Virtualisierung

Wir sind ja einseitige Berichterstattung längst gewohnt. Auch daran, dass z.B. SPON-Titel und -Aufmacher oft das Gegenteil von dem behaupten, was im eigentlichen Text steht. Jetzt aber ist von zwei Neuerungen zu berichten:

Der SPON-Schreiber Marc Pitzke, ein spezieller Freund unseres Kollegen Zettel, hat einen Artikel verfasst, in dem er auflistet, welche Unternehmen vom Irak-Krieg profitieren. Man ahnt zwar, in welche Richtung dieser Hase wieder mal läuft, aber gut, warum eigentlich auch nicht? Aber jetzt Einzug der ersten Neuerung: Eine mitten im Text plazierte Überschrift “Die alte Cheney-Connection”. Und schon wabert Korruptionsgeruch durch die Zeilen. Einziges Problem: Der Text selbst erwähnt davon gar nichts; es wird nicht deutlich, wo diese “Connection” besteht, wer dazu gehört und was die aufgezählten Firmen (besser, wenn es sich um Böses handelt: Konzerne) mit ihr zu tun haben. Es ist einfach nur ein im Raum schwebender Einwurf. Keine Ahnung, ob im Text mal mehr stand und als Bezug dazu nur diese einsame Zwischenüberschrift übrig geblieben ist, oder ob es einfach nur darum geht, dem eiligen Leser eine Meinung als Fakt unterzujubeln. Interessant ist es allemal.

Neuerung Nr. 2 aber hat alle Eigenschaften, den Journalismus von lästigen Zwängen ein- für allemal zu befreien: die Erfindung von Aussagen. Wenn es stimmt, was hier in der FTD steht, dann ist nicht nur ein Zitat des Unions-Politikers Bosbach verfälscht wiedergegeben, es ist sogar das eigentliche Reizwort noch frei dazu erfunden worden.

Noch lachen wir über Second Life…

Nachschlag:

Zettel hat in den Kommentaren auf Pitzkes Quelle hingewiesen, die dieser in gewohnter jounalistischer Qualität weitgehend unverändert übernommen hat. Auch da findet sich nichts über “Cheney”, was eine meiner beiden o.g. Erklärungen weniger wahrscheinlich macht.

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4 Kommentare zu “Virtualisierung”

  1. 13.09.2007 | 17:15

    Ja, ich hatte mich auch schon gewundert, was den Bosbach geritten haben muss: er ist zwar ein Politiker, dem ich durchaus eine Vorliebe für “hartes Durchgreifen” und auch einige Forderungen hart am Rande des Grundgesetzes zutraue, aber für einen
    Dummschwätzer halte ich ihn nicht. Nun sieht es so aus, als hätte ihn gar nichts geritten, sondern ihn jemand “gezielt missverstanden”. Und wenn so etwas vorkommen kann, frage ich mich unwillkürlich, wer so alles noch “falsch zitiert” oder “missverstanden” wurde.

  2. R.A.
    13.09.2007 | 17:44

    > Und wenn so etwas
    > vorkommen kann,
    > frage ich mich
    > unwillkürlich, wer
    > so alles noch
    > “falsch zitiert”
    > oder
    > “missverstanden”
    > wurde.
    Völlig richtig.
    Vor allem: Die Empörung über die angebliche Äußerung hat eine breite Berichterstattung gefunden.
    Die Richtigstellung wird fast unbemerkt untergehen – man wird Bosbach noch in Jahren mit dieser Sache identifizieren.

  3. 13.09.2007 | 22:29

    Wolfgang Bosbach wäre das nicht passiert, wenn die ÖR mehr Geld bekommen hätten. Dann hätte der BR das nicht an ein Redaktionsbüro outsourcen müssen, dass den Text komplett anders wiedergibt. ;-)

    Blöd nur, dass man unseren Innenpolitikern solche Ideen inzwischen zutraut.

  4. 16.09.2007 | 0:41

    Lieber Rayson,

    ein Blick in Marc Pitzkes Quelle ist lohnend.

    Wenn ein Student wagen würde, so schamlos ganze Sätze aus einem fremden Text abzukupfern, mit den üblichen kleinen Veränderungen, dann ginge es dem nicht besonders gut. ;-)

    Herzlich, Zettel

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