14. August 2007
YAII
Telegehirn versucht, zwei armen Unwissenden das Wesen der “Antideutschen” nahe zu bringen. Nun, der Versuch ist ehrenhaft und ich will mich gerne dankbar zeigen. Das Problem beginnt allerdings schon recht früh: Im Bemühen, Boche und mich von Missverständnissen zu befreien, unterliegt er selbst einem. Es ist keinesfalls das Label, das mich mit den “Antideutschen” nichts anfangen lässt: Mit dem Problem, sich nur über ein “Anti” definieren zu können, muss schließlich jeder selbst fertig werden, und was für meinereinen “deutsch” bedeutet, dazu vielleicht später.
Das Problem sind die Schubladen, in die eine solche Ideologie alles pressen muss, und die dankenswerterweise von Telegehirn ja auch eine nach der anderen geöffnet werden. Wie und als Reaktion auf was der entsprechende Sekretär zusammengeleimt wurde, ist ideologiehistorisch sicherlich interessant, aber ich muss zugeben, dass mir gewisse Interna der Auseinandersetzung zwischen Judäischen Volksfronten und Volksfronten von Judäa bisher recht weit am Allerwertesten vorbeigingen. Vielleicht muss man die kennen, um die “Antideutschen” in ihrem Selbstverständnis begreifen zu können. Da soll ich also “deutsch” im Sinne einer Ideologiekritik begreifen, und Telegehirn müht sich reichlich, mir das “Deutsche an sich” nahezubringen. Der Schluss ist sozusagen ein gewendeter Genscher: Deutsch ist im antideutschen Sinne nicht nur deutsch. Manchmal wünschte ich mir, es gäbe analog zur EZB eine Institution, die Begriffe vor Inflationierung schützt… Mit einer solchen Ausdehnung entzieht sich das “Antideutsche” im Telegehirnschen Sinne natürlich einiger von mir und Boche geäußerter Kritik. Wenn, um die entsprechenden Säulenheiligen mal als Extrembeispiel hervorzukramen, auch Amis und Israelis im antideutschen Sinn deutsch sein können (oder sind die qua Staatsbürgerschaft naturresistent?), können wir den Begriff doch aber eigentlich getrost zur Seite legen und etwas konkreter über das reden, was wir eigentlich meinen, oder?
Aber da kommen wir zum zweiten Problem: Die Antideutschen, die mir in der Blogosphäre meist begegnen, halten sich nicht an Telegehirns Definition. Die werden zwar auch nicht viel deutlicher darin, ob in ihrem Sinn “deutsch” nun eine angeborene oder erworbene Eigenschaft ist und ob ein “Deutscher” in ihrem Sinn allein durch den Rechtsakt des Wechsels der Staatsbürgerschaft zu einem “Nichtdeutschen” wird, aber sie machen schon klar, dass sie irgendwo in diese doch reichlich diffuse Menge zielen, was ihnen insofern erleichtert wird, als bei den meisten Deutschen, die sich so verstehen, alle genannten Eigenschaften zusammentreffen und man glücklicherweise, wo man doch eh schon am pauschalieren ist, auch nicht unnötig in Erklärungsnot gerät. Hauptsache, das Denken in Gruppen bleibt bewahrt. Im Krieg gibt es schließlich nur ein “die oder wir”, kein “ich”, kein “du”, und kein “er” oder “sie” mehr.
Und damit kommen wir zum entscheidenden Punkt, der mich, und das sollte bei einer liberalen Grundorientierung nicht überraschen, von jeder Art antideutschen Denkens trennt: Die Abschaffung des Individuums zugunsten des Kollektivs. Ganz ehrlich: Ob Hitler nun die “germanische Rasse” konstruiert oder die Antideutschen sich ihre Deutschen, die Grenzen sind von meinem Standpunkt aus fließend. Eins ist so willkürlich wie das andere. Ich will und kann nicht die Schicksale einzelner Menschen auf dem Altar einer “gerechten Sache” geopfert sehen wollen. Auch wenn die Niederlage Deutschlands im Zweiten Weltkrieg für die Menschheit ein Segen war, so ist es der Tod einzelner Menschen, die keine persönliche Schuld auf sich geladen haben außer der, am falschen Ort geboren worden zu seinm, oder der, einfach nur überleben zu wollen, für mich nie und nimmer.
Es ist vielleicht wenig verwunderlich, dass manche Antideutsche diese Haltung nicht verstehen und deswegen in ihren Begriffskosmos übersetzen müssen. Wer es da z.B. wagt, Kritik an der Kriegführung der Alliierten damals oder der USA und Israels heute zu üben, der muss da natürlich immer und notwendigerweise die Sache des Feindes betreiben. Wer die Opfer der Brandbomben auf Hamburg oder Dresden beklagt, der will natürlich “die Deutschen” zu Opfern machen, obwohl doch “die Deutschen” allesamt Täter waren. Das sind Kategorien, die an mir vorbeigehen. “Die Deutschen” sind nichts, zu was ich irgendeine Affinität entwickeln könnte. Dass ich als Deutscher in Deutschland aufgewachsen bin, ist aus meiner Sicht ein Zufall mit ziemlich unvermeidlichen Konsequenzen, z.B. denen, in Deutsch zu träumen, Schwarzbrot zu mögen, Anspielungen auf Loriot-Sketche zu verstehen und in einer Gesellschaft mit hohem Wohlstandsniveau leben zu dürfen. Und vielleicht bei Länderspielen den Jungs in Weiß-Schwarz die Daumen zu drücken. Aber das unterscheidet mich nur in Nuancen von jemandem, der in Englisch träumt, Hamburger liebt, alle Anspielungen bei “Buffy” begreift und im Basketball die Finger für die “Dream Teams” kreuzt. Schön, dass es diese Nuancen gibt, und vielleicht auch wichtig, im Alltag darauf zu achten, aber nichts, was zu grundsätzlichen Abgrenzungen Anlass geben könnte.
Letztlich geht es darum, wer welche Werte vertritt, und aus meiner Sicht gelten diese individuell und universell. Alle Versuche, sowas in Gruppenlogiken zu pressen, können meinen Beifall nicht finden.
Bis jetzt habe ich nur begründet, warum die antideutsche Ideologie für mich irrelevant ist. Aber es gibt auch einen Grund, warum ich sie offen ablehne. Denn die Menschenverachtung, die zur Vernichtung von Millionen Menschenleben führt, ist kein Ergebnis irgendeines “Deutschseins”, sondern das von Ideologien, die abstrakte Ideen oder Kollektive über den Einzelnen stellen. Es ist die Separierung von einzelnen Menschen in kollektivistische Kategorien, die man als Ursache aller humanitären Katastrophen betrachten muss. Die Trennung in gut und böse, schwarz und weiß, gläubig und ungläubig, bürgerlich und proletarisch, produktiv und unproduktiv, arisch und jüdisch, hetero und homo – und eben auch “deutsch” und “nichtdeutsch”. Daher kann ich die Antideutschen nicht als entschiedene Antithese zum Nationalsozialismus begreifen, sondern letztlich nur als Vertreter einer YAII – “yet another inhuman ideology”.
Damit will ich Telegehirn, dem es erkennbar darauf ankam, seinen Standpunkt verständlich zu machen, natürlich individuell nicht zu nahe treten, sondern vor allem begründen, was die Ursache meiner massiven Ablehnung ist. Und es besteht ja im Prinzip Hoffnung: In der Ablehnung einer pauschalen Abgrenzung zwischen Muslimen und Nichtmuslimen sind wir uns wohl wirklich einig.
Verfasst von Rayson um 18:23 Uhr in der Kategorie Blogosphäre, Grundsatzfragen, Politik (Trackback)
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