10. Oktober 2007
Nochmal: Eva Herman und die Nazis
Ich komme mit diesem Artikel ein bisschen spät, aber das Sortieren der Links nach einem längeren Auslandsaufenthalt ohne regelmäßigen Zugang zum Netz dauert halt seine Zeit.
In der Diskussion zum Artikel “Von Dummen und Heuchlern” (10. September 2007) wurde mehrfach die Frage gestellt, was denn nun Eva Herman genau gesagt habe. Dann wurden mehrere Agenturmeldungen seziert und so ausgelegt, wie es dem jeweiligen Kommentator genehm war.
Das Düsseldorf-Blog hat genau eine Woche später einen Mitschnitt und ein Transkript dessen veröffentlicht, was Eva Hermann gesagt hat – und zwar nicht nur die die später inkriminierten Sätze, sondern auch die davor und danach (Eva Herman: Das habe ich wirklich gesagt!).
In dem Ausschnitt nimmt sie zu zwei Aspekten gesellschaftlichen Lebens Stellung, nämlich Familie und Gesangskultur. Allein ihre mehrfache Verwendung des Wortes “wieder” lässt keinen Zweifel daran aufkommen, dass Frau Herman der Ansicht ist, die Nationalsozialisten hätten beides hochgehalten, und dann seien die 68er gekommen und hätten alles restlos zerstört.
Aber im Einzelnen:
(…) wir müssen vor allem das Bild der Mutter in Deutschland auch wieder wertschätzen lernen, das leider ja mit dem Nationalsozialismus und der darauf folgenden 68er Bewegung abgeschafft wurde (…)
So, wie sie es gesagt hat, könnte man annehmen, die Nazis und die 68er wären sich in der “Abschaffung der Mutter” einig gewesen. [Korrektur vom 11.10.2007: Sie hat es wohl tatsächlich so gemeint.] Das wäre in Bezug auf die Nazis richtig, in Bezug auf die 68er falsch. Dass sich die Abschaffung der Mutter jedoch nur auf die 68er bezog, macht aber die folgende Einlassung deutlich:
(…) aber es ist damals eben auch das, was gut war [im Nationalsozialismus, M.W.], und das sind Werte, das sind Kinder, das sind Mütter, das sind Familien, das ist Zusammenhalt – das wurde abgeschafft. Es durfte nichts mehr stehenbleiben. (…)
Vorher hatte Frau Herman den Nationalsozialismus so charakterisiert:
es war ‘ne grausame Zeit
und Hitler so:
das war ein völlig durchgeknallter, hochgefährlicher Politiker, der das deutsche Volk ins Verderben geführt hat
Es ist nicht leicht, aus diesem O-Ton die wesentlichen Aussagen herauszufiltern, weil sich Frau Herman, für eine ehemalige Tagesschau-Sprecherin eigentlich unwürdig, so oft verhaspelt hat. Festzustehen scheint mir dann aber doch folgendes:
1. Die Nazis haben das Bild der Mutter wertgeschätzt
2. Die 68er wollten die Wertschätzung der Mutter abschaffen.
3. Im Nationalsozialismus gab es gute Werte: Kinder, Mütter, Familie, Zusammenhalt
4. Die 68er haben (nicht bloß: wollten) das alles restlos abgeschafft
Jede dieser Aussagen ist falsch. Und zwar vollständig falsch. Und die Nazi-Zeit als “grausam” zu bezeichnen, ist ja wohl auch ein bisschen dünne. Grausam war sie für Juden, Homosexuelle, Sinti, Roma, Geisteskranke… Keine dieser Gruppen hat von den angeblich guten Werten der nationalsozialistischen Familienpolitik profitiert. Im Gegenteil wurden deren Familien auseinandergerissen und so weit es in der Macht der Nazis stand ermordet.
Und das Hitler ein “durchgeknallter” Politiker gewesen sei, der das deutsche Volk “ins Verderben” geführt habe, habe ich zuletzt vor 25 Jahren von meiner Großtante gehört, die, als er an der Macht war, eine glühende Nazisse gewesen war. Hitler war gelegentlich ein bisschen überspannt, aber durchgeknallt ist was anderes (einfach mal bei youtube nach einem Video von Klaus Kinski suchen, als er mit Herzog gedreht hat).
So, und jetzt zur “Familienpolitik” der Nazis. Nach Herman waren die beiden Kernpunkte dieser Politik die Wertschätzung der Mutter und die Wertschätzung des familiären Zusammenhalts. So ein Bullshit.
Die Nazis haben nicht die Mutter in ihrer Rolle als Erzieherin wertgeschätzt, sondern die Gebärmutter. Ansonsten haben sie alles getan, um die Rolle der Eltern als Erzieher zu schmälern. Ein totalitäres System kann gar nicht anders, als den Eltern ihre Kinder zu entziehen und dem Staat die Rolle des Erziehungsberechtigten aufzuerlegen.
Und während im Kaiserreich und in der Weimarer Republik wenigstens die Familie noch ein geschützter Raum war, innerhalb derer man staats- und obrigkeitsfeindliche Meinungen äussern konnte, haben die Nazis diesen familiären Zusammenhalt gerade aufgelöst – und nicht wertgeschätzt, wie Eva Herman es behauptet.
In Zusammenhang von Nazis und 68er ist mir übrigens ein Artikel aus dem Berliner Tagesspiegel eingefallen, der im vergangenen Jahr auch bei den Freunden der offenen Gesellschaft veröffentlicht worden ist (Antipostfaschistischer Sex). In diesem Artikel wurde genau die Gegen-These von Herman aufgestellt und die Sexualmoral der 68er in die Nähe der Nazis gerückt. Zur Sexualmoral der Nazis heißt es dort u.a.:
(…) Der Nationalsozialismus habe die (heterosexuellen, nichtjüdischen) Deutschen geradezu zu sexuellem Vergnügen angespornt – und dieses habe keineswegs allein bevölkerungspolitischen Zwecken gedient, sondern sei durchaus Selbstzweck gewesen. In der NS-Propaganda wimmelte es von polemischen Darstellungen bürgerlicher, spießiger Enge und Prüderie. Dem wurde die arisch-germanische „Natürlichkeit“ entgegengestellt, die Elemente aus der Lebensreform- und FKK-Bewegung in sich aufnahm. Dies sei, so Herzog, keineswegs ein Bruch mit der sexuellen Liberalisierung gewesen, die bereits mit dem Ende des Ersten Weltkrieges eingesetzt hatte, sondern deren konsequente Fortführung. Die Nationalsozialisten bemühten sich sogar, diese zu radikalisieren. So soll es 1934 eine Anweisung an alle BDM-Führerinnen gegeben haben, die ihnen anvertrauten Mädchen zum vorehelichen Geschlechtsverkehr zu animieren.
Freilich sollten die neuen Freiheiten nur für junge, gesunde Heterosexuelle gelten. (…)
Das ist nur logisch, denn es kam den Nazis ja nicht auf heile Familien an, sondern auf Nachwuchs, den man auf Hitler und den Nationalsozialismus prägen und später in die Schlacht um mehr Lebensraum für das ach so beengt lebende deutsche Volk schicken konnte. Harmonische Familien zeichnen sich ja eher dadurch aus, dass nach dem zweiten Kind Schluß ist. Da war es klar, dass die Nazis lieber vor- und außerehelichen Geschlechtsverkehr propagierten, wo man es zudem mit der Verhütung nicht so genau nimmt. Die Geschlechtsverkehrsresultate konnten ja dann, bei entsprechender genetischer Konstellation, prima im nächsten Lebensborn-Heim großgezogen und somit gleich komplett ohne Eltern dem Führer unterstellt werden.
Als zweites Beispiel für den verheerenden, alles verzehrenden Einfluß der 68er führt Eva Herman folgendes an:
Ich hab’ neulich mit einem Musikprofessor zusammengesessen, ein Linksintellektueller, früher fast ein Linksradikaler ein bißchen gewesen, ähm, der versucht, den Chorgesang wieder zu beleben in Hamburg. Und er sagt, das ist verlorengegangen, das ist gar nicht mehr, äh, das ist gar nicht mehr anwesend…”
Das Thema “Gesang und Singen in Deutschland” beschäftigt mich schon sehr lange. Die deutsche Gesangskultur ist völlig im Arsch, das Liedgut der Deutschen geht nicht über “Steht auf, wenn Ihr Schalker seid” hinaus. Erbärmlich, und für mich sehr schmerzvoll. Und wer ist daran schuld? Die 68er? Bullshit, again. Die Nazis sind schuld. In diesem Punkt hat sich nämlich der Nationalsozialismus von anderen Diktaturen und totalitären Regimen unterschieden. Während jeder Diktator, der was auf sich hält, sofort eine Armada von Hofkomponisten installiert, die ihm Hymnen auf den meist fetten Leib schneidern, hat Hitler einfach das genommen, was da war. Keine Durchhalte-Schmonzette mit olle Rühmann ohne “Die Wacht am Rhein”, kein gemütliches KZ-Betreiber-Zusammensein (mit Familien!) ohne “Am Brunnen vor dem Tore” und keine Nachtwache vor Stalingrad bei Eisregen ohne (da muss ich schon nachschlagen) “Und in dem Schneegebirge”. Auch hier ist es nur logisch, dass die Deutschen nach dem Krieg mit ihren eigenen Liedern nichts mehr an der Backe hatten – wer wollte schon an seine Verantwortung als KZ-Wächter erinnert werden oder an den Steckschuss in der Schulter?
Mit den 68ern hat das nun rein gar nichts zu tun. Die haben im Gegenteil sogar wieder angefangen zu singen. Allerdings nicht auf deutsch.
Noch ein paar Anmerkungen zur Entlassung von Frau Herman durch den NDR. Im liberalen Blog-Segment wird nichts so sehr gehasst wie die 68er. Deshalb erstaunt es mich nicht, dass in Blog-Einträgen und Kommentaren die Meinung vorherrscht, Frau Herman habe gar nicht mal so Falsches über die Nazis und sehr Wahres über die 68er gesagt und sei deshalb aus Rache von ihren 68er-Chefs gefeuert worden. Warum ich dieser Einschätzung der Einlassungen von Frau Herman nicht beipflichte, habe ich gerade zu erläutern versucht. Und was die “Rache” angeht: Falls es tatsächlich so sein sollte, dass diejenigen, die für die Entlassung von Frau Herman verantwortlich sind, sich irgendwie unter “68″ subsumieren lassen, dann wäre Frau Herman selber schuld. Wenn man geschieden ist, dann bekommt man als Erzieherin u.U. Probleme in einem katholischen Kindergarten. Wenn man aussieht wie Sascha Lobo, bekommt man die Lehrstelle bei der Deutschen Bank nicht. Und wenn man seinen Chefs dermaßen unqualifiziert ans Bein pinkelt, wie Eva Herman das getan hat, dann wird man gefeuert. Ich habe keine Anhaltspunkte dafür, dass das so gewesen ist. Für mich hätte der Nazi-Teil ihrer Ausführungen vollkommen zur Entlassung ausgereicht. Und dass der NDR in anderen Fällen (Schlagersternchen pimpernde Nachrichtensprecher, Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz, etc.) nachsichtiger mit seinen Angestellten umgegangen ist, bedeutet nicht, dass er hier, in einem völlig anders gelagerten Fall, an einer Entlassung gehindert gewesen wäre.
Fazit:
1.) Frau Herman hat den Nazis bescheinigt, sie hätten das Bild der Mutter wertgeschätzt und Kinder, Mütter, Familien und Zusammenhalt seien unter dem Nationalsozialismus “gut” gewesen. Meiner Ansicht nach ist das nicht nur eine Verharmlosung, sondern in der Tat eine Glorifizierung des Nationalsozialismus, die zudem von den Tatsachen eindeutig widerlegt ist.
2.) Die familiären und kulturellen Werte der Deutschen sind nicht von den 68ern mit Füssen getreten und zerstört worden, sondern von den Nazis.
3.) Der NDR hat mit der Entlassung Eva Hermans die richtige Konsequenz gezogen.
P.S.: Dass sich Frau Herman unter mehr oder weniger offiziell agierenden Katholiken so großer Beliebtheit erfreut, finde ich ekelhaft, geschichtsvergessen und unerträglich. Wo ist eigentlich die Bischofskonferenz, wenn man sie mal braucht?
Verfasst von Marian Wirth um 09:05 Uhr in der Kategorie Geschichte, Kultur, Politik, Rochus (Trackback)
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