26. September 2007
Gutes aus dem Schlechten? – Minima Moralia IV und Schluss
(Man kann) sich mit einzelnen Gedanken und Argumentationen Adornos auseinandersetzen, und dies, sofern man dies sorgfältig und geistreich genug tut, auch mit Gewinn.
Das schreibt “Schwerträger” hier drüben, und liefert mir damit die Einleitung zu meinem abschließenden Beitrag über die “Minima Moralia” von Adorno. Denn auch, wenn ich gegen vieles, was ich da gelesen habe, und wohl auch gegen den Autor selbst eine gewisse Abneigung empfinde (im Gegensatz zu vor der Lektüre, als er mir ebenso unbekannt wie egal war), habe ich aus diesem Werk einiges mitgenommen, was ich bedenkenswert finde.
Fast die gesamte Minima Moralia besteht eigentlich daraus, darzustellen, wie “beschädigt” im Sinne Adornos unser gesamtes heutiges Leben ist, und diese Kritik wurde zwar sicherlich durch die historischen Umstände begünstigt, die den Blick des Autors für das Hohle, Verdorbene und Verfälschte geschärft haben, aber viele der Kritikpunkte dauern fort und lassen sich auch auf unser Zeitalter beziehen. Das, obwohl wir weit jenseits jenes Faschismus sind, der in diesem Sinne wohl nur die Form ist, in der das “beschädigte Leben” besonders krass zutage tritt.
Gewinn habe ich vor allem in den Abschnitten erzielt, die irgendwie an mein eigenes Leben erinnern. Mehrfach war es so, dass eine Kritik Adornos mein eigenes Verhalten und Leben oder das der Menschen in meiner Umgebung zu beschreiben schien. Einige Male erschien mir die Kritik sinnlos und falsch; erheblich öfter aber sah ich mich gezwungen, zuzugeben, dass man das entsprechende Verhalten durchaus als verbogen oder gestört, “beschädigt” betrachten könnte. “Könnte”, dieses Wort finde ich durchaus wichtig; denn meistens war es allerdings so, dass ich bei mehrfachem Nachdenken Adornos Kritik zwar als eine interessante Sichtweise, dennoch aber eine andere Sicht der Dinge als richtiger empfand.
So etwa bei seiner Kritik an den Vereinsmenschen, die allerdings nur im Anhang der von mir gelesenen Ausgabe (als ein aus dem eigentlichen Werk gestrichener Abschnitt) erscheint. Trotzdem will ich sie als Beispiel nehmen. Adorno schreibt:
Der substantial citizen qualifiziert sich nicht allein durch sein Bankguthaben, ja nicht einmal durch den Tribut an seine Organisationen, er muss sein Herzblut spenden und die freien Stunden, die ihm vom Raubgeschäft übrigbleiben, als Vorsitzender oder Schatzmeister der Komitees zubringen, in die es ihn halb zog, während er halb hinsank. Keine Hoffnung ist ihm gelassen als der obligate Nachruf im Vereinsblättchen, wenn ihn sein Herzschlag ereilt.
Jaaa, diese Kritik nun kenne ich aus meiner eigenen Sozialisation, in der ich von absoluten Vereinsmeier-Hassern erzogen und unterrichtet wurde. Ich hatte sie selbst verinnerlicht, bis ich hierhin umgezogen bin und das Leben in Vereinen kennen gelernt habe. Trotz allem Abscheu habe ich mich, mit aller Wachsamkeit und Skepsis, auf das Vereinsleben eingelassen, weil mein Partner ein typischer Vereinsmensch ist. Und was habe ich entdeckt? Nicht nur diese Selbstqual mit dem Ziel der “Qualifizerung” gegenüber der Gesellschaft, sondern ein angenehmes, im besten Sinne solidarisches Zusammenleben von Menschen mit einem gemeinsam verfolgten Zweck. Einen Trost in der Gemeinschaft auch angesichts eines Herzschlags, der weit über den “obligaten Nachruf im Vereinsblättchen” (das ich übrigens mittlerweile selbst verfasse) hinausgeht.
Die Kritik Adornos in ihrer ursprünglichen, nicht nur durch eine bei der Umsetzung seiner Ideen gescheiterten Generation vermittelten, Form zu lesen hat mir einen langen Moment des Nachdenkens beschert. Denn diese Kritik ist ja nicht falsch, sie beschreibt auch einen Aspekt des Lebens, das um mich herum stattfindet, aber eben bei weitem nicht alle Aspekte, und vor allem nicht jene, die mir und den Menschen in meiner Umgebung die wichtigsten sind. Insofern hat meine Lektüre mir die Sinne geschärft, mich wieder dazu gebracht, darauf zu achten, ob und wie weit die Kritik zutreffender wird, meine Sicht der Dinge aber nicht wieder völlig umgekehrt – er hat meines Erlebens nach nur teilweise recht, und ignoriert teilweise grandios die Wahrheit.
Und solche Stellen gibt es einige. Darüber hinaus auch sicher einige, wo ich der Kritik an der Falschheit und dem Selbsttrug, die er übt, nichts entgegensetzen kann, die ich aber hier nicht zitieren will (es wird mir da zu persönlich). Insofern: Ja, ich habe aus dem Adorno einiges an Gewinn mitgenommen, und ich sehe auch, dass man Teile des Lebens, das wir leben, als ein “beschädigtes” wahrnehmen kann, und auch aus den Gründen, die der Philosoph aufführt. Nur mit dieser Absolutheit, die er proklamiert, dieser völligen Durchdringung aller Lebensbereiche durch die Beschädigung, mit der kann ich mich ganz sicher nicht einverstanden erklären.
Insofern glaube ich an ein “Richtiges Leben im Falschen”, weil ich nicht daran glaube, dass das Leben, das wir führen, tatsächlich ein so durch und durch falsches wäre, dass innerhalb dessen kein richtiges möglich sei. Ich bin weiterhin davon überzeugt, dass unser Leben, weil es ein irdisches ist, imperfekt und fehlerhaft sein wird, wir aber die Möglichkeit haben, es zu verbessern oder zu verschlechtern, und daran, dass mal dieses, mal jenes passieren wird. Sogar sicher bin ich mir, dass selbst, wenn unser Leben überwiegend dem Schlechten zuzuordnen sein mag (was ich an düsteren Tagen durchaus zu denken bereit bin), es trotzdem Gutes hervorbringen kann, dass eine schrittweise Annäherung an dieses möglich ist.
Und eine meiner Grundüberzeugungen bleibt auch weiter, dass wir für dieses Ziel weiterhin den “Sehenden” zuhören sollten, die uns mitteilen, dass alles in unserer Welt schlecht und von Übel ist, um dann zu entscheiden, welcher Teil ihrer Kritik angemessen und treffend ist – dass wir aber niemals ihrem Ruf Glauben schenken sollten, dass nur eine völlige Umkehr und Abwendung von unserer gesamten Existenz eine Besserung bedeuten kann. Um mit momorulez zu sprechen: Ich bin bereit, eine Flaschenpost zu lesen und über ihr zu grübeln – aber nicht, sie als meine Bibel zu nehmen und ihrer Wahrheit zu folgen.
Macht mich das jetzt zu einem Positivisten? Das kann ich nicht sagen, weil ich dazu die Fachtermini nicht genau genug kenne. Wenn es aber so sein sollte, dann trage ich die Bezeichnung mit Stolz.
P.S.: Ich bin in den vier Beiträgen überhaupt nicht auf die Abschnitte eingegangen, die mit Kunst und Ästhetik zu tun haben; diese habe ich mir nicht zugetraut. Denn ich bilde mir zwar einiges (zuviel?) auf meinen Verstand ein, in Bezug auf mein ästhetisches Empfinden und meinen Sinn für Kunst aber bin ich Realist: beides ist (von einer Liebe zu Versen abgesehen) völlig unterentwickelt.
P.P.S.: Wenn ich nach der Lektüre der “Negativen Dialektik” noch bei Verstand sein sollte (die Warnungen waren ja zahlreich), gibt es darüber auch noch einen Beitrag. Aber dann nur einen. B.L.O.G. soll ja nicht nur noch aus Adorno-Diskussionen bestehen, so fruchtbringend sie auch sein mögen…
Verfasst von Karsten um 00:25 Uhr in der Kategorie Grundsatzfragen, Politik, Steckenpferde der Autoren (Trackback)
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