16. Oktober 2007
“Märkte” und wohlmeinende Diktaturen
Die Verleihung des diesjährigen “Nobelpreises” für Wirtschaft (eigentlich: Preis der Schwedischen Reichsbank im Gedenken an Alfred Nobel) an Leonid Hurwicz, Eric S. Maskin und Roger B. Myerson hat nach meiner Wahrnehmung mehr Aufmerksamkeit hervorgerufen als die Verleihungen zurückliegender Jahre. Einige scheinen die Gelegenheit nutzen zu wollen, mal wieder gegen die Marktwirtschaft zu polemisieren:
Anders als manch andere Theoretiker gingen sie nicht per Definition davon aus, dass die Käufer und die Verkäufer stets zueinanderfinden, dass sie alles Wichtige übereinander wissen, dass ein freies Spiel von Angebot und Nachfrage am Ende zu einem Preis und einem Handschlag führt.
Bei Hurwicz, Maskin und Myerson hauen die Menschen sich schon einmal gegenseitig übers Ohr. Da setzen Verkäufer ein Pokerface auf und verlangen einen höheren Preis als den, den sie eigentlich akzeptieren würden – und natürlich halten die Käufer dagegen und bieten zunächst viel weniger an, als sie später zahlen. Es ist jene Welt der Spieltheorie und der ungleich verteilten Information, die jedem Basarhändler und jedem Auktionator vertraut ist, die in der ökonomischen Theorie aber nicht immer zu packen waren.
(…) Die Lösungen für solche Probleme sind nicht immer „Märkte“. Man muss weiterdenken. Alle erdenklichen Spielregeln und Verträge, alle möglichen Institutionen in Betracht ziehen. Der Markt wird alles richten? Das tut er auch in den Theorien von Hurwicz, Maskin und Myerson recht häufig. Doch gibt es eben auch Fälle, in denen ein Monopolunternehmen mit einer übergestülpten Aufsichtsbehörde zu mehr Wohlstand für alle führt oder eine demokratische Abstimmung mit anschließender staatlicher Verteilung oder gar eine wohlmeinende Diktatur.
Dass Märkte nur dann funktionieren, wenn alle Marktteilnehmer freien Zugang zu allen Informationen haben, die sie benötigen, versteht sich für mich von selbst. Aus dem Umstand, dass es diesen freien Zugang (noch) nicht gibt, auf die Unvollkommenheit von Marktwirtschaften zu schließen und das Wort Märkte in Anführungszeichen zu setzen, ist für mich typisch deutsche, antiliberale Unlogik.
In den unvollkommenen Marktsituationen, wie wir sie heute überall auf der Welt vorfinden, gibt es verschiedene Möglichkeiten, mit der Benachteiligung von Marktteilnehmern aufgrund von Informationsdefiziten umzugehen.
Eine Möglichkeit (die liberale, wenn mich nicht alles täuscht) ist, das Informationsdefizit mittels Presse-, Meinungs-, Informations-, Reise-, Niederlassungs-, Kapitalverkehrs- und noch einiger anderer Freiheiten, die mir gerade nicht einfallen, zu verkleinern. In einem liberalen Paradies hätten alle Marktteilnehmer dieselben Informationen.
Eine andere Möglichkeit besteht darin, die Unmündigkeit der benachteiligten Marktteilnehmer zu erhalten, ihnen aber gleichzeitig Beschützer (oder auch: Aufsichtsbehörden) zur Seite zu stellen. Diese Beschützer legen einen Schutzstandard fest, z.B. Schadstoffgrenzwerte, und treffen für die benachteiligten Marktteilnehmer die Entscheidung, was im Falle einer Schutzstandardverletzung passieren wird. Lebensmittel, die einen bestimmten Schadstoffgrenzwert überschreiten, werden auf dem Markt nicht zugelassen und von der Presse als “giftig” bezeichnet, aus die Maus.
Eine dritte Möglichkeit ist, den Markt erst gar nicht zuzulassen, weil da die Benachteiligten sowieso nur “übers Ohr gehauen” werden und der Staat eh am besten weiß, was gut ist für seine Untertanen. Das wären dann die wohlmeinenden Diktaturen (hat es eigentlich schon jemals eine Diktatur gegeben, die nicht wohlmeinend gewesen ist?).
So, und die diesjährigen Preisträger haben also mit ihren Forschungen nachgewiesen, dass die drei oben skizzierten Möglichkeiten irgendwie alle die gleiche Daseinsberechtigung haben? Das kann ich einfach nicht glauben. Und deshalb bitte ich um Aufklärung.
Verfasst von Marian Wirth um 22:41 Uhr in der Kategorie Grundsatzfragen, Politik, Wirtschaft, Wirtschaftspolitik (Trackback)
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