Problem erkannt, Problem verschärft

Bei der FTD gibt es einen interessanten Gastkommentar von Brad DeLong, der sich mit der aus seiner Sicht vorwiegend segensreichen Tätigkeit der Investmentbanker beschäftigt. Mir selbst gefiel aber eher der Hinweis zum Schluss:

Die Finanzwelt hat Interesse an stabilen Monopolen und Oligopolen mit hohen Gewinnspannen, während die Öffentlichkeit Interesse an konkurrierenden Märkten mit niedrigen Gewinnspannen hat.

Das ist ein Konflikt, der mich schon seit einiger Zeit beschäftigt. Das, was ich als funktionierenden Markt mit viel Wettbewerb wahrnehme, wird in der herrschenden Finanzwelt, die auch die Terminologie der einschlägigen Wirtschaftsmagazine bestimmt, als “Markt mit Konsolidierungsbedarf” empfunden. Die Frage ist da immer: Wer hat diesen Bedarf eigentlich? Die Nachfrager wohl kaum. Die Aktionäre der Anbieter? Schon eher. Die Investmentbanker, die an den Deals verdienen? Ganz sicher. Hier haben wir also wieder den alten Konflikt: “Die Wirtschaft” (in der plattesten ihrer möglichen, dafür aber um so gebräuchlicheren Definition) hat kein Interesse an Marktwirtschaft. Für sowas haben sich die Neoliberalen den Staat, seine Gesetzgebung und die Kartellbehörden vorgestellt.

Brad DeLong sagt nun: Ok, wenn diese Institutionen nicht mehr funktionieren, halb so wild. Wir haben ja noch die progressive Einkommensbesteuerung. Und spätestens da komme ich nicht mehr mit. Wie kann man die negativen Folgen mangelnden Wettbewerbs, also zu hohe Preise, zu wenig Innovation, zu wenig Vielfalt oder schlicht: zu wenig Wahlfreiheit, mit einer gesamtwirtschaftlichen Einkommensumverteilung lösen wollen? Mal vorausgesetzt, die progressive Besteuerung wirke so wie beabsichtigt und habe keine anderen negativen Folgewirkungen, was man beides mit einigen Gründen bezweifeln muss.

Aber im Prinzip ist es unmaßgeblich, wie gut die Drogen sind, die wir zur Verfügung haben: Man sollte bei den Problemen anfangen.

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14 Kommentare zu “Problem erkannt, Problem verschärft”

  1. Libero
    20.08.2007 | 21:01

    @Rayson

    du hast meine uneingeschränkte Aufmerksamkeit.

  2. 20.08.2007 | 21:07

    @Libero

    Dass ich für eine “bissigere” Kartellbehörde bin, ist eine Art Ceterum Censeo von mir. Auch wenn ich den Argumenten eines Kollegen wie SteffenH gegenüber prinzipiell aufgeschlossen bin, dem sowas zu formal wäre. Da muss eine Abwägung getroffen werden, die sich für meinen Geschmack momentan zu sehr in die falsche Richtung bewegt. Also im Zweifel lieber mal eine Fusion oder Übernahme verbieten und den Absatz- und nicht den Finanzmarkt entscheiden lassen.

    Wenn du andere Ideen hast, hast du natülich meine nicht eingeschränktere Aufmerksamkeit.

  3. 20.08.2007 | 21:10

    Was ich immer vermutet habe: Eigentlich ist unsere Wirtschaft für Planwirtschaft. Halt eine mit planbaren Gewinnen.

  4. 20.08.2007 | 21:16

    Selbstverständlich strebt jedes Unternehmen das gemäßigte Monopol an. “Gemäßigt” heißt, dass es kleinere und innovativere Wettbewerber geben darf, so lange es ihnen nicht möglich ist zu wachsen und man selbst sie bei Bedarf schlucken kann.

  5. 20.08.2007 | 21:18

    Aber genau deswegen gibt es “die Wirtschaft” (in der plattesten ihrer möglichen, dafür aber um so gebräuchlicheren Definition) auch nicht ;-)

  6. 21.08.2007 | 9:05

    @ rayson:

    Woher kommt eigentlich dein tiefes Vertrauen in die segensreiche Wirkung der Kartellbehörden? Zumindest lese ich es aus deinen Beiträgen immer wieder heraus. Häufig ist es gerade der “Segen” der Kartellbehörden der uns Oligopole oder Monopole mit einer langen Halbwertszeit beschert (z.B. Aktivitäten gegen “Preisdumping”). Wettbewerb entsteht auf Märkten und kann nicht befohlen werden, schon gar nicht, wenn der eine Teil der Befehlshaber keine Ahnung hat wie Märkte funktionieren, ein weiterer Teil zwischen Wettbewerbern differenziert (z.B. Intel vs. AMD) und alle zusammen schlichtweg zu wenig Informationen darüber haben, was den Wettbewerb auf spezifischen Märkten eigentlich ausmacht (Energiewirtschaft). Die Forschungsliteratur zur Wirkung von Kartellgesetzes auf den Wettbewerb spricht da Bände…

  7. 21.08.2007 | 9:41

    Der Artikel hat den üblichen Stallgeruch eines linksliberalen Ökonomen. Da wird beispielsweise aus einer reinen Vermögensumverteilung zwischen Aktionären ein Problem stilisiert. Mir persönlich ist es egal, wer den Reibach an der Börse macht. Wer will darüber richten, wem die Segeljacht am Ende zusteht?

    Natürlich geht DeLong auf die Effizienzeffekte von Firmenübernahmen ein. Wer aber kann unterscheiden, wann eine Marktkonzentration durch Skaleneffekte Effizienzgewinne erzeugt, wann jedoch Effizienzverluste durch Preissetzungsmacht entstehen und wie der Nettoeffekt aussieht. Aus einer reinen Marktkonzentrationsbetrachtung, das weiß jeder Erstsemestler der Ökonomie, kann man jedoch nicht auf die Monopolisierung der Märkte schließen, auch wenn die hiesigen Kartellbehörden immer noch wie DeLong diesen antiquierten Indikator strapazieren. Viel wichtiger für eine Beurteilung der Effizienzprobleme von Monopolen sind die Kostenstruktur der Märkte, also das Verhältnis von fixen und variablen Kosten und damit die Marktzutrittshemmnisse, die Anzahl der existierenden und potentiellen Substitute (Schumpeter lässt grüßen) und damit eben die Nachfrageelastizität der Konsumenten. Auch bleibt völlig unberücksichtigt, dass auch die Existenz von Monopolen in der Realität zumindest kurzfristig nur ein Verteilungs- und kein Effizienzproblem ist, da die Modellsicht eines Monopols, nach der zur Gewinnmaximierung die Menge restringiert wird, selbst in Standardlehrbüchern zu Gunsten diversen Verfahren der monopolistischen Preisdifferenzierung aufgegeben wird. Hier schöpft das Monopol soviel wie möglich die Zahlungsbereitschaft aller Konsumenten ab, also geht das Geld von den Konsumenten zu den Unternehmen. Eine moralische Bewertung dieses Verteilungsergebnisses, das ja nicht mit Waffengewalt durchgesetzt wird, ist schwierig, auch DeLong würde sich hier übernehmen.

    All diese Fragen finden auf dem abstrakten Niveau des DeLongschen Artikels keinerlei Erwähnung, laden aber den “argwöhnischen” Leser sofort zu einem Misstrauen gegen globale Finanzaktivitäten und zu einem Ruf nach Papa “allmighty” Staat ein. Meine Zunft erweist sich mit solchen journalistischen Aktivitäten wirklich einen Bärendienst…

  8. Libero
    21.08.2007 | 10:31

    @Rayson

    die gegenwärtige Situation zeigt, daß pandoras box der menschlichen Eigenschaften nicht nur eine Gefahr für den Sozialismus, sondern auch für den Kapitalismus ist.

  9. R.A.
    21.08.2007 | 11:36

    Ich halte den FTD-Kommentar für ziemlich wirr.
    Der Autor schafft es nicht darzustellen, wo eigentlich das Problem sein soll, und welche Maßnahme dieses nun lösen würde.

    Der Gag ist doch: Natürlich will jeder Einzelne und jede Firma möglichst viel Gewinn für sich – meinetwegen auch per Monopol.

    Aber da eben jeder das will, und damit im Konkurrenz zum anderen steht, ist es eben NICHT so, daß “die Wirtschaft” das will.

    Wenn 20 Leute jeder für sich ein Monopol wollen, ist das eben NICHT dasselbe, als wenn eine Gruppe von 20 Leuten ein gemeinsames Monopol will.

    Insofern sehe ich hier weder eine Rechtfertigung für progressive Steuern noch für das Kartellamt.

  10. 21.08.2007 | 14:35

    Ich halte es auch für ziemlich naiv, ausgerechnet den Staat damit zu beauftragen, für Wettbewerb zu sorgen. Nicht nur ist der Staat stets Monopolist, er ist auch der grösste Erzeuger oder Verursacher von Monopolen.
    Interessant ist die Aussage, dass die Finanzindustrie auch einen Hang zur Monopolbildung habe – wenn das stimmt, müsste man sich natürlich fragen woran das liegt. Sprich: Welche Rahmenbedingungen und Anreize machen Grösse zu einem wirtschaftlichen Vorteil? Der Kapitalmarkt will ja primär Rendite. Ist es wirklich so, dass Grösse stets die Rendite erhöht? Ich bin davon nicht überzeugt.
    Ein “Monopol” kann der Kapitalmarkt aber ohnehin nicht erzeugen – Konsolidierungen etablierter Firmen eröffnen lediglich Spielräume für neue, innovative Anbieter. Ein wirkliches Ausschalten des Wettbewerbs und somit eine künstliche Erhöhung der Rendite auf Kosten der Kunden, das vermag eben alleine der Staat…

  11. Libero
    21.08.2007 | 15:30

    Konsolidierungen etablierter Firmen eröffnen lediglich Spielräume für neue, innovative Anbieter.>
    Interessant. Wie lange befindet du dich schon im Zustand der Entrücktheit?

  12. Libero
    22.08.2007 | 17:01

    Kann hier irgendjemand etwas mit dem Namen Hyman Minsky anfangen? Ich bin leicht verwirrt, wie oft mir jetzt dieser Name über den weg läuft. Zum Beispiel hier

    In Time of Tumult, Obscure Economist Gains Currency
    http://online.wsj.com/public/article_print/SB118736585456901047.html

  13. R.A.
    23.08.2007 | 14:45

    Nur die Überschrift hier paßt zur Frage – aber irgendwo muß ich das bei fachkundigen Leuten loswerden:
    Die Medien berichten heute begeistert, Deutschlands Staat würde dieses Jahr einen “Überschuß” von 1 Milliarde erwirtschaften.

    Und irgendwo in einer Stellungnahme heißt es, nun müssen man nur noch die Nettoneuverschuldung wegbekommen.

    Soll das etwa heißen, daß “Überschuß” hier nicht “mehr Einnahmen als Ausgaben” bedeutet, sondern daß nur die Schätzungen übertroffen wurden?
    Und real immer noch Milliarden Miese gemacht werden?

    Kann die deutsche Journalistenschaft DERART verblödet sein, daß sie das unkritisch berichtet?

  14. micha42
    24.08.2007 | 7:43

    @R.A. (zum “Überschuss”)
    Ich vermute, damit ist gemeint, dass sie von den x Milliarden Neuverschuldung nur (x-1) Milliarden ausgegeben haben. Selbst total verblüfft über diesen Punkt, haben sie ihn etwas euphemistisch formuliert.

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