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Der Gutmensch (Repost)

Folgender Beitrag ist fast genau zwei Jahre alt und stammt noch aus dem vorherigen Heim von B.L.O.G.. Auf Wunsch eines unserer Autoren bringe ich hiermit einen “Repost”.

Hinweis: Der damals von mir kritisierte Wikipedia-Artikel ist heute weitaus abgewogener formuliert.

Fangen wir rekursiv an: Als Gutmensch darf man den Begriff “Gutmensch” natürlich nicht verwenden. Schließlich wird er doch laut des – übrigens umstrittenen – Artikels bei Wikipedia gerne von Rechten verwendet, und Goebbels ist auch schon als Erfinder ausgemacht worden. Richtig gutmenschlich verzichtet der wahrscheinlich von einem Exemplar der Gattung geschriebene Artikel (ich empfehle zum näheren Kennelernen des Gutmenschen die dazugehörige Diskussionsseite) auch auf eine inhaltliche Definition: Wer und warum, das muss reichen, um den Begriff unmöglich zu machen, und ein Nazi-Verdacht gilt immer so lange als wahr, bis er widerlegt ist.

Aus meiner Sicht ist der Gutmensch nicht unbedingt ein guter Mensch. Eher im Gegenteil. Ein Gutmensch ist jemand, der sich in einer moralisch überlegenen Position sieht, weil er seine Handlungen und Meinungen danach ausrichtet, ob sie in der gerade herrschenden öffentlichen Meinung als gut beurteilt werden. Der Gutmensch muss nicht prüfen, ob sie auch tatsächlich gut sind in dem Sinn, dass sie einen als gut empfundenen Zustand helfen herbeizuführen. Er muss sie – hier im Gegensatz zum “guten Menschen” – noch nicht einmal selbst für gut halten. Es kommt ganz allein auf die äußere Einordnung an. Deswegen ist der Gutmensch grundsätzlich ein Phänomen der Öffentlichkeit – im Verborgenen gibt es höchstens gute Menschen, aber keine Gutmenschen. Der Gutmensch ist dem Bild der Pharisäer im Neuen Testament verwandt als jemand, der auf das korrekte Befolgen von Normen Wert legt, die angeblich höheren Werten entspringen, und der sehr darauf achtet, dass man seine Anstrengungen zur Kenntnis nimmt, damit er sich so vor seinen Zeitgenossen auszeichnen kann.

Der Gutmensch ist wenig daran interessiert, ob das, was er öffentlich propagiert, auch tatsächlich zu Konsequenzen führt, die in seinem eigenen Normensystem als gut angesehen werden. Es reicht der unmittelbare Anschein. In komplexen Systemen beurteilt der Gutmensch nur das erste, unmittelbare Ergebnis einer Tat. Etwaige weitere Verästelungen, Rückkopplungen und systemische Dynamik ignoriert er oder macht für sie böse Gegenspieler verantwortlich.

Mit einem Gutmenschen lassen sich politische Diskussionen nur schwer führen, weil er nicht analytisch-argumentativ vorgeht, sondern jedes Problem allein unter dem Gesichtspunkten einer vordergründigen Moral sehen will. Und da das Gute ja schon exklusiv von ihm gewollt wird, bleibt Andersdenkenden stets nur die Rolle der Bösen oder der Nichterleuchteten, d.h. er kann eine Diskussion nicht als den Austausch von Informationen und Sichtweisen sehen, sondern befindet sich grundsätzlich auf einem Kreuzzug oder einer Mission. Wenn “die Anderen” als die Bösen erkannt sind, heiligt der Zweck jedes Mittel, aber auch den aus seiner Sicht Unwissenden wird er eher Verachtung als Verständnis entgegenbringen.

Die vom empörten Wikipedianer sonst noch aufgeführten Merkmale wie Naivität, Glaube an Utopien oder Realitätsferne können bei einem Gutmenschen zwar auch auftreten, sind aber nicht konstitutiv.

Überzeugungen, die der Gutmensch vertritt, müssen übrigens nicht falsch oder grundlos sein, sie haben in ihm nur einen ungeeigneten Befürworter.

Rayson in Politik am 28. 10. 2007 » 2 Kommentare
bisher 2 Kommentare » Kommentare
  1. Burkhard von Grafenstein sagt am 09. 11. 2007 um 18:11 Uhr:

    Es geht möglicherweise auch um den Konflikt
    Gesinnungsethik – Verantwortungsethik.

  2. Rayson sagt am 11. 11. 2007 um 20:56 Uhr:

    Sicher auch.