Staat vs. Unternehmer – Beharren gegen Innovation

Wie setzen sich Innovationen durch? Meist zerstörerisch im Schumpeterschen Sinne: Es sind eher nicht die alten Helden, die das Neue vorantreiben und von ihm profitieren. Unternehmer ist man nur einmal im Leben, und die alten Modelle hatten ihre Zeit. Es sind so gut wie immer andere, die Neuerungen einbringen und für alle verfügbar machen. Sei es, weil sie die Erfinder sind. Oder sei es, was viel häufiger der Fall sein wird und von Schumpeter auch als die eigentliche Rolle des Unternehmers gesehen wurde, weil sie als erste begreifen, dass eine Neuerung alte Modelle obsolet macht und neuen eine Chance gibt.

Für Fortschritt in der Datentechnik stand früher IBM, dann Microsoft. Heute ist es Google. Diese Namen stehen auch stellvertretend für Modelle: Während man mit IBM das Modell Mainframe (plus “dumme” Terminals”) verband, steht Microsoft für den alleskönnenden Einzelplatz-PC – in einer wagemutigen politischen Analogie also für den Wechsel vom Modell Obrigkeitsstaat zum freien Individuum. Google hingegen (und das, was man heute PR-technisch als Web 2.0 verkauft – siehe Anmerkung unten) wird assoziiert mit der freiwilligen Interaktion innerhalb des Netzes – also, nicht weniger wagemutig, einer Form spontan entstehender Institutionen. Nun wollen wir nicht zu markenhörig werden und uns immer vor Augen handeln, dass alle diese Namen mit konkreten Interessen zu tun haben. Eine gesunde Portion Skepsis ist also angesagt, aber sollte auch nicht davon abhalten, eigennutzmaximierend Chancen, auch der Kooperation, zu nutzen.

Aber der Prozess ist einer der Ablösung. Altes verschwindet (oder wird gezwungen, sich neu zu erfinden – wie z.B. IBM in einem langen und schmerzvollen Prozess), Neues entsteht. Wieviele der, gemessen am Börsenwert, größten 50 Unternehmen der USA oder Europas waren das schon vor 25 Jahren?

Und das ist das Problem mit dem, was wir “Staat” nennen. Da gibt es die radikalen Ablösungen nur in Form von Kriegen oder Revolutionen. Ansonsten überwiegt das Beharrungsvermögen. Stellen wir uns einmal vor, die Entwicklung des PCs hätte sich nach den Vorgaben von IBM richten müssen. Wo wären wir da heute? Ganz sicher hinge alle Welt noch an Mainframes, und wahrscheinlich hätte kein Individuum direkt Zugang zum Internet (das auch viel mehr dem ähneln würde, was wir aus einen Anfangsjahren kennen), sondern nur die Besitzer dieser Großrechner.

Der Staat hat nun aber die Macht, solche Vorgaben zu machen. Er hat im Laufe seiner Entwicklung – so es denn eine demokratische war: als dauerhafter Kompromiss – ein bestimmtes Schema verinnerlicht, in das er die Abläufe dieser Welt einzuordnen sucht. Und das notfalls auch erzwingt.

Beim Internet wird die Problematik, die aus diesem Konflikt zwischen staatlichem Beharrungsvermögen und gesellschaftlicher Entwicklung entsteht (wer da ein wenig Marx durchscheinen sieht, hat vielleicht nicht ganz Unrecht), offensichtlich. Sprechen wir pro domo, sprechen wir über das Internet. Tausende von Einzelpersonen haben plötzlich die Möglichkeit, ihre eigenen Gedanken und Ideen einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Ob und wie sehr diese Öffentlichkeit von diesen Gedanken Notiz nimmt, hängt von vielen Kriterien ab. Aber es gibt unter diesen Tausenden natürlich immer ein paar, die ein größeres Publikum anlocken.

Das geht staatlicherseits nicht. Wer sich an eine quasi unendliche Öffentlichkeit wendet, muss entweder Unternehmer oder Journalist sein, denn das war schon immer so. Und wem man beides nachweisen kann, der wird zum Sender vom Schlage eines öffentlich-rechtlichen Rundfunks oder der SAT1-ProSieben-Gruppe erklärt. Dass diese beiden Funktionen nur Mittel sind, weiß der Staat nicht mehr – sonst käme vielleicht auch noch jemand auf die Idee, dass auch er nur Mittel ist, und das wäre ja nun ganz und gar verwerflich. Langer Rede, kurzer Sinn: Dass Bürger einfach so miteinander in Beziehung treten, ohne dass eine Obrigkeit darüber wachte, kann und darf nicht sein. Wo kämen wir denn da hin?

Da könnte ja schließlich jeder kommen!

Richtig, genau das ist die Idee… Und dass der Staat mit gerade der nicht zurecht kommt, ist der wahre Grund hinter all den gesetzes- und abmahnbewehrten Regelungen, mit denen man als Blogger heutzutage überzogen wird.

P.S.: Dass der Staat in seinem Beharrungsvermögen von den Anbietern überholter Modelle nicht nur unterstützt wird, sondern zu denen auch meist präferierte Beziehungen unterhält, macht das Problem nicht kleiner.

Anmerkung: Sowas wie das “Web 2.0″ schwebte schon vor über 10 Jahren der Firma “Sun” vor. Damals krähte kein Hahn danach, weil “Sun” zwar eine Technik propagierte (Java, Java-Applets), aber keine attraktive Anwendung dafür parat hatte. Google und Co. kamen von der anderen Seite, der Anwendung, und schon steht Java gegenüber den mehr HTML-nahen Techniken wie PHP und JavaScript etwas im Abseits. Ergänzung: Die mangelnde Verbreitung von Breitband-Zugängen wird auch eine Rolle gespielt haben: Dann war der Fehler von Sun, die propagierte Technik nicht dem Paradigmenwechsel von Microsoft angepasst zu haben, also dass wirklich auch jeder Einzelne partizipieren können muss.

(inspiriert durch diesen Eintrag im lawblog, der seinerseits auf Thomas Knüwer verweist)

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23 Kommentare zu “Staat vs. Unternehmer – Beharren gegen Innovation”

  1. 6.08.2007 | 21:53

    Sehr guter Text.

    Einzig seine Schlüsselstelle (“Dass Bürger einfach so miteinander in Beziehung treten, ohne dass eine Obrigkeit darüber wachte, kann und darf nicht sein. Wo kämen wir denn da hin?”)
    bedürfte einer präziseren Begründung. Die anschließende Formulierung (“Da könnte ja schließlich jeder kommen!”) reicht natürlich nicht aus.

    Entre Nous: mir fällt auch nichts ein, und auch ich habs schon versucht.

  2. 6.08.2007 | 21:56

    Danke fürs Lob. Aber meinst du wirklich, unsere Position müsste besser begründet werden? Ich würde die Erklärungsnot eher bei den staatlichen Repressionen sehen.

  3. 6.08.2007 | 21:57

    @kandelaber

    P.S.: Ich finde allerdings, dass sich unsere Gedanken ganz gut ergänzen. Und besser argumentieren tun “die anderen” auch nicht.

  4. 6.08.2007 | 23:50

    Hallo Rayson,

    auch von mir ein Lob, ein guter Hinweis auf diese Analogiebereiche zwischen Technologie & Gesellschaft.

    Ich gehe mal davon aus, dass dir die Sachlage bei den Mainframes noch nicht bekannt ist: Im Gegensatz zu so manchem Heimrechner gibt es bei einem Mainframe mitnichten einen Besitzer oder so etwas, der über den Internetzugang aller anderen bestimmen würde. Selbst von dem traditionellen “root”-Zugang zu solchen Rechnern (“root” ist ein Benutzer, der im Gegensatz zu allen anderen volle Rechte auf ner Kiste hat) verabschiedet man sich aktuell. Klar könnte sich der physikalische Besitzer eines Mainframes dafür entscheiden, irgendwelche dämlichen Beschränkungen einzuführen, aber das kann zum einen dein Provider auch und zum anderen tut sowas nur jemand, der gern vorm wirtschaftlichen Ruin steht.

    Das, was Microsoft mit den PCs ausgenutzt hat, war die chronische Dummheit der Chefetagen. Die konnten sich vor 20 Jahren noch nicht vorstellen, dass man Daten über lange Wege übertragen könnte, und so musste man die Rechenkraft zum Endverbraucher bringen. Heute geht die Entwicklung mit Web 2.0/3.0 einfach nur wieder in die andere Richtung, wieder hin zu dedizierten und gut verwalteten Großrechnern. Das hätten wir vor 20 Jahren aber auch haben können – X11 gabs damals schon.

    Und ja, ich sage das auch aus Erfahrung – mein Blog _liegt_ auf so einem Großrechner, ich arbeite da, lese da meine Mails, quatsche mit den anderen Nutzern, entwickle zusammen Software, alles Dinge, die jetzt erst wiederentdeckt werden.

    Schönen Gruß, Steve

  5. 7.08.2007 | 0:14

    besser begründen: ich denke schon, mich zumindest reizt es sehr, denn es ist für sich genommen nicht wahrscheinlich, dass ein Staat all die Lasten auf sich nimmt, die Überwachung mit sich bringt, allein schon die Legitimationslast (“Erklärungsnot” ;-) .

    Eine These, die ich zur Zeit im Kopf wälze, basiert auf diesem Satz aus meinem Blogeintrag:

    bislang bezog sich die ausführende oder „steuernde“ Funktion von Politik auf große gesellschaftliche Bereiche wie den Markt oder auf Großorganisationen innerhalb dieser.

    Weil aber genau das nicht mehr funktioniert, weil sich der Markt und dessen Organisationen einem nationalstaatlichen Zugriff entzogen haben, greift Politik sozusagen eine Ebene tiefer zum Individuum. Denn Politik muss Macht anwenden. Nur durch Anwendung wird Macht sichtbar.

    just my 2 Cents. Gutes Nächtle

  6. 7.08.2007 | 1:03

    @Steve

    Auch Großrechner sind natürlich nur Mittel – allerdings würde ich bescheiden mal davon ausgehen, das ein Großrechner auch jemandem gehört. Du gehst mir da etwas zu locker drüber hinweg.

    Wenn man will, kann man aber die Entwicklung dialektisch betrachten. Die Mainframes wären die These, die PCs die Antithese, und das Netz die Synthese. Klar, dass sich in dieser Synthese dann auch Mainframes wiederfinden – ihre Nutzung ist ja nicht allein physisch, sondern auch gesellschaftlich, oder: ökonomisch, beeinflusst.

  7. 7.08.2007 | 1:10

    Nur durch Anwendung wird Macht sichtbar.

    Großes Wort, dem man natürlich als Liberaler entgegensetzen muss: Zuallererst durch Politik entsteht Macht überhaupt.

    So sehr entzieht sich der Markt nämlich gar nicht. Für das allermeiste gilt nach wie vor: “All business is local”. Die Dichotomie Markt-Staat, die unsereins behauptet, wird natürlich konterkariert durch angebliche Marktkräfte, die in Wirklichkeit ihre dominierende Position mit Hilfe des Staates zu sichern versuchen. Aber kein Staat der Welt ist gezwungen, auf die Einflüsterungen von Funktionären zu hören. Im Gegenteil: Er täte gut daran, sie stattdessen zu ignorieren und die Märkte selbst walten zu lassen.

  8. Libero
    7.08.2007 | 3:52

    @Rayson
    . Altes verschwindet (oder wird gezwungen, sich neu zu erfinden – wie z.B. IBM in einem langen und schmerzvollen Prozess), Neues entsteht. Wieviele der, gemessen am Börsenwert, größten 50 Unternehmen der USA oder Europas waren das schon vor 25 Jahren?

    Börsenwert ist für mich nicht unbedingt ein Maßstab für das Know-How in einem Unternehmen. Es ist höchstens ein Maßstab für das Know-How der Urteilenden über die Beurteilten.

    Wieviel von Unternehmen haben den vor 25 Jahren noch nicht existiert? Soviele sind das nun wieder auch nicht und von denen, die vor 25 Jahren in der Liste standen, sind die wenigsten “gestorben”, sondern in anderen aufgegangen.

    Die Kontrollmanie sehe ich nicht nur bei staatlichen Behörden, sondern auch bei privatwirtschaftlichen Behörden, die man auch Unternehmen nennt. All die negativen Erscheinungsformen, die man vom Staat kennt, erlebt man genauso bei diesen privaten Behörden.

    Du scheinst kein Intranet großer Unternehmen zu kennen oder bist so hoch in der Hierarchie deiner Firma, das die nicht den Unterschied zwischen deinen Zugangsrechten und den Zugangsrechten derer kennst, die an der Basis der Hierarchie stehen. Ein freier Datenfluß ist das jedenfalls nicht.

    Was passiert denn mit den innovativen Unternehmen, die durch eigene Innovation wachsen? Bleiben sie selbständig? Nein, in den meisten Fällen werden sie beim Tode der Gründer von anderen größeren und meistens älteren Firmen geschluckt. Etwa so, wie sich früher verbrauchte Männer von Eberhoden eine Renaissance ihrer ramponierten Männlichkeit erhofften. Damit zögern sie ihr Sterben hinaus und nehmen gleichzeitig den aufgesogenen, nicht aufgezogenen Sprößlingen den innovativen Impuls. Selbst besitzen sie ihn nur begrenzt. Selten stirbt einer der alten Unternehmensdinosaurier.

    Sowohl Microsoft wie jetzt das Internet verdanken ihr Überleben der grandiosen Unterschätzung durch die anderen Marktteilnehmer und im Falle Microsoft der mehr als ruppigen Durchsetzung des Unternehmen zur Marktmacht. Ein Gentleman ist Herr Gates nicht, jedenfalls nicht als Geschäftsmann. Er gehört eher in die Reihe eines Rockefellers, Carnegie oder Walton, die durch Rücksichtlosigkeit den Wettbewerb bestanden. Das Gates jetzt ein Mäzen ist, ist typisch für solche Herren.

    Sam Walton. Sein Unternehmen ist kein Ort der Freiheit, sondern der Reglementierung und Gängelung. Nicht ohne Grund hat es eine jährliche Fluktuation von über 40 % Das ist ein totalitäres Unternehmen. Man könnte auch stalinistisch sagen. Im Handel ist das kein Einzelfall.

  9. 7.08.2007 | 11:12

    @Libero

    Börsenwert ist für mich nicht unbedingt ein Maßstab für das Know-How in einem Unternehmen.

    Für mich auch nicht. Aber das interne “Know-how” eines einzelnen Unternehmens ist gar nicht mein Thema.

    All die negativen Erscheinungsformen, die man vom Staat kennt, erlebt man genauso bei diesen privaten Behörden.

    Richtig. Es gibt da nur diesen kleinen, entscheidenden Unterschied: Ein Unternehmen kann mir nichts verbieten und mich zu nichts zwingen. Und Unternehmen können sich im Wettbewerb auf Dauer nicht allzu viel Unsinn leisten.

    Bleiben sie selbständig? Nein, in den meisten Fällen werden sie beim Tode der Gründer von anderen größeren und meistens älteren Firmen geschluckt.

    Wenn die Eigentümer das so wollen… Aber da muss man schon ein wenig unterscheiden: “innovativ” und “innovativ” meinen nicht immer dasselbe. Mir geht es wirklich um die Unternehmen, die im Kern neue Geschäftsmodelle umsetzen. Die lassen sich erstens nicht so einfach schlucken, weil der neue Eigentümer in der Regel das Geschäftsmodell nicht richtig versteht oder nicht genug verinnerlichen kann. Und zweitens werden sie auch sehr selten geschluckt: Denken wir im Bereich Internet nur an Ebay oder Amazon, oder in der “richtigen Welt” an McDonald’s, Ikea, Aldi… Die sind bzw. waren in meinem Sinn viel innovativer als irgenein hippes Biotech-Unternehmen.

    Sowohl Microsoft wie jetzt das Internet verdanken ihr Überleben der grandiosen Unterschätzung durch die anderen Marktteilnehmer und im Falle Microsoft der mehr als ruppigen Durchsetzung des Unternehmen zur Marktmacht.

    Ersteres bestätigt meine These: Innovation kommt immer von außen. Und Letzteres ist zwar auch wahr, aber eben nur auch. Allein durch rüde Methoden kommt man nicht so weit – sonst könnte das jeder Rüpel. Aber Microsoft ist wirklich auch wieder ein schönes Beispiel für das, was ich mit Innovation meine: So richtig doll erfunden haben die ja nichts. Gates hat nur als erster erkannt, dass nicht wie vorher die Hardware, sondern die Software der Gewinner des Fortschritts in der Computertechnik werden würde, und aus dieser Erkenntnis die richtigen Schlüsse gezogen. Mittlerweile hechelt Microsoft etwas hinterher und versucht, mit den alten Methoden die Neuerer abzuwehren bzw. sich nachholend an die Spitze der Bewegung zu setzen. Marktführer leben meist in der Vergangenheit, das ist ihr Kernproblem. Und Größe ist per se schädlich für Innovation.

    Nicht ohne Grund hat es eine jährliche Fluktuation von über 40 % Das ist ein totalitäres Unternehmen. Man könnte auch stalinistisch sagen.

    Das Problem ist, dass es im Stalinismus eben keine Fluktuation von 40% gab. Jedenfalls nicht durch freiwilligen Ein- und Austritt.

    Das ist wieder das, was ich vielleicht mal “Zelltheorie des Marktes” nennen muss: Der Gedanke, dass das Eregbnis des Prozesses in jedem einzelnen seiner Teilnehmer angelegt sein müsse. Kundenwünsche könnten nur dann erfüllt werden, wenn Anbieter von Altruismus durchdrungen seien, Effizienz könne nur entstehen, wenn alle das genau so vorhaben, und jeder einzelne Marktteilnehmer müsse als Organisation selbst wieder marktlich stukturiert sein.

    Der Witz und das Geheimnis des Erfolgs von offenen Märkten und offenen Gesellschaften ist aber, dass sie genau dieser Voraussetzungen nicht bedürfen.

  10. 7.08.2007 | 15:10

    Zuallererst durch Politik entsteht Macht überhaupt

    hehe, würde ich nun wiederum umgekehrt formulieren, möchte aber keine Wortklauberei betreiben.

    “All business is local”

    Logo, da wo es zu einem Zeitpunkt gerade ist, ist es lokal, dennoch kann die Lokalität des Business verändert werden, so dass man letztlich wieder beim doofen Wort “glokal” landet.

    Dass Wirtschaft eine dominierende Stellung gegenüber Politik sichern möchte, setzt ja schon voraus, dass es diese gibt. Dafür nach Gründen zu suchen, lohnt sich meiner Meinung nach.

    Ich klinke mich nochmal ein, falls mir was wirklich ‘ergiebiges’ einfällt. Jedenfalls: spannende Diskussion hier, gutes Blog.

  11. Libero
    8.08.2007 | 8:03

    @rayson

    das Problem ist eher, das du für dich stalinistischen Methoden in einem Betrieb nur dann stalinistisch sind, wenn sie in einem stalinistischen Staat umgesetzt werden. Das ist natürlich unsinn und das weisst du auch. Du hast wie ein scheinkluger Sophist geantwortet.

  12. 8.08.2007 | 10:16

    @Libero

    Wenn du den entscheidenden Punkt nicht siehst, nämlich dass das Wort “stalinistisch” kaum auf eine Organisation anzuwenden ist, in die man erstens nicht eintreten muss, die man zweitens jederzeit verlassen kann und einen drittens von dem Moment an nicht mehr belästigt, dann ist das wirklich dein Problem. Und, das muss ich dann auch noch loswerden, weil mich diese Begriffsinflationen nerven, eine Verhöhnung der Opfer des echten Stalinismus.

  13. 8.08.2007 | 16:03

    @Rayson

    Eine solche Verhöhnung beruht aber auf der Gnade der späten oder geografisch glücklichen Geburt. Und ist dementsprechend durch Naivität zu entschuldigen.

  14. Libero
    8.08.2007 | 19:54

    in die man erstens nicht eintreten muss ,
    das setzt voraus, das man ihr nicht bereits angehört
    die man zweitens jederzeit verlassen kann
    natürlich ist das so einfach. Schwuppdiwupp ist ein Ersatzarbeitsplatz da. Natürlich. Natürlich kann jeder jederzeit überall hingehen. Mann bist du weltfremd. Das kann auch eine Abwägung sein zwischen der negativen Situation, die der Mitarbeiter ausgesetzt ist und der positiven Situation, in der sich zum Beispiel Kinder befinden. Von solchen Kleinigkeiten wie ein abzuzahlendes Haus, daß du nur mit Verlust verkaufen kannst, will ich gar nicht reden.
    und einen drittens von dem Moment an nicht mehr belästigt,
    unter der Voraussetzung, das 2 möglich ist. Bei einem stalinistischen Verein wäre das möglich. Das nicht mehr behelligt zu werden ist schon bei normalen Unternehmen nicht immer garantiert. Ein Merkmal von Stalin war die Rachsucht.

    Du sieht Stalinismus nur in Verbindung mit
    Stalin und Schauprozesse. Nach dem Tode Stalins lebten immer noch Stalinisten, auch nachdem die letzten Stalinisten die Macht in den Bruderstaaten verloren haben. Haben diese Stalinisten ihr Führungsverhalten abgelegt, nachdem der Stalinismus als politische Macht zurückgedrängt wurden war? Wohl kaum.

    Natürlich haben sie weiter ihren Führungsstil ausgelebt, denn es auch in westlichen Unternehmen gibt. Du würdest das vielleicht anders nennen, aber es ist ein Führungsstil, der in einem stalinistischen politischen System belobigt würde. Keiner von den Massenmördern der Geschichte, ob Stalin, Mao oder Hitler, sind singuläre Erscheinungen. Singular an ihnen ist nur, daß sie sich die Allmacht nicht nur anmassend, sondern sie auch erreichten. Der Typ Stalin und sein Verhalten gegenüber seinen Mitmenschen lebte vor Stalin, zur Zeit Stalin und nach Stalin. Während Stalins Herrschaft erreichte er die anteilige politische Allmacht. Danach lebt er sein Verhalten auf anderen Positionen aus. Die meisten erreichten wie die embroynalen Stalins, Hitlers, Maos oder Robespierres keine Position, in der sie ihr Verhalten auslebten konnten. Einige aber schon, zum Beispiel im Wirtschaftsleben.

    Stalinismus ist eine politische Epoche, in der ein Stalin politische Allmacht erreichte. Stalinistisches Verhalten meint das Verhalten von Menschen wie Stalin, die nicht die politische Allmacht erreichten.

    Oder anders ausgedrückt. Auch in einer Demokratie leben unter uns Menschen, die potentielle Tyrannen und Massenmörder sind. Erreichen sie nicht die politische Allmacht, was zur Zeit die Regel ist, tobt sich ihr Verhaltensprofil in anderen Lebensbereichen aus. Das kann ein einfacher Mörder sein, der es geniesst, Allmacht über einen einzigen Menschen auszuüben. Das kann ein Ehemann sein, der eine sadistische Freude dabei empfindet, seine Frau und seine Kinder zu tyrannisieren. Das kann eine Führungskraft sein, der es Spaß macht, seine Mitarbeiter zu schikanieren und zu demütigen. Wie würden die gleichen Menschen reagieren, wenn er politisch allmächtig wäre? Würde er vor dem Morden zurückschrecken? Wohl kaum.

    Bestünde die Gefahr des Umschlages von der Demokratie zu Tyrannei eines Menschen, so sei gewiß, dieser Mensch würde sich finden lassen. In jeden Staat. Da Tyrannen selten als Baby die politische Allmacht erreichen, hat er vorher als Nochnichttyrann unter uns gelebt. Die Möglichkeit der Tyrannei läßt ihn zum Tyrannen reifen. Dann kann sich ein Potential austoben, daß schon sehr früh, siehe die Biographie von Stalin, aktiv war.

  15. Libero
    8.08.2007 | 20:00

    @Boche
    Stalin erreichte 1922 die politische Allmacht. Da war er 44 Jahre alt. Stalin kam nicht mit 44 zur Welt, sondern wie du als Baby. Stalin war schon vorher Stalin. Mindestens 20 Jahre. Wahrscheinlich schon früher. Wenn ich mir sein Bild von 1894 ansehe, da war er 16, würde ich sagen, das ist schon der Stalin der Tyrannei.

  16. Libero
    8.08.2007 | 20:16

    @Rayson

    Eine beliebte Ausrede von Förderern solcher Tyrannen ist “als wir ihn kennenlernten, war er ganz anders”. Das genau ist falsch. Es war sehr wohl und eindeutig erkennbar, daß ein zukünftiger Massenmörder vor einem stand, den nur eins daran hinderte, zum Massenmörder zu werden. Die fehlende politische Allmacht.

    Du mußt dir nur mal durchlesen, wie sich Hitler in der feinen Münchner Gesellschaft benommen hat. Das haben die Damen sehr wohl wahrgenommen. Er war zum Grusel. Aber die Upperclass hat geglaubt, er würde auf ewig der gehemmte soziale Underdog bleiben, der vor ihnen seinen Bückling machen würde. Ein genehmes leicht zu kontrollierendes Spielzeug. Das genau sind potentielle politische Massenmörder eben nicht. Die vorher Mächtigen, die glaubten, sie kontrollieren zu können, haben diese Menschen fast immer falsch eingeschätzt.

  17. 8.08.2007 | 20:37

    @Libero

    das setzt voraus, das man ihr nicht bereits angehört

    Wer wird denn als Arbeitnehmer geboren?

    natürlich ist das so einfach. Schwuppdiwupp ist ein Ersatzarbeitsplatz da. Natürlich. Natürlich kann jeder jederzeit überall hingehen. Mann bist du weltfremd. Das kann auch eine Abwägung sein zwischen der negativen Situation, die der Mitarbeiter ausgesetzt ist und der positiven Situation, in der sich zum Beispiel Kinder befinden. Von solchen Kleinigkeiten wie ein abzuzahlendes Haus, daß du nur mit Verlust verkaufen kannst, will ich gar nicht reden.

    Ich habe nicht gesagt, dass es einfach ist, aber die Forderung ist auch neu. Mir ging es zunächst mal ums “dass”. Die Gründe dafür, dass und wenn es nicht einfach ist, liegen aber beim Einzelnen selbst oder vielleicht auch noch dem Staat mit seiner miserablen Arbeitsmarktpolitik, aber auf jeden Fall nicht beim “Stalinisten”. Der kann niemanden hindern zu gehen. Für das typische Stalinismus-Opfer wären die Sorgen um ein abzubezahlendes Haus übrigens ein echtes Luxusproblem. Den Otto-Spruch “Man hat mich gezwungen – mit Geld” schenken wir uns also besser.

    Du sieht Stalinismus nur in Verbindung mit Stalin und Schauprozesse.

    Ohne die sicher auch kein Mensch von Stalinismus reden würde. Also, wenn du die nicht meinst, verwende ein anderes Wort. Es kann auch niemand von Nationalsozialismus reden, ohne die Shoa mitzumeinen. (Nur am Rande: Es geht auch nicht nur um die Schauprozesse. Die meisten Opfer Stalins bekamen einen solchen Prozess gar nicht erst.)

    Und was deine Charakteristik von Tyrannen betrifft, frage ich mich allmählich, ob du damit nicht schon reichlich OT wirst.

  18. tigger
    8.08.2007 | 21:10

    “Die Gründe dafür, dass und wenn es nicht einfach ist, liegen aber beim Einzelnen selbst oder vielleicht auch noch dem Staat mit seiner miserablen Arbeitsmarktpolitik, aber auf jeden Fall nicht beim “Stalinisten”. Der kann niemanden hindern zu gehen.”

    Weiter oben wurde ja behauptet, es gäbe eine jährliche Fluktuation von 40%. Also so richtig schwierig kanns doch auch nicht sein.

  19. 8.08.2007 | 21:14

    Merke: Die Boshaftigkeit der “Stalinisten” zeigt sich vor allem darin, dass sie ihre Opfer zwingen, sich aus ihrem Machtbereich zu begeben.

  20. Libero
    8.08.2007 | 22:50

    @Rayson

    Kurz und gut. Für dich gibt es stalinistisches Verhalten nur im Stalinismus.

    Stalin war vor 1922 selbstverständlich kein Tyrann und potentieller Massenmörder. Stalin war vor 1922 nicht Stalin, sondern der nette Junge von neben an. So wie ein britischer Diplomat den 38 jährigen Saddam Hussein beschrieb.

    Für dich gibt es nicht den Prototyp Stalin unter den Tyrannen. Für dich gibt es auch keine Mitmenschen, vielleicht einer deiner Nachbarn, der, wenn er politische Allmacht hätte, sich zu einem Massenmörder entwickeln würde.

    Es gibt Tyrannen, die Massenmörder werden und es gibt Menschen, die solche Tyrannen weit vor ihrer Allmachtzeit nicht wahrnehmen können oder wollen. Dann gehört du eben zu dieser Gruppe.

    we agree to disagree

  21. 8.08.2007 | 22:58

    @Libero

    Eine Diskussion zum Thema Determinismus können wir gerne woanders führen.

    Aber der entscheidende Unterschied bleibt: Stalin ohne Staat wäre nie Stalin geworden.

  22. Buenavista
    9.08.2007 | 6:10

    Um Google mache ich inzwischen eher einen Bogen. Was Google an Daten sammelt, dürfte in wenigen Jahren gefährlicher sein als das momentane Quasi-Monopol von Microsoft.

  23. 9.08.2007 | 20:44

    Es behauptet keiner, Google seien “die Guten”. Das wäre für mich eher die “Open Source”-Bewegung. Ich sage bewusst nicht “Free Software”, obwohl mir die Idee an sich gefällt, denn RMS & Co. kommen mir manchmal arg vernagelt daher.

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