25. September 2007
Zweierlei Barbaren – Minima Moralia III
Was mir schon zu Beginn der MM-Lektüre aufgefallen ist, ist gegen Ende sogar noch deutlicher: Adorno verwendet den Begriff der “Barbaren” oder der “Barbarei” sehr gern. Das verbindet ihn auf den ersten Blick wieder einmal mit seinem Antipoden Popper, bei dem mir die reichliche Verwendung des Begriffes vom Barbaren ebenfalls auffiel. Wieder einmal neige ich dazu, hier eine historische Erklärung zu suchen – beide schrieben unter dem Eindruck des 2. Weltkrieges, einer Zeit, die sehr viele Autoren als einen Rückfall in die Barbarei betrachteten und bezeichneten.
Und doch – trotz dieser scheinbaren Ähnlichkeit habe ich nicht den Eindruck, dass die beiden das Gleiche meinen, wenn sie von Barbaren sprechen. Popper begegnet seinen Barbaren mit einer Mischung aus Abscheu und Furcht, er sieht den Barbaren als Mitglied einer vormodernen Horde, die mit äußerster Brutalität und dem Willen zur Vernichtung über die Zivilisation herfällt, diese auseinanderreißt und niederwirft. Für ihn liegt die Barbarei in der konkreten, zivilisationsbrechenden Tat.
Adorno hingegen spricht von seinen Barbaren voller Dünkel, aus einer Position der Überlegenheit gegenüber dem Primitiven heraus. Die Barbaren, die er meint, sind einfache Menschen, die nicht fähig sind, seinen geschliffenen Sätzen zu folgen, die nicht sein Verständnis von Kunst haben – schlicht: Barbarei ist für ihn die Einfachheit der meisten Menschen. Überhaupt empfinde ich Adorno als einen dünkelhaften Menschen, der seine Mitmenschen meist mit Arroganz von oben herab betrachtet und Respekt nur vor jenen zu empfinden scheint, die ähnlich sind und denken, wie er das tut.
Vielleicht hat er das selbst manchmal so empfunden, denn direkt zu Beginn des Buches spricht er von der Gefahr der Überheblichkeit, die den Intellektuellen trifft, weil er klüger und feinsinniger ist als die Masse der Menschen (oder dies zumindest glaubt) – geht dann aber nicht mehr näher darauf ein, so, als sei dieses Problem mit seiner Benennung bereits gebannt.
Wieder ein emotionaler Bericht – es fällt mir sehr schwer, MM sachlich anzugehen, weil man dann jedes Kapitel einzeln behandeln müsste. In der Vogelperspektive aber bleibt nur, die Empfindungen, die Adorno auslöst, zu beschreiben, was vielleicht gar kein inferiorer Zugang zumindest zu diesem Buch ist.
Verfasst von Karsten um 10:24 Uhr in der Kategorie Grundsatzfragen, Politik, Steckenpferde der Autoren (Trackback)
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