7. Juli 2007
Das neue ZDF-Forum für Islam-Versteher
Das ZDF hat ein neues “Online-Angebot” über den Islam gestartet, das “Forum am Freitag“. An diesem Projekt stößt mich so gut wie alles ab. Es hat so viele Macken, dass ich mal wieder nicht weiß, wo mit der Kritik anfangen. Also beginne ich einfach mal damit, wie das ZDF dieses Projekt in seiner heute-Sendung um 12 Uhr ankündigt:
“Was wissen Sie über das Leben der Muslime? Nicht viel? – Dann geht es Ihnen so wie 61% der Befragten einer vom ZDF in Auftrag gegebenen Umfrage. Ab heute startet das ZDF ein Internetangebot für Muslime und alle die, die mehr über den Islam erfahren möchten – das Forum am Freitag.”
Ich würde mich eher zu den 39% rechnen, die mehr über den Islam wissen als “nicht viel”. Das Meiste, was ich über den Islam weiß, habe ich unfreiwillig erfahren. Ich wüsste gerne weniger über den Islam. Und ich würde es sehr begrüßen, wenn “die Muslime” mehr über die nicht-muslimische Welt wüssten. Ich bin nämlich überzeugt, dass das Bild, das sich Muslime von den Nicht-Muslimen machen, sehr viel vorurteilsbeladener ist als umgekehrt. Ein wunderbares Beispiel gibt in dem auf die Anmoderation folgenden Einspieler der erste Gast des Forums am Freitag, Lamya Kaddor:
Die Muslime stehen vor dem Problem … so ist die Eigendefinition … “Wir sind gläubige Muslime … wir sind gläubige Menschen und leben in einem absolut areligiösen Staat”
Das wichtigste Wort in dieser absolut zutreffenden Aussage ist das Wort Eigendefinition. Auf die – völlig abwegige – Idee, bei der Bundesrepublik Deutschland handele es sich um einen “absolut areligiösen Staat”, kann man nur kommen, wenn man jeden Bezug auf das Christentum als Diskriminierung des Islam deutet und wenn man jede religiöse Äußerung seines nicht-muslimischen Gesprächspartners überhört oder lächerlich macht. Und genau diesen beiden Verhaltensweisen sind es, denen ich bisher bei ausnahmslos allen Muslimen, mit denen ich mich näher unterhalten habe, begegnet bin. Jede abweichende Meinung meinerseits wurde als Beleidigung des Islam oder der Muslime gewertet (selbst, wenn es überhaupt nicht um Religion oder Politik ging), meine eigenen religiösen oder sonstigen weltanschaulichen Ansichten hingegen wurden der Lächerlichkeit preisgegeben oder völlig ignoriert.
Vor meinem eigenen persönlichen Hintergrund ist es dann wohl verständlich, wenn ich nicht der Ansicht bin, man bräuchte noch ein weiteres Forum, wo uns der Islam näher gebracht wird. Dringend nötig wäre es vielmehr, dass Muslime sich endlich mal mit uns Nicht-Muslimen beschäftigen.
Dieses immer wieder zu hörende “Argument”, wir wüssten zu wenig über den Islam, lässt sich sehr leicht ad absurdum führen. Zum Beispiel, indem man in die ZDF-Suchmaske den Suchbegriff “Religion” eingibt. Oder indem man sich eine ganz normale Nachrichtensendung herausgreift und den Anteil der Meldungen mit Bezug zum Islam berechnet. Es gibt Tage, da machen Meldungen aus islamischen Ländern zwei Drittel der Nachrichten aus. Dieser Umstand führt dann ironischerweise auch noch dazu, dass in irgendeiner schlauen Untersuchung behauptet wird, “der Islam” werde in “den Medien” verzerrt dargestellt. Ja, meine Güte, wie soll man denn z.B. über Pakistan berichten? Das, was dort abgeht, ist nicht zu begreifen. Und beim Begreifen wird mir noch ein Islam-Forum auch nicht weiterhelfen.
Aber lassen wir zum Sinn und Zweck des Islam-Forums einen der Hauptverantwortlichen, Nikolaus Brender, zu Wort kommen:
Das Ziel ist, dass diese Menschen hier in Deutschland leben wie alle Anderen auch … Normalität … Integration. Und gemacht wird diese Sendung für Muslime, aber auch für Nicht-Muslime.
Ist das nicht eine geniale Zielgruppen-Definition? Und dann dieses “wie alle anderen auch”! Wer ist denn “alle anderen”? Wenn die Muslime wie alle anderen werden sollen, warum werden sie dann vom ZDF privilegiert? Wo bleibt z.B. das Forum für die Altkatholiken, von denen ich praktisch gar nichts weiß oder jedenfalls sehr viel weniger als vom Islam? Im übrigen wäre das Leben “wie alle anderen” (wenn es so etwas gäbe) nicht Integration, sondern Assimilation. Aber die Aussage von Herrn Brender ist dermaßen verpeilt, dass es darauf auch nicht mehr ankommt. Außerdem: Wer hindert die Muslime denn eigentlich daran, hier so zu leben, wie sie es wollen? (Das Problem ist doch wohl eher umgekehrter Natur?) Und wenn es so ist, dass sie behindert werden (was ich bestreite): Inwiefern sollte dann dieses Forum etwas daran ändern?
Naja, egal. Das Teil gibt es jetzt halt. Und Karen Krüger von der FAZ ist begeistert. Diese Begeisterung speist sich allerdings zu einem großen Teil aus der Wertschätzung für Frau Kaddor, die ich durchaus nachvollziehen kann. Ich habe Nils Minkmar damals nicht umsonst geraten, mit Frau Kaddor Kontakt aufzunehmen
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Verfasst von Marian Wirth um 01:03 Uhr in der Kategorie Grundsatzfragen, In eigener Sache, Rochus (Trackback)
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