28. Oktober 2007
Gummersbach Reloaded (1)
Ich kann mir vorstellen, dass da draußen, in der realen Welt, einige Liberale, die nicht mehr oft aus dem Haus kommen und denen der Arzt mittlerweile jeglichen Alkoholkonsum strengstens untersagt hat, in ihren Ohrensesseln vor dem Kamin sitzen und bei denen sich bei dem Gedanken an die etwas länger zurückliegenden Sessions in der Theodor-Heuss-Akademie in Gummersbach ein seliges Lächeln auf ihrem Antlitz abzeichnet.
So wird es in einigen Jahrzehnten wohl auch den meisten der Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Seminars “Die liberale Blogosphäre – Neue Netzwerke in der virtuellen Bürgergesellschaft” gehen, das an diesem Wochenende in Gummersbach stattgefunden hat.
Obwohl Manfred Messmer sich redlich bemüht hat, die anwesenden Blogger vor zu viel Euphorie und Selbstüberschätzung zu warnen, so wage ich doch die Prognose: Diese Veranstaltung wird innerhalb der Liberalen Blogosphäre zum Mythos werden, so ähnlich wie Woodstock, nur ohne Regen und ohne BtMG-relevante Substanzen (Nein, Joachim, blau-gelbe Pillen fallen nicht unter das BtMG).
Es war die beste Veranstaltung mit mehr als einem Menschen, an der ich je teilgenommen habe. (Und wer mich deshalb für einen verklemmten Autisten hält, der offenbar noch nie mit mehr als einem Menschen drei Tage zusammen war und der seine Zeit überwiegend vor dem Computer verbringt – der kann unmöglich bei der Veranstaltung dabei gewesen sein.)
Ich weiß gar nicht recht, wo ich anfangen soll. Am besten wohl mit dem Dank: Tausend Dank an Achim und an Wolfgang Müller für die Organisation, die (Co-)Seminarleitung und das Herbeischaffen der zum größten Teil hervorragenden Referenten. Und vielen herzlichen Dank an die Leitung und die Mitarbeiter der Theodor-Heuss-Akademie. Ich war zum ersten Mal dort zu Gast, aber ganz bestimmt nicht zum letzten Mal. (aside: Das mit dem WLAN im Tagungsraum werden die auch noch hinbekommen; und statt der Angabe der ladungsfähigen Adressen auf der Teilnehmerliste wäre eine Liste mit den Email-Adressen und den jeweiligen Blogs besser gewesen.)
Apropos Dank: Keine Ursache, Herr Vetter! Und ganz meinerseits!
Und da ich schonmal beim Lawblog bin, kann ich hier gleich anknüpfen. Zum Eintrag von Herrn Vetter schreibt nämlich ein Kommentator:
Das bestätigt das Vorurteil, dass die Blogger-Szene sich überwiegend mit sich selbst beschäftigt…
Obwohl schon ein Blick auf Veranstaltungstitel und Programm jeden vermuten lassen müsste, dass diese Einschätzung falsch ist, ist sie auch insofern falsch, als fast alle Diskussionen (jedenfalls, soweit ich beteiligt war) sich um Themen aus dem richtigen Leben drehten. Im übrigen bin ich unsagbar froh, dass sich die Verbundenheit mit und Sympathie zu den Bloggern, die ich bisher nur aus dem Netz kannte, spätestens zwei Sekunden nach dem Zusammentreffen im richtigen Leben bestätigte und immer weiter wuchs. (Eine Entschuldigung dafür, dass ich mich am liebsten mit Menschen treffe, mit denen ich auf einer Wellenlänge liege, halte ich für entbehrlich.)
Wenn man sich nicht in sein (angenehm großes, mit dem für solche Tagungsstätten üblichen Mobiliar versehenes) Zimmer verkrochen oder auf dem Klo eingeschlossen hatte, war man nie länger als eine Minute allein, bevor ein anderer Teilnehmer um die Ecke kam, mit dem man noch unbedingt eines von den Themen von der Liste zur Rettung der Welt besprechen, Anekdoten austauschen oder Informationen über den persönlichen Hintergrund abgleichen konnte. Und bei den Weltrettungsthemen blieb es nie bei nur zwei Diskutanten, sondern es gesellten sich rasch weitere hinzu, sodass jederzeit sichergestellt war, dass mindestens fünf Teilnehmer zu spät zum nächsten Programmpunkt im Tagungsraum eintrafen.
Und während man bei Sozi-Seminaren morgens den Frühstücksraum mindestens eine Stunde für sich allein hat (was mir wichtig ist; Frühstücksautist bin ich nämlich schon), waren es bei den Liberalalas nur fünf Minuten, bevor die ganze Bande ebenfalls das Büffet enterte.
Da ich ja jetzt wieder meinen virtuellen Schutzstatus erreicht habe, kann ich in gewohnt aggressiver unflätiger Bloggerausdrucksweise Michael Kastner sagen, dass seine Einschätzung
Die anderen Teilnehmer hier, das sind weichgespülte reale Klone ihrer virtuellen Identitäten.
ja wohl totaler Quatsch ist
.
In Wahrheit war es so wie bei allen Treffen dieser Art, die ich bis jetzt erlebt habe: Es gibt Menschen, deren Authentiziät sich auf Verhalten und Meinung erstreckt – und es gibt Menschen, die zwar online dieselbe Meinungen vertreten wie offline, die dies aber im richtigen Leben höflicher, ruhiger und sympathischer tun. Zu den Menschen, die ich online genauso (positiv!) wahrgenommen habe wie im richtigen Leben gehören z.B. Manfred Messmer und Oliver Hartwich. Zu denen, die im richtigen Leben viel ausgeglichener rüberkommen (bei gleichbleibender Unbeugsamkeit in der Sache) gehören SteffenH und unser Kommentator R.A. (weitere Beispiele aus dieser Kategorie verkneife ich mir; schließlich haben einige Blogger einen Ruf zu verteidigen, den ich ihnen nicht dadurch kaputt machen will, dass ich hier Gerüchte streue, sie seien total nett und harmlos.)
Und was haben wir nun eigentlich gemacht? Darüber werde ich im zweiten Eintrag berichten.
Nur eines schon: Das eisige Schweigen der massierten Blogger-Verachtung nach Statlers Frage: “Habe ich das eben richtig verstanden? X schreibt seine Blogtexte nicht selbst? (Ich werde den Teufel tun und hier nähere Angaben zu X machen; wenn Statler nicht davon angefangen hätte, hätte ich das ganz für mich behalten.) – das werde ich so schnell nicht vergessen.
Verfasst von Marian Wirth um 21:17 Uhr in der Kategorie Blogosphäre,In eigener Sache,Politik (Trackback)
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