23. Juni 2007
Mal was zu Nahost
Es gehört nicht viel Blogerfahrung dazu, um die Themen zu identifizieren, die sofort erhitzte Gemüter anziehen. Religion gehört sicher dazu, oder die individuelle sexuelle Orientierung. Aber der beste Weg, sämtliche Gesetze des Internets in Aktion zu erleben, ist ein Beitrag zum Nahost-Konflikt. Aus irgendwelchen Gründen zieht ein solcher alle möglichen Experten an, und witzigerweise auch die, die nur zum Ausdruck bringen wollen, dass sie das Thema entweder für verfehlt oder für überflüssig halten (was sie nicht davon abhält, eben doch Stellung zu nehmen).
Auf unserer Seite des Ufers sind ganz klar die Israelfreunde in der Überzahl. Wobei das z.T. noch zurückhaltend formuliert ist – sehr oft handelt es sich dabei auch eher um Fans. Gerade die Liberalen, die früher mal selbst Elche waren, scheinen sich mit antideutschen Positionen gerne in Übereinstimmung zu befinden. Richtig oder falsch ist da keine Sache der eigenen Überlegung mehr, sondern eine abgeleitete Funktion der Handlungen und Meinungen der Regierungen Israels und der USA. Der aktuellen, wohlgemerkt – man weiß nicht, was diese Apologeten sagen, wenn – horrible dictu – wieder ein von den Demokraten nominierter Politiker Präsident der USA sein wird, was in einer Demokratie, um die es sich bei den USA zweifelsohne handelt, auch gerne mal der Fall ist. Auch wenn manche das anders sehen: Diese Meinung hat ebensowenig etwas mit Liberalismus zu tun wie das heftige Augenzukneifen libertärer Freunde.
Auch unter den Autoren dieses Blogs ist in dieser Frage keine grundlegende Einigkeit herzustellen, wie manche Diskussionen beweisen. Dennoch, trotz allem: Es gibt hier dieses grundlegende Einverständnis mit der jüdischen Staatsgründung, das auch von den Kollegen fern des anderen Ufers geteilt wird. Man muss einfach anerkennen, dass nur die eine Seite die Vernichtung der anderen als Ziel hat. Der Nahost-Konflikt hat deswegen Dauer, weil die Zielsetzungen aller Beteiligter nicht kompatibel sind. Es kann keinen Kompromiss geben zwischen denen, die alle Juden ins Meer treiben wollen, und den Juden selbst. Erst wenn die Ziele kompromissfähig sind, lohnt es sich zu verhandeln. Bis dahin bleibt nur der Kampf oder dessen Vermeidung. Egal, wie exzessiv man die israelische Gegenwehr einstuft: Sie bleibt originäre Gegenwehr.
In diesem Stadium ist die Welt noch. Inzwischen gibt es aber eine neue Entwicklung. Islamisten versuchen, den Nahost-Konflikt zum exemplarischen Showdown zwischen “dem Westen” und “dem Islam” zu inszenieren. Gerade weil hier soviel Blut fließt, findet die unversöhnliche Rhetorik ein dankbares Betätigungsfeld, und es ist für die Vereinfacher ein Leichtes, aus der Gemengelage Palästina und Irak an den arabischen Minderwertigkeitskomplex zu appellieren, der sich in religiösem Fanatismus Luft verschafft. Nicht ohne eifrige Mithilfe der Streiter für Demokratie, wohlgemerkt. Abu Gharaib und Guantanamo sind mehr als Betriebsunfälle, sie dienen auch in einer nicht-popperschen Welt noch als implizierte Falisifizierung.
Sollte ich mein grundlegendes “Set-up” erklären, so wäre das eine Mischung aus prinzipieller Identifizierung mit der israelischen Sache und Fall-zu-Fall-Kritik israelischen und amerikanischen Handelns. Genau die Mischung, die geeignet ist, sich den Zorn der Ideologen aller Richtungen zuzuziehen. Ich nehme das als Bestätigung. Wobei ich mir der Relativität meiner Meinung bewusst bin – weder kann ich wirklich die Position eines in Israel lebenden Juden einnehmen noch die eines in einem Flüchtlingslager lebenden Palästinensers. Nicht zuletzt deswegen wäre es sinnvoll, diesen Stimmen ungefiltert Gehör zu verschaffen. Jenseits aller statistisch signifikanten Repräsentanz dient mir auf jüdischer Seite dazu vor allem der Blog von Lila. Kennt einer ein palästinensisches Pendant? Lila?
Wie also bekommt man die Ziele kompromissfähig? Ich würde mir ja auch einen libertären Ansatz wünschen, allein, mir fehlt der Glaube. Und die Einigung im Namen des Sozialismus, wie sie Kollege Che vorzuschweben scheint, kommt mir nicht wirklich realistischer vor.
Was bleibt, ist schlicht die Hoffnung auf ein Einsehen. Denken wir in geschichtlichen Dimensionen. Und inzwischen: Si vis pacem, parata bellum.
Verfasst von Rayson um 21:01 Uhr in der Kategorie International, Politik (Trackback)
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