen gewöhnt ist, dem ist alles andere “bis zur Unkenntlichkeit aufgeblasen”.

  35. 23.11.2007 | 23:31

    Die MDR-Meldung mutet sehr “deutsch” an, d. h. obrigkeitsfixiert. Das ist zwar keine Spezialität des MDR z. B. ist das bei vielen Lokal- und Reginalblättern auch so, dass der Bürgermeister quasi in der Redaktion sitzt (und das Fass mit dem “PR-Meldungen-copy-paste-Journalismus” will ich gar nicht aufmachen), aber im Vergleich der ohnehin schon “politikhörigen” öffentlich-rechtlichen Sender fällt der MDR schon durch besondere Politikerhörigkeit auf. Ob das eine Spätfolge der Journalistenausbildung in der DDR ist, wage ich nicht zu beurteilen.

    classless, ich gebe Dir recht: das Problem bei den Nazis ist, dass verdammt vielen Menschen verdrängen, dass es in der Tat Nazis sind. Wunschdenken. Oder Denken an die “Aussenwirkung”. Oder, wie ich vermute, oft auch klammheimliche Sympathie mit den Nazis. Weil die zwar vielleicht “zu brutal” vorgehen und “zu primitiv denken” aaaaber doch im Grunde die “richtigen Werte” vertreten, vor allem den der Autoritätsgläubigkeit.

    Deshalb ist kein Wunder, das “alle glauben wollten, ich hätte sie irgendwie provoziert”. Weil die Nazis wegen ihres autoritären Charakters “im Kern ganz anständige Jungs” sind, während es Antifas zwar “vielleicht gut meinen” aber eben auch “(*panisches Entsetzen*) ANTIAUTORITÄR *kreisch*!” sind.

  36. 24.11.2007 | 0:01

    Beckstein drückte es ja mal sehr klar aus: “Der Asylbewerber, der morgen abgeschoben wird, muss auch noch heute sich sicher sein, dass er nicht erschlagen wird.” Das ist der EINZIGE Unterschied zwischen Neofaschisten und der Staatsmacht: Die einen verfügen über die Macht, Leben zu vernichten und üben sie aus, den Anderen gestehen sie diese nicht zu. Und ich bin der Meinung, dass man beiden Lagern diese Macht entziehen sollte. Mit den Worten von MalcolmX: By any means necesary!

  37. 24.11.2007 | 0:25

    Naja, da weiß ich jetzt aber auch nicht wirklich, wie du das machen willst. Also, ohne das Kapitalverhältnis aufzuheben. Und das hat sich schon ganz schön festgetreten.

  38. 24.11.2007 | 18:05

    [...] Vorweg sei angemerkt, dass ich weder – wie Che2001 “Antifa-Aktivist” war bzw. bin, noch die “Testesteron-These” meines sehr geschätzten B.L.O.G.-Mitstreiters Boche teile. Aber ich sehe mich – wenn es denn “zwei Parteien” in dieser Frage steht, eindeutig auf der Seite der “Antifa”. Die ich in Anführung schreibe, weil es die Antifa, im Sinne einer einheitlichen Organisation, eines Dachverbandes oder auch “nur” einer gemeinsamen Weltanschauung oder einer gemeinsamen Strategie, einfach nicht gibt. Ich stand und stehe in Sache “Antifa” eher am Rande, weiß aber dennoch aus eigenen Erfahrung, was für ein dummes Gefühl es ist, Drohbriefe von Neonazis zu bekommen. Und juristische Auseinandersetzungen mit Rechtsextremisten hatte ich auch schon – zum Glück erfolgreich. Was klar darauf hinweist, auf welcher Seite das größere “Agressionspotenzial” liegt. [...]

  39. 24.11.2007 | 19:52

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  40. 24.11.2007 | 21:02

    @classless

    Oh Mann, diese Unterstellungen.

    Das waren Vermutungen, die ich nicht für völlig unbegründet hielt. Schließlich scheint deine Position zu sein, dass auch Präventivschläge gegen Nazis (oder das, was der aufrechte Antifaschist grad zu solchen erklärt) erlaubt sind. Von da aus zu meiner Nachfrage musste ich nicht über Unterstellung gehen.

    Zum Rest deiner Geschichte, die ich dir übrigens glaube, möchte ich nur eines fragen: Bist du dir absolut sicher, dass sie mir ein Rechtsradikaler nicht spiegelverkehrt auch erzählen könnte? Zumindest hinsichtlich der bilateralen Gewaltspirale?

    @che

    Ich schrieb ja oben auch, dass ich die konkrete Gefahr für Leib und Leben, die von Rechtsradikalen ausgeht, für statistisch höher halte. Sollten sich Antifaschisten auf Körperverletzung beschränken und vor Mord eher zurückschrecken, dann gäbe es relativistischen Applaus von mir.

  41. 25.11.2007 | 17:11

    Boche, da können wir wohl Konsens erzielen. “Über Unterstellung gehen” ist übrigens ein wirklich schöne Satzkonstruktion ;-)

  42. 25.11.2007 | 21:02

    @che

    Ich hoffe nur, dass der Ironiegehalt des Wortes “relativistisch” in gewünschtem Umfang rübergekommen ist.

  43. 26.11.2007 | 11:43

    Ohne die Relativitätstheorie zu bemühen, ja ;-)

  44. 27.11.2007 | 19:06

    [...] Das sind Grundsätze eines freiheitlichen Rechtsstaats. Wer meint, diese nicht beachten zu müssen, muss sich nicht wundern, wenn er hier nicht auf Beifall stößt. Übrigens habe ich so den Beitrag von Boche verstanden, und ich folge ihm darin. [...]

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