Die Hirnforschung und der “homo oeconomicus”

Jeder unserer Stammleser wird wissen, dass ich ein ganz mieser Philosoph bin. Ich beherrsche den Jargon nicht, und mir sind mindestens 80% der neueren Philosophen und ihre Thesen entweder unbekannt oder zu unzugänglich.

Aber das Schöne am Bloggen ist: Ich kann ohne Lizenz frei vor mich hin philosophieren. Wayne’s interessiert, der liest das und gibt vielleicht sogar seinen Senf dazu ab, und wayne’s nicht interessiert, der klickt einfach lieber den nächsten Autoren an.

Vorgestern erwarb ich mal wieder ein gedrucktes Exemplar der “Konfettikanone der Demokratie” (MartinM), weil mich der Titel interessierte: “Das Böse im Guten”. Enthalten darin war unter anderem ein Streitgespräch zwischen dem Hirnforscher Hans Markowitsch und Jan Philipp Reemtsma, der nicht nur die philosophische Sicht der Dinge vertrat, sondern leider auch persönliche Betroffenheit (mit der er allerdings bewundernswert souverän umging) zum Thema beisteuern konnte.

Markowitsch vertrat sozusagen die Hardcore-Fraktion der Hirnforscher: Alles ist determiniert. Zunächst durch das vererbte Gehirn, dann willkürlich verändert durch äußere Reize. Gesellschaftlich unerwünschte Abweichungen von der Norm können (Achtung, liebe interpretationswütige Böswillige: nicht “müssen”!) dann keine Verbrechen mehr sein, sondern nur noch Folgen eines Defektes, genauer: einer Krankheit. Klapse statt Knast. So weit war eine wissenschaftliche Weltanschauung schon mal: Die da Verwerfliches dachten und es auch laut sagten, wurden in die Psychiatrie eingewiesen.

Reemtsma hat sich redlich bemüht, diesem Reduktionsmus etwas entgegenzusetzen. Mich hat es aber nicht so recht überzeugt. Da habe ich im Feuilleton der F.A.Z., das dieser Debatte breiten Raum gab, früher schon von anderen Philosophen Überzeugenderes gelesen. Materialismus ist ja nun wirklich nichts Neues. Und die Versuche, das “ich” durch ein “es” zu ersetzen, auch nicht. Ich bin, trotz meiner wie oben erwähnten mehr als mangelhaften philosophischen Bildung, mir ziemlich sicher, dass solche Fragen spätestens schon von Descartes sehr ausführlich abgehandelt wurden.

Aber die Einstellung von Markowitsch erzeugte bei mir gleich eine Assoziation: Will der nicht auch gerade den mittlerweile vielfach geächteten “homo oeconomicus” belegen? Der Mensch als Wesen, das in deterministischer Form auf äußere Reize reagiert – ist das nicht die Basisannahme der Ökonomen?

Trotz Hirnforschung: Ökonomen würden so etwas nie behaupten. Mal abgesehen davon, dass die energischsten Verfechter des “homo oeconomicus” sich argumentativ völlig stringent immer hinter die Black-Box Nutzenfunktion zurückziehen können: Kein Ökonom würde je denken, dass “der Mensch” “so ist”. Es ist nur so, dass, wenn man Annahmen über das wirtschaftliche Handeln von vielen(!) Menschen trifft,. die Kunstfigur des “homo oeconomicus” im Schnitt(!) verblüffend gute Ergebnisse liefert. Und zwar so gute, dass man sie als Ausgangspunkt nehmen kann, um vielleicht gegebenenfalls Abstriche von ihren Annahmen zu machen (bzw. genauer in die ominöse “Nutzenfunktion” einzudringen). Denn die Ökonomen sind, und hier funktioniert der Forschungswettbewerb, natürlich eifrig bemüht, dem Bisherigen Neues hinzuzufügen, und mehr Differenzierung in den Annahmen ist da immer ein auf der Hand liegender Ansatz.

Aber der entscheidende Unterschied zu den Thesen der Hirnforscher sollte klar sein: Die einen verwenden eine Kunstfigur, um mit deren Hilfe das Verhalten einer Vielzahl von Menschen untersuchen und vorhersagen zu können. Die anderen nehmen für sich in Anspruch, das wahre Wesen des Menschen entdeckt zu haben.

Ich finde, es ist erschreckend, mit welcher philosophischen Unkenntnis sie das tun. Aber die Debatte wird das hoffentlich offenlegen.

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14 Kommentare zu “Die Hirnforschung und der “homo oeconomicus””

  1. 4.08.2007 | 22:07

    Was Ökonomen unter Rationalität verstehen und allgemein als “Homo Oeconomicus” bezeichnet wird ist nichts anderes, als die drei grundlegenden Arbeitshypothesen:

    - Menschen handeln zielorientiert, unsere Handlungen haben in aller Regel eine bestimmte Absicht und wir agieren nicht wahllos.
    - Menschen lernen normalerweise aus Erfahrungen.
    - Unsere Präferenzen sind transitiv: Wenn ich Äpfel Bananen vorziehe und Bananen lieber als Kirschen esse, dann mag ich auch Äpfel lieber als Kirschen. Wenn das nicht so wäre, würden wir ja in Entscheidungsunfähigkeit verharren.

    Was das Selbstinteresse betrifft, gibt es in aller Regel eine gewisse Rangordnung: Ich, meine Angehörigen und dann die Freunde. Zum Schluss der Rest. Mehr Annahmen braucht man nicht, um einigermaßen systematische Voraussagen über menschliches Handeln zu machen.

    Lesetipp: Tyler Cowen: How do Economists Think about Rationality?

  2. 4.08.2007 | 22:23

    Danke, SteffenH. Das Spannende beginnt zwar erst mit der “bestimmten Absicht”, aber der Rest dürfte das Handeln der Mehrzahl der Menschen ziemlich gut beschreiben.

  3. Ben
    4.08.2007 | 22:29

    Der Unterschied zwischen dem homo oeconomicus und den Modellen der Hirnforschung ist vor allem dieser: Die Modelle der Hirnforschung halten experimentellen Tests stand, waehrend der homo oeconomicus das nicht tut.

    Deswegen mussten sich die Oekonomen ja auch auf die abgeschwaechte Position zurueckziehen: “Ja klar, bei einzelnen Individuen stimmen unsere Annahmen zwar nicht, aber wenn man eine groessere Zahl von Menschen betrachtet kommen doch sinnvolle Ergebnisse heraus.”

  4. 4.08.2007 | 22:44

    Tun die Modelle der Hirnforscher das wirklich? Vielleicht in dem engen Rahmen, den sie in den wissenschaftlichen Publikationen beschreiben. Aber das bringen die Ökonomen locker auch.

    Nur der Anspruch auf Allgemeingültigkeit, der unterscheidet beide dann doch.

  5. 4.08.2007 | 22:44

    @ben:

    Dann empfehle ich dir mal einen Blick auf die Erkenntnisse der experimentellen Wirtschaftsforschung zu werfen. Die Modelle halten experimentellen Test sogar sehr gut stand. Für diese Erkenntnis hat vor nicht allzu langer Zeit der Ökonom Vernon L. Smith sogar einen Nobel-Preis bekommen.

  6. Ben
    5.08.2007 | 23:11

    @ SteffenH

    Ich habe mich ja gerade auf die Ergebnisse der experimentellen Oekonomie bezogen. Kahneman und co haben ja gezeigt, dass menschliches Verhalten nicht individuell rational ist und eben nicht den Anahmen der neoklassischen Theorie entspricht.

  7. Dirk
    6.08.2007 | 10:56

    Die Modelle der empirischen Wirtschaftsforschung stehen meistens nur einer spezielle Art der Nutzensfunktion (Von-Neumann-Morgenstern) entgegen. Nicht aber, der Rationalität(sannahme), wie sie von SteffenH beschrieben wurde. Niemand wird ernsthaft behaupten, dass Individuuen keine transitiven Präferenzen haben. Darüber hinaus lassen sich viele Annomalien mit Informationsbeschaffungskosten wieder rational erklären. Optimal handelm kann man nicht um sonst, das erfordert Denkarbeit und damit Kosten.

    Interessanter ist aber, dass es gerade diejenigen, die die ökonomische Theorie gerne als viel zu simple betrachtten, um menschliches Handeln zu beschreiben, sind, welche dem Determinismus der Hirnforscher hinterlaufen: Linke.

  8. 6.08.2007 | 11:34

    @Ben:

    Ein interessanter Erklärungsansatz in diesem Zusammenhang ist das Modell der rationalen Irrationalität von Bryan Caplan, das Basismodell seines neuen Buches “The Myth of the Rational Voter”. Hier treffen sich Kahnemann & Co. und die traditionelle Ökonomie.

  9. 6.08.2007 | 12:54

    [...] Philosophie bei den liberalen Beißerchen geht so: [...]

  10. Parker8
    6.08.2007 | 13:05

    Aktuell eine schöne Zusammenstellung in etwas erweiterter Perspektive von Dani Rodrik: Why do economists disagree

  11. 6.08.2007 | 13:16

    @parker8:

    Nur das diese Debatte nichts mit dem Problem zu tun hat, über das wir hier diskutieren. Die Debatte um Marktversagen, also ob man first oder second-best-Ansätze in der Ökonomie vertritt schließt ja gerade rationales Verhalten der Akteure ein, weil eigennutzmaximierendes Verhalten in diesem Fall zu kollektiver Irrationalität führt.

  12. Ben
    6.08.2007 | 16:50

    @ Dirk

    Dass Menschen transitive Praeferenzen haben, ist aber nicht die einzige Annahme, die Oekonomen fuer die meisten Modelle brauchen. Die Praeferenzen muessen ausserdem stabil und unabhaengig vom Kontext (also auch unabhaengig von den Praeferenzen anderer) sein.

    Einige experimentelle Ergebnisse, wie z.B. Verlust-Aversion belegen, dass dies nicht der Fall ist.

  13. Dirk
    7.08.2007 | 12:15

    Dass Menschen transitive Praeferenzen haben, ist aber nicht die einzige Annahme, die Oekonomen fuer die meisten Modelle brauchen.

    Weitere Annahmen gingen aber i.a. das hinaus, was man unter “rational” versteht. Aber nenn’ doch mal bitte eine Annahme eines Modells (etwa das Arrow/Debreu Modell), die Du für besonders kritisch hälst. Leider weiss ich nicht, was “stabile Präferenzen” sind.

  14. 7.08.2007 | 13:44

    Die FAZ macht gerade eine Serie dazu auf: Die Wirtschafts-Erforscher (1)

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