YAII

Telegehirn versucht, zwei armen Unwissenden das Wesen der “Antideutschen” nahe zu bringen. Nun, der Versuch ist ehrenhaft und ich will mich gerne dankbar zeigen. Das Problem beginnt allerdings schon recht früh: Im Bemühen, Boche und mich von Missverständnissen zu befreien, unterliegt er selbst einem. Es ist keinesfalls das Label, das mich mit den “Antideutschen” nichts anfangen lässt: Mit dem Problem, sich nur über ein “Anti” definieren zu können, muss schließlich jeder selbst fertig werden, und was für meinereinen “deutsch” bedeutet, dazu vielleicht später.

Das Problem sind die Schubladen, in die eine solche Ideologie alles pressen muss, und die dankenswerterweise von Telegehirn ja auch eine nach der anderen geöffnet werden. Wie und als Reaktion auf was der entsprechende Sekretär zusammengeleimt wurde, ist ideologiehistorisch sicherlich interessant, aber ich muss zugeben, dass mir gewisse Interna der Auseinandersetzung zwischen Judäischen Volksfronten und Volksfronten von Judäa bisher recht weit am Allerwertesten vorbeigingen. Vielleicht muss man die kennen, um die “Antideutschen” in ihrem Selbstverständnis begreifen zu können. Da soll ich also “deutsch” im Sinne einer Ideologiekritik begreifen, und Telegehirn müht sich reichlich, mir das “Deutsche an sich” nahezubringen. Der Schluss ist sozusagen ein gewendeter Genscher: Deutsch ist im antideutschen Sinne nicht nur deutsch. Manchmal wünschte ich mir, es gäbe analog zur EZB eine Institution, die Begriffe vor Inflationierung schützt… Mit einer solchen Ausdehnung entzieht sich das “Antideutsche” im Telegehirnschen Sinne natürlich einiger von mir und Boche geäußerter Kritik. Wenn, um die entsprechenden Säulenheiligen mal als Extrembeispiel hervorzukramen, auch Amis und Israelis im antideutschen Sinn deutsch sein können (oder sind die qua Staatsbürgerschaft naturresistent?), können wir den Begriff doch aber eigentlich getrost zur Seite legen und etwas konkreter über das reden, was wir eigentlich meinen, oder?

Aber da kommen wir zum zweiten Problem: Die Antideutschen, die mir in der Blogosphäre meist begegnen, halten sich nicht an Telegehirns Definition. Die werden zwar auch nicht viel deutlicher darin, ob in ihrem Sinn “deutsch” nun eine angeborene oder erworbene Eigenschaft ist und ob ein “Deutscher” in ihrem Sinn allein durch den Rechtsakt des Wechsels der Staatsbürgerschaft zu einem “Nichtdeutschen” wird, aber sie machen schon klar, dass sie irgendwo in diese doch reichlich diffuse Menge zielen, was ihnen insofern erleichtert wird, als bei den meisten Deutschen, die sich so verstehen, alle genannten Eigenschaften zusammentreffen und man glücklicherweise, wo man doch eh schon am pauschalieren ist, auch nicht unnötig in Erklärungsnot gerät. Hauptsache, das Denken in Gruppen bleibt bewahrt. Im Krieg gibt es schließlich nur ein “die oder wir”, kein “ich”, kein “du”, und kein “er” oder “sie” mehr.

Und damit kommen wir zum entscheidenden Punkt, der mich, und das sollte bei einer liberalen Grundorientierung nicht überraschen, von jeder Art antideutschen Denkens trennt: Die Abschaffung des Individuums zugunsten des Kollektivs. Ganz ehrlich: Ob Hitler nun die “germanische Rasse” konstruiert oder die Antideutschen sich ihre Deutschen, die Grenzen sind von meinem Standpunkt aus fließend. Eins ist so willkürlich wie das andere. Ich will und kann nicht die Schicksale einzelner Menschen auf dem Altar einer “gerechten Sache” geopfert sehen wollen. Auch wenn die Niederlage Deutschlands im Zweiten Weltkrieg für die Menschheit ein Segen war, so ist es der Tod einzelner Menschen, die keine persönliche Schuld auf sich geladen haben außer der, am falschen Ort geboren worden zu seinm, oder der, einfach nur überleben zu wollen, für mich nie und nimmer.

Es ist vielleicht wenig verwunderlich, dass manche Antideutsche diese Haltung nicht verstehen und deswegen in ihren Begriffskosmos übersetzen müssen. Wer es da z.B. wagt, Kritik an der Kriegführung der Alliierten damals oder der USA und Israels heute zu üben, der muss da natürlich immer und notwendigerweise die Sache des Feindes betreiben. Wer die Opfer der Brandbomben auf Hamburg oder Dresden beklagt, der will natürlich “die Deutschen” zu Opfern machen, obwohl doch “die Deutschen” allesamt Täter waren. Das sind Kategorien, die an mir vorbeigehen. “Die Deutschen” sind nichts, zu was ich irgendeine Affinität entwickeln könnte. Dass ich als Deutscher in Deutschland aufgewachsen bin, ist aus meiner Sicht ein Zufall mit ziemlich unvermeidlichen Konsequenzen, z.B. denen, in Deutsch zu träumen, Schwarzbrot zu mögen, Anspielungen auf Loriot-Sketche zu verstehen und in einer Gesellschaft mit hohem Wohlstandsniveau leben zu dürfen. Und vielleicht bei Länderspielen den Jungs in Weiß-Schwarz die Daumen zu drücken. Aber das unterscheidet mich nur in Nuancen von jemandem, der in Englisch träumt, Hamburger liebt, alle Anspielungen bei “Buffy” begreift und im Basketball die Finger für die “Dream Teams” kreuzt. Schön, dass es diese Nuancen gibt, und vielleicht auch wichtig, im Alltag darauf zu achten, aber nichts, was zu grundsätzlichen Abgrenzungen Anlass geben könnte.

Letztlich geht es darum, wer welche Werte vertritt, und aus meiner Sicht gelten diese individuell und universell. Alle Versuche, sowas in Gruppenlogiken zu pressen, können meinen Beifall nicht finden.

Bis jetzt habe ich nur begründet, warum die antideutsche Ideologie für mich irrelevant ist. Aber es gibt auch einen Grund, warum ich sie offen ablehne. Denn die Menschenverachtung, die zur Vernichtung von Millionen Menschenleben führt, ist kein Ergebnis irgendeines “Deutschseins”, sondern das von Ideologien, die abstrakte Ideen oder Kollektive über den Einzelnen stellen. Es ist die Separierung von einzelnen Menschen in kollektivistische Kategorien, die man als Ursache aller humanitären Katastrophen betrachten muss. Die Trennung in gut und böse, schwarz und weiß, gläubig und ungläubig, bürgerlich und proletarisch, produktiv und unproduktiv, arisch und jüdisch, hetero und homo – und eben auch “deutsch” und “nichtdeutsch”. Daher kann ich die Antideutschen nicht als entschiedene Antithese zum Nationalsozialismus begreifen, sondern letztlich nur als Vertreter einer YAII – “yet another inhuman ideology”.

Damit will ich Telegehirn, dem es erkennbar darauf ankam, seinen Standpunkt verständlich zu machen, natürlich individuell nicht zu nahe treten, sondern vor allem begründen, was die Ursache meiner massiven Ablehnung ist. Und es besteht ja im Prinzip Hoffnung: In der Ablehnung einer pauschalen Abgrenzung zwischen Muslimen und Nichtmuslimen sind wir uns wohl wirklich einig.

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26 Kommentare zu “YAII”

  1. NUB
    14.08.2007 | 19:17

    Ich kann Deinen Standpunkt durchaus verstehen. Eine kleine Anmerkung jedoch zu den Gruppen und den Versuchen, Individuen in solche zu pressen. Du darfst nicht vergessen, dass Individuen die Möglichkeit haben, auf ihre Individualität zu pfeifen, ja dass sie sich nach der Gruppe, dem Kollektiv, einem Anführer u.a. sehnen können, weil sie vom Zusammenhalt, der gegenseitigen Hilfe, vielleicht aber auch von der Abgrenzung von anderen profitieren wollen. Da kannst Du nicht hingehen und dem Individuum, das lieber im Kollektiv aufgehen möchte, vorschreiben, ein Individuum zu sein und die Gruppe, die die Individuen kreieren dann nicht mehr als solche behandeln, sondern immerzu alle als Individuen zerlegen. Du kannst das gedanklich sehr wohl tun, in der politischen Praxis wäre es jedoch nicht anwendbar, weil Gruppen die Eigenschaft haben, Dir auch als solche zu begegnen, als solche zu argumentieren und als solche zu handeln und zu entscheiden. Wie sie es intern halten, ob sie da Individuen beauftragen, die Denk- und Entscheidungsarbeit zu leisten, kann Dir als Externem egal sein, Du wirst jedenfalls – dauernd – mit Gruppen konfrontiert, die Dir ihre Identität zeigen, die sie selber annehmen möchten. Wenn das stimmt, dann kannst Du nicht selektiv die Reaktionen auf die Gruppenbildungen, bzw. eine Anti-Haltung dazu, als unsinnig abtun, mit der Begründung, es sollte keine Gruppen geben. Die Gruppen und ihre Selbstidentifikation, ihr Auftreten als solche war ja zuerst da, dann erst das Anti. Im übrigen hast Du bei der praktischen Anwendung des Schubladendenkens, das ja auch aus Bequemlichkeit übertrieben werden kann ebenso Recht wie mit der Beobachtung, dass schnell mal etwas unterstellt wird, weil es in ein gedankliches Schema passt.

  2. micha42
    14.08.2007 | 19:18

    “Es ist vielleicht wenig verwunderlich, dass manche Antideutsche diese Haltung nicht verstehen”

    Das ist, obwohl man es da besonders gut sieht, nicht auf Antideutsche beschränkt und auch nicht auf das Thema Kriegsführung:

    Letztlich steckt dahinter m.E. was ebenso Banales wie Grundlegendes: das alte Motto “Der Zweck heiligt die Mittel”. Manche (imo: zuviele) Leute können die Haltung, diesem Motto nicht zuzustimmen, auch nicht ansatzweise nachvollziehen und schlussfolgern deshalb aus einer Ablehnung bestimmter Mittel ruck-zuck auf die Ablehnung des Zwecks.

  3. 14.08.2007 | 19:31

    @NUB

    Ich weiß nicht, woraus du schließt, ich wolle jemandem seine freiwillige Verkollektivierung verderben. Selbstverständlich halte ich es für legitim, wenn sich jemand auf eine bestimmte Art definiert. Ich habe nur ein Problem damit, dass die einen die anderen einordnen.

  4. 14.08.2007 | 19:32

    @micha42

    Genau.

  5. NUB
    14.08.2007 | 19:35

    Rayson

    Du schreibst:

    Denn die Menschenverachtung, die zur Vernichtung von Millionen Menschenleben führt, ist kein Ergebnis irgendeines “Deutschseins”, sondern das von Ideologien, die abstrakte Ideen oder Kollektive über den Einzelnen stellen. Es ist die Separierung von einzelnen Menschen in kollektivistische Kategorien, die man als Ursache aller humanitären Katastrophen betrachten muss.

    Wenn das Kollektiv z.B. über das Deutschsein definiert wird, ist das sehr wohl die Kategorie.

  6. 14.08.2007 | 19:56

    @NUB

    Aber genau das machen die Antideutschen doch.

    Das Problem ist nicht die Selbstbeschreibung. Das Problem ist, wenn mit ihr auch “das andere” umfassend beschrieben sein soll.

  7. NUB
    14.08.2007 | 20:03

    Jetzt ist das etwas abstrakt. Mach das bitte mal mit einem Beispiel deutlich. Nehmen wir an, ein Antideutscher redet über einen erstarkten deutschen Nationalismus. Im Che Warlog und anderswo kann man lesen, dass es Antideutschen heute mehr um den Islam geht, aber bleiben wir ruhig bei den Deutschen. Fühlst Du Dich dann angegriffen?

  8. 14.08.2007 | 20:15

    @NUB

    Natürlich nicht. Wenn es darum geht, einen erstarkenden Nationalismus, ob deutsch oder irgendwas, als Problem zu identifizieren, was soll ein Liberaler denn da anderes zu sagen, als dass es sich hier um den alles andere als unterstützenswerten Versuch einer willkürlichen Kollektivierung handelt?

    Das unterscheidet eben die Fahnenschwinger während der WM, die nur das tun, was alle anderem Anhänger ihrer Nationalteams auch tun und einander gegenseitig auch problemlos zugestanden wird, von denen, die aus einem Nationalismus eine bestimmte, meist geringschätzige, Einstellung gegenüber anderen Nationen ableiten.

  9. NUB
    14.08.2007 | 20:43

    Rayson

    Wenn es darum geht, einen erstarkenden Nationalismus, ob deutsch oder irgendwas, als Problem zu identifizieren, was soll ein Liberaler denn da anderes zu sagen, als dass es sich hier um den alles andere als unterstützenswerten Versuch einer willkürlichen Kollektivierung handelt?

    Ist das die Art und Weise, wie Du z.B. gegen die NPD argumentieren würdest? Also ich weiß ja nicht. Da würde so ein “Nationaldemokrat” doch nur zu sagen: Komm, Milchbubi, zur Seite.

  10. 14.08.2007 | 20:50

    D’accord Rayson. Sehr guter Beitrag.

  11. 14.08.2007 | 20:55

    @NUB

    Die Reaktion von Neonazis ist für mich kein Maßstab.

  12. NUB
    14.08.2007 | 21:25

    Rayson

    Ich warte noch auf ein Beispiel für eine antideutsche Position, die Dich zu etwas “zwangskollektiviert” ohne das rechtfertigen zu können.

  13. 14.08.2007 | 22:17

    Ach, NUB, nimm irgendeinen Kommentar von FDR. ok?

  14. NUB
    14.08.2007 | 22:27

    Das ist aber jetzt schon ein bisschen fragwürdig. Die eigentliche Message, die Telegehirn bei Dir anbringen wollte, war doch, die Antideutschen seien ganz individuell verschieden. Ob es nun so stimmt oder nicht. FDR ist jedenfalls nicht ihr Pressesprecher. Und da Ihr FDR eher als Troll seht, würde das ja heißen, Antideutsche seien für Euch Trolle. Also alles in allem kommt mir Deine konkrete Argumentation, warum Du Dich so von Antideutschen auf den Schlips getreten fühlst, doch mehr als das Ergebnis einer Empfindung vor als eines durchdachten Konzepts. Auch wenn Deine übrigen Überlegungen zur grundsätzlichen politischen Orientierung durchdacht erscheinen.

  15. 14.08.2007 | 22:31

    @NUB

    Für Botschaften, irgendwas sei ganz vielfältig, bin ich sehr empfänglich. Aber wenn dann eine ganz bestimmte Ausprägung ganz besonders hervorgehoben wird, relativiert sich eine solche Behauptung doch sehr.

  16. NUB
    14.08.2007 | 22:38

    Na ja, den Rest kannst Du dann ja mit Tele bereden… Ich bin ja auch nicht als Antideutscher oder Sympathisant hier, fand aber von Anfang an, dass Ihr diese Leute nicht so ganz richtig versteht… Dass Euch die Art einiger Individuen nicht sehr – sympathisch – vorkommt, kann man aber verstehen.

  17. twex
    15.08.2007 | 6:26

    “Dass ich als Deutscher in Deutschland aufgewachsen bin, ist aus meiner Sicht ein Zufall mit ziemlich unvermeidlichen Konsequenzen, z.B. denen, in Deutsch zu träumen, Schwarzbrot zu mögen, Anspielungen auf Loriot-Sketche zu verstehen und in einer Gesellschaft mit hohem Wohlstandsniveau leben zu dürfen.”

    Das sind ja recht oberflächliche Beispiele. Aber einen völkischen Charakter im psychologischen Sinn siehst du gar nicht? Daß z.B. die bedeutenden Idealisten allesamt Deutsche waren war reiner Zufall?

  18. Libero
    15.08.2007 | 7:04

    Manche (imo: zuviele) Leute können die Haltung, diesem Motto nicht zuzustimmen, auch nicht ansatzweise nachvollziehen und schlussfolgern deshalb aus einer Ablehnung bestimmter Mittel ruck-zuck auf die Ablehnung des Zwecks.

    Das ist des Pudels Kern. Ist der Harris nach 1942 ein anderer als der Harris vor 1942. Der Mann war ja schon vorher in der RAF. Nein,
    Harris ist immer so vorgegangen, nicht nur gegenüber dem nazistischen Deutschland. Harris hat nach 1942 so gehandelt, wie er schon nach 1930 gegenüber den Kurden und Araber im Irak gehandelt hat. Er wäre auch nach 1945 gegen jeden Gegner der Briten so vorgegangen, wenn er nicht aus der RAF ausgeschieden wäre. Ich sehe nicht, wo die Parallelen zwischen aufständischen Kurden und Arabern gegen die englische Kolonialherrschaft und den Nazis bestanden? Hat Harris in Saddam Hussein nicht einen gelehrigen Schüler gefunden, der sein Vorgehen genau in der gleichen Region Jahrzehnte später wiederholte?

    Was erreicht man mit Terror?

    Die Nazis erreichten mit ihrem Terror gegen Menschengruppen in Deutschland und die Bevölkerung benachbarter Staaten, den die meisten Deutschen zumindest mitbekamen und per Mundpropaganda verbreiteten, daß die Deutschen Angst vor der Vergeltung der von Deutschen so behandelten Bevölkerung der Nachbarstaaten hatten. Wie du mir, so ich dir. Alles geschah ja im Namen des Deutschen Volkes. Das hat zum Beispiel der Hans Kohl sehr früh erkannt. Was an Terror passierte, wußte jeder Soldat und jeder Soldat war mindestens einmal auf Heimaturlaub. Du beobachtest oder weißt von Bestien und ihrem Terror und schreitest nicht ein. Wie werden die Hinterbliebenen der Opfer oder spätere Zeugen dieses Terror reagieren, wenn sie die Möglichkeit zum militärischen Handeln haben?

    Was entsteht?

    Eine mitgegangen, mitgehangen Mentalität, die den weiteren Terror noch legitimiert und von den Opfern und ihren Angehörigen als ein Terror im Namen des deutschen Volkes, aller Deutschen, angesehen werden muss.

    Wenn dann als Reaktion auf diese Verbrechen gegen die Menschlichkeit durch Deutsche Bombengeschwader eingesetzt werden, wird diese von den Bestien gewünschte mitgegangen, mitgehangen Mentalität nicht gerade geschwächt. Welcher oppositionelle Deutsche sollte denn erfolgreich Hitler eliminieren, wenn er und die ihm Gleichgesinnten gegen das Argument anzukämpfen hatten, ob wir für oder gegen Hitler sind, macht kein Unterschied. Harris kennt den Unterschied nicht. Hinzu kommt, daß man selbst so perfide wird und jede Gegenreaktion der Bestien dadurch legitimiert. Damit nachträglich den Terror von Beginn an. Das ist eine moralische Zwickmühle, die die mitgegangen, mitgehangen Mentalität weiter verstärkt. Die Bestien werden sogar zu Beschützern, von denen man Schutz erwartet. Besser kann man ein Terrorregime gar nicht legitimieren. Hitlers Angriff auf die Sowjetunion stabilisierte Stalins Terrorherrschaft und Harris stabilisierte, nicht destabilisierte Hitlers Terrorherrschaft.

    schlussfolgern deshalb aus einer Ablehnung bestimmter Mittel ruck-zuck auf die Ablehnung des Zwecks
    Das gilt natürlich auch für Gruppen des Deutschen Widerstandes. Die Offiziere lehnten sicherlich die Mittel Hitlers und der SS ab, aber auch den Zweck? Das glaube ich eher nicht. Waren für sie jüdische Nachbarn auch Deutsche? Waren sie Republikaner?

  19. micha42
    15.08.2007 | 8:06

    @Libero: (letzter Absatz)
    Das ist dann die Kehrseite der Medaille. Natürlich gilt das Grundschema auch unabhängig davon, wie (un-)moralisch der Zweck ist.

    Im konkreten Fall bin ich aber gar nicht so sicher, welche Mittel sie ablehnten.

  20. 15.08.2007 | 9:49

    @twex:

    Aber einen völkischen Charakter im psychologischen Sinn siehst du gar nicht?

    Ein “völkischer Charakter”? Allein bei diesem Ausdruck gruselt es mich schon sehr…

  21. 15.08.2007 | 9:59

    Aber einen völkischen Charakter im psychologischen Sinn siehst du gar nicht? Daß z.B. die bedeutenden Idealisten allesamt Deutsche waren war reiner Zufall?

    Aber zeitliche und räumliche Faktoren siehst du nicht? Das zum Beispiel der philosophische Idealismus in einer bestimmten Zeit besonders an deutschen Universitäten stark verbreitet war und es darum nicht überrascht, dass die meisten Idealisten aus dieser Zeit und diesem Raum kommen ist dem “völkischen Charakter” zuzuschreiben?

  22. 15.08.2007 | 10:03

    Das Wort “völkisch” führt sicher in die Irre. Dass es aber so etwas wie eine über den Nationalstaat definierbare Kultur gibt, wird sicher auch Rayson nicht bestreiten.

  23. Libero
    15.08.2007 | 10:47

    @Micha42
    Im konkreten Fall bin ich aber gar nicht so sicher, welche Mittel sie ablehnten.
    Ich auch nicht. Aber man sollte Menschen, die einer überkommenen Gesellschaft angehören, nicht nur Schlechtes zutrauen.

  24. micha42
    15.08.2007 | 11:12

    @Libero:
    Vielleicht. Mein Misstrauen beruht aber darauf, dass die werten Ehrenmänner meines Wissens lediglich mit den Westallierten Frieden schließen – und im Osten “fröhlich” weitermachen wollten. Aber die Diskussion driftet doch sehr nach OT, deshalb erspare ich mir mal weitere Ausführungen dazu.

  25. 15.08.2007 | 11:50

    Libero, Deine Harris-Charakterisierung hätte ich nicht besser hinbekommen können. Danke dafür! YA2 ist auch ein schöner Terminus. Ich finde an den Ads ja ihren radikalen Reduktionismus und ihre totale Abstraktion so fatal. Da kommen nicht nur keine Individuen mehr vor, auch Klassen, soziale Bewegungen, Völker werden zu abstrakten Größen, die wie in einer Art Mengenlehre bestimmte Rollen erfüllen und denen in Anlehnung an den Hegelschen Weltgeist Funktionen zugedacht werden (die USA und Israel als Motoren von Aufklärung und Fortschritt, der Kapitalismus als Aufklärung und Fortschritt und daher Weg zum Kommunismus, der Islam als Gegenteil von Aufklärung und Fortschritt und Platzhalter des historisch untergegangenen Faschismu, die linke Szene als “identisch” und Hemmschuh wahrer, als Weg zum Kommunismus gesehener Emanzipation und die Antideutschen als “nichtidentisch” und die eigentliche Speerspitze der Aufklärung). Abgesehen davon, dass damit absurde politische Frontstellungen vorgenommen werden (im politischen Schulterschluss mit Bush, Sarkozy und Netanjahu letztendlich zum Kommunismus) ist diese totale Abstraktion in ihrer Unverbundenheit mit realen Menschen und Schicksalen unmenschlich.

  26. 16.08.2007 | 18:02

    [...] Aug 16th, 2007 by telegehirn Bevor ich mich dem Themenfeld „antideutsche Islamkritik“ widme, dessen Fehlen zu Recht von verschiedenen Seiten angemerkt wurde, möchte ich mich der Antwort von Rayson, auf meinen Artikel „Antideutsch ist nur ein Schlagwort“, zuwenden. Nach dem ich den Artikel von rayson einige Male durchgelesen habe, bekomme ich mehr und mehr das Gefühl, daß wir oft aneinander vorbeireden. Gerade, wenn es um die Definition von „Deutsch“ geht. So schreibt Rayson: „Da soll ich also “deutsch” im Sinne einer Ideologiekritik begreifen, und Telegehirn müht sich reichlich, mir das “Deutsche an sich” nahezubringen. Der Schluss ist sozusagen ein gewendeter Genscher: Deutsch ist im antideutschen Sinne nicht nur deutsch. […] Mit einer solchen Ausdehnung entzieht sich das “Antideutsche” im Telegehirnschen Sinne natürlich einiger von mir und Boche geäußerter Kritik. Wenn, um die entsprechenden Säulenheiligen mal als Extrembeispiel hervorzukramen, auch Amis und Israelis im antideutschen Sinn deutsch sein können (oder sind die qua Staatsbürgerschaft naturresistent?), können wir den Begriff doch aber eigentlich getrost zur Seite legen und etwas konkreter über das reden, was wir eigentlich meinen, oder?“ [...]

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