Heute so, morgen so

Über die Nichtteilnahme des Kickers Ashkan Dejagah an einem Spiel der U-21-Mannschaft in Israel ist schon viel geschrieben worden. Für meinen Geschmack zeichnen sich die aufgeregtesten Kommentare meist durch eine gewaltige Überschätzung sowohl der Hintergründe der Entscheidung selbst als auch des fußballerischen (das “größte Talent seit Sebastian Deisler”, wie heute gehört, ist er sicher nicht) sowie rhetorischen Talents dieses jungen Mannes aus. Der DFB inklusive seines Präsidenten macht dabei aber durch die Bank keine gute Figur.

Nachdem man endlich meint einschätzen zu können, in welche Richtung diese Sau nun läuft, gipfelt das in folgender Erkenntnis des Herrn Zwanziger:

“Heute bin ich Iraner, morgen Deutscher, wie es mir passt, das wird nicht gehen”, sagte Zwanziger…

Es ist verständlich, dass der Mensch sich Klarheit wünscht. Aber dann hat er weder Migration noch Integration kapiert. Dejagah könnte vielleicht seinen persischen Pass schreddern, aber seine familiären und sonstigen Bindungen zum Land seiner Eltern wird er dadurch trotzdem nicht los. Er ist beides, Deutscher und Iraner, auch wenn es ihm und Herrn Zwanziger mal nicht passen sollte. Sicher, ob er Fußballdeutscher oder Fußballiraner sein will, das muss er vielleicht mal entscheiden. Aber nur dann, wenn er eine Einladung zu einem “echten” Länderspiel erhält. Was vielleicht, sollte der Iran schneller damit sein, die deutschen Aufgeregtheiten abklingen lässt, jedoch nichts an der mitunter schwierigen Situation eines Menschen ändert, dessen Wurzeln nicht nur in einem Land zu finden sind. Zumal, wenn dieser weder besonders helle noch besonders reif sein sollte.

Der Titel dieses Beitrags spielt natürlich auf einen bestimmten Schlager an. Es würde auch anlässlich der Che-Anbetungswochen schön passen, wenn man die Parallele Kuba-Iran ziehen könnte, aber leider war der gute Roberto Blanco schon fünfzig, als er das erste Mal das Land seiner Eltern besuchte…

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21 Kommentare zu “Heute so, morgen so”

  1. 10.10.2007 | 0:21

    Dejagah hat Glück, dass er nicht Eva Hermann heisst. Und so lange er nix gegen die 68er sagt, wird ihm nichts passieren.

  2. 10.10.2007 | 0:48

    @dirk:
    tut mir leid aber der vergleich hinkt ja nichtmal mehr sondern kommt im rollstuhl. als ob frau herman wegen ihrer kritik an den 68ern von kerner rausgeschmissen wurde.

    zu dejagah: noch 2004 fährt der dfb zu einem freundschaftsspiel in den iran. 2006 fährt bayern zu nem freundschaftsspiel nach teheran in dessen umfeld für das iranische atomprogramm geworben wird. irans umgang mit israel dürfte auch herrn zwanziger damals bekannt gewesen sein.
    und nun verlangt man von nem 20-jährigen hauptschüler, dass er den märtyrer gibt und seiner familie, unter anderem seinem bruder der im iran fussball spielt ernsthafte unaannehmlichkeiten bereitet.

  3. 10.10.2007 | 1:00

    Hermann und Dejagah befinden sich intellektuell ungefähr auf Augenhöhe. Das wäre es dann aber wohl mit den Ähnlichkeiten.

  4. 10.10.2007 | 8:50

    Aber vom NDR. (Kerner habe ich nicht gesehen). Die Sache wäre nie so aufgebauscht worden, hätte sie sich nicht die Veteranenromantik der Steinewerfer kritisiert.

    Was Dejagah angeht, hast Du Recht.

    Und selbstverständlich sind beide Fälle vergleichbar. Beide Male geht es um von (Teilen) der Gesellschaft unerwünschtem Verhalten und wie darauf von der gesamten Öffentlichkeit und dem Arbeitgeber reagiert wird. Wird jemand zur persona non grata erklärt und eine Veranstaltung bloß wegen ihres Erscheinens boykottiert (was man selbst bei Achmadingsbums nicht macht) oder empört man sich ein wenig und läßt es dann beruhen?

  5. 10.10.2007 | 9:49

    @Dirk:

    Leider in Eile weil ich gleich meinen Zug bekommen muss:

    Die Sache wäre nie so aufgebauscht worden, hätte sie sich nicht die Veteranenromantik der Steinewerfer kritisiert.

    Die Idee, dass die Alt-68er, inzwischen beliebter Strohmann für jedes Problem das nicht ganz greifbar ist, die Institutionen so weit kontrollieren, dass jeder rausfliegt, der es wagt sie anzugehen, das halte ich für ziemliche Paranoia. Sonst hätte Deutschland nämlich schlagartig einen ganzen Haufen neuer Arbeitsloser.

    (Disclaimer: Bin gegen Steinewerfer und Autonome, heiße nicht alles gut was damals, yaddayadda, Zug bekommen…)

  6. 10.10.2007 | 14:00

    Die Diskussion ist müßig, weil spekulativ. Aber (ich will trotzdem das letzte Wort ahben (-:) was wäre, wenn sie gesagt hätte: “Vieles, was die Nazis gemacht haben war schlecht. Aber die Verehrung der Natur und der Umweltschutz ist etwas, das uns auch heute noch gut tun würde. Werte, die durch den Kapitalismus zerstört wurden.”

    Sie wurde nicht wegen der Nazi Äußerung gefeuert. Die war nur der Anlass. Sondern wegen ihres vermeintlich reaktionären Frauenbildes!

  7. 10.10.2007 | 14:11

    Dirk,

    was wäre, wenn sie gesagt hätte…

    Dann wäre sie vom NDR gefeuert worden. Und Lafontaine hätte ihr Platz 2 auf der Landeswahlliste Saarland angeboten. Und sie hätte sich von der einen falschen Ecke (in die sie völlig zu Unrecht gemeinerweise von allen gestellt wird) in die andere falsche Ecke begeben.

    Sondern wegen ihres vermeintlich reaktionären Frauenbildes!

    Dann kam die Entlassung aber etwas spät. Naja, Fischköppe…

  8. 10.10.2007 | 14:25

    Es fehlte der Anlaß, dies bequem tun zu können. Sie sagt sinngemäß “Die 68er haben mit den Nazis komplett aufgeräumt. Leider haben sie dabei auch das wenige gute, was noch übrig war, mit abgerissen.” Das mag eine faktisch falsche Behauptung sein, ist aber nie und nimmer eine Verharmlosung der Nazizeit oder sonst ein Grund, sie außerhalb der Gesellschaft zu stellen.

  9. 10.10.2007 | 14:28

    Sinngemäß (sofern der bei den sprachlich doch recht wirren Aussagen überhaupt sicher ermittelbar ist) sagte sie, dass die Nazis neben dem Schlechten auch Gutes getan hätten. Eine dumme, relativierende Aussage, für die ich sie auch gefeuert hätte.

  10. 10.10.2007 | 14:33

    Dirk,

    sie außerhalb der Gesellschaft zu stellen

    Bei Kerner treffen sich neuerdings die außerhalb der Gesellschaft Gestellten? Um dort dann noch ‘ne Schippe drauf zu legen, damit sie ja nicht wieder in die Gesellschaft zurück müssen?

    Außerhalb der Gesellschaft Gestellte bekommen tonnenweise Zustimmung und haben Bücher in Bestseller-Listen?

    Schade, dass ich Kerner nicht ertrage. Sonst würde ich das auch wollen, außerhalb der Gesellschaft gestellt werden.

  11. 10.10.2007 | 14:41

    Eine dumme, relativierende Aussage, für die ich sie auch gefeuert hätte.

    Das wäre sogar eine richtige Aussage. Lehnen wir auf einmal alles ab, was die Nazis gemacht haben? Reissen wir die Autobahnen nieder, verschrotten wir Volkswagen? Du bestätigst gerade Frau Hermann. Sie hat eine Theorie, nach der die 68er restlos alles, was bei den Nazis war, abschafften und damit auch dieses eine Frauenbild. Das ist doch eine zulässige historische Theorie. Die muss man doch, auch wenn sie falsch ist, aufstellen dürfen.

  12. 10.10.2007 | 14:45

    @MW

    Sie wurde als “untragbar” bezeichnet, ihre Aussagen als “unsäglich”. Das ist eine Diskussion, das ist ein außerhalb der Gesellschaft stellen (Mit den Taliban sollen wir verhandeln, aber Eva Hermann geht zu weit).

    Was hat denn bitte schön Kerner gemacht? Er hat einen Schau Prozess geführt.

  13. 10.10.2007 | 14:51

    @Dirk

    Mich stört nicht, dass sie etwas inhaltlich Falsches sagt. Sondern dass sie etwas im Gesamtzusammenhang Unsinniges und eben den Nationalsozialismus Relativierendes sagt.
    So lange man die von ihr verteidigte Familienpolitik auch anders verteidigen kann als durch Rückgriff auf die Nazis, ist der Verweis auf dieselben bestenfalls billige Effekthascherei und schlimmstenfalls eben dumm und relativierend.

  14. 10.10.2007 | 15:10

    So lange man die von ihr verteidigte Familienpolitik auch anders verteidigen kann als durch Rückgriff auf die Nazis,

    Wo macht sie das denn? In dem von Marian verlinkten Zitat, benutzt sie die Nazis (und die 68er) rein deskriptiv: Um zu erklären, warum Mütter nicht mehr so geschätzt würden wie früher. Es ist eine, wenn man so will wissenschaftliche, Hypothese. Wertneutral.

  15. 10.10.2007 | 15:24

    @Dirk

    Wozu verweist sie auf die Nazis, wenn sie es nicht täte?
    Nach dem Autobahn-Verweis bei Kerner sollte sich deine Frage doch wohl erledigt haben.

  16. 10.10.2007 | 16:11

    @Boche

    Tu mir einen Gefallen, sehe Dir den Ausschnitt an. (Minute 37 – 39).

  17. 10.10.2007 | 22:39

    Hast Du ihn gesehen? Da hat sie dich recht und wird wieder völlig zusammenhagslos zitiert. Wenn man NS und “Autobahnen” in einem Satz erwähnt, kommt sofort der pawlowsche Reflex und der 68er (noch dazu Lehrer, was soll man von dem bloß halten) fängt zu sabbern an. Ganz gleich, was man tatsächlich sagt.

  18. 10.10.2007 | 23:20

    Ich muss gestehen: Der besagte Ausschnitt der Sendung stürzt mich tatsächlich in Zweifel.
    Ich habe tatsächlich erst ab Minute 39 geschaut, aber was die Herman da sagt ist doch höchstens ungeschickt. Aber wie die Kerner-Bande agiert zieht von dumm (Barth, Schreinemakers) über dumm-unverschämt (Berger) bis zu fies (Kerner) alle Register des Unerträglichen.

    Ich kann mich nun nur noch Marcs Frage drüben in der anderen Diskussion anschließen und mein Unverständnis darüber beibehalten, warum Herman so ungeschickt war, die Nazi-Karte zu ziehen.

    In meinem Kopf bildet sich doch auch langsam das Bild, dass der eigentliche Skandal ein Medienskandal im Umgang mit einer ungeschickten oder ja vielleicht auch berechnenden Frau Herman ist.

  19. 10.10.2007 | 23:50

    Ob berechnend oder nicht, ist ja egal.

    Alleine die Sache mit der “Autobahn”: Sie wird von allen Seiten bedrängt, völlig unfair attackiert (“übersteigerter Individualismus” wie beim NS Chefideologen) und macht in ihrer Bedrängtheit eine leider unbedarfte Äußerung (allerdings eine absolut richtige und befreiende mit der ich voll identifizieren kann ), die später komplett verdreht wird. Ja, man kann ihr Ungeschicktheit vorwerfen und dass die ihre Emotionen hätte rational kontrollieren müssen. Aber hey, sie ist ein Mensch. Das Zitat am Ende des Broder Artikel trifft den Nagel auf den Kopf.

  20. 10.10.2007 | 23:58

    Ob die Äußerung nun richtig oder gar befreiend ist – da kann man drüber streiten.
    Dass es ungeschickt bis dumm war, ihre ja offensichtlich nicht uninteressante Meinung zu Erziehung und Familie mit dem Nazi- und dem 68er-Thema zu verknüpfen – davon bin ich überzeugt. Ich denke, die Reflexe, die man bei der Kerner-Sendung in Reinform hat beobachten können, hatten eigentlich nichts mit dem Eva-Prinzip zu tun sondern eben viel mehr mit Auslösern wie eben den besagten Themenfeldern.
    Entweder war das ungeschickt oder eben geschäftstüchtig berechnend.

  21. 11.10.2007 | 19:50

    Sie war es ja nicht, die die Nazis ins Spiel brachte. Es war Thea Dorn, die sie mit Eva Braun verglich. Warum aber wird nicht Frau Dorn kritisiert? Weil sie als vermeintlich progressiv gilt.

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