18. September 2007
Markt und Microsoft – Urteil und Exkurs
Vor etwa 10 Jahren war ich noch fest davon überzeugt, daß im PC-Bereich ein auf Dauer ungesunder Mechanismus einer fast automatischen Monopolisierung des Marktes, maßgeblich auf der Basis von Kompatibilität/Inkompatibilität wirke. Den ungesunden Mechanismus gibt – oder gab – es tatsächlich, nur an seine Dauerhaftigkeit glaube ich heute nicht mehr.
Es sind einige Dinge, die da zusammenwirkten: Der weitverbreitete computertechnische Analphabetismus unter Verbrauchern ist eines davon; er dürfte – zusammen mit der wohl etwas verunglückten Marketingkampagne für IBMs OS/2 – maßgeblich daran beteiligt sein, daß Microsoft damit durchkam, sein spätestens seit 1986 veraltetes Dirty OS bis ins Jahr 1995, wo man zu zeigen begann, daß man von der Entwicklung des 32 Bit Prozessors inzwischen auch gehört hatte, als Markführer zu erhalten. Dazu kommt der bereits angesprochene maßgebliche Anteil der Kompatibilitätsfragen: Kompatibilität von Programmen, inklusive Hardwaretreibern, mit dem Betriebssystem, Verfügbarkeit von Programmen, inklusive Hardwaretreibern, ausschließlich für das Betriebssystem, Kompatibilität der Dokumentdateien von Anwendungen ausschließlich mit eben diesen Anwendungen, etc. Letztere Karte wußte Microsoft unter anderen lange Zeit auf ziemlich nervtötende Weise zu spielen: Die Dokumente neuerer Office-Versionen waren mit den ältern stets nicht zu öffnen – eine Einschränkung, die durch nichts gerechtfertigt erschien als durch den Wunsch, möglichst vielen Nutzern die neueste Version des Paketes aufzuzwingen. Aufgrund damit verbundener Probleme fiel bei uns mal eine Klausur aus. Das war nicht dramatisch, aber ich will gar nicht wissen, was sonst noch so passiert ist. Echte Wahlfreiheit bezüglich des Betriebssystems wie auch der Anwendungen bestand, wollte man seinen Rechner effizient nutzen können, zu dieser Zeit kaum. Man hätte sich als einsame Insel gefühlt.
Der größte Teil dieser Probleme gehört mehr und mehr der Vergangenheit an. GNU/Linux sowie andere freie Betriebssysteme bieten den größten Teil dessen, was ein Windows-System zu bieten hat inzwischen ebenfalls, nur meist komfortabler und (kosten)frei. Selbst die Installation ist bei Distributionen wie (k)ubuntu nicht komplizierter als bei den vergleichbaren Microsoft-Produkten (falls solche irgendwann auf den Markt kommen). OpenOffice kann meines Wissens mit sämtlichen MS-Office Dokumenten, ausgenommen Access, komplikationsfrei umgehen, und es bleibt zu hoffen, daß odt in nicht allzu ferner Zukunft auch noch das doc-Format als zweiten Standard neben pdf ablösen wird. Und wenn auch Microsoft derzeit noch die überwältigende Mehrheit der Betriebssysteminstallationen und verwendeten Offfice-Pakete für sich verbuchen kann, so ist doch davon auszugehen, daß mit zunehmender computertechnischer Allgemeinbildung dieser Anteil mehr und mehr abnehmen und Windows auf einen angemessenen Platz als bekannteste Spielkonsole der Welt verwiesen werden wird. Sicherheitslücken werden sich nicht dauerhaft als Feature vermarkten lassen. Und die Zukunft könnte auf längere Sicht ohnehin plattformunabhängigen, ausgelagerten Anwendungen gehören, für deren Nutzung das zugrundeliegende System gar nicht mehr relevant ist.
Außerdem: Wenn man die Felder – Betriebssytem und Office – auf denen Microsoft bisher erfolgreich war betrachtet, so kann auch ein Blick auf etliche dramatisch fehlgeschlagenen Versuche, Alleinherrschaft zu erlangen, sicher nicht schaden: Der Versuch, das Intenet mit dem MSN aufzurollen und vom Markt zu verdrängen war ein Witz; die Versuche, Suns Java mit betriebssystemspezifischen Zutaten jeglichen Sinns zu berauben waren auch nicht besonders erfolgreich und auf dem Browsermarkt ist es zwar gelungen, Netscape das Browsergeschäft zu verderben und den IE zum Marktführer zu machen, aber damit war keinerlei tatsächlich nennenswerter Erfolg in Form irgendeiner Gestaltungsmacht verbunden – nur Webdesign wurde aufgrund nicht einheitlicher Standards mühsamer. Aber welchen Browser die Mehrheit verwendet interessiert mich eigentlich nicht mehr als welche Schlüpfer sie trägt, solange nirgends eine bestimmte Sorte Unterwäsche Einlaßbedingung ist .
Ebensowenig interessiert mich, welchen Audio- und Videoplayer sie einsetzt. Mich interessiert auch das Schicksal von Microsofts Konkurrenten, die Konkurrenzprodukte dazu anbieten wollen und wegen des vorinstallierten Mediaplayers nicht loswerden, nichtmal am Rande. Wenn die Produkte nur deshalb nicht in der Lage sind, von sich zu überzeugen, weil der Mediaplayer vorinstalliert ist, dann können sie ohnehin nicht viel taugen. Und deswegen ist mir auch dieser Teil des so gefeierten EU-Gerichtsurteils ziemlich wumpe – Ich bin in diesem Punkt sogar eher geneigt, SteffenH zuzustimmen – Das Problem im Falle des Mediaplayer lag schlicht in Microsofts Größe und der Tatsache, daß er mit dem Betriebssystem verschenkt wurde – es ist nicht einsichtig, warum das untersagt sein sollte. Ein freiheitsraubendes Weltherrschaftsinstrument ist der Mediaplayer jedenfalls nicht, wenigsten solange es allen anderen freisteht, die verwendeten Codecs zu nutzen – was so leider nicht ganz der Fall ist, aber das ist ein anderes Faß.
Etwas anders liegt die Sache wiederum im Fall der Schnittstellenpreisgabe. Sinn eines Betriebssystems ist es, eine Basis für Anwendungssoftware zu liefern, und jenseits der Konkurrenz auf dem Betriebssystemmarkt sollte freie Konkurrenz auf dem systemspezifischen Anwendungsmarkt möglich sein. Die ist nicht gegeben wenn der Betriebssystemhersteller gleichzeitig Anwendungshersteller ist und einige Sahnestückchen an Schnittstellen für sich selbst aufhebt – zumal wenn die Dekompilierung und Analyse der Programmdateien aus Copyrightgründen verboten ist und somit für Konkurrenten möglicherweise gar keine legale Möglichkeit besteht, diese Schnittstellen kennenzulernen und zu nutzen. Das Microsoft auf diese Weise bisher überhaupt arbeiten konnte, ohne daß die Kunden massenweise davonliefen, zeigt, einfach, daß der Markt derzeit noch gewaltig stinkt. Aber früher oder später, davon bin ich recht überzeugt, wird dieser Gestank auch olfaktorisch weniger begabten Zeitgenossen auffallen. Von daher Betrachte ich diesen Teil des Urteils zwar tatsächlich als einen Schritt in Richtung freierer Wettbewerb. Aber nicht als einen besonders bedeutenden. Der Markt, so denke ich heute, wäre auch ohne ihn zurechtgekommen.
Verfasst von David um 03:01 Uhr in der Kategorie Politik (Trackback)
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