17. August 2007
Rührt euch!
Ich gehöre noch zu den Grufties im Westen, die auf die Frage “Ham Se jedient?” noch mit “Ja, 15 Monate” antworten können. Obwohl ich das freiwillig nie und nimmer gemacht hätte, so muss ich doch rückblickend sagen, dass einem etwas hochnäsigen Abiturienten ein solcher Kulturschock auch mal ganz gut tun kann. Wobei, das sei hier einschränkend und endgültig kryptisch eingefügt, die Zeit in “Soho” und die sechs Monate danach mehr von Schule und Job hatten als von militärischem Gepränge einerseits oder dem berühmt-berüchtigten Gammeldienst andererseits.
Wenn ich jetzt lese, dass sich auch die SPD allmählich von der Wehrpflicht verabschiedet, dann löst das natürlich zwiespältige Reaktionen aus. Wahrscheinlich tat es dieser Armee ja doch ganz gut, dass sie quasi vielen jungen Männern mittels eines Praktikums Einblick in ihr Befinden gab. Wir können wohl annehmen, dass die Ausfälle, von denen jedes Jahr der Wehrbeauftragte berichten musste, in einer Berufsarmee jedenfalls nicht seltener vorgekommen wären. Aber letztlich steht die Wehrpflicht auch für eine Epoche, die mit der französischen Revolution anfing und mit dem Mauerfall endete – eine Zeit, in der sich der große Krieg der Nationen zu einer vorher ungeahnten Intensität und Totalitarität gesteigert hat, die ihn vielleicht de facto mit der Atombombe, spätestens aber mit Vietnam überall hinreichend unpopulär gemacht hat, bis mit den heutigen asymmetrischen Kriegen ein Ersatz für ihn gefunden wurde. Deshalb erscheint die Wehrpflicht, das Erbe der “levée en masse“, heute eher als Anachronismus. Die Zukunft gehört dem allzeit mobilen Technokrieger, der nicht mehr den heimischen Boden, sondern abstrakte Interessen weltweit – hm – “verteidigt”? Oder besser: “vertritt”? Die Interessen werden um so weniger greifbar, je mehr sich das Operationsgebiet des Soldaten erweitert.
Ich sehe das, wie gesagt, mit gemischten Gefühlen. Einerseits ist die Wehrpflicht und mit ihr der Zivildienst (in den letzten Jahren wahrscheinlich der letzte Grund für die Wehrpflicht selbst) ein Frondienst, der in freie Gesellschaften nicht so recht passt. Spätestens seit die Frauen auch dürfen, ist kaum noch einsehbar, warum nur die Männer müssen. Und Arbeitsteilung hat, das wissen wir, durchaus ihre Vorteile. Auf der anderen Seite droht eine Berufsarmee viel mehr zum Werkzeug ihrer Regierung zu werden. Während in einem System der Wehrpflicht viele direkt oder indirekt als Verwandte von Wehrpflichtigen betroffen waren, was von Abgeordneten als Faktor immer in Betracht gezogen werden musste, würde Soldat dann zu einem Beruf wie jeder andere. Wie jeder andere etwas gefahrengeneigterer wenigstens. Ich vermute, das vergrößert die Risiken, denen eine Regierung (und ihr verlängerter Arm in den Parlamenten) ihre Soldaten auszusetzen bereit ist. Dabei brauchen wir gerade in einer Zeit, in der technisch so viel möglich ist, eher das Gegenteil. Die Horrorvision erinnert an Science-Fiction-Filme (fällt jemandem diese Formulierung auf?): Einer durch Brot und Spiele abgelenkten Bevölkerung werden Kriege als eine Art Videospiel vermittelt – töten und sterben ist dann nur noch eine Sache von Pixeln fernab der Heimat. Und dass diese möglichst wenig davon mitbekommt, dafür sorgt der sich um alles kümmernde Staat, der alle technischen Mittel zum Schutz seiner Bürger ausreizt. Und wenn es der Schutz vor ihnen selbst sein sollte.
Übertrieben? Na klar. Wer glaubt denn ernsthaft an solche Szenarien?
Aber, und das sei mir noch erlaubt: Die Wehrpflicht zu diskutieren, ist ok. Aber uns “freiwillige Wehrpflicht” verkaufen zu wollen, zeugt entweder davon, dass die Parteien nach und nach verblöden oder das wenigstens von ihren Wählern annehmen.
Verfasst von Rayson um 16:57 Uhr in der Kategorie Innenpolitik, International, Politik, Sprache (Trackback)
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