Zweierlei Barbaren – Minima Moralia III

Was mir schon zu Beginn der MM-Lektüre aufgefallen ist, ist gegen Ende sogar noch deutlicher: Adorno verwendet den Begriff der “Barbaren” oder der “Barbarei” sehr gern. Das verbindet ihn auf den ersten Blick wieder einmal mit seinem Antipoden Popper, bei dem mir die reichliche Verwendung des Begriffes vom Barbaren ebenfalls auffiel. Wieder einmal neige ich dazu, hier eine historische Erklärung zu suchen – beide schrieben unter dem Eindruck des 2. Weltkrieges, einer Zeit, die sehr viele Autoren als einen Rückfall in die Barbarei betrachteten und bezeichneten.

Und doch – trotz dieser scheinbaren Ähnlichkeit habe ich nicht den Eindruck, dass die beiden das Gleiche meinen, wenn sie von Barbaren sprechen. Popper begegnet seinen Barbaren mit einer Mischung aus Abscheu und Furcht, er sieht den Barbaren als Mitglied einer vormodernen Horde, die mit äußerster Brutalität und dem Willen zur Vernichtung über die Zivilisation herfällt, diese auseinanderreißt und niederwirft. Für ihn liegt die Barbarei in der konkreten, zivilisationsbrechenden Tat.

Adorno hingegen spricht von seinen Barbaren voller Dünkel, aus einer Position der Überlegenheit gegenüber dem Primitiven heraus. Die Barbaren, die er meint, sind einfache Menschen, die nicht fähig sind, seinen geschliffenen Sätzen zu folgen, die nicht sein Verständnis von Kunst haben – schlicht: Barbarei ist für ihn die Einfachheit der meisten Menschen. Überhaupt empfinde ich Adorno als einen dünkelhaften Menschen, der seine Mitmenschen meist mit Arroganz von oben herab betrachtet und Respekt nur vor jenen zu empfinden scheint, die ähnlich sind und denken, wie er das tut.

Vielleicht hat er das selbst manchmal so empfunden, denn direkt zu Beginn des Buches spricht er von der Gefahr der Überheblichkeit, die den Intellektuellen trifft, weil er klüger und feinsinniger ist als die Masse der Menschen (oder dies zumindest glaubt) – geht dann aber nicht mehr näher darauf ein, so, als sei dieses Problem mit seiner Benennung bereits gebannt.

Wieder ein emotionaler Bericht – es fällt mir sehr schwer, MM sachlich anzugehen, weil man dann jedes Kapitel einzeln behandeln müsste. In der Vogelperspektive aber bleibt nur, die Empfindungen, die Adorno auslöst, zu beschreiben, was vielleicht gar kein inferiorer Zugang zumindest zu diesem Buch ist.

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43 Kommentare zu “Zweierlei Barbaren – Minima Moralia III”

  1. 25.09.2007 | 10:54

    Es gibt bei Adorno definitiv elitären Dünkel, der auch seine Theorien fast schon methodisch durchzieht. “Wahrheit ist nicht Kommunizierbarkeit mit jedermann” usw., das nervt schon kolossal.

    Die Differenz zu Popper ist aber weniger der Dünkel, den dieser ja Adorno gegenüber z.B. auch an den Tag legte, sondern, daß die Barbarei nicht einfach irgendwas Vormodernes ist, sondern in der Moderne selbst angelegt ist.

    Und man kann das natürlich jetzt als irgendwie elitär abtuen, was der geschrieben hat, und sich weiteren sachlichen Auseinandersetzung warum auch immer entziehen; im Grunde genommen bestätigt man darin aber die Gründe, die ihn zu dieser seltsamen Mischung aus Verachtung und Verzweiflung trieben.

    Sein ästhetischer und impliziter, normativer Maßstab ist einerseits wirklich so derart hoch angesetzt, daß auch daraus sich der Negativismus des Denkens erklärt.

    Andererseits hat der Mann eben erleben müssen, wie z.B. die Massenkultur unter Goebbels zum Progragandavehikel für den Völkermord mutierte, und war dann erschüttert, daß in Hollywood die gleichen, manipulativen Prinzipien wirken, deren Bann er zu brechen wünschte.

    Er hat erlebt, wie der industrielle Fortschritt unvorstellbare Kriegsführung ermöglichte, und der Holocaust wurde eben auch quasi-industriell vollzogen. Wo Marx noch alle Hoffnung in die Produktivkraftenwticklung setzte, hat Adorno dann aus dem Exil zusehen müssen, wie genau diese eben in Stalinismus und Nationalsozialismus in den größtmöglichen Schrecken müdete.

    Und der Dünkel erstreckt sich ja vor allem auf diese Bereiche – flache, positivistische Wissenschaft, dümmliche Technokratie und eben die Entkunstung der Kunst in der manipulativen Bedürfnisproduktion der Massenkultur wie auch im Tanz um den Warenfetisch.

    Der Dünkel bricht aber da in sich zusammen, wo er – und das ist dann der normative Maßstab – eben den Betrug um’s Glück in den Mittelpunkt der Analyse stellt. Die “Triebkräfte” werden permanent angestachelt, ihnen wird jedoch keine Erfüllung zuteil. Soll heißen: Er wähnt die Massen betrogen und glaubt, für deren Glücksmöglichkeit, einer freilich negativ-utopisierten, zu fechten.

    Das ist dann aber wieder implizit elitär, dieser Glaube, daß er wüßte, worin denn das “wahre Bedürfnis” der Massen bestünde. Halte ich tatsächlich für den allerproblematischten Punkt an der Kritischen Theorie, im Grunde genommen ist das eine Unverschämtheit.

    Nichtsdestotrotz ist seine “Formkritik” einfach unübertroffen. Achte doch – kleiner Tipp, sonst ist der Teddy wirklich schwer erträglich – mal genauer darauf, WIE er Denken vollzieht und was die Kriterien seiner Kritik sind. Das ist das, was von Adorno bleibt.

  2. 25.09.2007 | 11:19

    Das ist dann aber wieder implizit elitär, dieser Glaube, daß er wüßte, worin denn das “wahre Bedürfnis” der Massen bestünde. Halte ich tatsächlich für den allerproblematischten Punkt an der Kritischen Theorie, im Grunde genommen ist das eine Unverschämtheit.

    Und dies ist – raus mit dem Weihwasser! – ein zutiefst liberaler Einwand…

  3. 25.09.2007 | 11:56

    Interessant ist übrigens, dass der Walter Benjamin (der ja von den verschiedensten Seiten eingenommen wird: von Adorno ebenso wie vom Brecht und der Arendt…) einen positiven Begriff des Barbaren entwickelte, weil er im Gegensatz zum Zivilisierten noch der Erfahrung mächtig ist. Und der Bazon Brock hat dann daraus einen dicken Schinken mit dem Titel “Der Barbar als Kulturheld” gemacht.

    (Nur so als Randglosse).

    Hmmm…ob Adorno wirklich elitär war, weiß ich nun wirklich nicht. Ich glaube aus einer negativen Bestimmung von Glücksverstellung lässt sich kein Anspruch auf die positive Bestimmung wahren Glücks ableiten. Adorno war sich dessen wohl bewußt.

  4. T. Albert
    25.09.2007 | 13:31

    Den Vorwurf des Elitären und des elitären Dünkels finde ich schwach. Natürlich ist Wahrheit nicht Kommunizierbarkeit mit jedermann. Wenn ich, wie ein Kollege gestern forderte, “Rücksicht auf das Publikum” nehme, dann kann ich mit künstlerischer Arbeit gleich aufhören. Was ja grosso modo auch gerade geschieht, wenn Kunst kollektiven Kriterien des Funktionierens unterworfen wird. Und natürlich hat jeder eine efahrungsgemässe oder ästhetische Vorstellung vom guten oder richtigen Leben in sich, sei es nur als Sehnsucht. Und wenn ich davon ausgehe, dass A. eben die Barbarei auch an den eigenen glücklichen klassengebundenen Kinheitserfahrungen misst, dann tut er doch das genau richtige, nämlich was er als gelingend erfahren durfte, auch anderen zu wünschen. Das Leben des Proletariats und seine Umstände, die u.U. zu Lebensweisen führten, die weniger beglückend waren, kann ja eben nicht der Masstab sein. Das hab ich aber eh nie kapiert, den Proletkult, positiv oder negativ.

  5. 25.09.2007 | 13:53

    @T. Albert:
    Schon klar, Niveau sieht nur von unten aus wie Arroganz. Übrigens eine Abwehr gegen meinen Vorwurf, die auch Adorno selbst pflegt. Ich nehme an, diesen Vorwurf hat er bereits antizipiert.

  6. 25.09.2007 | 14:02

    Ist Adorno denn Künstler oder Philopsoph?

    Als Künstler kann er sicher auf Verständlichkeit verzichten und die Forderung nach dieser zurückweisen.
    Dies als Philosoph zu tun, scheint mir doch vermessen und dünkelhaft. Denn Philosophie handelt doch von der Wirklichkeit, die den Menschen umgibt und versucht diese, zu beschreiben und Ordnung hineinzubringen. Den derart Wirklichkeitsumgebenen die Einsichtsfähigkeit in die entdeckte Ordnung abzusprechen, erklärt einen selbst zum Übermenschen (jetzt nicht im Nietzsche’schen Sinn).

  7. 25.09.2007 | 14:09

    Hm, da Nietzsche gelegentlich die Möglichkeit der Einsicht in bestehende Ordnungen oder sogar das Bestehen von Ordnungen selbst abstreitet, ist das wohl eher keine der besonderen Qualitäten des Übermenschen. Philosophenkönig, im platonschen Sinne, käme eher ran. Aber ich glaube wirklich nicht, daß das Ganze tatsächlich mit einem Herrschaftsanspruch gekoppelt wird, von daher bleibt nur der Philosoph im platonschen Sinne. Und Du, mein Lieber, bist natürlich verblendet.

  8. 25.09.2007 | 14:12

    Genau, Boche, komm endlich raus aus der Höhle. :)

  9. 25.09.2007 | 14:15

    Verblendung in der dunklen Höhle, das ist Dialektik.

  10. 25.09.2007 | 14:17

    Höhlengleichnis, David, Höhlengleichnis.

  11. 25.09.2007 | 14:19

    Ebend, Karsten, ebend.

  12. 25.09.2007 | 14:34

    Herrschaftsanspruch wollte ich nicht unterstellen. Beziehungsweise: kann es mangels Wissen nicht.

    Der Vergleich mit dem Höhlengleichnis könnte es aber vielleicht treffen: Adorno würde sich als Zurückkommender sehen und die anderen als Schattenbildbetrachter ohne Hoffnung auf die eigene Klarsichtigkeit.
    Was als Gleichnis interessant ist, wäre als Selbststilisierung impertinent. Oder?

  13. T. Albert
    25.09.2007 | 14:34

    nee, mit Oben und Unten hat das ja nichts zu tun. Ich mache überhaupt niemandem den Vorwurf des Elitären, sondern versuche mich durch seine Texte durchzubeissen, wenn ich sie nicht kapiere. Kann sein, dass ich sie nie kapiere, dann ist eben die Kommunizierbarkeit nicht gegeben. Ich werfe ja auch einem Mises nicht vor, dass er so schreibt, dass sogar ich ihn verstehen kann. Ich tue den dann ja nicht einfach ab, weil er mir zu einfach wäre. Ich will schon wissen, was der zu sagen hat. Philosophie ist keine Kunst, aber Kunst hat das selbe Problem: wenn allgemeine Kommunizierbarkeit gefordert wird, dann können eine Menge Fragen gar nicht erst gestellt werden, und eine Menge Dinge nicht gedacht werden. Über die können wir dann auch nicht reden. Und, nein, es ist schlicht nicht möglich, mit sprachlichen Mitteln alles auf Anhieb adäquat zu verhandeln, wie es unmöglich ist, alles zum Beispiel nur mittels Zeichnungen adäquat darzustellen, nur zum hinkenden Vergleich. Kunst handelt übrigens auch von der Wirklichkeit, die den Menschen umgibt und versucht diese ordnend zu beschreiben. Was ich meine, ist ja dass, nehme ich mich selbst als Masstab für Verständigkeit oder Begriffsstutzigkeit, ich sehr viele Philosophen nicht verstehe, keinen Schelling, Hegel, Fichte, aber deswegen sind die ja nun nicht elitär. Nietzsche ist ja übrigens ein gute Beispiel, wenn ich das mal ein wenig verdrehen darf, was Boche sagt, dafür, dass viele Leute immer wieder meinen, der sei gut verständlich, und ihnen klar, was der meint. Leider, wenn ich mir die Folgen dieser Einbildung vergegenwärtige.

  14. 25.09.2007 | 14:42

    @T.Albert:
    Kompliziertes Schreiben, anspruchsvolle Texte allein würden bei mir nicht den Eindruck des Elitären erwecken. Es sind konkretere Textstellen, in denen Adorno ausdrücklich über die Dummen spricht, über die mir elitär erscheinen.

    Und Hegel… ich habe in der Schule noch sehr lange damit verbracht, sehr wenige Seiten Text von Hegel zu lesen und zu versuchen, sie zu verstehen. Und was ich nicht selbst verstand, das wurde mir von unserer Philo-Lehrerin erläutert. Im Nachhinein mag ich da Poppers Urteil über Hegel zustimmen: Dass dieser nämlich die Fähigkeit besaß, sehr simple Aussagen mit sehr komplexen sprachlichen Konstruktionen so weit zu verbrämen, dass sie genial erschienen; also kein tiefgehendes, präzises, dem Inhalt angemessenes Schreiben, sondern verbale Taschenspielerei. Genau diesen Eindruck hatte ich bei Adorno nicht; auch seine komplexeren Sätze haben nach meiner Dechiffrierung einen angemessenen Inhalt anzubieten gehabt.

  15. 25.09.2007 | 14:44

    @Boche:
    Herrschaftsanspruch kann man da auch wirklich keinen rauslesen. Eher zielt ja auch Adorno auf die Frage, wie man Herrschaft minimieren oder gar beseitigen kann; und in der gegebenen Lage weist er die Herrschaft ja ohnehin mehr Strukturen und Gegebenheiten zu als Personen, die noch in ihrer größten Machtfülle eigentlich machtlos Getriebene sind.

  16. 25.09.2007 | 15:02

    @Karsten

    Ich frag mich nur: Wenn man “der Masse” oder “den Barbaren” (oder vielen Menschen oder wie auch immer die von A. genannt werden) die Urteilsfähigkeit hinsichtlich der sie beherrschenden Mächte grundsätzlich abspricht (tut er das?) – bereitet man damit nicht autoritärer Herrschaft ideell (wenn auch ungewollt) den Boden?
    Denn wenn er, Adorno es besser versteht als die dummen Barbaren, so könnte es ein wohlmeinender Erzieher ja auch, oder?

  17. T. Albert
    25.09.2007 | 15:15

    @Karsten
    Was für Textstellen Du jetzt im Sinn hast, weiss ich ja nicht, aber diejenigen, die er in meiner Ästhetischen Theorie damit meint, sind, wenn ich ihn richtig interpretiere, eben diejenigen, die zu Kunst ein anderes als ein funktionales Verhältnis nicht einnehmen können, und darum den Witz der Sache nicht begreifen. Vereinfacht gesagt. Gefährlich wird das dann halt, wenn diese Leute aber meinen den Witz der Sache zu kennen, und daraus Schlussfolgerungen im Umgang mit ihr ziehen, die sie für verbindlich zu erklären versuchen. Die “Entartete-Kunst-Ausstellung” war ja nun schhon ein Sieg der alles usurpierenden Dummheit, die mit Stolz auf Erkenntnis verzichtete, und der Kunst prinzipiell Wahrheit, die zu interpretieren wäre, absprach, repektive sie tötete.

  18. 25.09.2007 | 15:45

    @Rayson:

    Ja, ich vertrete ja oft liberale Positionen, komischerweise sind das dann aber oft welche, die mit den euren nicht übereinstimmen, um das Kraut mal wieder aufzuwärmen ;-)

    @T. Albert + Lars:

    Also, der war schon ganz explizit elitär, der Adorno, aber eben nicht im Sinne, wie die “Leistungseliten” das heute sind. Und so als Seher im totalen Verblendungszusammenhang rumzulaufen, das ist schon auch haarig …

    “Natürlich ist Wahrheit nicht Kommunizierbarkeit mit jedermann. Wenn ich, wie ein Kollege gestern forderte, “Rücksicht auf das Publikum” nehme, dann kann ich mit künstlerischer Arbeit gleich aufhören.”

    Na, potenziell kommunizerbar muß es aber schon sein, wenn es denn wahr sein können soll.
    Wahrheit ist ja außerhalb von Kommunikation gar nicht vorstellbar, und daß auch Adorno noch einem übergreifenden “Das ist Wahrheit” festgehalten hat, das ist ja eher ein Problem. Wahrheit ist immer die Relation zwischen Kommunikationsmedium und Sache und nur auf der Ebene des Kommunkiationsmediums überhaupt feststellbar.

    Das hat mit “Rücksicht auf’s Publikum” auf gar nix zu tun. Man kann ja auch hammerhart schwierig kommunizieren, und die prinzipielle, allgemeine Möglichkeit, das jedermann verständlich machen zu können, die ist schon konstitutiv für Kommunkation überhaupt, weil das “jedermann” ja keine Aussage über konkrete Personen ist.

    Daß nun konkret Boche z.B. vieles auch nicht vermittelbar sein wird, das ist ja kein Grund, diesen Satz zu formulieren, weil die Pointe ein ErkenntnisPRIVILEG ist, und das ist schon Dünkel.

    @Boche:

    “Als Künstler kann er sicher auf Verständlichkeit verzichten und die Forderung nach dieser zurückweisen.
    Dies als Philosoph zu tun, scheint mir doch vermessen und dünkelhaft. Denn Philosophie handelt doch von der Wirklichkeit, die den Menschen umgibt und versucht diese, zu beschreiben und Ordnung hineinzubringen.”

    Das ist komplett falsch. Derrida hat z.B. programmatisch vertreten, man müsse möglich alls in Unordnung bringen, und das war auch nicht nur falsch, und Kunst handelt auch von der Wirklichkeit, aber anders.

    Z.B. Heidegger – ja, Nazi, trotzdem großer Philosoph, und “Sein und Zei” ist inden 20er Jahren erschienen – hatte die Position, daß die gängige Umgangssprache nicht hinreicht, seine Gedanken und Welt zu erfassen, und hat dann teils hochpoetisch eben seine Sprache entworfen, was völlig in Ordung ist – wie ich ja auch physikalische Gleichungen nicht lesen kann.

    Und das ist dann zunächst mal keine Frage von Dünkel oder nicht, sondern von Wegen, sich Wahrheiten anzunähern und diese zur Darstellung zu bringen. Einstein war ja auch nicht dünkelhaft, nur weil ihn zunächst niemand verstand. Da sind schon noch zwei paar Schuhe – Adornos Elitarismus bestand ja in einer bestimmten sozialen Positionszuweisung, die aber in der Tat nie, nie, nie mit irgendeinem politischen Herschaftswollen gekoppelt sich fand.

    @Karsten:

    “Im Nachhinein mag ich da Poppers Urteil über Hegel zustimmen: Dass dieser nämlich die Fähigkeit besaß, sehr simple Aussagen mit sehr komplexen sprachlichen Konstruktionen so weit zu verbrämen, dass sie genial erschienen; also kein tiefgehendes, präzises, dem Inhalt angemessenes Schreiben, sondern verbale Taschenspielerei.”

    Sorry, da ist jetzt aber selbst ‘ne Form von Dünkel, und eine, die ich viel schlimmer finde als jene Adornos.

    Ich bin echt kein Hegel-Experte, und das, was ich von ihm weiß, überzeugt mich gar nicht, aber sowas wie “Phänomenologie des Geistes” schreib Du mal erst in ach so klaren Worten. Das ist als intellektuelle Leistung schon immens, und das läßt sich auch nicht mal eben als Taschenspielerei verkaufen.

    Ich finde, man hat Adorno schon einen gewissen Respekt vor Nicht-Schönberg-Hörern abzuverlangen, aber das gleiche gilt auch umgekehrt. Und rein historisch waren’s nun wirklich selten jene mit dem “gesunden Menschenverstand”, die sanktioniert wurden, das mal so am Rande erwähnt …

    Kurz noch zu Platon, den Philosophenkönigen und der Dialektik: Seine Philosphenkönige sind Spezialisten, die schlicht mehr wissen, also sowas wie Friedman als Regierungsberater. Das ist das Konzept der Expertenherrschaft, das sich gegen alle demokratischen Tugenden gerade wieder durchsetzt. Zu Platons Zeiten gab es ja noch nicht Einzelwissenschaften im heutigen Sinne, und über mathematik hat der auch philosphiert.

    Und Dialektik heißt bei Platon eben DIALOG, deshalb hat er ja auch solche geschrieben und nicht Abhandlungen, übrigens welche mit toller, literarischer Qualität. Pro und Contra, für und Wiederrede. Das mal zur Genese des Begriffs “Dialektik”.

  19. 25.09.2007 | 16:02

    @MR:
    Ich habe ja darauf hingewiesen:

    Und Hegel… ich habe in der Schule noch sehr lange damit verbracht, sehr wenige Seiten Text von Hegel zu lesen und zu versuchen, sie zu verstehen.

    (Selbstzitate sind schon lustig)

    Wie soll ich denn darauf reagieren, wenn am Ende dieses Prozesses ein Ergebnis steht, das mir im Vergleich zum sprachlichen Aufwand, den Hegel da getrieben hat, unangemessen erscheint? Leider weiß ich nicht mal mehr genau, was ich da eigentlich gelesen habe, gerade weil mir das Ergebnis dieses ganzen Aufwands nicht wert erschien, mich weiter mit Hegel zu beschäftigen. Vielleicht habe ich ja auch die falschen Sachen gelesen… auf jeden Fall aber hatte ich, als ich in den “Feinden der Offenen Gesellschaft” dieses “Taschenspieler”-Urteil Poppers las, mich sofort an meine eigenen Versuche mit Hegel erinnert und mich bestätigt gefühlt.

    Und Dünkel trifft es ohnehin nicht so genau. Ich behaupte nämlich nicht, dass ich besser oder auch nur annähernd so präzise denken und formulieren kann wie irgend einer von diesen Herren, ob es nun Popper ist, Adorno, Habermas, Platon oder auch Hegel. Sonst würde ich ja jetzt auch Texte für philosophische Vorlesungen schreiben und keine Blogbeiträge…

  20. 25.09.2007 | 16:05

    @Boche:

    Das ist ziemlich genau der Argumentationsstrang von Schelsky bis Filbinger (sorry, wirklich keine Anspielung auf die andere Diskussion!), den Du da eröffnest, falls Du Dich in deren Tradition wirklich wohl fühlst.

    Das ist doch aber absurd, schreib Du noch mal über Denkverbote. Das würde dann für Libertäre oder einsame, liberale Streiter in Zeiten des Keynsianismus genau so gelten. Oder bzgl. eines Stücks von Beckett, dem man dann unterstellen müßte, er habe die ideelle Grundlage dafür gelegt, daß irgendwelche Diktatoren dazu zwingen könnten, in seine Stücke zu gehen.

    Horkheimer/Adorno haben ihre “Dialektik der Aufklärung” selbst als “Flaschenpost” bezeichnet, weil sie gar nicht davon ausgingen, daß das jemand lesen würde, sondern eher, daß vielleicht irgendjemand es zufällig mal finden könnte, wo und wann auch immer.

  21. 25.09.2007 | 16:11

    Nein Momo. Was als elitär rüber kommt, sind verschiedene Momente. Mir fallen spontan zwei ein, sind aber bestimmt mehrere.

    1. Adorno hat mehrfach darauf hingewiesen, dass er es für eine grundlegende Gewalt hält, zum Mitmachen gezwungen zu werden. Die Verachtung des Jazz (den er im übrigen selbst hörte, zumindestens hatte er Platten, wie er Horkheimer einmal schrieb) und der popularen Musik ist nicht auf einen elitären Hang a la E und U zu reduzieren. Halte ich für grund falsch. Schließlich hat er genauso eine ganze Reihe von elitärer Klassik kritisiert (Wagner, Sibelius, Strawinsky).
    2. Ich finde, Du unterschlägst bei Adorno und Horkheimer die Konzeption von historischer Wahrheit. Davon haben sie ja im Falle der Dialektik der Aufklärung auch Gebrauch gemacht. Im Vorwort gibt es einen Passus der Selbstdistanzierung.

    3. Die Flaschenposthaltung ist nicht die des Elitären. Die Kritische Theorie hielt klar einen bestimmten Zugang für den wahren, aber der gilt weder “für immer”, noch sahen sie sich selbst als die einzigen Sehenden. Nicht zu wissen (d.h. es für möglich zu halten) ob da jemand ist, der den Faden aufnimmt (Prinzip Flaschenpost), ist nicht dasselbe wie davon auszugehen, dass es keinen gibt, der den Faden aufnehmen könnte (was ein intellektueller Elitismus wäre). Elitismus verstehe ich dabei definitiv nicht als leistungsgebunden, aber er hat einen exklusiven Charakter, der den Positionsinhabern gegenüber anderen Vorteile garantiert und den Zugang systematisch begrenzt oder aufrecht erhält. Wenn man sich auf die Insitutspolitik hinsichtlich der Organisation der Soziologiestudiengänge in Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg anschaut, dann war da die Haltung im Gegensatz zu anderen Vertretern der Disziplin alles andere als ein Elitismus zu spüren.

  22. 25.09.2007 | 16:11

    @Karsten:

    Es gibt aber unter Anti-Schwurblern schon diesen Dünkel … und Popper mag sich ja noch so sehr mit dem “Wiener Kreis” gestritten haben, aber alles, was nicht in deren Wahrnehmungshorizont paßte, als “Scheinproblem” zu klassifizieren, diesen Gestus hat er schon auch übernommen.

    Und wenn Du da mehr in Hegel nicht fandest, vielleicht hat’s ja an Dir gelegen?

    Die Form selbst ist ja auch immer ‘ne Aussage und kein Trick, würde ich mal behaupten … und in Sachen Stil habe ich übrigens noch keinen Philsophen gelesen, der Adorno das Wasser reichen konnte. Und auch in dessen Fall hat das Aussagecharakter.

    In ästhetischer Analogie, den erspare ich Dir jetzt nicht, ist die Poppersche Forderung an Hegel analog zum sozialistischen Realismus. Ist so.

  23. 25.09.2007 | 16:13

    “Flaschenpost”: *LOL*

  24. 25.09.2007 | 16:15

    @Boche/MR:
    Ich bin auch nicht der Ansicht, dass man da einfach eine Linie von Adorno in den Totalitarismus ziehen kann. Denn zusätzlich zur Kritik braucht man dort noch eine Denk- und Handlungsanweisung, die eine sofortige, zielgerichtete Aktion hin zu einem bestimmten Ziel und mit bestimmten Methoden notwendig scheinen lässt. Genau das findet man zumindest in der MM aber überhaupt nicht; im Gegenteil, als Leser bleibt man eher fassungslos mit der “Was nun?”-Frage zurück, wenn man sich auf Adornos Kritik einlässt.
    Und wie ich schon im ersten Teil dieser kleinen Reihe schrieb, war es ja wohl auch eher so, dass Adorno selbst von den radikal-revolutionären Studenten schockiert, ja, abgestoßen war.

  25. 25.09.2007 | 16:18

    Na ja, ich argumentiere hier sowieso ziemlich ins Nebulöse hinein. Da ich Adorno nie gelesen habe und mich hier nur auf die Dinge berufe, die andere von dem erzählen, was sie gelesen haben, nehme ich alles zurück und behaupte das Gegenteil. Und damit bin ich dann hoffentlich in einer Tradition, in der ich mich wohlfühlen darf.

    Interessant allerdings, dass Philosophie Wirklichkeit nicht zu beschreiben versuchen soll. (Ordnung hineinzubringen und sei es mittels erfundener Sprachen oder Begriffe ist ja nichts anderes.) Das nehme ich erleichtert zur Kenntnis. Denn dann fühlt sich der Mangel auf der Liste der von mir gelesenen Bücher nicht mehr so schmerzhaft an. ;-)

  26. 25.09.2007 | 16:18

    @Wasserreichen: Ich wüsste da jemanden, aber das ist eher eine ideosynkratische Vorliebe und ist quasi direktes Denkumfeld…

  27. 25.09.2007 | 16:48

    Halb am Thema, momo:

    Noergler gibt bei Euch drüben ein gutes Beispiel dafür, warum manch einer auf dieser Seite des Flusses eben keine Lust hat, sich mit den Denkern auf eurer Seite auseinanderzusetzen, sie gar zu lesen:
    Wenn man sie nämlich gelesen hat und versucht, sich ihnen kritisch zu nähern, wenn man sie nach diesen Gedanken nicht überzeugend findet, dann kommt mit ziemlicher Sicherheit der Hinweis darauf, dass einem eben Intellekt und Bildung fehle, um sie überhaupt zu verstehen, und dass man erst eine lange Liste von Büchern und Denkern studiert haben müsse, bevor man sich zu dem Thema überhaupt äußern darf.
    Und will man eine andere Meinung äußern als der, der in dieser Argumentationstradition steht, kommt gern mal dies:

    Wäre ich im sog. “Positivismusstreit” an der Stelle Adornos gewesen, hätte ich dem Hänschenklein der Erkenntnistheorie ein paar Lektüreempfehlungen gegeben, verbunden mit dem Hinweis, daß er nach deren Studium, so in zehn Jahren, sich wieder zu Wort melden darf.

    Schade, dass ich Adorno Dünkel vorgeworfen habe. Denn den sieht man dann erst hier.
    Wobei auch von unseren Stammkommentatoren sich manch einer gern dieser Technik bedient, was Rayson ja neulich so ärgerte.

  28. T. Albert
    25.09.2007 | 16:49

    @MR
    Also, der war schon ganz explizit elitär, der Adorno, aber eben nicht im Sinne, wie die “Leistungseliten” das heute sind. Und so als Seher im totalen Verblendungszusammenhang rumzulaufen, das ist schon auch haarig …

    eben, deshalb weiss ich nie, was ich damit anfangen soll, mit dem Elitär-Vorwurf. Naja, und der “Seher”, ich weiss nicht, wenn ich ehrlich sein soll, überkommt mich ja ein leichter Schrecken bei diesen Einschätzungen. Was ist denn “elitär”, um Himmels Willen. Ist Madonna dann nicht eltär?Auf jeden Fall ist sie Teil der gesellschaftlichen Eliten, so wie die sich gerade verstehen.
    Der einsame Cezanne hat ja mal gesagt: gegen mich sind alle anderen Arschlöcher. Ist das elitär? Ausserdem hatte er recht, ich seh das auch so. Bin ich jetzt elitär? Ob Adorno einen Dünkel hatte, ist mir auch insofern nnicht wichtig als ich den Mann ja persönlich nicht kannte. Ästhetische Positionen sind übrigens keine Orte der Gemütlichkeit, das muss man auch mal sehen, und die Ausschliesslichkeit bezügl. Zwölftonmusik ist eine normale Sache, wenn ästhetische Positionen einander begegnen. Da wird dann schon mit härteren Bandagen gekämpft, weil wir eben sowieso im politischen Zusammenhang arbeiten. Das seh ich jetzt nicht als harmlos, auch nicht als elitär, was dann fast jeder wäre, sondern u. U. als notwendig an.

    Mit dem Verstehen ist das so eine Sache. Nee, ich find überhaupt nicht, dass Kunst jedermann verständlich zu sein habe, weil sie es nicht ist. Sage ich einfach so. Auch dem Künstler ist viele Kunst nicht verständlich, und das ist gut so. Manchmal kann man die eigenen Sachen nicht wirklich verstehen, und das ist auch gut so, sonst kämen wir nicht vorwärts. Potentiell kommunizierbar ist sie ja ohnehin, wer könnte einen Gegenstand machen über den nicht gesprochen werden könnte? Wir sind ja zur Herstellung von Bedeutung auch verdammt. Aber die zu interpretieren ist nicht nur ein sprachlicher Vorgang, sondern auch ein körperlicher. Wenn man mir vorwirft, dass sei keine Kategorie, dann soll es so sein, und ich bin so elitär, dass ich Bedeutung auch fühle. Tut aber jeder jeden Tag unentwegt auf alle möglichen Dinge bezogen. Auf Kunstwerke bezogen gibt es schon ein Erkenntnisprivileg, was ich oben aber gar nicht meinte. Nur ist dies Privileg ein individuelles, situativ, und nicht abhängig von der gesellschaftlichen Positionierung. Ganz und gar nicht, weshalb ich das auch nicht gegen Boche gemeint habe. Es ist ein demokratisches Privileg des Einzelnen, dessen nur er sich bewusst werden kann, sogar unabhängig vom Bildungsgrad. Es geht ja um die Möglichkeit dieses Privileg wahrnehmen zu dürfen.

  29. T. Albert
    25.09.2007 | 16:57

    och, jetzt war ich zu langsam; MomoRules jetzt haste mittlerweile selbs gesagt, was ich Dir sage. Lars hat das besser gesagt, als ich es kann. ber ich betreibe hier gerade nebenher auch noch ernsthafte Arbeit an der Erkenntnis von Tizian und der Häutung des Marsyas: Ich kann nicht sagen, dass ich das schon kapiert hätte. Den Schrecken im heiteren Bild versuche ich in vielen Zeichnungen mit Bleistift nachzuvollziehen. Wie hat der das gemacht, der Tizian?

  30. 25.09.2007 | 16:57

    @Karsten: Der intellektuelle Schwanzvergleich eben. Wer nicht die ganze Tradition verinnerlicht hat, der hat auch nichts zu sagen. Selbständiges Denken und Vernunft können überhaupt erst im Licht der Tradition gerechtfertigt und wirkungsvoll sein, wer nicht Adorno ist, der soll besser über Adorno schweigen. Die gelesenen Regalmeter werden zum Maßstab philosophischer Größe und es fehlt nicht mehr viel zur expliziten Forderung, Vernunft ganz durch Bildung zu ersetzen. Das ist Belesenheitspornographie.
    Aber witzig.

  31. Libero
    25.09.2007 | 17:23

    @Boche

    Habe ich überlesen, daß MomoRules etwas über den musischen Menschen Adorno geschrieben hat?

    Adorno Hoffnung war es, auch als Komponist und Musiker erfolgreich zu sein und ernstgenommen zu werden. Die Mißerfolge als Komponist haben sicherlich sein Denken beeinflußt. Zu seiner Musik kann ich leider nicht viel sagen. Er war wohl auch als Klavierspieler und Liedbegleiter ein ernstzunehmender Musiker, hat auch Musikkritiken geschrieben. Ich war schon sehr überrascht, seinen Namen in Lebenserinnerungen von Komponisten und Musikern zu finden.

  32. 25.09.2007 | 17:35

    @Libero

    Weiß nicht.

  33. 25.09.2007 | 18:39

    Sehe gerade, daß ich mich dazu hinreißen ließ, oben “Bildung” in einem verstümmelten Sinne zu verwenden, der dem unserer Kultusbeamten nahekommt, wenn auch von einer anderen Seite. Besser gewesen wäre da “Wissen”.

  34. 26.09.2007 | 9:09

    @Lars:

    Mit dem Flaschenpost-Zitat wollte ich nix Elitäres belegen, sondern im Gegenteil die Haltung der Autoren zu den Konsequenzen ihrer Theorie illustrieren: Während z.B. ein Friedman offen als Regierungsberater auftritt, sahen sich Horkdorno in jeder Hinsicht in der Diaspora. Deshalb hat man, will man gegenwärtige, totalitäre Tendenzen kirtisieren, ja auch bei Freidman anzufangen und nicht beim konsequentest antitotalitären Adorno.

    Unterschlagen tue ich hier schon deswegen nix, weil ich hier keinerlei Gesamtdeutung liefere. Und daß er auch Wagner kritisierte bedeutet ja noch lange nicht, daß seine Jazz-Kritik nicht elitär war. Der ist schon ganz schön eurozentristisch zudem, der Adorno. Lies doch noch mal, was Bourdieu an ihm auszusetzen hatte – aber bevor ich auch noch schuld bin, daß Liberale mit Bourdieu Adorno kritisieren, referiere ich das mal lieber nicht :-)

    @Boche:

    “Interessant allerdings, dass Philosophie Wirklichkeit nicht zu beschreiben versuchen soll. (Ordnung hineinzubringen und sei es mittels erfundener Sprachen oder Begriffe ist ja nichts anderes.) Das nehme ich erleichtert zur Kenntnis.”

    Mußt Du eigentlich immer zwanghaft Gründe lifern, sich Dir gegenüber elitär zu verhalten?

    @T. Albert:

    “Der einsame Cezanne hat ja mal gesagt: gegen mich sind alle anderen Arschlöcher. Ist das elitär?”

    Ja, aber bei Cezanne halb so schlimm, weil der eben kein Gesellschaftstheoretiker war. Das Problem ist doch bei Horkdorno, daß der Maßstab der Kritik so derart drastisch bildungsbürgerlich übersteigert daher kommt, daß sie aber aus diesem Maßstab dann Beschreibungen gesellschaftlicher Vorgänge ja fast schon ableiten, die das Selbstverständnis von Personen ganz im Gegensatz zur Utopie der Emanzipation überhaupt nicht mehr ernst nimmt, ganz im Gegensatz zu Habermas, übirgens.

    Was im übrigen NICHT für ihre Analysen des Antisemitismus gilt, liber Boche, bilde Dich doch mal auf dem Gebiet, anstatt irgendwelchen Mythen hinterherzuhecheln, da sind die nicht schlecht zum anfangen, die beiden, also Horkheimer und Adorno, und auch kein Stück elitär.

    “Ästhetische Positionen sind übrigens keine Orte der Gemütlichkeit,”

    sagt ja auch keiner

    “das muss man auch mal sehen, und die Ausschliesslichkeit bezügl. Zwölftonmusik ist eine normale Sache, wenn ästhetische Positionen einander begegnen.”

    Ja, es ist doch aber abstrus, Schwarzen in den USA zu Zeiten der Rassentrennung dann zu ssagen: Nun hoppelt hier mal nicht so rum, ihr wollt doch nur marschieren, setzt euch lieber in’s Hinterzimmer und hört einsam Schönberg. Ich bitte Dich. Der Mann hat immerhin im Sinne Marxscher Emanzipation geschrieben.

    “Da wird dann schon mit härteren Bandagen gekämpft, weil wir eben sowieso im politischen Zusammenhang arbeiten.”

    Ja, das ist ja auch das, was von Adorno bleibt, z.B. Beckett gegenüber Brecht favorisiert zu haben, anders als Benjamin.

    Deshalb gilt das, was ich oben über die Schwarzen in den USA schrub, trotzdem als relevant, und dieses Eskapistische, was Adorno dann beschwor, kann doch nur die halbe Wahrheit sein. Und er hat die als eine behauptet, die das Ganze als das Unwahre demaskiert. Und schon darin liegt doch was Elitäres.

  35. 26.09.2007 | 11:33

    “was Adorno dann beschwor, kann doch nur die halbe Wahrheit sein. Und er hat die als eine behauptet, die das Ganze als das Unwahre demaskiert. Und schon darin liegt doch was Elitäres.”

    Ist eigentlich niemanden aufgefallen, was für einen irrwitzig komischen Schwachsinn ich da geschrieben habe? Ja, ich weiß, ihr glaubt, das täte ich grundsätzlich, aber das schon echt volldoof (was ich eigentlich meinte, natürlich nicht!).

  36. 26.09.2007 | 13:21

    Die halbe Wahrheit demaskiert das ganze als das Unwahre, klingt für mich, ohne Aristoteles und Aquin natürlich, dialektisch voll knorke ;-)

  37. 26.09.2007 | 13:22

    Mußt Du eigentlich immer zwanghaft Gründe lifern, sich Dir gegenüber elitär zu verhalten?

    Sieh es als kleinen Gefallen, den ich dir tue, dein wahres Ich bzw. die elitäre Sau rauszulassen.

  38. 26.09.2007 | 13:23

    “Ja, ich weiß, ihr glaubt, das täte ich grundsätzlich”

    So würde ich’s auch wieder nicht ausdrücken…

  39. 26.09.2007 | 14:39

    @Boche:

    Typisch Psycho, anderen ein “wahres Ich” zu diagnostizieren …

  40. 26.09.2007 | 15:51

    Ja, so sind wir.

  41. 26.09.2007 | 22:34

    Momo,

    Es ist schon witzig diese Diskussion an verschiedenen Stellen unterschiedlich zu führen.
    Die Referenz auf Flaschenpost war darauf gemünzt, dass sie einen elitären Zugang zum Phänomen ausschließt, die zweite Referenz, darauf, dass ich nach Abgabe des Kommentars entdeckte, dass Du ebenfalls damit argumentiertest.

    Gerade weil wir keine Gesamtinterpretationen liefern, sind wir der KT treuer als man erwarten möchte. Und Du hast recht, ein kritisierter Wagner macht noch keine Wertschätzung des Jazz.
    Die Bourdieu-Kritik an Adorno kenne ich, aber ich halte sie für problematisch, da, ich habe es eben drüben geschreiben, die KT sich gerade als Moment in der Gesellschaft und als Praxis verstand, was Bozrdieu nicht so wahrnahm, der ja im Grunde genommen an Adorno ein Kritik scholastischer Vernunft exerzieren wollte.
    Zum Jazz-Aufsatz: a) welchen meinst Du eigentlich? Es gibt ja zwei.
    b) Aber dass sich Jazz viel eher dazu eignet, im Kaufhaus das hohe Lied der Ware zu untermalen als ein sein eigenes Singspiel – das stimmt schon. Dass aber auch der Free Jazz der 60er oder der Fusion der 70er für viele Hörer etwas Zumutendes hat, auch nicht sofort verständlich ist, macht den ja auch nicht elitär. Du wirst jetzt sagen, dass war kein Argument Adornos – und Du hast recht. Aber der Jazz der 30er und 40er war etwas anderes als der Jazz der 50er, 60er und 70er. Und nachdem Adorno musikalisch gerade auf Konstruktionen so viel wert legte, mag ihn das dazu verleitet haben, auch noch in diesen Formen, so er sie kannte, die relativ einfachen Strukturen der älteren Formen zu identifizieren.

    c) Dennoch mal anders gefragt, was wären Deine Merkmale von “elitär”?

    Aber laß uns vielleicht darüber im Frühjahr diskutieren, da ich im kommenden Semester mich eingehender mit den Arbeiten zur Kulturindustrie zu beschäftigen gedenke.

    Meine kritischen Ansatzpunkte bei Adorno wären ja ganz andere, nämlich bei der unhaltbarer Konzeption von Familie, die von einer historischen Dynamik ausgeht, die sich so nie vollzog und bei deren Rückgriff auf die Psychoanalyse, wo wir uns ja einig sein dürften.

  42. 27.09.2007 | 9:44

    @lars:

    Na, da steckt aber schon mehr in der Bourdieu-Kritik, Distinktion durch kulturelles Kapital ist ja nix Triviales. Ich hab’s mir bisher verkniffen, aber das steckt auch in diesen ganzen kulturalistischen Neo-Rassimen. Wobei Bourdieu schlicht die ästhetische Wahrheit als solche ignoriert hat durch seine Reduktion auf Funktionsbestimmungen, aber den Effekt kennst Du ja auch gut ;-)

    Ich meine den Jazz-Aufsatz, der unter dem Pseudonym “Rottweiler” erstmals erschienen ist, ich glaube, der heißt einfach “Über Jazz”. Und die Jazz-Geschichte ist mir auch geläufig, aber ich kann auch an Glenn Miller nix Böses finden.

    Und kennst Du diese Geschichte vom Nazi-Film über “Negermusik”, der fürchterlich abschrecken sollte, den sie dann aber aus dem Kino nahmen, weil der totale Begeisterung auslöste? Hast Du mal die Bilder von Schwarzen in den USA aus den 40er und 50er Jahren gesehen, wie die zu Swing tanzten? Der Hammer. Dafür wrde ich denen, ohne jede Ironie, ewig dankbar sein.

    “Aber dass sich Jazz viel eher dazu eignet, im Kaufhaus das hohe Lied der Ware zu untermalen als ein sein eigenes Singspiel – das stimmt schon.”

    Komm, das ist jetzt aber trvial. Das gilt zum einen für Bach auch, für Preßlufthämmer aber nicht. Klar, Noise-Pop gab und gibt es auch, aber irgendwann wird das Geräusch immer zum Klang.

  43. Hannes
    28.09.2007 | 11:21

    Elitär?
    Adorno: Sofern die Gesellschaft die Menschen gängelt, geht in jedem dieser Menschen das Genie verloren.
    Wie nun aber die Wahrheit über die Gesellschaft an Menschen kommunizieren, die von dieser gegängelt sind und nunmehr die Gesellschaft internalisiert haben und repräsentieren?
    Dass Adorno ein Seher im Verblendungszusammenhang war, wußte Adorno auf sein Glück, Zeit zum denken zu haben und auch noch dafür bezahlt zu werden, zurückzuführen. So richtig überzeugt war er dann doch nicht von seiner Erkenntnis. Wer gebraucht schon soviele Konjunktive, wer schon kommt nie zum Punkt? Adorno.
    Hayek etc. waren viel eindeutiger und konsequenter bei der Formulierung ihrer Einsichten. Warum also wird gerade Adorno Elitarismus vorgeworfen?

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