25. Oktober 2007
Der “Hamburger Wahl-Zauberstab” vom CCC entzaubert
In Hamburg soll ab der nächsten Bürgerschaftswahl mit dem “elektronischen Wahlstift” abgestimmt werden. Bei diesem Verfahren kreuzt der Wähler mit einem speziellen elektronischen Stift auf einem nach wie vor aus Papier bestehenden Wahlzettel an. Auf den ersten Blick hat dieses Verfahren gegenüber anderen Wahlcomputern den Vorteil, dass es nach wie vor Wahlzettel gibt, die bei Unstimmigkeiten “von Hand” nachgezählt werden können.
Leider sollte aber nach dem neuen Hamburger Wahlgesetz ausschließlich die vom Wahlstift aufgezeichneten digitalen Kreuze als gültige Stimmen gelten; nur in 17 von ca. 1300 Wahllokale werden die Stimmen zur Überprüfung, als Stichprobe, nachgezählt. Stimmen, welche nicht mit dem Digitalen Wahlstift, sondern erkennbar mit einem herkömmlichen Kugelschreiber oder Füller abgegeben werden, gelten als ungültig und werden aussortiert. Bei einer Differenz zwischen der Stichprobenzählung und den digital ermittelten Stimmen zählen deshalb nicht, wie vom Wähler erwartet, die Stimmzettel, sondern die vom Computer ermittelten Ergebnisse.
Eine entscheidende Schwachstelle ist die Briefwahl: Bei der Briefwahl werden die Stimmen von zwei Wahlhelfern mit dem Digitalen Stift nachgemalt, um damit ebenfalls ein computergestütztes Ergebnis zu ermitteln.
Im Großen und Ganzen wird eine Papierwahl also nur vorgetäuscht; das Verfahren hat die selben Schwachstellen wie z. B. die NEDAP-Wahlcomputer, die gerade in den Niederlanden wegen zahlreicher Sicherheitsprobleme und mangelnder Nachprüfkeit des Zustandekommens des Ergebnisses abgeschafft wurden.
Chaos Computer Club hackt Hamburger Wahlstift
Die größte Schwachstelle des “Hamburger Wahlstifts” ist die Anfälligkeit durch Manipulation der Wahl durch Innentäter, also etwa durch Wahlhelfer, durch Administratoren der Behörde für Inneres oder durch Mitarbeiter des Herstellers. Diese Gefahr wird wird im Schutzprofil per Definition ausgeschlossen – Wahlhelfer, Behördenmitarbeiter und Experten des Herstellers gelten also von vornherein als gut und unbestechlich.
Der Sprecher des Chaos Computer Club, Dirk Engling sagte dazu:
Die Ignoranz gegenüber der Innentäter-Gefahr entlarvt das konzeptionell falsche Herangehen an computerisierte Wahlvorgänge. Es erinnert an einen Flugzeugbauer, der bei der Konstruktion mal eben die Erdanziehung vergisst und sich nachher wundert, dass das Flugzeug nicht abheben kann.
Die von Hersteller und Hamburger Senat getroffene Annahme, dass es keine Innentäter geben wird, die eine Wahlfälschung versuchen würde, ist entweder naiv technik- bzw. expertengläubig oder entspringt einer obrigkeitsstaatlichen Denke, die nach “innen” sozusagen blind vertraut: “Unsere Leute sind anständig, die machen so was nicht!”
Egal warum, diese Annahme disqualifiziert die Sicherheitsannahmen für das System vollständig.
Eine Veröffentlichung der Software des Digitalen Wahlstiftsystems und damit der zu Grunde liegenden Technik ist nicht vorgesehen, womit eine öffentliche Prüfung durch unabhängige Sicherheitsexperten unterbunden wird. Obwohl der Chaos Computer Club vom Hamburger Wahlleiter kein komplettes System für eine Analyse erhalten hat, konnten anhand der verfügbaren Informationen und durch Untersuchung der Basistechnologie des Wahlstifts, dem Anoto-Digitalstiftsystem, eine Reihe von schwerwiegenden prinzipiellen Mängeln identifiziert werden.
Der CCC hat zum Beispiel einen “trojanischen Wahlstift” entwickelt, der äußerlich dem offiziellen Wahlstift gleicht. Solch ein Stift kann unbemerkt von den Wählern und den Wahlhelfern ins Wahllokal mitgebracht und statt des echten Wahlstiftes in die Auslesestation gesteckt werden. Der manipulierte Stift überträgt dann nicht nur digitale Stimmkreuze zum Auswertungscomputer, sondern agiert als ein sogenanntes Trojanisches Pferd zum Einschleusen von Schadsoftware. So ein “Wahltrojaner” könnte auf dem Auswertungsrechner z. B. die Position der digital gespeicherten Stimmkreuze verändern.
Verfasst von MartinM um 20:00 Uhr in der Kategorie Innenpolitik, Politik (Trackback)
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