4. August 2007
Die Hirnforschung und der “homo oeconomicus”
Jeder unserer Stammleser wird wissen, dass ich ein ganz mieser Philosoph bin. Ich beherrsche den Jargon nicht, und mir sind mindestens 80% der neueren Philosophen und ihre Thesen entweder unbekannt oder zu unzugänglich.
Aber das Schöne am Bloggen ist: Ich kann ohne Lizenz frei vor mich hin philosophieren. Wayne’s interessiert, der liest das und gibt vielleicht sogar seinen Senf dazu ab, und wayne’s nicht interessiert, der klickt einfach lieber den nächsten Autoren an.
Vorgestern erwarb ich mal wieder ein gedrucktes Exemplar der “Konfettikanone der Demokratie” (MartinM), weil mich der Titel interessierte: “Das Böse im Guten”. Enthalten darin war unter anderem ein Streitgespräch zwischen dem Hirnforscher Hans Markowitsch und Jan Philipp Reemtsma, der nicht nur die philosophische Sicht der Dinge vertrat, sondern leider auch persönliche Betroffenheit (mit der er allerdings bewundernswert souverän umging) zum Thema beisteuern konnte.
Markowitsch vertrat sozusagen die Hardcore-Fraktion der Hirnforscher: Alles ist determiniert. Zunächst durch das vererbte Gehirn, dann willkürlich verändert durch äußere Reize. Gesellschaftlich unerwünschte Abweichungen von der Norm können (Achtung, liebe interpretationswütige Böswillige: nicht “müssen”!) dann keine Verbrechen mehr sein, sondern nur noch Folgen eines Defektes, genauer: einer Krankheit. Klapse statt Knast. So weit war eine wissenschaftliche Weltanschauung schon mal: Die da Verwerfliches dachten und es auch laut sagten, wurden in die Psychiatrie eingewiesen.
Reemtsma hat sich redlich bemüht, diesem Reduktionsmus etwas entgegenzusetzen. Mich hat es aber nicht so recht überzeugt. Da habe ich im Feuilleton der F.A.Z., das dieser Debatte breiten Raum gab, früher schon von anderen Philosophen Überzeugenderes gelesen. Materialismus ist ja nun wirklich nichts Neues. Und die Versuche, das “ich” durch ein “es” zu ersetzen, auch nicht. Ich bin, trotz meiner wie oben erwähnten mehr als mangelhaften philosophischen Bildung, mir ziemlich sicher, dass solche Fragen spätestens schon von Descartes sehr ausführlich abgehandelt wurden.
Aber die Einstellung von Markowitsch erzeugte bei mir gleich eine Assoziation: Will der nicht auch gerade den mittlerweile vielfach geächteten “homo oeconomicus” belegen? Der Mensch als Wesen, das in deterministischer Form auf äußere Reize reagiert – ist das nicht die Basisannahme der Ökonomen?
Trotz Hirnforschung: Ökonomen würden so etwas nie behaupten. Mal abgesehen davon, dass die energischsten Verfechter des “homo oeconomicus” sich argumentativ völlig stringent immer hinter die Black-Box Nutzenfunktion zurückziehen können: Kein Ökonom würde je denken, dass “der Mensch” “so ist”. Es ist nur so, dass, wenn man Annahmen über das wirtschaftliche Handeln von vielen(!) Menschen trifft,. die Kunstfigur des “homo oeconomicus” im Schnitt(!) verblüffend gute Ergebnisse liefert. Und zwar so gute, dass man sie als Ausgangspunkt nehmen kann, um vielleicht gegebenenfalls Abstriche von ihren Annahmen zu machen (bzw. genauer in die ominöse “Nutzenfunktion” einzudringen). Denn die Ökonomen sind, und hier funktioniert der Forschungswettbewerb, natürlich eifrig bemüht, dem Bisherigen Neues hinzuzufügen, und mehr Differenzierung in den Annahmen ist da immer ein auf der Hand liegender Ansatz.
Aber der entscheidende Unterschied zu den Thesen der Hirnforscher sollte klar sein: Die einen verwenden eine Kunstfigur, um mit deren Hilfe das Verhalten einer Vielzahl von Menschen untersuchen und vorhersagen zu können. Die anderen nehmen für sich in Anspruch, das wahre Wesen des Menschen entdeckt zu haben.
Ich finde, es ist erschreckend, mit welcher philosophischen Unkenntnis sie das tun. Aber die Debatte wird das hoffentlich offenlegen.
Verfasst von Rayson um 19:26 Uhr in der Kategorie Grundsatzfragen, Wirtschaft (Trackback)
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