“Märkte” und wohlmeinende Diktaturen

Die Verleihung des diesjährigen “Nobelpreises” für Wirtschaft (eigentlich: Preis der Schwedischen Reichsbank im Gedenken an Alfred Nobel) an Leonid Hurwicz, Eric S. Maskin und Roger B. Myerson hat nach meiner Wahrnehmung mehr Aufmerksamkeit hervorgerufen als die Verleihungen zurückliegender Jahre. Einige scheinen die Gelegenheit nutzen zu wollen, mal wieder gegen die Marktwirtschaft zu polemisieren:

Anders als manch andere Theoretiker gingen sie nicht per Definition davon aus, dass die Käufer und die Verkäufer stets zueinanderfinden, dass sie alles Wichtige übereinander wissen, dass ein freies Spiel von Angebot und Nachfrage am Ende zu einem Preis und einem Handschlag führt.

Bei Hurwicz, Maskin und Myerson hauen die Menschen sich schon einmal gegenseitig übers Ohr. Da setzen Verkäufer ein Pokerface auf und verlangen einen höheren Preis als den, den sie eigentlich akzeptieren würden – und natürlich halten die Käufer dagegen und bieten zunächst viel weniger an, als sie später zahlen. Es ist jene Welt der Spieltheorie und der ungleich verteilten Information, die jedem Basarhändler und jedem Auktionator vertraut ist, die in der ökonomischen Theorie aber nicht immer zu packen waren.

(…) Die Lösungen für solche Probleme sind nicht immer „Märkte“. Man muss weiterdenken. Alle erdenklichen Spielregeln und Verträge, alle möglichen Institutionen in Betracht ziehen. Der Markt wird alles richten? Das tut er auch in den Theorien von Hurwicz, Maskin und Myerson recht häufig. Doch gibt es eben auch Fälle, in denen ein Monopolunternehmen mit einer übergestülpten Aufsichtsbehörde zu mehr Wohlstand für alle führt oder eine demokratische Abstimmung mit anschließender staatlicher Verteilung oder gar eine wohlmeinende Diktatur.

Dass Märkte nur dann funktionieren, wenn alle Marktteilnehmer freien Zugang zu allen Informationen haben, die sie benötigen, versteht sich für mich von selbst. Aus dem Umstand, dass es diesen freien Zugang (noch) nicht gibt, auf die Unvollkommenheit von Marktwirtschaften zu schließen und das Wort Märkte in Anführungszeichen zu setzen, ist für mich typisch deutsche, antiliberale Unlogik.

In den unvollkommenen Marktsituationen, wie wir sie heute überall auf der Welt vorfinden, gibt es verschiedene Möglichkeiten, mit der Benachteiligung von Marktteilnehmern aufgrund von Informationsdefiziten umzugehen.

Eine Möglichkeit (die liberale, wenn mich nicht alles täuscht) ist, das Informationsdefizit mittels Presse-, Meinungs-, Informations-, Reise-, Niederlassungs-, Kapitalverkehrs- und noch einiger anderer Freiheiten, die mir gerade nicht einfallen, zu verkleinern. In einem liberalen Paradies hätten alle Marktteilnehmer dieselben Informationen.

Eine andere Möglichkeit  besteht darin, die Unmündigkeit der benachteiligten Marktteilnehmer zu erhalten, ihnen aber gleichzeitig Beschützer (oder auch: Aufsichtsbehörden) zur Seite zu stellen. Diese Beschützer legen einen Schutzstandard fest, z.B. Schadstoffgrenzwerte, und treffen für die benachteiligten Marktteilnehmer die Entscheidung, was im Falle einer Schutzstandardverletzung passieren wird. Lebensmittel, die einen bestimmten Schadstoffgrenzwert überschreiten, werden auf dem Markt nicht zugelassen und von der Presse als “giftig” bezeichnet, aus die Maus.

Eine dritte Möglichkeit ist, den Markt erst gar nicht zuzulassen, weil da die Benachteiligten sowieso nur “übers Ohr gehauen” werden und der Staat eh am besten weiß, was gut ist für seine Untertanen. Das wären dann die wohlmeinenden Diktaturen (hat es eigentlich schon jemals eine Diktatur gegeben, die nicht wohlmeinend gewesen ist?).

So, und die diesjährigen Preisträger haben also mit ihren Forschungen nachgewiesen, dass die drei oben skizzierten Möglichkeiten irgendwie alle die gleiche Daseinsberechtigung haben? Das kann ich einfach nicht glauben. Und deshalb bitte ich um Aufklärung. 

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9 Kommentare zu ““Märkte” und wohlmeinende Diktaturen”

  1. 17.10.2007 | 8:06

    Ich würd’s mal so sagen: auch Marktinformationen sind Waren, die gehandelt (nachgefragt + hergestellt) werden. So wird ein tauschmittelarmer Junkie, der grenzwertig den Affen schiebt, auch bei einem ihm unbekannten Händler seines Misstrauens einkaufen und das Risiko, über’s Ohr gehauen zu werden, billigend in Kauf nehmen; während ein wohlbetuchter Süchtiger sich sorgfältig Lieferanten und Ware aussuchen wird, sein Verbraucherrisiko also durch Marktbeobachtung und Fachexpertisen minimieren kann.
    Markttransparenz ist eine Ware, die hergestellt werden wird, wenn es daran einen Mehrwert zu generieren gibt.

    Genau das gleiche gilt für Vergesellschaftungsformen. Es sollte auch dem Einzelnen überlassen bleiben, welche Fürsorgeform er einkauft: Freiheit (Selbstfürsorge), Grossen Bruder (‘der wird mir schon sagen, wo’s langgeht’ – ‘Staat’ oder Verbraucherschutzverband) oder Knechtschaft (beruhigende Selbstentmündigung).

    Der Markt hat einen selbstreferentiellen Reparaturmechanismus, wenn man ihn nur lässt und das Marktprinzip auch auf das Prinzip selber anwendet.

  2. 17.10.2007 | 8:51

    Andreas Ullrich,

    auch Marktinformationen sind Waren

    Eben. Und in dem von mir zitierten Artikel wird so getan, als ob gerade “Marktradikale” das bestreiten würden – und als hätten die drei Wissenschaftler für den Nachweis, dass Marktinformationen auch Waren (und damit Teil des Marktes) sind, den Alfred-Nobel-Gedächtnispreis bekommen. Und das halte ich für Unsinn.

  3. 17.10.2007 | 10:11

    Hmm. Also es wird herauszufinden sein, was genau Hurwicz meint (wer kauft Donnerstag die Zeit?).

    Ein klassischer Fall der Mechanism Design Theorie ist das Verkaufen eines seltenen, nicht beliebig reproduzierbaren Gutes, etwa ein Kunstwerk. Deswegen kann im Gegensatz zu “üblichen” Produkten nicht sagen, dass der Preis gleich den Grenzkosten zur Herstellung entspricht. Der Preis liegt irgendwo zwischen dem, was der (einzige) Verkäufer akzeptieren würde und dem, was die Käufer zu zahlen bereit sind. Aus Sicht des Verkäufers sollte der Verkauf nun von statten gehen, dass er den maximalen Erlös erzielt. Also den Preis für den sich gerade noch ein Käufer findet. Das ist das Wesen der MD Theorie. Aber egal zu welchem Preis das Kunstwerk nun verkauft wird, ist es volkswirtschaftlich (wenn auch nicht aus Sicht des Verkäufers) effizient. Es geht einzig und allein um die Aufteilung von Handelsgewinnen, aber nicht um das Entstehen von solchen.

  4. 17.10.2007 | 10:19

    Das war nicht so eigentlich mein Punkt.

    Eher das: Dass Märkte nur dann funktionieren, wenn alle Marktteilnehmer freien Zugang zu allen Informationen haben, die sie benötigen, versteht sich für mich von selbst.

    Märkte ‘funktionieren’ immer. Auch die Schwerkraft ‘funktioniert’ immer. Auch wenn wir in bestimmten Momenten über Informationslücken bzgl. derselben verfügen (z.B. weil wir breit sind wie Ottos Mops :-) ).

    Informationsmangel verändert zwar die subjektive Verrechnungsgrundlage unserer Entscheidungen – ob zu unserem Besseren oder Schlechteren ist aber damit durchaus nicht entschieden. Iss halt anners … der Rest findet sich.

  5. 17.10.2007 | 11:09

    All diese “Marktprobleme” sind Informationsprobleme oder wie Ronald Coase festgestellt hat Transaktionskostenprobleme. Transaktionskosten führen zu unausgeschöpften Tauschmöglichkeiten, weil der Aufwand für Anbahnung, Vereinbahrung und Kontrolle dieser Transaktionen höher als deren Gewinne sind.

    Führen die Informationskosten dazu, dass ich als Marktteilnehmer Geschäfte unter der Bedingung unvollständiger Informationen führe, trage ich persönlich für die Konsequenzen und kann daraus lernen. Der Handel selbst hat Informationen geschaffen. Im Übrigen hat mein Informationsmangel nur zu einer Umverteilung des Handelsgewinns von mir als Nachfrager zum Anbieter stattgefunden. Hier liegt absolut kein Marktversagen vor, also auch kein Grund für einen Staatseingriff. Wenn hier der Staat dennoch eingreift, dann weil einige glauben, die unter Informationsasymmetrie entstehenden Marktergebnisse wären irgendwie ungerecht. Das ist normativ und paternalistisch zugleich.

    Marktversagen liegt nur dann vor, wenn das Ergebnis der Transaktion einen unbeteiligten Dritten schadet, der aber aufgrund hoher Informations- und Transaktionskosten selbst mit den Verursachern keinen Deal zur Schadensreduktion eingeht. Solche Probleme können tatsächlich durch Monopolisierung internalisiert werden, da dann die Verursacher auch die Kosten ihrer Aktivitäten tragen. So könnte man etwa einem Landwirt den an sein Feld angrenzenden See übereignen, so dass er jetzt als Besitzer ein ökonomisches Interesse an der Gesundheit der Fischpopulationen hat und deshalb seine landwirtschaftlichen Schadstoffeinträge reduziert.

    Der Glaube jedoch, dass der Staat derartige Transaktionskosten besser reduziert existiert nur deshalb, weil im Denkmodell vieler bei Staat keinerlei Informations- und Transaktionskosten entstehen. Unvollkommene und asymmetrische Informationsverteilung zwischen Politik und Interessengruppen und die politischen Externalitäten beim Rent Seeking (Das Streben nach politischen Gewinne verursacht Kosten, die von den Steuerzahlern, nicht von den Interessengruppen getragen werden.)bleiben hier oft völlig ausgeklammert.

    Wer der Meinung ist Marktversagen ist ein Grund für Staatseingriffe muss schlüssig darlegen, ob und warum der Staat die problematischen Informations- und Transaktionskosten besser lösen kann als individuelle Marktteilnehmer. Was der Staat rein theoretisch besser kann als die einzelnen Eigentümer (zumindest beim heutigen Stand des technischen Fortschritts) ist der Schutz von Eigentumsrechten, eine wesentliche Voraussetzung für das funktionieren von Märkten. Doch gerade hier versagt der Staat sehr häufig und wird damit von der Lösung zum Problem.

  6. 17.10.2007 | 11:11

    Übrigens sehr lesenswert ist Alex Tabarrok What is Mechanism Design?.

  7. FunkyAlfonso
    17.10.2007 | 12:07

    @ Dirk:

    Das Kunstwerk ist m.E. kein “unübliches” Produkt im Sinne der bisher bekannten ökonomischen Theorie; es gibt einen Anbieter, der Monopolstellung hat und nur ein Produkt “ausbringt”; deshalb kann er Preisdiskriminierung betreiben und an jenen Nachfrager verkaufen, der den höchsten Preis bietet.
    Es geht wohl eher um Bieterverhalten als um Marktstruktur…

  8. 17.10.2007 | 14:51

    @SteffenH

    Danke für den Link. Bist Du wie ich der Meinung, dass das Wort “Marktversagen” irreführend ist. Zwar kann der Markt (u.g.V.) zu nicht Pareto optimalen Allokationen führen. Aber meistens ist jede Paretoverbesserung nicht messbar/realisierbar bzgl. der vorhandenen Information. Insofern ist die Bezeichnung “market failure” oft ungerecht.

    @FunkyAlfonso

    Nicht unüblich im Sinne der ökonomischen Theorie. Aber beim alltäglichen Marktgeschehen eher der Sonderfall. Monopole sind eher die Ausnahme. (Eigentlich fällt mir keines ein, das nicht staatlich ist oder ehemals staatlich war)

  9. 17.10.2007 | 16:05

    @Dirk:

    Sehe ich auch so. Für mich sind das nichts weiter als Informations- und Transaktionskostenprobleme, also Probleme, die technologisch oder institutionell lösbar werden oder schon sind. Ein großer Teil dieses “Marktversagens” ist zudem Staatsversagen, weil dieser nicht in der Lage ist Eigentumsrechte zu schützen bzw. deren Einforderung institutionell abzusichern. Die Pareto-Verbesserung gehört m.E. ohnehin in die Kategorie “Nirvana-Ökonomie”, weil bereits die Einführung einer dritten Person auf Robinsons Insel keine Pareto-Verbesserung ohne Kompensationszahlungen mehr möglich macht.

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