Neue Internetstrategien des BKA

Das Bundeskriminalamt (BKA) spionierte laut einer Meldung des Tagesspiegels Internetnutzern hinterher, die sich auf einer offiziellen BKA-Webseite über die »militante gruppe« informieren wollten.

Nun wäre das normalerweise nicht der Rede wert. Fast alle Webserver erfassen die IP-Adressen der Nutzer oder Kommentatoren. Hier geht es aber um eine spezielle Art der Fahndung, die jeden von uns zum Verdächtigen werden lassen kann. Wenn der Blogger stefanolix über eine ganz simple

Google-Suche nach dem Begriff “Militante Gruppe”

auf eine offizielle Behördenseite stößt, kann die Telekom bereits nach dem Zusammenhang zwischen der IP-Adresse und der Person befragt werden. Der Tagesspiegel schreibt:

Ursprünglich hatte das BKA die Identität von 417 Personen feststellen wollen. Dabei handelte es sich nicht um Tatverdächtigte, sondern offenbar um alle Personen, die sich zwischen dem 28. März und dem 18. April diesen Jahres auf den Internetseiten des Bundeskriminalamtes über die „Militante Gruppe“ informieren wollten. Weil aber ein großer Teil der IP-Adressen von Providern stammte, die diese nur kurze Zeit speichern, wurde die Identifizierung von „nur“ rund 120 Telekom-Kunden beantragt. Das BKA habe „einen weiteren Teil“ der IP-Adressen „Presseorganen bzw. einzelnen Firmen oder Universitäten“ zugeordnet, heißt es.

Man kann doch nicht ernsthaft daran glauben, dass durch das Nachspitzeln bei Presseorganen, in universitären Einrichtungen oder bei der Telekom ein Mitglied dieser linksterroristischen Gruppe gefasst wird. Das BKA behauptet aber ungerührt:

„Anhand dieser Daten werden weiterführende polizeiliche Ermittlungen wie unter anderem die Identifizierung weiterer Mitglieder der „militanten gruppe“ (mg) ermöglicht“, begründen die Beamten ihren Antrag. Sie verweisen zudem auf die „zeitliche Dringlichkeit der Bearbeitung“, da die Speicherfrist für die IP-Adressen und deren Zuordnung zu bestimmten Kunden begrenzt sei. Die Bundesregierung arbeitet gegenwärtig an einem neuen Gesetz, das Internetprovidern eine längere Datenspeicherung vorschreibt.

Der BKA-Chef wurde vor kurzem mit der Aussage zitiert, dass er in technischen Fragen auf die Informationen seiner Mitarbeiter angewiesen sei. Mir läuft es kalt über den Rücken, wenn ich mir nun vorstelle, dass die Führung dieses BKA hinter einer derart dilettantischen Vorgehensweise steht und mit ähnlichen Begründungen bald schon die heimliche Durchsuchung privater Rechner beantragen wird.

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15 Kommentare zu “Neue Internetstrategien des BKA”

  1. 1.10.2007 | 11:02

    Man füge noch diese Aussage von Schäuble hinzu:

    Ich bin kein Experte, und ich weiß auch gar nicht, ob es so furchtbar zielführend ist, dass man jede Ermittlungsmethodik der Sicherheitsbehörden breit diskutiert. Ich sage, unsere Sicherheitsbehörden leisten gute Arbeit. Und wenn unsere Sicherheitsbehörden gute Arbeit leisten, das Bundeskriminalamt wird viel gelobt, auch sein Präsident Ziercke zu Recht.

    Die Bundesanwaltschaft, die Generalbundesanwältin Frau Harms, wenn die alle sagen, und die Chefs der Landespolizeien entsprechend, und international gibt es auch keinen Zweifel, wir brauchen in Ausnahmefällen diese Möglichkeit, dann finde ich, sollten sich nicht Politiker und vielleicht auch nicht Journalisten gewissermaßen zu größeren Experten machen und sagen, das braucht man gar nicht. Ich glaube, wir müssen schon auf den Rat derjenigen, die die Verantwortung tragen, auch hören.

    http://www.dradio.de/dlf/sendungen/idw_dlf/675438/

    Und fertig ist die Realsatire.

  2. R.A.
    1.10.2007 | 11:07

    Noch mal gaaanz langsam: Da will ich mich als braver Bürger auf einer offiziellen Regierungsseite über die uns drohenden Gefahren informieren – und schon gelte ich als Terrorismus-Verdächtiger?

    Mal unabhängig von den weiteren Fragen wie IP-Ermittlung und Begründung von weiteren Maßnahmen: Da ist doch schon die Ausgangsvermutung skandalös.

    Das hat nichts mit moderner Technik und Internet zu tun, da ist schon die konventionelle Ausgangsvermutung krank.

    Wenn ich demnächst als besorgter Vater einen Info-Vortrag der hiesigen Polizei besuche, über Drogen an den hiesigen Schulen – werden dann anschließend Ermittlungen gegen mich aufgenommen als verdächtiger Dealer?

  3. 1.10.2007 | 11:10

    Als Dealer würde ich die Info-Veranstaltung vielleicht tatsächlich besuchen, um eventuelle Einblicke in die Polizeistrategie zu bekommen. ;-)

    Aber das kann natürlich kein Grund sein, die Totalüberwachung einzuführen.

  4. 1.10.2007 | 11:21

    Noch mal gaaanz langsam: Da will ich mich als braver Bürger auf einer offiziellen Regierungsseite über die uns drohenden Gefahren informieren – und schon gelte ich als Terrorismus-Verdächtiger?

    Man denke nur ein paar Wochen zurück, als Signore Frattini von der EU die abstruse Idee einer Suchwortsperrung für Begriffe wie Völkermord, Bombe, Terrorismus, et cetera vorschlug. Weil jeder der solche Begriffe benutzt ja automatisch was Böses™ will… oder zumindest auf eine Seite stoßen könnte, die ihm etwas Böses™ vorschlägt. Und wir wissen ja inzwischen, dass Menschen keinen freien Willen haben, sondern ein beliebig formbares Moral-Play-Doh sind.

    Da kommen technische Unwissenheit, generelle Datenbegiehrlichkeiten und der uniformierte Glaube an den “Südenpfuhl Internet” zusammen und erzeugen einen extrem widerlichen Cocktail.

  5. stefanolix
    1.10.2007 | 11:21

    Über das Schäuble-Interview wollte ich eigentlich demnächst auch noch bloggen. Der Teil, den Rayson zitiert, ist im zweiten Absatz rhetorisch schon fast ein echter Stoiber ;-)

    R.A. hat recht: der Verdacht ist fast schon krankhaft. Ob als braver Bürger, Blogger oder IT-Mensch: ich gehe doch z.B. auch auf die Seite des BSI. Bin ich dann automatisch verdächtig, ein gefährlicher Cracker zu sein?

    Boche: ich werde immer mehr an die DDR mit ihrem Sicherheitswahn erinnert. Man muss sich doch auch mal vorstellen, welche Arbeitszeit das Hinterherschnüffeln hinter hunderten »Verdächtigen« bindet, die lediglich auf ein Link zu einer Behördenseite geklickt haben. Werden bei den Sicherheitsbehörden nun bald IM für die ehrenamtliche Abfrage von IP-Adressen angestellt?

  6. stefanolix
    1.10.2007 | 11:24

    Björn: Da widersprechen sich nun zwei Sicherheitsfanatiker: wenn man nämlich den Suchbegriff »militante gruppe« gesperrt hätte, dann wäre es ja wahrscheinlich zu sehr wenigen Zugriffen gekommen, denen man hinterherspitzeln könnte …

  7. 1.10.2007 | 11:26

    @stefanolix

    Das DDR-déjà vu ist vielleicht nicht ganz so fehl am Platz. Bürokratien und Staat sind wohl dem Sozialismus wesensverwandte Institutionen. Deshalb ähneln sich die Mittel und zu fürchtenden Zukunftsszenarien.
    Lässt man diesen Herrschern zu viel Macht zuwachsen, endet es schlimmstenfalls eben im Gleichen.

  8. stefanolix
    1.10.2007 | 11:31

    Aber das BKA (»das merken die nie«) hat noch einen Honigtopf aufgestellt:

    Die Inhalte dieser Website werden mit größtmöglicher Sorgfalt recherchiert und implementiert. Fehler im Bearbeitungsvorgang sind dennoch nicht auszuschließen. Hinweise und Korrekturen senden Sie bitte an eine der hier aufgeführten Adressen des BKA.

    (Impressum des BKA)

    Sie glauben sicher, dass sich dort alle Schläfer und militanten Linken melden werden, die eine Korrektur zur Darstellung ihrer Gruppen übermitteln wollen ;-)

  9. 1.10.2007 | 11:32

    @stefanolix

    Die beiden Sicherheitsfanatiker könnten sich wahrscheinlich auf die Lösung einigen, dass die BKA-Seite dann auf eine “Whitelist” gekommen wäre, so dass praktisch jede Suchanfrage nach dem bösen Begriff nur auf sie hätte führen können. Das wäre beiden sehr entgegengekommen…

  10. stefanolix
    1.10.2007 | 11:38

    @Rayson: Ob das nicht ein wenig zu auffällig wäre? Sie könnten doch noch zehn Fake-Seiten bauen, damit der eine Treffer nicht so allein dasteht …

    Nein, mal im Ernst: ich habe früher geglaubt, dass Innenministerium und BKA ernstzunehmende und professionell arbeitende Institutionen sind. Ich frage mich wirklich, was von dieser Annahme am Ende des Jahres 2007 noch übriggeblieben sein wird.

  11. stefanolix
    1.10.2007 | 11:45

    In etwas holprigem Deutsch weist das BKA auf folgende Möglichkeit hin:

    Sollten Links eine Fehlerhaftigkeit aufweisen, die dem Ansehen des Hauses eher zu schaden neigt, kann jederzeit ein Hinweis hierzu unter info@bka.de abgegeben werden.

    (Quelle: ebenfalls das Impressum des BKA)

    Man wird nicht bestreiten können, dass die bewusste BKA-Seite dem BKA öffentlich Schaden zufügt. Vielleicht freuen die sich dort über ganz viele E-Mails, in denen auf den Unfug hingewiesen wird …

  12. 1.10.2007 | 11:52

    @stefanolix:

    Und antworten darauf in E-Mails die gleich versuchen dir den Bundestrojaner auf die Platte zu klöppeln. Ganz im Ernst, man kann als Staat die Bürger auch ganz gezielt in die Paranoia und Demokratieferne jagen. Ignorance is strength, und so. Zumindest landet der, der sich nicht über “gefährliche Themen” informieren will nicht so schnell in irgendwelchen Rasterfahndungsdatenbanken.

  13. 1.10.2007 | 12:02

    Passt gerade nur periphär, aber den Link wollte ich trotzdem verbreiten: Wie die Vorratsdatenspeicherung den investigativen Journalisten in Belgien schadet. Soviel auch wieder zur vierten Gewalt.

  14. 2.10.2007 | 12:41

    [...] Das Problem an der Sache ist klar: Als Bürger, der sich nichts zu Schulden hat kommen lassen, möchte man nur ungern auf einer Liste auftauchen, die potentielle linksradikale Gewalttäter identifiziert. Und schon gar nicht, weil man möglicherweise nur durch Zufall auf dieser Website landete. Bei Google dürften offizielle Seiten weiter vorne gelistet sein und “Militante Gruppe” wird nicht der einzige Weg sein, wie man auf besagter – und aus verständlichen Gründen hier nicht verlinkter – Website landen kann. Was also tun, um seinen Unmut zu bekunden? Stefanolix verweist auf die Möglichkeit dem BKA eine E-Mail zukommen zu lassen. [...]

  15. 6.10.2007 | 15:20

    Find ich gut!

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