16. August 2007
Das wichtigste YAII-Merkmal
Telegehirn meint, er und ich würden aneinander vorbeireden. Nun, so kann man es sicher bezeichnen. Ich bin tatsächlich nicht fähig und nicht willens, bestimmte fatale politische Vorstellungen an einem Nationalcharakter – oder was auch immer ihm da als Träger vorschwebt – festzumachen. Einfach die Behauptung einer unbewiesenen Korrelation, ohne selbst auch nur den Hauch eines Erklärungsansatzes zu haben, den man als These kritisieren könnte, das ist politische Taschenspielerei.
Wie auch die nachfolgende Ausführungen bei ihm sich wieder in altvertrauten Pfaden bewegt. Natürlich bilden nicht die Antideutschen begrifflich die Kollektive, sondern sie finden sie so vor – die Argumentation mit dem zu Beweisenden ist eine allseits beliebte Übung.
Es ist schon interessant, wie das funktioniert, wie man einzelne Menschen einem Kollektiv zuordnet und ihnen dann aufgrund dieser Zugehörigkeit ganz gewöhnliche Rechte aberkennt, z.B. das simple Recht auf Leben. Da war Kaiser Wilhelm ja noch harmlos dagegen, wenn er alle politischen Parteien ausnahmslos im Deutschsein aufgehoben sah – natürlich auch nicht so ganz uneigennützig. Bei den Antideutschen ist die Sache klar, da gibt es weder Dumme noch Intelligente, weder Blonde noch Rothaarige, weder Männer noch Frauen, weder Arbeiter noch Kapitalisten, weder Gläubige noch Ungläubige, weder Mutige noch Ängstliche, sondern nur: Deutsche und Nichtdeutsche. One size fits all. Das Individuum verschwindet in einem einzigen Begriff. Und warum? Weil wir, so Telegehirn, nicht “in einer individualistischen Welt leben”. Woran das wohl liegen mag? Vielleicht an den Zwangskollektivierern aller Couleur?
Seine weitere Ausführungen sehen mich einigermaßen ratlos.Ich weiß nicht, woran es liegt, dass die Antideutschen sich mental immer noch im Zweiten Weltkrieg befinden. Ist es die Art Widerstand, von dem schon Johannes Groß konstatierte, dass er seit 1945 immer stärker zunimmt? Oder ist es diese Sehnsucht nach klaren Fronten, die nichts anderes mehr zulassen als ein “wir oder die”? Jedenfalls sehe ich mich weder in der Lage, den Alliierten von damals Tipps zur Kriegführung zu geben, noch kann ich ein Bedürfnis erkennen, nachträglich durch eine generelle Immunisierung alliierten Handelns vor Kritik Wehrkraftzersetzung verhindern zu müssen.
Zum Schluss meint Telegehirn, bei mir einen Widerspruch erkannt zu haben. Ich würde ja auch verkollektivieren, indem ich mich als Liberalen bezeichne. Diese Retourkutsche liegt ebenso nahe wie sie ihr Ziel verfehlt, was nach dem oben Gesagten eigentlich klar sein sollte. Natürlich ist es ein Unterschied, ob man sich selbst zu einem Kollektivbegriff bekennt oder ob man diesen von anderen mit einem fertigen Inhalt aufgedrückt bekommt. Aber das ist noch nicht mal der Punkt. Entscheidend ist, ob der Kollektivbegriff umfassend kennzeichnen soll oder nicht. Denn ich bin nicht nur Liberaler, sondern z.B. auch Christ, selbständiger Betriebswirt, Mann, älter als 40, auf dem Land aufgewachsen, heterosexuell, Hertha-Mitglied, Vielgereister, Karlsruher und, neben vielen anderen Dingen mehr, auch noch Deutscher. Nichts von dem kennzeichnet mich vollständig, und nichts von dem ist geeignet, über mich Aussagen von größerer Tragweite zu treffen. Am Versuch, das trotzdem zu tun, erkennt man die inhumane Ideologie. Und nicht an der Abstammung oder Staatsbürgerschaft.
Verfasst von Rayson um 19:02 Uhr in der Kategorie Blogosphäre, Grundsatzfragen, Politik (Trackback)
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