Mal was zu Nahost

Es gehört nicht viel Blogerfahrung dazu, um die Themen zu identifizieren, die sofort erhitzte Gemüter anziehen. Religion gehört sicher dazu, oder die individuelle sexuelle Orientierung. Aber der beste Weg, sämtliche Gesetze des Internets in Aktion zu erleben, ist ein Beitrag zum Nahost-Konflikt. Aus irgendwelchen Gründen zieht ein solcher alle möglichen Experten an, und witzigerweise auch die, die nur zum Ausdruck bringen wollen, dass sie das Thema entweder für verfehlt oder für überflüssig halten (was sie nicht davon abhält, eben doch Stellung zu nehmen).

Auf unserer Seite des Ufers sind ganz klar die Israelfreunde in der Überzahl. Wobei das z.T. noch zurückhaltend formuliert ist – sehr oft handelt es sich dabei auch eher um Fans. Gerade die Liberalen, die früher mal selbst Elche waren, scheinen sich mit antideutschen Positionen gerne in Übereinstimmung zu befinden. Richtig oder falsch ist da keine Sache der eigenen Überlegung mehr, sondern eine abgeleitete Funktion der Handlungen und Meinungen der Regierungen Israels und der USA. Der aktuellen, wohlgemerkt – man weiß nicht, was diese Apologeten sagen, wenn – horrible dictu – wieder ein von den Demokraten nominierter Politiker Präsident der USA sein wird, was in einer Demokratie, um die es sich bei den USA zweifelsohne handelt, auch gerne mal der Fall ist. Auch wenn manche das anders sehen: Diese Meinung hat ebensowenig etwas mit Liberalismus zu tun wie das heftige Augenzukneifen libertärer Freunde.

Auch unter den Autoren dieses Blogs ist in dieser Frage keine grundlegende Einigkeit herzustellen, wie manche Diskussionen beweisen. Dennoch, trotz allem: Es gibt hier dieses grundlegende Einverständnis mit der jüdischen Staatsgründung, das auch von den Kollegen fern des anderen Ufers geteilt wird. Man muss einfach anerkennen, dass nur die eine Seite die Vernichtung der anderen als Ziel hat. Der Nahost-Konflikt hat deswegen Dauer, weil die Zielsetzungen aller Beteiligter nicht kompatibel sind. Es kann keinen Kompromiss geben zwischen denen, die alle Juden ins Meer treiben wollen, und den Juden selbst. Erst wenn die Ziele kompromissfähig sind, lohnt es sich zu verhandeln. Bis dahin bleibt nur der Kampf oder dessen Vermeidung. Egal, wie exzessiv man die israelische Gegenwehr einstuft: Sie bleibt originäre Gegenwehr.

In diesem Stadium ist die Welt noch. Inzwischen gibt es aber eine neue Entwicklung. Islamisten versuchen, den Nahost-Konflikt zum exemplarischen Showdown zwischen “dem Westen” und “dem Islam” zu inszenieren. Gerade weil hier soviel Blut fließt, findet die unversöhnliche Rhetorik ein dankbares Betätigungsfeld, und es ist für die Vereinfacher ein Leichtes, aus der Gemengelage Palästina und Irak an den arabischen Minderwertigkeitskomplex zu appellieren, der sich in religiösem Fanatismus Luft verschafft. Nicht ohne eifrige Mithilfe der Streiter für Demokratie, wohlgemerkt. Abu Gharaib und Guantanamo sind mehr als Betriebsunfälle, sie dienen auch in einer nicht-popperschen Welt noch als implizierte Falisifizierung.

Sollte ich mein grundlegendes “Set-up” erklären, so wäre das eine Mischung aus prinzipieller Identifizierung mit der israelischen Sache und Fall-zu-Fall-Kritik israelischen und amerikanischen Handelns. Genau die Mischung, die geeignet ist, sich den Zorn der Ideologen aller Richtungen zuzuziehen. Ich nehme das als Bestätigung. Wobei ich mir der Relativität meiner Meinung bewusst bin – weder kann ich wirklich die Position eines in Israel lebenden Juden einnehmen noch die eines in einem Flüchtlingslager lebenden Palästinensers. Nicht zuletzt deswegen wäre es sinnvoll, diesen Stimmen ungefiltert Gehör zu verschaffen. Jenseits aller statistisch signifikanten Repräsentanz dient mir auf jüdischer Seite dazu vor allem der Blog von Lila. Kennt einer ein palästinensisches Pendant? Lila?

Wie also bekommt man die Ziele kompromissfähig? Ich würde mir ja auch einen libertären Ansatz wünschen, allein, mir fehlt der Glaube. Und die Einigung im Namen des Sozialismus, wie sie Kollege Che vorzuschweben scheint, kommt mir nicht wirklich realistischer vor.

Was bleibt, ist schlicht die Hoffnung auf ein Einsehen. Denken wir in geschichtlichen Dimensionen. Und inzwischen: Si vis pacem, parata bellum.

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30 Kommentare zu “Mal was zu Nahost”

  1. 24.06.2007 | 0:21

    Na ja, ich sprach noch nicht mal von einer Einigung im Namen des Sozialismus, sondern eher von einer Einigung der säkularen Kräfte (Fatah/PLO-Israel). Die Tyrannei des Nationalen erscheint mir als das Hauptproblem. Ein Israel, das nicht mehr als Implantat westlicher Interessen im Nahen Osten erscheint, sondern der ganzen Region eine Entwicklungsperspektive anzubieten hätte, und/oder ein Palästina, das emanzipativ wirkt, also weder die Interessen mafiöser Klanstrukturen noch religiöser Reaktionäre artikuliert, sondern sich die Partizipation der kleinen Leute auf die Fahne schreibt wäre die einzige Lösung. In diesem Fall heißt von Südafrika lernen siegen zu lernen. Die einzige Kraft in diesem Konflikt, die aus meiner Sicht auf der richtigen Seite ist ist Ta Ayush. Aber es hilft wenig, wenn nur eine Splittergruppe für Menschlichkeit jenseits nationaler Bestimmungen steht.

  2. 24.06.2007 | 0:53

    @Che2001

    Sorry, wenn ich das falsch eingeschätzt haben sollte, aber insgesamt klingt mir das dann doch so wie das von mir formulierte. Egal – Südafrika ist ein bislang schönes Vorbild (für das ich mittel- bis langfristig aber sehr skeptisch gestimmt bin). Wäre ja schon ein Fortschritt, wenn der Nahe Osten so weit käme. Ohne säkularen Ansatz, da gebe ich dir recht, wird das wohl nicht funktionieren. Aber die religiöse Aufladung ist auch neu, und die Zeiten davor sind keine, die Israel zu Nostalgie Anlass gäben.

  3. 24.06.2007 | 1:23

    Gerade die Liberalen, die früher mal selbst Elche waren, scheinen sich mit antideutschen Positionen gerne in Übereinstimmung zu befinden.

    was ist ein Elch?

  4. 24.06.2007 | 1:27

    “Die größten Kritiker der Elche waren früher selber welche.”

  5. 24.06.2007 | 1:32

    nett. :)

  6. 24.06.2007 | 1:36

    Alter 68er Spruch, Autor unbekannt.

  7. 24.06.2007 | 1:47

    ansonsten breite Zustimmung! schön zu wissen, dass ich mit meiner Position zum Nahostkonflikt nicht völlig alleine dastehe. zwischen den beiden “Ufern” Antizionismus und Israel-Gehorsam komme ich mir manchmal ziemlich verloren vor.

    ps: das latein-zeug nervt… ;)

  8. cadoz
    24.06.2007 | 5:05

    Antideutsche im Liberalen Spektrum? Gab es Forderungen Dresden nochmals einzuäschern, oder wie kann man das verstehen?

  9. 24.06.2007 | 6:29

    Um an dieser Stelle etwas für unseren Kultur- und Bildungsauftrag zu tun: Das Zitat

    Die schärfsten Kritiker der Elche
    waren früher selber welche.

    ist von F. W. Bernstein. In dieser Buchkritik von Wiglaf Droste findet man noch mehr Elchiges.

  10. 24.06.2007 | 9:01

    Oh, ich dachte bis jetzt, das Elch-Zitat ist von Robert Gernhardt. Aber eine kleine Internetsuche legt nahe, dass es tatsächlich F. W. Bernstein war.

  11. 24.06.2007 | 11:05

    Antideutsche im Liberalen Spektrum? Gab es Forderungen Dresden nochmals einzuäschern, oder wie kann man das verstehen?

    Das bezog sich wohl eher darauf, dass man im antideutschen Umfeld ebenso wie bei einigen Liberalen der Meinung ist, dass man Israel in jeder Situation zu 100% zu unterstützen hat, wegen der historischen Verantwortung und der Sorge, dass die Mehrheit in Deutschland nur darauf “den Job zu Ende zu bringen”.

    Wobei du aber sowohl bei den Antideutschen, als auch bei einigen Liberalen schon schnell im rechten Außenfeld verortet wirst wenn du nicht erklärst, dass das Brandbombardement Dresdens nicht der einzig richtige Weg war.

  12. 24.06.2007 | 11:06

    Argh: Im letzten Satz ist ein “nicht” zu viel. Das sollte keine doppelte Negierung sein. Also: “Du wirst als Rechts verortet, wenn du nicht Arthur Harris Linie teilst.”

  13. 24.06.2007 | 12:11

    @Marc: Wenn sich diese Geschichte wirklich so zugetragen hat, dann warst Du sehr nahe dran :-)

  14. 24.06.2007 | 12:43

    Vielleicht ergänzend dazu ein Interview in der Jungle World mit Benny Morris, Professor für Geschichte an der Ben-Gurion-Universität in Ber Sheva. Allerdings auch ohne “neue Erkenntnisse” und eben wieder aus jüdisch-israelischer Perspektive.

    Appetizer:

    Eine Zweistaatenlösung funktioniert nur, wenn beide Seiten sie wollen, und wie wir wissen, steht ihr eine Seite feindlich gegenüber. Eine Einstaatenlösung ergibt auch keinen Sinn, denn ich will nicht unter einer langfristig daraus resultierenden arabischen Mehrheit leben. Die Juden würden zu einer Minderheit werden und das Land verlassen, das kann also auch keine Lösung sein. Natürlich könnten in den nächsten 100 Jahren die Araber die Juden ins Meer treiben oder auch andersherum, das wären zwei weitere historisch mögliche Einstaatenlösungen. Beide sind nicht sehr appetitlich.

  15. Llarian
    24.06.2007 | 13:16

    ebenso wie bei einigen Liberalen der Meinung ist, dass man Israel in jeder Situation zu 100% zu unterstützen hat,

    Man kann übrigens ganz ohne jede historische Verantwortung (was immer das sein mag) einer ganz ähnlichen Meinung sein. Und zwar aus Freundschaft. Dieser Begriff, auch wenn er immer wieder als Völkerfreundschaft angebetet wird, scheint doch bei einigen Bindestrichliberalen immer wieder Probleme zu machen (die Absurdität dann von Freundschaft zu sprechen ist ein anderes Thema). Freundschaft bedeutet eben auch einen Freund zu unterstützen, wenn man von der Richtigkeit oder Wirksamkeit seiner Maßnahmen nicht hundertprozent überzeugt ist. Man würde einen Freund nicht dabei unterstützen einen Mord zu begehen, aber wenn ein Freund eine Grube um sein Haus bauen will, um Einbrecher abzuhalten, würde man ihm auch helfen, wenn man den Sinn dieser Maßnahme nicht versteht. Man wäre auch ein sehr merkwürdiger Freund, wenn man alles und jedes um das man gebeten wird, erst einmal mit grossem Popanz öffentlich diskutiert, um sich dann zu entscheiden obb man zu seinem Freund steht oder nicht. Und wenn ein Freund einen Fehler gemacht hat, aus dem er nur schwer rauskommt, dann würde man vermutlich mit ihm gemeinsam eine Lösung finden, statt sich mit seinen größten Feinden zu verbünden und den Fehler möglichst öffentlich zu diskutieren.

    Zu dem Spruch mit den Elchen sei übrigens gesagt, dass ich persönlich solcherlei Elche nicht kenne (wobei durchaus prominente Beispiele existieren). Diejenigen, die mir vertraut sind, die ich als die eher stärkeren Transatlantiker oder meinetwegen auch Israelfans bezeichnen würde, haben Zeit ihres Lebens so gedacht. Im Gegenteil sind mir eher Leute begegnet, die sich heute ungeheuer differenziert und reflektiert geben, den Amis ja “nur helfen” wollen (sic), nur was gegen Bush haben (sic) und den Israelis helfen wollen den Holocaust an den Arabern zu beenden (sic), die sich früher eher im Elchlager befunden haben. Insofern müsste der Satz wohl eher lauten, die kleinen Kritiker der Elche waren früher selber welche. Aber das klingt nicht so gut, dass gebe ich zu.
    Es wäre auch menschlich erstaunlich, wenn es anders wäre. Denn es erfordert eine Menge innerliche Kraft, eine Position, an die man mal sehr geglaubt hat, komplett als falsch zu bezeichnen und damit zuzugeben, jahrelang etwas falsches geglaubt zu haben. Da ist es besser (und menschlicher) sich nachdenklich zu geben und die neue Position eher als Weiterentwicklung der alten zu betrachten. Man ist halt was schlauer, aber dumm war man schon früher nicht und eigentlich hat man ja immer das gute gewollt.

  16. DDH
    24.06.2007 | 13:31

    Von Robert Gernhardt stammte aber:

    Die größten Kritiker der Molche
    waren früher ebensolche.

    was sich allerdings nicht durchgesetzt hat. :)

  17. DDH
    24.06.2007 | 13:33

    P.S.: Das Latein-Zeug nervt keineswegs, aber für das Heer der Ungebildeten böte sich evtl. eine Übersetzung an. ;-)

  18. DDH
    24.06.2007 | 13:45

    Na möglicherweise gibt es eben doch eine erzliberale Perspektive für den Nahen Osten, wenn man das Feld von zwei Seiten aufrollt: Auf arabischer Seite durch die Magnetwirkung des (zunächst!) ökonomischen Liberalismus (nicht: Demokratie! Das demokratische Experiment würde alle Modernisierungsgewinne zunichte machen!) in den Golfstaaten, der automatisch ein Türöffner auch zu persönlichen Freiheiten sein würde, und auf israelischer Seite durch eine ebenso klare Strahlkraft erzliberaler Reformen (wie sie Netanjahu ja mal versucht hat).

    In Isreal könnte die Desillussionierung über die Handlungsfähigkeit von Politik generell ja auch als Chance verstanden werden.

    Siehe auch diese vom Liberalen Institut (www.libinst.de) herausgegebene Schrift: “Unfulfilled expectations: Israelis’ changing view of the role of the state and its implications” von
    Tamar Hermann, 2006

    Zitat:

    Seit Entstehung des Staates Israel gab es in der Gesellschaft eine starke kollektivistische und auf das Wohl des Gesamtstaates orientierte Haltung. Dazu trug die ständige Bedrohung durch äußere Feinde in großem Maße bei. Der Staat gewährte Schutz und Sicherheit. Im Laufe der Entwicklung kam es jedoch zu einer Desillusionierung und die Skepsis gegenüber übergroßem staatlichen Einfluss auf die Gesellschaft und die einzelnen Menschen nahm zu. Die Autorin zeigt in ihrer Studie, dass heute in Israel in breiten Kreisen Politikverweigerung und Individualismus, kombiniert mit weiterhin großen Ansprüchen an den Staat, vorherrschen. Sie warnt vor den großen Gefahren, die darin für die demokratische Kultur des Landes gerade in Zeiten großer politischer Herausforderungen liegen.

  19. R.A.
    24.06.2007 | 16:05

    @che2001:
    > Einigung der säkularen Kräfte
    > (Fatah/PLO-Israel).
    Ich weiß nicht, ob die Mafia Fatah noch eine größere Zukunft vor sich hat – daher sehe ich auch ihre künftige Rolle bei einer (ohnehin nicht absehbaren) Einigung skeptisch.

    > Die Tyrannei des Nationalen erscheint
    > mir als das Hauptproblem.
    Das Hauptproblem sehe ich deutlich stärker beim Islamismus als bei diversen Nationalismen.

    > Ein Israel, das nicht mehr als
    > Implantat westlicher Interessen
    > im Nahen Osten erscheint, …
    Solange den Arabern jede Form von Demokratie, Freiheit und Toleranz als “westliches Implantat” erscheint, wird Israel da nichts machen können.

    > sondern der ganzen Region eine
    > Entwicklungsperspektive anzubieten
    > hätte, …
    Israel will im wesentlichen seine Ruhe und sich selber entwickeln.
    Und wo sich die Araber überhaupt entwickeln wollen, werden sie das nicht ausgerechnet am Beispiel Israel tun wollen.
    Man sollte das alles nicht so überhöhen – es geht nicht darum, daß ausgerechnet die Kontrahenten dieses Konflikts Perspektiven entwickeln, die sonst noch nirgends einer geschafft hat.
    Es reicht, wenn sich die Araber um ihren eigenen Kram kümmern und ihre Obsession auf Israel mal in die Kiste packen.

    > und/oder ein Palästina, das
    > emanzipativ wirkt,
    Auch hier: Nicht überhöhen.
    Es würde völlig reichen, wenn Palästina ein durchschnittlicher, auch sich bezogener Kleinstaat würde (schon die Chancen dafür sind nahe Null). Zusätzlich irgendwelche emanzipatorischen Sonderleistungen zu erwarten wäre übertrieben.

    > … wäre die einzige Lösung
    Neben der immer unwahrscheinlicher aussehenden Palästina-Lösung sollte man sich allmähnlich mal überlegen, ob die Idee mit der künstlich erfundenen Nationalität “Palästinenser” überhaupt noch sinnvoll ist.

    Vielleicht ist es wirklich am besten, Gaza kommt zurück zu Ägypten, die Westbank an Jordanien und die restlichen Palis in den Lagern der übrigen Staaten werden dort integriert.

  20. 24.06.2007 | 18:37

    @Llarian:

    Ich gebe erst einmal zu, dass ich zwar an die Freundschaft zwischen einzelnen Menschen glaube, aber die Binsenweisheit vertrete, dass Staaten keine Freunde, sondern Interessen haben. Und damit sind nicht nur Unrechtsstaaten wie China, der Iran oder Russland gemeint, sondern auch Demokratien wie Deutschland, die USA oder Israel. Da bin ich Pessimist.

    Freundschaft bedeutet eben auch einen Freund zu unterstützen, wenn man von der Richtigkeit oder Wirksamkeit seiner Maßnahmen nicht hundertprozent überzeugt ist. [...] Man wäre auch ein sehr merkwürdiger Freund, wenn man alles und jedes um das man gebeten wird, erst einmal mit grossem Popanz öffentlich diskutiert, um sich dann zu entscheiden obb man zu seinem Freund steht oder nicht.

    Okay, jetzt wird es etwas schwer, weil wir zwischen Bild und Realität hin und herspringen. Aber okay: Alles was ich jetzt schreibe, ist – sofern ich es nicht explizit erwähne – nicht primär auf Israel gemüntzt, sondern generell zu verstehen.

    Wenn ich nicht 100% von etwas überzeugt bin, dass mein Freund tut, dann rede ich mit ihm darüber. Da hast du Recht, dass sowas nicht auf dem Wege passieren sollte, wie es oft passiert. (Sprich: Ein Beck stellt sich vor die Presse und attackiert die Politik der USA oder Israels.) Aber ich versuche ihn trotzdem davon zu überzeugen warum ich seine Entscheidung für falsch halte.

    Im Falle des Grabenbilds das du verwendest: Ich – und das ist jetzt meine persönliche Linie – würde meinem Freund da sicher Spaten und Schubkarre leihen, wenn er das sich nicht von der Unsinnigkeit seines Vorhabens überzeugen lässt. Aber ob ich wirklich aktiv Mitgraben würde?

    Und wenn ein Freund einen Fehler gemacht hat, aus dem er nur schwer rauskommt, dann würde man vermutlich mit ihm gemeinsam eine Lösung finden, statt sich mit seinen größten Feinden zu verbünden und den Fehler möglichst öffentlich zu diskutieren.

    Richtig. Einem Freund der einen Fehler gemacht hat, dem hilft man. Aber – ich erwähne nur sicherheitshalber, dass ich gerade generell und nicht von Israel spreche – wenn ich einem Freund vorher erklärt habe, warum ich glaube dass er einen Fehler macht und er den Fehler trotzdem begangen hat, dann erwarte ich dass er aus der Sache lernt und den Fehler nicht wiederholt. Oder mir beim nächsten Mal zuhört. Auch das gehört nämlich zu Freundschaften dazu.

  21. Llarian
    24.06.2007 | 18:57

    @Björn:
    Das ist natürlich ein Definitionsproblem, aber ich emfinde tatsächlich gegenüber manchen Völkern freundschaftlichere Gefühle als anderen gegenüber, gerade gegenüber denen, die dem Lande in der Vergangenheit geholfen haben oder die auch dem eigenen ethischen Denken näher stehen. Vom rein machiavellistischen Standpunkt wäre es vielleicht für Deutschland besser sich mit halb Arabien und China gegen die USA zu verbünden. Aber ich glaube, da gibt es noch andere Elemente, die wichtiger sind. Ich gebe zu, wenn man das verneint (und das ist legitim), dass man dann ohne die historische Schuld nur schwer zu einer einseitigen Haltung kommen wird. Das wäre dann wirklich ziemlich pessimistisch.

    Was deine Ausführungen zur Freundschaft selber angeht, so sind wir fast einer Meinung, wobei natürlich jeder Vergleich irgendwann hinkt. Ich möchte aber noch etwas klarer machen, worauf ich hinauswollte. Eine Rakete auf ein Haus mit Zivilisten abzufeuern, indem sich Terroristen verstecken oder ein Gefängnis jehenseits des Rechtsstaates zu bauen um dort Menschen zu inhaftieren, die ansonsten mit grosser Wahrscheinlichkeit morden würden, ist ein Fehler. Und unsere Freunde begehen solche Fehler. Aber das Gegenteil ist auch ein Fehler. Oftmals gibt es Dinge, da ist jede Entscheidung falsch. Die Amis, um das vielleicht weniger emotionale Thema zu nehmen, wissen auch, dass Guantanamo ein Fehler ist. Aber sie wissen sich nicht zu helfen. Und wir haben ehrlich gesagt auch keine Antwort dazu. Da ist es nicht hilfreich permanent Salz in die Wunde zu streuen.

  22. DDH
    24.06.2007 | 22:09

    Vom rein machiavellistischen Standpunkt wäre es vielleicht für Deutschland besser sich mit halb Arabien und China gegen die USA zu verbünden.

    Das wären übrigens die außenpolitischen Koordinaten der Staatsbriefe

    Die NPD will derweil nen Pakt mit Nordkorea…

  23. 25.06.2007 | 11:41

    Na ja, hier gibt es ein Umfrageergebnis unter Palästinensern,das die einfachen Palis als im Schnitt vernünftiger erscheinen lässt als ihren Organisationen. Nebenbei gefragt: War jemand von Euch mal vor Ort und hat die dortigen Verhältnisse life gesehen? Wäre vielleicht zu empfehlen.

    http://lysis.blogsport.de/2007/06/24/was-denken-eigentlich-die-palaestinenser_innen/#more-431

  24. 25.06.2007 | 12:05

    @Che2001

    Danke für den Link. Sowas entspricht meinem Wunsch, möglichst viele authentische Stimmen zu Gehör kommen zu lassen. Auch, wenn mir die Ergebnisse insgesamt etwas widersprüchlich zu sein scheinen, was für mich dann auch darauf hindeutet, dass z.B. die Ablehnung von Attentaten keine “starke” in dem Sinne ist, dass sie tatsächlich in Handeln Ausdruck fände bzw. in Konkurrenz zu anderen Aspekten immer unterliegt. Vielleicht liegt das Problem ja auch in einem gewissen Fatalismus, bedingt durch jahrzehntelange Verarsche.

    Nebenbei gefragt: War jemand von Euch mal vor Ort und hat die dortigen Verhältnisse life gesehen? Wäre vielleicht zu empfehlen.

    Ist es ja immer. Wenn man nicht der Versuchung nachgibt, das selbst Erlebte zu generalisieren, weil man, je kürzer so ein Aufenthalt ist, natürlich immer nur einen winzigen Ausschnitt von Situationen und Menschen sieht, hört und erlebt. Der Nahe Osten ist leider eine der Regionen dieser Welt (und diese sind immer noch in der Überzahl ;-) ), in die ich noch nicht hineingerochen habe. Ich maße mir aber an, etwas Ägypten mitbekommen zu haben, was mich nicht gerade zu einem Befürworter der Auffassung macht, dass Hass immer nur von den Machthabern gepflegt werde, während er den normalen Leuten fremd sein müsse. Wahrscheinlich sind unter den Palästinensern selbst noch am wenigsten Judenhasser… “Der Jude” wird um so monströser, je weiter er entfernt ist, aber das gilt ja so gut wie für alle Arten von Rassismus.

  25. 25.06.2007 | 12:05

    @R.A:

    Einigung der säkularen Kräfte
    > (Fatah/PLO-Israel).
    Ich weiß nicht, ob die Mafia Fatah noch eine größere Zukunft vor sich hat – daher sehe ich auch ihre künftige Rolle bei einer (ohnehin nicht absehbaren) Einigung skeptisch.

    Offensichtlich steht ja nach wie vor die Mehrheit der Bevölkerung der Westbanks hinter ihr. Hinsichtlich ihrer mafiösen Strukturen hat sich in der letzten Zeit einiges gebessert, die Fatah Arafats ist es bereits nicht mehr.

    > Die Tyrannei des Nationalen erscheint
    > mir als das Hauptproblem.
    Das Hauptproblem sehe ich deutlich stärker beim Islamismus als bei diversen Nationalismen.

    Wenn die Menschen dort sich anders als über Nation- und Staatsbegriffe definieren würden gäbe es den Konflikt in dieser Form nicht. Der religiöse Fundamentalismus hat den arabischen Nationalismus lediglich überlagert bzw. aufgesogen; das Denken in Völkern und Nationen, die an eine bestimmte Religion gebunden sind, bleibt im Übrigen auch Nationalismus, nur halt religiöser Nationalismus. Der ist auf israelischer Seite auch nicht von Pappe.

    > Ein Israel, das nicht mehr als
    > Implantat westlicher Interessen
    > im Nahen Osten erscheint, …
    Solange den Arabern jede Form von Demokratie, Freiheit und Toleranz als “westliches Implantat” erscheint, wird Israel da nichts machen können.

    Israel kann sehr viel machen, z.B. die Umleitung von Flüssen und Quellen, die die Westbanks bewässern auf eigenes Territorium rückgängig machen oder in den Sweatshops und Billigproduktionszonen entlang des Zauns anständige Löhne zahlen. Erst kommt das Fressen, dann die Moral. Von der Besetzung der Suezkanalzone durch die alten Kolonialmächte GB und F bis hin zum Giolfkrieg durchzieht den Nahen Osten eine unendliche Geschichte von aus wirtschaftlichen Interessen motivierten Interventionen eines Westens, der als neokolonialistischer Ausplünderer der Region erlebt wird, und Israel als dessen Vasall.

    > sondern der ganzen Region eine
    > Entwicklungsperspektive anzubieten
    > hätte, …
    Israel will im wesentlichen seine Ruhe und sich selber entwickeln.
    Und wo sich die Araber überhaupt entwickeln wollen, werden sie das nicht ausgerechnet am Beispiel Israel tun wollen.
    Man sollte das alles nicht so überhöhen – es geht nicht darum, daß ausgerechnet die Kontrahenten dieses Konflikts Perspektiven entwickeln, die sonst noch nirgends einer geschafft hat.
    Es reicht, wenn sich die Araber um ihren eigenen Kram kümmern und ihre Obsession auf Israel mal in die Kiste packen.

    Entwicklungsperpektiven für die Region bestehen zum Beispiel in der Hardware-Branche. Die Tel-Aviv-Area ist nach Silicon Valley y der zweitgrößte Produktionsstandort der Welt (falls Bangalore nicht inzwischen aufgeholt hat)für Chips, in Ramallah entwickelt sich gerade ein Cluster von Softwarefirmen auf Highend-Level.Würden beide Seiten in Frieden miteinander leben, könnten sie in diesem Bereich einiges stemmen.

    > und/oder ein Palästina, das
    > emanzipativ wirkt,
    Auch hier: Nicht überhöhen.
    Es würde völlig reichen, wenn Palästina ein durchschnittlicher, auch sich bezogener Kleinstaat würde (schon die Chancen dafür sind nahe Null). Zusätzlich irgendwelche emanzipatorischen Sonderleistungen zu erwarten wäre übertrieben.

    Das wird allein deswegen passieren, weil die feudal-stammesgesellschaftlichen Sturkturen im Zuge der ersten Intifada stark aufgebrochen sind und es in einem existierenden palästinensischen Staat zwangsläufig zu sozialen Transfiormationsprozessen kommen muss.
    > … wäre die einzige Lösung
    Neben der immer unwahrscheinlicher aussehenden Palästina-Lösung sollte man sich allmähnlich mal überlegen, ob die Idee mit der künstlich erfundenen Nationalität “Palästinenser” überhaupt noch sinnvoll ist.

    Vielleicht ist es wirklich am besten, Gaza kommt zurück zu Ägypten, die Westbank an Jordanien und die restlichen Palis in den Lagern der übrigen Staaten werden dort integriert.

    Der Vorschlag wurde schon gemacht, niemand will diese Territorien wiederhaben. Ist die Nationalität “Israelis” weniger künstlich? Ist nicht jede Nation nur ein Konstrukt, Ethnisierung des Sozialen?

  26. 25.06.2007 | 12:30

    @rayson: Ich habe gerade in Ägypten die ERfahrung gemacht, dass es in erster Linie Armut ist, die Fanatismus schürt, verbunden mit Unbildung. So habe ich Ägypter erlebt, die Hitler gut fanden, und im Gespräch stellte sich dann heraus, dass die glaubten, Hitler hätte einen siegreichen Krieg gegeh Isreal gefüht, sei aber dann von den Engländern, deren Kolonialjoch er habe von Ägypten nehmen wollen, besiegt worden. Von der Shoah wussten die gar nichts. Als ein ägyptischer Freund auf Gegenbesuch nach Deutschland kam und wir ihm eine Gedenkstätte zeigten und über den NS informierten war der total erschüttert. Den Spruch “Wo immer man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen” machte er sich zu eigen, pro Rushdie und Kontra Islamisten. Gleichzeitig war er bei denen, die 1990 Exil-Kuwaitis in Kairo attackierten, weil die öligen Emire als dekadente Ausbeuter verhasst sind. Die sozialen Widersprüche der Region sind viel vielfältiger akls der Nahost-Knoflikt.

    “Wahrscheinlich sind unter den Palästinensern selbst noch am wenigsten Judenhasser… “Der Jude” wird um so monströser, je weiter er entfernt ist, aber das gilt ja so gut wie für alle Arten von Rassismus.” Das ist wohl richtig. Den größten Rassismus in Deutschand gibt es in den Gebieten, in denen die wenigsten Ausländer leben. Der abstrakte Judenhass in Saudi-Arabien ist etwas völlig anderes als der aus persönlicher Betroffenheit und Kriegserfahrung erwachsene in Palästina.

  27. 25.06.2007 | 12:49

    @Che

    Ich habe gerade in Ägypten die ERfahrung gemacht, dass es in erster Linie Armut ist, die Fanatismus schürt, verbunden mit Unbildung.

    Ich würde umgekehrt betonen: Es ist die Unbildung (die natürlich stark mit Armut korreliert). Aber ich habe dort überwiegend Leute getroffen, die für ägyptische Verhältnisse durchaus als nicht arm zu bezeichnen wären, und selbst dort wurde das Ressentiment gepflegt. Der Holocaust wurde zwar nicht geleugnet, aber ansonsten marschierte eine ordentliche Palette von antisemitischen Klischees auf.

    Und wer das nicht so sah, der hielt die Klappe. Es war eine meiner Lektionen in interkultureller Kompetenz, hier deutsch-gutmenschlich mich auf Diskussionen eingelassen zu haben und dort das “audiatur et altera pars” zu betonen. Da konnte ich dann erleben, wie jemand ganz ohne Alkoholgenuss wegen eines politischen Themas extrem in Rage geraten kann… Fürderhin hielt ich als Gast in anderen Ländern bei solchen Dingen tunlichst das Maul.

  28. Lateiner
    25.06.2007 | 17:17

    “P.S.: Das Latein-Zeug nervt keineswegs, aber für das Heer der Ungebildeten böte sich evtl. eine Übersetzung an.”
    Es nervt schon, wenn es auch noch falsch ist.

  29. 25.06.2007 | 17:26

    Ach Gottchen, ich hab nur das Kleine, und auch das ist schon Jahre her. Aber im Zeitalter von Google stößt sicher jeder auf a) die Übersetzung und b) die richtige Form.

    Aber da fällt mir ein: Was ist der Unterschied zwischen einem Klugscheißer und einem Besserwisser? Letzterer weiß es besser, ersterer sondert nur übel stinkenden Mist ab.

  30. 25.06.2007 | 17:29

    Ceterum censeo, dass ich das Kommentieren unter einem anderen Nick als dem bekannten für außerordentlich feige halte. Und wenn es dann noch unter einer bekannten IP geschieht, ist es auch noch außerordentlich dumm.

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