1. Juni 2007
Markt und Moral
Vorwort
Die Überzeugung, dass freie Märkte in den meisten Fällen die beste Methode sind, um Bedürfnisse zu befriedigen, Verteilungsgerechtigkeit zu erreichen und generell das Leben der Menschen zu organisieren, durchdringt das liberale Denken. Es ist eine Lehre, die mich vor allem angesichts der praktischen Gegenbeispiele sehr überzeugt hat – denn jede andere Verteilungsmethode krankt immer an der Frage, wer über die Verteilung entscheidet, und läuft Gefahr, dass sich eine Mehrheit (oder gar eine Minderheit!) der Menschen auf Kosten anderer selbst bedient. Andere Methoden berauben zumeist den Einzelnen jeder Entscheidung darüber, welche Bedürfnisse er hat und befriedigen möchte, und übertragen sie stattdessen anderen, die ihre persönlichen Maßstäbe zwangsweise anderen auferlegen.
Soweit zur Theorie. In der Praxis, in unserem täglichen Leben und Zusammenleben, zeigt sich aber immer wieder, dass diese Theorie nicht so zweifelsfrei in das reale Leben umzusetzen ist. Denn der Wettbewerb, der in der Realität stattfindet, ist oft genug weder fair noch frei, und er kollidiert außerdem mit anderen Maßstäben, die wir an unser Zusammenleben anlegen.
Unvorteilhafte körperliche und geistige Voraussetzungen
Am offensichtlichsten ist dies dann, wenn wir uns Menschen ansehen, die mit einer erheblichen Benachteiligung auf die Welt gekommen sind. Dass geistig oder körperlich behinderte Menschen nicht dem normalen Wettbewerb auf dem Arbeits- und Leistungsmarkt ausgesetzt werden dürfen, ist wohl allgemeiner Konsens. Doch schon hier kann man unterschiedlicher Meinung sein: Denn ab wann gilt eine körperliche oder geistige Ausstattung, die für das „Funktionieren“ innerhalb der Gesellschaft nachteilhaft ist, als Behinderung?
Bei mehrfach körperbehinderten Menschen oder starken Epileptikern herrscht da wohl keine Diskussion, bei Menschen mit sehr geringer Intelligenz oder chronischen Krankheiten hingegen schon. Wo genau setzt man die Grenze? Oder bevorzugt man ein abgestuftes System, in dem man bei zunehmend besseren Geburtsvoraussetzungen abnehmenden Schutz vor dem Wettbewerb bietet? Eine Frage, die man nicht einfach so dem Markt überlassen kann.
Unterschiedliche Eintrittszeitpunkte
Und das Bild des fairen Leichtathletikwettbewerbes, das gern benutzt wird, um das Geschehen auf dem Markt zu verdeutlichen, hat auch seine Tücken. Es setzt nämlich voraus, dass alle zur gleichen Zeit loslaufen – oder zumindest die Chance dazu haben, loszulaufen. Hat einer vorher schon alle guten Nischen im Wettbewerb besetzt, liegt das daran, dass er schneller, findiger war und einfach zuerst diese Nischen bemerkt hat.
In der Realität aber ist das natürlich nicht so. Mancher wird eben später geboren als der andere, und muss nun auf dem Feld, das er sich als Wettbewerbsplatz aussucht, gegen Leute antreten, die sich dank ihrer früheren Geburt schon die besten Plätze sichern konnten. Das wird besonders offensichtlich, wenn sich die Wirtschaft in einem Abschwung befindet, Ressourcen knapp werden und die Möglichkeiten begrenzter; wer in einem solchen Moment der jungen Generation angehört, die in den Wettbewerb eintritt, für den ist es eben kein fairer Wettbewerb, sondern einer, den er eigentlich nur verlieren kann – die anderen haben einen unerreichbaren Vorsprung auf dem Weg zu Glück und Erfolg, und er kann sich allenfalls mit seinen Altersgenossen um die schlechteren Plätze balgen. Diejenigen aber, denen es besser geht, verdanken dies nicht etwa eigener Leistung, sondern dem Glück des richtigen Eintritts in den Wettbewerb.
Natürlich gibt es den gleichen Effekt auch umgekehrt – mancher hat vielleicht seine ganze Kraft verbraucht, als er noch über Hürden springen musste, und wird auf dem Rennen zum Wohlstand nun leicht von jenen überholt, die noch jung und kräftig genug sind, wenn die Hürden auf der Strecke verschwinden und es nur noch darum geht, geradeaus ins Ziel zu laufen. Erneut kann man nicht sagen, dass die anderen es (auch im Sinne fairen Wettbewerbs) „verdient“ hätten, das Rennen zu gewinnen.
Vorsprung durch Geburtsglück
Noch problematischer ist die Tatsache, dass die Vorstellung eines alles gerecht verteilenden Wettbewerbs nur dann funktioniert, wenn wir jeden Menschen nur als Individuum betrachten, das nur sein eigenes Glück suchen und erstreiten muss. Denn dieses Bild ist schlicht falsch und widerspricht der menschlichen Natur – denn die Menschen organisieren sich nun einmal in Gruppen, kleineren und größeren, und viele davon sind von nichts anderem bestimmt als Blut und Genen, der Abstammung eben.
Um erneut das Bild des Wettrennens im Leichtathletik-Stadion zu bemühen: Wie kann man von einem fairen Wettbewerb sprechen, wenn der eine an der Startlinie steht, wenn der Schuss ertönt, der andere hingegen bereits an der 50-Meter-Marke? Oder gar der 95-Meter-Marke? Der dritte Wettbewerber schreitet gemütlich dem Ziel entgegen und wird es auf jeden Fall als erster erreichen (weil er ein paar Millionen geerbt hat), der zweite hat recht gute Voraussetzungen und kann ebenfalls eine nette Zeit erreichen (weil er in eine liebende Familie mit Eigenheim und einem gut gefüllten Konto, das seine Ausbildung finanziert, hineingeboren wurde), der dritte hingegen wird, egal wie schnell er läuft und sich anstrengt, eine sehr schlechte Zeit ins Ziel tragen (weil seine Eltern, Alkoholiker ohne Arbeit, ihm nie zeigen konnten, wie man sich erfolgreich durchs Leben schlägt, und ihm nur Schulden mit auf den Weg gegeben haben).
Oft ist das Leben in einer Gesellschaft der Subkulturen, unterschiedlichen Ethnien und Religionen auch einem Fußballspiel zu vergleichen, in dem eine Mannschaft A nur aus drei Spielern besteht, die andere Mannschaft B hingegen aus dreiunddreißig. Einzeln würde jeder der Spieler aus Mannschaft A vielleicht zahlreiche Tore schießen, sie könnten weltmeisterlich sprinten und dribbeln, aber sie werden immer gegen Mannschaft B verlieren – auch, wenn diese nur aus Kneipenligaspielern besteht. Die Theorie des freien Marktes und Wettbewerbs mag uns nur als Individuen sehen – unsere Herkunft, unsere soziale Umgebung aber spielen eine ebenso wichtige Rolle. Fairer Wettbewerb? Wohl kaum.
Unfairer Wettbewerb
Wirklich gerecht und moralisch „richtig“ kann der Wettbewerb, da stimmen wohl alle zu, nur dann sein, wenn er fair geführt wird, entlang vorher bekannter, konsequent durchgesetzter Regeln. Das mag bei einem 100-m-Lauf leicht möglich sein, das reale Leben aber gleicht diesem Sprint nur selten. Es erinnert eher an einen Marathon mit sehr wenigen Zuschauern und insgesamt drei Schiedsrichtern, der noch dazu auf weiten Strecken durch dunkle Tunnels verläuft und reichlich Auswahl an Orten hat, an denen man hinterhältige Fallen aufbauen kann.
Und so ist ein fairer, an den Regeln orientierter Wettbewerb in den seltensten Fällen die beste Möglichkeit, das Rennen zu gewinnen. Viel effektiver ist es, gelegentlich einmal durch einen überraschenden Schlag ins Genick oder in die Weichteile den Konkurrenten auszuschalten, der direkt neben einem läuft. Noch besser ist es, wenn man möglichst weit vorn liegt – dann kann man einige Augenblicke dazu nutzen, ein paar Fallen auszulegen, die die Nachfolgenden ins Verderben reißen (oder wenigstens lange aufhalten). Die Zeit, die man mit dem Fallenstellen verbringt, holt man später mühelos wieder auf – und kann die Sache dann auch noch ganz in Ruhe angehen.
Conclusio
Die vorgenannten Beispiele und Überlegungen sollen kein Argument dafür sein, denn Gedanken an freie Märkte und Wettbewerb aufzugeben. Erst recht sollen sie keine Begründung dafür darstellen, eine völlig andere Organisation menschlichen Zusammenlebens zu propagieren. Ganz persönlich bezweifle ich, dass dezidiert sozialistische, planwirtschaftliche oder am imaginierten „volonté générale“ orientierte Wirtschaftsstrukturen die oben angesprochenen Probleme erheblich besser lösen könnten als eine marktwirtschaftliche Struktur – und sie bringen noch ihre eigenen Probleme mit sich.
Es geht lediglich um das hohe moralische Ross, auf das sich viele Befürworter reiner Marktlösungen setzen, und das auf einem Fehler beruht, den man als „Laborbedingungen“ bezeichnen könnte – lässt man all diese kleinen Störfaktoren außer acht, so ist der Markt allein selig machend und die gerechteste Form, menschliches Zusammenleben zu organisieren. Doch diese Störfaktoren existieren eben leider, und sie lassen das, was auf den ersten Blick so moralisch perfekt erscheint, auf den zweiten doch fehlerhaft und manchmal weltfremd erscheinen.
Und das ist der Grund dafür, dass ich in politischen Diskussionen zwar grundsätzlich mit der Maßgabe antrete, für eine möglichst freiheitliche, marktorientierte Lösung zu streiten – aber durchaus bereit bin, mir die Einwände von Christdemokraten und Sozialdemokraten ebenso anzuhören wie die, die von Ökosozialisten erhoben werden. Und auch willens bin, mir ihre Lösungsvorschläge anzuhören und zu sehen, inwieweit man die tatsächlichen politischen Entscheidungen der Realität anpassen muss – auch öfter einmal vom reinen Marktgedanken weg. Weil es nämlich nicht immer nur der „Weg zur Knechtschaft“ ist, den sie anstreben, sondern oft auch die Verbesserung des Gegebenen.
Verfasst von Karsten um 14:14 Uhr in der Kategorie Grundsatzfragen, Politik (Trackback)
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