Neoliberale Affen und libertäre Menschen

Das Menschenbild des “homo oeconomicus” ist kein Menschen, sondern ein Affenbild. Zu diesem Schluss wird der Halbgebildete kommen, der den Artikel “Patience, fairness and the human condition” im Economist gelesen hat.

Es gibt da ein berühmtes Beispiel der experimentellen Ökonomie: Ein Spieler hat bei der Entscheidung, wie ein bestimmter Geldbetrag zwischen ihm und dem anderen Spieler aufgeteilt werden soll, das Recht, den Verteilungsschlüssel zu bestimmen, während der andere bestimmen darf, ob die Summe unter diesen Bedingungen überhaupt angenommen wird. Für das Verhalten beider Spieler gibt es eine These, wie dieses auszusehen hätte, wenn es dem Kriterium der Rationalität genügen sollte. Für den ersten Spieler wäre es demnach rational, sich bis auf einen kleinen Rest den Löwenanteil der Beute zu sichern, während der zweite auch eine für ihn extrem ungünstige Verteilung rationalerweise akzeptieren müsste, weil er selbst dann immer noch besser dran wäre als vorher.

Genau das passiert aber im Experiment meist nicht. Der erste Spielers wählt normalerweise eine hälftige Aufteilung, und wenn der zweite Spieler zu sehr übervorteilt wird, lehnt er die Zuteilung lieber ab. Hingegen verhalten sich Schimpansen bei einer ähnlichen, aber experimentell natürlich etwas anders gestalteten Entscheidungssituation genau so, wie es das oben genannte Rationalitätskriterium erwarten ließe. Man schließt nun daraus, dass dem Menschen ein Begriff von Fairness quasi in den Genen stecke (andere Experimente legen den Schluss nahe, dass hier Vererbung im Spiel ist) und dass dies als evolutionärer Vorteil zu werten sei. Wenn Fairness Trittbrettfahrerverhalten in der Lage ist zu verhindern bzw. zu beschränken, können sich soziale Gruppen leichter bilden.

Es gibt, dieses Set an Fakten vorausgesetzt, mindestens zwei verschiedene Möglichkeit der Interpretation, wie ich sie Kollegen aus der Blogosphäre zutrauen würde. Die eine ginge ungefähr so:

Natürlich ist das Bild des “homo oeconomicus” falsch. Der Mensch ist eben ein soziales Wesen, das nach Gerechtigkeit strebt. Deswegen ist der Kapitalismus/Neoliberalismus irgendwie scheiße und die umverteilende Solidargemeinschaft eine gute Sache.

Diese Argumentation hätte ungefähr alles, was einen guten Blogkommentar ausmacht. Sie geht von falschen Prämissen aus, zieht aus ihnen falsche Schlüsse und kommt dann über einen nicht näher erläuterten Gedankensprung zur gewünschten politischen Behauptung, die natürlich schon vorher feststand.

Die falsche Prämisse ist der “homo oeconomicus”. Kein Ökonom, der diesen Namen verdiente, käme auf die Idee, diesen auf die Maximierung materieller Erträge festzulegen. Ökonomen reden von Nutzen. Ausgehend von der einfachen Überlegung, dass materieller Wohlstand auch sonstigen Nutzen befördert, liegt es bei hinreichend großen Aggregaten natürlich nahe, wegen der im einen Fall deutlich leichter zugänglichen Daten von einer positiven Korrelation der immateriellen mit den materiellen Nutzenströmen auszugehen. Nur – verwechseln darf man es nicht, und man muss eben wissen, ab wann man von dieser Korrelation nicht mehr ausgehen darf.

Im konkreten Experiment dürfen wir daher annehmen, dass das Gefühl, ungerecht behandelt worden zu sein, beim zweiten Spieler eher einen sogenannten “Disnutzen” darstellt, also etwas, das seinen Gesamtnutzen mindert. Wenn dem gegenüber nicht ein entsprechend hoher Geldbetrag steht, kommt das Nutzenkalkül dann zu dem Ergebnis, nicht nur das Negativgeschäft zu vermeiden, sondern auch noch einen Zusatznutzen daraus zu gewinnen, es dem Raffzahn nebenan mal gezeigt zu haben, dass man nicht alles mit sich machen lässt. Keine Widerlegung des “homo oeconomicus” also, eher im Gegenteil, sondern ein Zeichen dafür, dass nicht jeder, der einen Fachbegriff verwendet, diesen auch tatsächlich begriffen hat. Natürlich: Das Aufladen der Begriffe des Feindes mit eigenen Inhalten ist eine wirksame Methode des politischen Kampfes. Aber keine faire…

Die falsche Schlussfolgerung wäre der Bezug aufs solidarische Miteinander. Nur, weil Spieler Nummer 2 nicht gerne verarscht wird, heißt das noch nicht, dass er es umgekehrt nicht versuchen würde. Und Spieler Nummer 1 handelt nicht so, weil ihm das Wohlergehen von Spieler Nummer 2 am Herzen liegt (das würde erst ein Experiment beweisen, in dem dieser keine Einflussmöglichkeit mehr hat), sondern weil er weiß, dass er so den Erwartungswert des Geldbetrags maximiert, den er mit nach Hause nehmen kann, denn je mehr die Verteilung von 50:50 abweicht, um so eher muss er mit einer ablehnenden Reaktion seines Mitspielers rechnen.

Das Experiment ist übrigens auch kein Beleg für eine generelle menschliche Präferenz der Gleichverteilung, sondern vor allem dafür, dass die Gleichverteilung der uns am nächsten liegende Maßstab für alles offenbar ohne eigenes Verdienst Erworbene zu sein scheint. Sein Ergebnis sähe vermutlich anders aus, wenn man Spieler 2 erzählen würde, dass Spieler 1 eine bestimmte Anzahl von Stunden Arbeit aufwenden musste, um den gesamten Geldbetrag zu erwirtschaften (ich bin mir fast sicher, dass diese Variationen auch schon mal getestet wurden, muss da aber mein Unwissen über Konkreteres eingestehen).

Der Sprung der Argumentation ist dann der in den aktuellen Sozialstaat. Wenn es denn so ist, dass aufgrund eines vererbten Gefühls für Fairness sich soziale Gruppen von Menschen leichter bilden, dann ist das keine Steilvorlage für Sozialingenieure, sondern für Libertäre. Und das ist die andere Argumentation. Denn dann bedürfte es des Eingreifens einer bürokratischen staatlichen Obrigkeit noch weniger, um das als edel Empfundene in die Köpfe der Menschen zu zwingen (was eh nicht klappt, aber man nimmt eben die Beute als Beleg für die Notwendigkeit der Herausgabe). Im Gegenteil: Das Gefühl für Fairness als Gegenmittel zum die Produktion von Gemeinschaftsgütern torpedierenden Trittbrettfahrerverhalten scheint vor allem dann zu funktionieren, wenn die Handelnden in direkter, jeweils sichtbar und konkret auf einander zu beziehender Interaktion stehen. Und noch mehr, wenn die Handelnden in einer Art Schleier der Unwissenheit davon ausgehen müssen, dass die Rollen beim nächsten Mal vielleicht vertauscht sind. Das spricht für die Bildung und Konstanz relativ kleiner und relativ homogener Gruppen, und das wiederum sollte man im Hinterkopf haben, wenn man die Sozialsysteme von Staaten vergleicht.

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35 Kommentare zu “Neoliberale Affen und libertäre Menschen”

  1. 11.10.2007 | 17:48

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  2. Ben
    11.10.2007 | 18:19

    “Im konkreten Experiment dürfen wir daher annehmen, dass das Gefühl, ungerecht behandelt worden zu sein, beim zweiten Spieler eher einen sogenannten “Disnutzen” darstellt, also etwas, das seinen Gesamtnutzen mindert.”

    Das Problem deiner Argumentation ist, dass – wenn wir den Begriff “Nutzen” nur weit genug auffassen – der homo oeconomicus nicht mehr falsifizierbar und daher als wissenschaftliche Theorie bedeutunglos ist. Man kann im Prinzip jedes beliebige Verhalten damit “erklaeren”, dass es eben den Nutzen des Handelnden maximiert.

    Nur leider ist diese Art der Erklaerung ein Zirkelschluss, nach dem Motto:
    Wieso macht er das? Weil es seinen Nutzen maximiert.
    Und woher wissen wir, dass es seinen Nutzen maximiert? Ja sonst wuerde er es ja nicht machen!

    Oder als Frage: Welches Experiment (oder welche Ansammlung von Beobachtungen) koennte dich davon ueberzeugen, dass die Theorie des nutzenmaximierenden Individuums falsch ist?

  3. 11.10.2007 | 18:37

    @Ben

    Wenn man es so machte, wie du es skizzierst, wäre das sicher genau so falsch wie die Verengung auf materiellen Nutzen. Aber woraus schließt du, dass das meine Intention ist? Möchtest du denn gerne den “homo oeconomicus” auf materiellen Nutzen beschränken, um ihn schneller falsifizieren zu können?

    Selbstverständlich muss der Nutzen noch als Nutzen identifizierbar sein und sich nicht retrograd als Voraussetzung der Handlung ergeben.

    Das berühmteste Beispiel ist der Altruist. Widerlegt der den “homo oeconomicus” oder ist er ein Unterfall, weil sein Nutzen nun einmal in der Steigerung des Nutzens anderer besteht? Dazu muss man berücksichtigen, wofür der “homo oeconomicus” benötigt wird, und dazu taugt der Altruist nicht.

    Antwort auf deine Frage: Ich hatte es angedeutet. Wenn du nachweisen kannst, dass Spieler 1 in einer Situation, in der Spieler 2 keinen aktuellen Einfluss hat, sich nicht den größeren Anteil sichert, dann wäre das Bild des Nutzenmaximierers schon etwas erschüttert. Erst recht, wenn davon auszugehen ist, dass Spieler 1 nicht mit einer Revanche rechnen muss.

  4. jopa
    11.10.2007 | 18:38

    Ad Ben:

    Bin nicht angesprochen, antworte aber trotzdem:

    1. Der Homo Oec. (HO) ist keine Behauptung eines Zusammenhanges, sondern ein Axiom. Auf dem Modell des HO basieren dann die Schlußfolgerungen.

    2. Genaugenommen ist es auch kein Zirkelschluß, Nutzen ließe sich zu Beispiel am Hormonspiegel messen. Das ist medizinisch möglich, wenn auch kompliziert und nicht immer zu 100% verläßlich. Wenn man es täte, könnte man sicherlich zeigen, daß der Proband sich immer für die Option entscheidet, die eine bestimmte (positiv empfundene) hormonelle Reaktion auslöst oder maximiert. Insofern ist das Modell des HO durchaus überprüfbar und somit im Popper’schen Sinne für das wissenschaftliche Arbeiten geeignet. Übrigens muß eine These dazu nicht praktisch falsifizierbar sein; die theoretische Möglichkeit eines Experiments zur Falsifizierung reicht aus.

    Gruß

  5. 11.10.2007 | 18:42

    Aber homo oeconomicus muß ja auch nicht falsifizierbar sein. Er ist eine Annahme und keine Aussage, und wenn es gelingt, unter Rückgriff auf homo oeconomicus empirisch robuste Aussagen zu formulieren, ist die Annahme sinnvoll.

    Eine Theorie ist nicht gut, wenn ihre Annahmen deskriptiv möglichst präzise sind, sondern wenn die Resultate zutreffen.

  6. Ben
    11.10.2007 | 19:22

    @ Rayson
    Das Experiment, das du beschreibst ist tausendmal durchgefuehrt worden (normalerweise unter dem Namen Dictator-Game). Das Ergebnis ist, dass viele Spieler ihren Mitspielern etwas abgeben auch wenn diese Mitspieler nicht den geringsten Einfluss auf das Spiel haben.

    @ Statler
    Ich stimme da im Prinzip voellig zu, solange man die Theorie dann auch konsequent als rein deskriptiv ansieht.

    Es passiert nur leider viel zu haeufig, dass Oekonomen und andere (implizit) argumentieren, dass es besser ist einen moeglichst kleinen Staat zu haben weil der Staat die Menschen daran hindert ihren Nutzen zu maximieren. Dieses Argument haelt nur wenn man voraussetzt, dass Nutzenmaximierung einen normativen Wert hat und schon ist die Theorie nicht mehr rein deskriptiv.

    Es ist eben inkonsistent einerseits zu sagen, dass eine Theorie rein deskriptiv ist, sie andererseits aber zu benutzen um Werturteile ueber unterschiedliche Wirtschaftssysteme auszusprechen.

  7. 11.10.2007 | 19:28

    @Ben

    Quantifiziere “etwas”. Die Hälfte?

  8. 11.10.2007 | 19:31

    @Ben

    Was die Werturteile angeht, begibst du dich ein anderes Reich, nämlich das der Politik. Und da können wir dann etwas konkreter werden: Als jemand, der aus politischen Gründen sowas wie staatliche Eingriffe nur als sehr gut begründbare akzeptieren kann, brauche ich mehr als Zweifel an der Gegenthese.

  9. Mathias
    11.10.2007 | 19:55

    Na ja. Es gibt da unterschiedliche Theorien warum die Subjekte in den Experimenten oft niedrigere Angebote ablehnen. Von einem “Dopamin High”, das die Bestrafung des “unfairen Aufteilers” nach sich zieht, bis hin zu der Feststellung, dass der eigene Nutzen groesser ist, wenn beide Spieler gar nichts erhalten.

    Im Betzug auf die Schimpansenexperimente haette ich da, mehr aus der Richtung der Philosophie des Geistes kommend, eine ganz andere Theorie. Eine der Eigenschaften, die den Mensch von anderen, “hoeher” entwickelten Tieren unterscheidet, ist die Faehigkeit eine Theorie des Geistes zu entwickeln, in dem Sinne, dass der Mensch die Faehigkeit hat, die Verhaltensweisen der anderen Menschen nicht nur zu beobachten, sondern auch basierend auf diesen Beobachtungen und eigenen Erfahrungen eine Theorie ueber das Beweggruende des anderen aufzustellen. Also, auf gut Deutsch, die Faehigkeit sich in “das Andere” hinein zu versetzen, und das in emotionaler (!) und rationaler Hinsicht.

    Wir koennen jetzt annehmen, dass aufgrund von Erfahrungen und/oder genetischer Uebermittlung, jeder Mensch eine Approximation der Funktion abrufen kann, die sein Gegenueber benutzt, um das Angebot abzulehnen bzw. anzunehmen. Ein einfaches Beispiel einer solchen Funktion waere z.B.: Wenn 50% des aufzuteilenden Betrages angeboten wird, dann wird dies mit Wahrscheinlichkeit 1 angenommen. Wenn 40% dann ist diese Wahrschienlichkeit 0.8, 30% 0.6, 20% 0.4 etc.

    Wenn man sich jetzt den Erwartungswert anschaut, kann man leicht verstehen warum der Mensch so handelt wie er es tut. Sagen wir mal wir teilen 100$ auf. Dann bekommen wir bei 50% auf jeden Fall 50$. Schon bei 40% wuerde der Erwartungwert auf 48$ sinken, bei 30% gar auf 42$.

    Dies ist nur ein vereinfachtes Beispiel, aber, wie ich finde, durchaus plausibel. Das wuerde natuerlich nur die Frage beantworten, warum viele 50% und nicht weniger anbieten, nicht aber warum niedrige Angebote abgelehnt werden.

  10. 11.10.2007 | 20:19

    Wenn ich’s richtig in Erinnerung habe, geben die Leute in Diktatorspielen auch oft 1/3 oder mehr des aufzuteilenden Kuchens ab.

    Allerdings gilt das dann, wenn der “Diktator”, der frei über die Aufteilung des Kuchens entscheiden kann, nichts für den Erhalt des Kuchens getan hat. Man könnte die Szenerie also so interpretieren, daß hier der Experimentator einen Geschenk für zwei Personen spendiert, und der “Diktator” über die Aufteilung dieses Geschenks entscheidet. Da ist er zwar frei, sicher, aber es ist (zumal bei geringen Beträgen, wenn Fairness preiswert zu haben ist) auch kein Wunder, wenn der “Diktator” sich an allgemeinen Fairness-Normen orientiert.

    Der Haken ist halt, daß das keine besonders plausible Alltagssituation ist. Normalerweise müssen wir keine vom Himmel gefallenen Kuchen aufteilen, sondern für den Kuchen erst arbeiten. Und sobald die Subjekte im Experiment nennenswert Kosten aufwenden müssen bevor es ans Aufteilen geht, dann sieht die Sache auch schon wieder ganz anders aus.

  11. 11.10.2007 | 20:26

    @Rayson
    Der letzte Absatz ist super.

    @Ben

    Das Problem deiner Argumentation ist, dass – wenn wir den Begriff “Nutzen” nur weit genug auffassen – der homo oeconomicus nicht mehr falsifizierbar und daher als wissenschaftliche Theorie bedeutunglos ist. Man kann im Prinzip jedes beliebige Verhalten damit “erklaeren”, dass es eben den Nutzen des Handelnden maximiert.

    Ja, man kann damit jedes beliebige Handeln erklären. (Fast jedenfalls, man nimmtr natürlich eine gewisse Robustheit der Nutzensfunktion an ). Und wenn das alle Annahmen wären, wäre die Ökonomie in der Tat bedeutungslos, bzw. rein deskriptiv. Sie bestünde darin, die Nutzensfunktion zu ermitteln und dann anhand dieser empirischen Daten Verhalten vorherzusagen.

    Es gibt aber mehr Annahmen. Etwa: Wenn zwei Menschen ein Gut freiwillig miteinander tauschen, dann ist keiner schlechter gestellt. So trivial das scheinen mag, es ist eine Annahme, die gewaltige Konsequenzen hat. Etwa: Marktgleichgewichte sind effizient, Steuern bewirken meistens meistens Ineffizienz,…

    Es gibt gute Gründe Effizienz (Achtung an alle Nichtökonomen. Bevor das Geschrei los geht, ich meine Pareto Effizienz) mit einer positiven Wertung zu belegen. Tut man das, wird die Ökonomie normativ. Ansonsten ist sie, was ich “bedingt normativ” nennen würde. Nennt man einem Ökonomen seine Ziele/Werte, sagt er einem, wie man sie am geeignetsten erreicht.

  12. 11.10.2007 | 20:27

    @statler

    Und auch ein Diktator möchte gerne seine Rolle behalten…

    Sind denn diese Spiele aller unter der “Aus den Augen, aus dem Sinn”-Bedingung absolviert worden? Denn es ist doch auch so: Wenn mir jemand eine konkrete Person benennt, die unter meiner Entscheidung zu leiden hat, und sei es auch nur in Form eines entgangenen Gewinns, und das auch weiß, dann zögere ich. Wenn mir aber jemand sagt, dass niemand je von meiner Entscheidung erfahren wird, dann sieht die Sache sicher etwas anders aus.

    Und das genau ist die Situation, die moderne Wohlfahrtstaaten herbeiführen.

  13. 11.10.2007 | 20:31

    Die berechtigte Kritik, die durch diese Experimente entsteht ist aber folgende: Die bisherigen Gleichgewichtsmodelle gehend davon aus, dass die Nutzensfunktionen der einzelnen Individuuen von einander entkoppelt sind. (Allein schon, um die Modelle mathematisch handeln zu können). Es ist aber nicht klar, ob das eine realistische Annahme ist und inwiefern die aus ihr abgeleiteten Resultate weiterhin gültig sind.

  14. 11.10.2007 | 20:46

    In den meisten Diktator-Experimenten herrscht Anonymität. Man weiß, daß hinter der Wand jemand sitzt, der mit der Entscheidung leben muß, die man trifft, aber man weiß nicht, wer es ist. Und umgekehrt.

    Andererseits: Um Kosten zu sparen werden solche Experimente ja gerne mit Studenten gemacht, die sich damit ein kleines Trinkgeld verdienen können. Und mit Erstsemestern, die noch nicht durch das VWL-Studium “geprägt” wurden. Dann weiß also der Erstsemester-Diktator zumindest schonmal, daß er es mit Leidensgenossen zu tun hat, was ja vielleicht auch schonmal eine Verzerrung in Richtung “Fairness” einführt.

    Also, man muß da vorsichtig sein. Experimente, für die man mal in ein Schwellenland fliegt und Diktatorspiele mit Leuten spielt, für die (in heimischer Währung) zwei Monatsgehälter auf dem Spiel stehen, findet man vielleicht in einem von zweihundert Papieren. Wäre vielleicht auch nicht gut für das Image des Experimentators, Erkenntnisfortschritt durch ökonomische Experimente mit den Armen Lateinamerikas zu produzieren. ;-)

  15. 11.10.2007 | 22:28

    @statler

    experimente wurden schon im urwald durchgeführt. dazu das buch (behavioral game theory von colin camerer). das interessante die meisten urwald bewohner spielen das nash-gleichgewicht, welches die annahme des rationalen entscheiders zu grunde legt.

    viele grüße
    rainer
    http://www.oekonomie-student.de

  16. Ben
    11.10.2007 | 22:38

    @ Rayson

    “Was die Werturteile angeht, begibst du dich ein anderes Reich, nämlich das der Politik.”

    Das ist ja genau das was ich meine. Wenn man findet, dass Freiheit ein Wert an sich ist dann soll man das offen sagen (das tust du ja auch zurecht). Man muss sich dann streiten wie man trade-offs zwischen Freiheit und anderen Guetern bewertet. Es stoert mich nur wenn einige Leute so tun als wuerde die VWL wissenschaftlich belegen, dass der voellig freie Markt allen anderen Wirtschaftsformen ueberlegen ist (und damit bist du nicht gemeint).

    @ Dirk
    Ich glaube die wenigsten Menschen halten Pareto-Effizienz fuer einen Wert an sich (oder wenn dann nur fuer einen sehr sekundaeren). Wenn es zum Beispiel moeglich waere saemtliche Armut der Welt zu beenden, das Vermoegen von Bill Gates dadurch aber um einen Dollar schrumpfen wuerde, dann faenden die meisten Menschen das wohl gut obwohl es nicht Pareto-effizient ist (ok, nicht sehr realistisch, aber Uebertreibung macht anschaulich).

  17. 11.10.2007 | 22:49

    Okay, meine Birne ist gerade etwas verkernert. Sagen wir es besser so : paretoineffiziente Allokationen sind schlecht.

  18. 11.10.2007 | 23:04

    Ich habe die anderen Kommentare jetzt überflogen, aber vorab möchte ich direkt mal erwähnen, dass es ein tolles Gesellschaftsspiel gibt, das auf diesem Grundprinzip basiert:

    Ein Spieler hat bei der Entscheidung, wie ein bestimmter Geldbetrag zwischen ihm und dem anderen Spieler aufgeteilt werden soll, das Recht, den Verteilungsschlüssel zu bestimmen, während der andere bestimmen darf, ob die Summe unter diesen Bedingungen überhaupt angenommen wird.

    Es heißt “Junta“, und hat mir über Jahre hinweg immer wieder Spaß bereitet. Weil es einen (meist jungen) Spieler lehrt, dass es auch ein so genanntes “Metagame” gibt, das auf sozialer Interaktion und vergangenen Erfahrungen basiert.

    Wobei bei “Junta” natürlich auch innerhalb des eigentlichen Spiels (also lange vor dem “Metagame”, das nur erfahrene Spieler, die öfter miteinander spielen, überhaupt erfassen) die Möglichkeit bietet, gegen einen immer wieder “ungerecht” aufteilenden “Spieler 1″ (dort “El Presidente” genannt) zu putschen und die Spielsteine mit den Armeen in Bewegung zu setzen. Was einerseits den Trieb nach Würfeln und Kriegsspielen befriedigt, andererseits aber auch ganz andere Methoden von “Nutzenmaximierung” in die Spiel-Realität einführt.

    Hm. Spieltheorie ist der einzige Bereich der eher ökonomischen Wissenschaften, den ich wirklich kapiert habe und der mich bis jetzt noch fasziniert. Ich bin halt ein Spielkind, fürchte ich…

  19. 12.10.2007 | 2:28

    @Statler

    Aber homo oeconomicus muß ja auch nicht falsifizierbar sein. Er ist eine Annahme und keine Aussage, und wenn es gelingt, unter Rückgriff auf homo oeconomicus empirisch robuste Aussagen zu formulieren, ist die Annahme sinnvoll.

    Kannst Du mir das bitte näher erklären? Wie kann eine Annahme nicht in Aussageform daherkommen? Und wenn man mit ihr tatsächlich empirisch robuste Aussagen herleiten kann, dann muß sie doch auch falsifizierbar sein: Wenn die Aussagen sich irgendwann nicht mehr als empirisch robust herausstellen, dann muß man mindestens eine Annahme, vielleicht diese, aufgeben. Es sei denn, und darauf wollte Ben ja wohl hinaus, es läßt sich mit ihr ad hoc alles erklären – und damit nichts.

  20. FunkyAlfonso
    12.10.2007 | 3:22

    @Dirk:

    Der Beitrag sollte doch gezeigt haben, dass die Nutzenfunktionen verschiedener Menschen eben nicht unabhängig voneinander sind; ansonsten hätte das Affen-Experiment zum gleichen Ergebnis geführt wie das Mensch-Experiment.

    Eine realistische Nutzenfunktion eines Menschen beinhaltet eben nicht nur Elemente der eigenen Konsummaximierung, sondern auch Dinge wie z.B. das Verhältnis des eigenen Vermögens in Relation zum Verhältnis des Vermögens anderer leute; oder auch Dinge, die darüber hinaus gehen:

    Beispielsweise kann es durchaus Leute geben, die einen höheren Nutzen daraus ziehen, ihr gesamtes Einkommen zu spenden, anstatt es zu konsumieren;
    sind diese Leute dann philanthropisch oder egoistisch veranlagt?
    Nach der H.Ö. Theorie beides: Ihr handeln basiert auf persönlicher Nutzenmaximierung und dient dabei gleichzeitig (evtl.) einem philanthropischen Zweck.

    -Fonso

  21. 12.10.2007 | 9:14

    [...] Schönen Artikel über die beliebte Verwechslung von Homo oeconomicus und Homo kassenwarticus hat Rayson bei den Bissigen Liberalen geschrieben. Fundierter und begrifflich sauberer als die Autoren des dort zitierten Economist-Artikels hat Armin Falk zum Thema publiziert. [...]

  22. micha42
    12.10.2007 | 10:58

    Ob es Spieler 2 tatsächlich um Fairness und nicht um seinen Nutzen (ggf. auch, wie angesprochen, durch Genugtuung) geht, könnte man durch ein modifiziertes Spiel herausfinden:

    Man ersetze Spieler 1 – ohne Wissen von Spieler 2 – durch einen Mitarbeiter des Spielleiters. Der gefakte Spieler 1 hat die Aufgabe, sich in verschiedenen Spielzyklen hin und wieder gezielt selbst zu benachteiligen, also z.B. 40:60, 20:80 oder 10:90 zu bieten. Ob Spieler 2 wohl auch dann auf einigermaßen gleich verteilte Einnahmen achtet?

  23. 12.10.2007 | 20:37

    David,

    das war von mir ungenau formuliert, Entschuldigung. Sicher ist auch die Rationalitätsannahme eine Aussage, aber eben keine Hypothese, sondern einfach eine vorausgesetzte Annahme. Und die müssen nicht unbedingt für sich genommen falsifizierbar sein. Und wenn sie es sind, dann können sie auch empirisch widerlegt und trotzdem hilfreich sein.

    Ein Teil der Rationalitätsannahme ist ja beispielsweise, daß Individuen sich nicht systematisch irren. Was auf der individuellen Ebene zweifellos falsch ist. Manche Leute überschätzen einen Preisanstieg, manche Leute unterschätzen ihn, manche liegen richtig. Und das ständig, als Individuen irren sie sich also systematisch. Aber solange die unterschiedlichen Typen halbwegs symmetrisch in der Bevölkerung verteilt sind, ist die Annahme, daß Individuen sich im Durchschnitt nicht systematisch irren, immer noch sinnvoll, um zu Aussagen über die Makro-Ebene zu kommen.

  24. HD
    12.10.2007 | 21:10

    Die Deutungen dieses Experiments sind ja wohl alle etwas abstrus:

    Die als nicht rational eingestufte 50:50 Teilung des Gebers A ist in Wirklichkeit die optimale Gewinnstrategie: In Unkenntnis seines Gegenüber B muß er mit einer Gleichverteilung des Schwellenwerts für die Ablehnung der Teilung x rechnen. Der mittlere Gewinn ergibt sich dann als Produkt aus Wahrscheinlichkeit und konkretem Gewinn, also x*(1-x). Das Maximum dieser Funktion liegt bei x=0,5, also 50%.

    Umgekehrt weiß natürlich B, daß wenn er A einmal mit z.B. 90% Anteil hat durchkommen lassen, er das nächste mal ein mindestens so schlechtes Angebot erhält. Auch er wird also zur Gewinnmaximierung dieses Angebot ablehnen, weil er, im Gegensatz zum Affen, weiß, dass weitere Runden des Spiels kommen werden.

    All das hat also rein garnichts mit irgendwelchen sozialen Genen zu tun, sondern ausschließlich mit der Fähigkeit des Menschen, in die Zukunft zu planen.

  25. R.A.
    12.10.2007 | 21:19

    @Karsten:
    > Es heißt “Junta“, und hat mir über
    > Jahre hinweg immer wieder Spaß bereitet.
    Ah, ein Wissender!

    Dieses Spiel lehrt in der Tat mehr über Menschen und soziales Verhalten als viele Experimente der hier geschilderten Art ;-)

  26. 13.10.2007 | 0:25

    @R.A.:
    Zu begreifen, dass der Minister für Innere Sicherheit ein erheblich begehrenswerterer Posten ist als der Präsident… das hat mir etwas über Politik beigebracht. :)

  27. 13.10.2007 | 14:56

    @Statler: OK, so klingt das schon plausibler. Aber der Punkt, den Ben angesprochen hatte, bezog sich ja gerade auf die Ausdehnung der Annahme auf das Individuelle: Wenn z.B. jemand all seine Güter den Armen gibt und ins Kloster geht, weil er meint, nur so des Himmelreichs teilhaftig werden zu können, dann hat er natürlich einen erwarteten Nutzen, Himmelreich, nach dem Tod, der den seiner materiellen Güter überwiegt. Seine Nutzenfunktion weicht also wohl deutlich vom statistischen Standard ab. Wenn ich jetzt HO auf jedes einzelne Individuum beziehe, sagt es nichts mehr aus, weil ich für jede individuelle Handlung einfach eine neue Nutzenfunktion annehmen könnte, die diese dann erklärt. Das liefe letztlich auf nicht mehr hinaus als “Menschen handeln irgendwie, wenn sie handeln”. Damit HO makroökonomisch sinnvolle Vorhersagen liefern kann, wird man also noch Verallgemeinerungen über Nutzenfunktionen benötigen, und das sind dann die eigentlich relevanten Annahmen. Oder übersehe ich was?

    @HD:

    Danke, astreines Beispiel einer Petitio Principii. Muß ich mir merken, kann ich vielleicht irgendwann mal zu Illustrationszwecken gebrauchen.

  28. 13.10.2007 | 15:11

    @David

    Was du “Verallgemeinerung” nennst, würde der Ökonom wohl er “Aggregierung” nennen: Wenn ich individuelle Nutzenfunktionen zu einer Gesamtnutzenfunktion verdichte, verschwinden die Ausschläge.

  29. 13.10.2007 | 15:17

    Wie macht man das eigentlich? Diese Verdichtung dürfte ja nicht gänzlich unproblematisch sein.

  30. 13.10.2007 | 15:26

    Wie macht man das eigentlich?

    Keine Ahnung mehr, wie sich die mathematische Methode nennt. Womöglich reicht einfaches Addieren.

    Und warum sollte das problematisch sein? Du musst immer berücksichtigen, für welchen Zweck das geschieht. Bei hinreichend großen Aggregaten heben sich die Wirkungen von Ausschlägen halt auf.

  31. 13.10.2007 | 15:40

    Vielleicht bin ich da gerade völlig auf dem falschen Dampfer, aber da eine Nutzenfunktion ja auch die Präferenzliste des Individuums enthält, müßten sich bei der Erstellung einer gesamtgesellschaftlichen Nutzenfunktion doch die gleichen Probleme einstellen, wie bei der Ermittlung gesamtgesellschaftlicher Präferenzlisten. Zumindest theoretisch sehe ich da ein Problem, ich behaupte nicht, daß es durchschlagende praktische Relevanz haben muß.

  32. 13.10.2007 | 15:55

    Eine aus individuellen Funktionen aggregierte Funktion, die zur Gewinnung von Aussagen auf Makroebene herangezogen wird (wie auch sonst sollte man da Aussagen treffen können?), ist etwas anderes als eine für eine Gesamtgesellschaft erstellte, die dann für alle Individuen zu gelten hat. Im einen Fall wird Information nicht vernichtet, sondern durch die Gegenläufigkeit individueller Präferenzen nur verdichtet (statistischer Effekt).

    Das heißt ja nicht, dass diese Präferenzen nicht auch auf Märkten zur Geltung kommen. Sie sind nur für Makroaussagen nicht relevant.

  33. 13.10.2007 | 16:13

    “Das heißt ja nicht, dass diese Präferenzen nicht auch auf Märkten zur Geltung kommen. Sie sind nur für Makroaussagen nicht relevant.”

    Das wollte ich auch nicht behauptet haben. Aber die Funktion, mit der man auf der Makroebene arbeiten will, sollte ja genau so funktionieren, daß man so tut, als ob die statistisch aggregierten Präferenzen bei allen Individuuen so vorliegen, oder? Und dann müßte man eben sehen, wie man widerspruchsfrei aggregiert.

  34. HD
    13.10.2007 | 16:22

    @Rayson
    Bitte, gern geschehen. Aber was für dich wie eine logische Herleitung aussah, war in Wirklichkeit eine konsistente Beschreibung des Versuchs auf Basis von Gewinnstreben. Und da die ohne einen undefinierten Begriff der “Rationalität”, die angeblich nicht befolgt wird, und andere Monster wie soziale Gene oder “Disnutzen” auskommt, gebietet Occams razor, sie zu akzeptieren.

  35. 13.10.2007 | 16:33

    Ich bin zwar nicht Rayson, aber das ist mir jetzt erst mal egal, da Dir ja auch egal ist, daß Rayson nicht ich ist, deshalb antworte ich:

    Die 50:50-Aufteilung erweist sich nur dann als besonders rational, wenn man, wie Du es ja explizit getan hast, die Erwartung der Angebotsablehnung in die Rechnung mit einbezieht. Die Ablehnung des Angebots und damit des finanziellen Gewinns zugunsten der Befriedigung, dem Geizhals eins ausgewischt zu haben, und die Frage, ob das rational ist oder nicht, und wenn ja, wieso, war aber gerade das worum es hier ging. Wenn man schon konstatiert hat, daß eine Ablehnung möglich und bei bestimmten Quoten wahrscheinlich ist, dann greift Deine Argumentation natürlich, aber hier ist sie witzlos.

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