Alle Jahre wieder

“Alle Jahre wieder” – das ist eigentlich eine Unterkategorie der Unpolitik.

Vor noch nicht allzu langer Zeit habe ich mich darüber geärgert, was die angeblich liberalen Abgeordneten im Europaparlament in Sachen Softwarepatente für ein armeseliges Bild abgaben. Mittlerweile ist der Ärger einem resignierten Verstehen gewichen: Anscheinend besteht zumindest der aus Deutschland entsendete Teil aus Unpolitikern reinsten Wassers, die von Liberalismus keine, von den tausend Tricks, am schnellsten Parteikarriere zu mache, dafür aber besonders viel Ahnung haben.

Zum Covergirl wurde ich an anderer Stelle ja schon einmal deutlich. Vor fast genau einem Jahr brachte dieses einen ihrer wie üblich originellen, also gerne auch absurden Vorschläge unter die Menschen, nämlich ein Bündnis von FDP und Grünen. Auch B.L.O.G.ger Dirk Meister, der damals das Nötige dazu sagte, hätte sich wohl nicht träumen lassen, dass FDP-Vorstandsmitglied und Europarlamentsabgeordneter Jorgo Chatzimarkakis (”Chatzi”) jetzt noch einen oben draufsetzen könnte: Ihm schwebt jetzt sogar eine Fusion von FDP und Grünen vor.

Nun könnte einem dazu als erstes das einfallen, was Kollege DDH eingefallen ist, dem ich hier auch überhaupt nicht widersprechen will.

Ich würde nur gerne etwas persönlicher werden. Wenn wir uns die Lebensläufe beider genannter Personen, also Koch-Mehrins und Chatzis anschauen, welche Parallelen fallen uns dann ins Auge? Studium. Friedrich-Naumann-Stipendiat, nebenbei schon Politik, Schwerpunkt Europa, dann “Unternehmensberatung” (Lobbyarbeit) im EU-Umfeld, schließlich EU-Abegordnete(r). Da brutzelt eine eigene Schicht im vorgegebenen, hierarchisch-etatistischen Saft – wer daraus Liberales erwartet, glaubt auch noch an den Weihnachtsmann. Aber Buzzwords und Eigen-PR, das haben sie drauf. Wie soll man unter diesen vielen Vorständen denn auch noch auffallen können, wo doch eh schon niemand von den hiesigen Medien die Entstehung der Gesetze verfolgt, die vom Bundestag abgenickt werden dürfen?

Unternehmen fusionieren ja auch immer wieder, das muss also eine gute Sache sein. Der “Stern” kommt dann auch gleich mit “kühne Vision” – das hat man damals bei Schrempps doller Idee auch gesagt. Hoffentlich hat die FDP noch genug Geld in der Parteikasse. Hat Chatzi vielleicht schon eine Investmentbank beauftragt? Und schauen sich die Grünen wegen einer befürchteten feindlichen Übernahme bereits nach “Weißen Rittern” um und bereiten “Giftpillen” vor? Vorsicht, liebe Ökos, wenn in nächster Zeit viele Leute eintreten, die Schlips und Aktenköfferchen tragen und garantiert bei allen Abstimmungen präsent sind.

Im Grunde aber sind doch SPD und Union viel weiter. Die koalieren wenigstens schon. Und einen Parteinamen hätte ich auch: Christlich-sozialsozialdemokratische Partei, CS²P.

Aber wer weiß: Vielleicht fasziniert Chatzi ja auch das Jonglieren mit den Farben. Was erhält man, wenn man Blau und Gelb mischt? Eben. Als Argument der Unpolitik geht das locker durch.

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5 Kommentare zu “Alle Jahre wieder”

  1. 14.09.2007 | 12:01

    Um noch eine Plattitüde zu verwenden: Es ist ja nun auch nicht alles schlecht.
    :)

    Jorgo Chatzimarkakis bringt so etwas vor allem, weil er nun ja seit einiger Zeit mit Cem Özdemir in Brüssel während der Arbeitswochen in einer Zweck-WG lebt. Ein Grieche und ein Türke in der EU. Symbolpolitik. Show. Gehört anscheinend zur Politik dazu. Bei 732 Abgeordneten und allein 99 aus Deutschland muss man sich irgendwie in Szene setzen, um auch mit den Inhalten gehört zu werden von Mal zu Mal.

    SKM ist vor allem wegen der Show gewählt worden und sollte Presse, Partei und Bürgern die EU als “Miss Europe” näherbringen/erklären. Hat nicht ganz geklappt nach meiner Ansicht, aber notwendig war der Versuch schon und bzgl. Wahlergebnis erfolgreich.

    Alle leisten sie ihre Arbeit im Hintergrund durchaus vernünftig. Besonders hervorzuheben wäre aus liberaler Sicht Alexander Graf Lambsdorff, MdEP. Mehr Inhalte, weniger Show. Taucht dadurch leider meist nur in Fachblättern auf statt im Boulevard. Aber EU und ihre aktuellen Fachthemen insgesamt sind ja noch immer ein vernachlässigter Bereich in der gesamten Presse.

    Von daher: sieben FDP-Abgeordnete in der drittstärksten EP-Fraktion ALDE von 732 Abgeordneten insgesamt eines völlig unterschätzten und zugleich auch nicht immer wirklich mächtigen Parlamentes leisten ihre Arbeit nach Möglichkeit. Mal mit Show zum Auffallen und um in Erinnerung zu bleiben, überwiegend aber mit inhaltlicher Arbeit im Hintergrund.

    Zugegeben: ich bin beim Thema befangen. Übernehme die Bewertung besser doch ein anderer… :)

  2. 14.09.2007 | 15:39

    @Julius

    Rayson spricht hier genau das Problem an, welches wir auch schon mal diskutierten:

    Friedrich-Naumann-Stipendiat, nebenbei schon Politik, Schwerpunkt Europa, dann “Unternehmensberatung” (Lobbyarbeit) im EU-Umfeld, schließlich EU-Abegordnete(r). Da brutzelt eine eigene Schicht im vorgegebenen, hierarchisch-etatistischen Saft – wer daraus Liberales erwartet, glaubt auch noch an den Weihnachtsmann.

    Sprich: Eine (von vielen) Schwierigkeiten, die der Liberalismus in Deutschland hat, sind die Parteistrukturen inklusive der Jugendorganisationen. Nach oben kommt, wer eine Parteikarriere und damit staatsnahe Karriere macht. Da bleibt kein Platz für Überzeugungen. Sogar noch schlimmer als bei diejenigen, die es schaffen, ist es bei den anderen. Die haben den Großteil ihrer Ausbildungszeit im Partei/Politik-Betrieb verbracht und sind damit – aufgrund der Vernachlässigung beruflicher Alternativen – komplett abhängig.

  3. DDH
    14.09.2007 | 16:55

    @Rayson: In letzter Zeit kann ich Dir auch kaum noch widersprechen. Wolle mer fusioniere? ;-)

  4. 14.09.2007 | 17:06

    @DDH

    Geben wir den Streithähnen draußen schon mal ein Beispiel dafür, dass sich Minimalstaatler und Libertäre weniger mit den feinen Differenzen unter ihnen als lieber mit dem dicken Brocken da vor ihnen beschäftigen.

    Fusionieren geht immer noch, wenn einem die Ideen ausgegangen sind (das ist – kein Witz – die häufigste Begründung für Fusionen im Pharambereich…) ;-)

  5. 28.09.2007 | 18:30

    Die Ansichten des im Kreisverband Würzburg-Land besonders hofierten “Jorgo” würde ich mal eher als “bizarr” bezeichnen. Für den 1. April zu spät, für den 11.11. zu früh. Falsches Timing. Aber der frühere Kinkel-Kofferträger und spätere Möllemann-Vertraute ist für seine opportunistische Effekthascherei ja bekannt!

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