Markt und Moral

Vorwort

Die Überzeugung, dass freie Märkte in den meisten Fällen die beste Methode sind, um Bedürfnisse zu befriedigen, Verteilungsgerechtigkeit zu erreichen und generell das Leben der Menschen zu organisieren, durchdringt das liberale Denken. Es ist eine Lehre, die mich vor allem angesichts der praktischen Gegenbeispiele sehr überzeugt hat – denn jede andere Verteilungsmethode krankt immer an der Frage, wer über die Verteilung entscheidet, und läuft Gefahr, dass sich eine Mehrheit (oder gar eine Minderheit!) der Menschen auf Kosten anderer selbst bedient. Andere Methoden berauben zumeist den Einzelnen jeder Entscheidung darüber, welche Bedürfnisse er hat und befriedigen möchte, und übertragen sie stattdessen anderen, die ihre persönlichen Maßstäbe zwangsweise anderen auferlegen.

Soweit zur Theorie. In der Praxis, in unserem täglichen Leben und Zusammenleben, zeigt sich aber immer wieder, dass diese Theorie nicht so zweifelsfrei in das reale Leben umzusetzen ist. Denn der Wettbewerb, der in der Realität stattfindet, ist oft genug weder fair noch frei, und er kollidiert außerdem mit anderen Maßstäben, die wir an unser Zusammenleben anlegen.

Unvorteilhafte körperliche und geistige Voraussetzungen

Am offensichtlichsten ist dies dann, wenn wir uns Menschen ansehen, die mit einer erheblichen Benachteiligung auf die Welt gekommen sind. Dass geistig oder körperlich behinderte Menschen nicht dem normalen Wettbewerb auf dem Arbeits- und Leistungsmarkt ausgesetzt werden dürfen, ist wohl allgemeiner Konsens. Doch schon hier kann man unterschiedlicher Meinung sein: Denn ab wann gilt eine körperliche oder geistige Ausstattung, die für das „Funktionieren“ innerhalb der Gesellschaft nachteilhaft ist, als Behinderung?

Bei mehrfach körperbehinderten Menschen oder starken Epileptikern herrscht da wohl keine Diskussion, bei Menschen mit sehr geringer Intelligenz oder chronischen Krankheiten hingegen schon. Wo genau setzt man die Grenze? Oder bevorzugt man ein abgestuftes System, in dem man bei zunehmend besseren Geburtsvoraussetzungen abnehmenden Schutz vor dem Wettbewerb bietet? Eine Frage, die man nicht einfach so dem Markt überlassen kann.

Unterschiedliche Eintrittszeitpunkte

Und das Bild des fairen Leichtathletikwettbewerbes, das gern benutzt wird, um das Geschehen auf dem Markt zu verdeutlichen, hat auch seine Tücken. Es setzt nämlich voraus, dass alle zur gleichen Zeit loslaufen – oder zumindest die Chance dazu haben, loszulaufen. Hat einer vorher schon alle guten Nischen im Wettbewerb besetzt, liegt das daran, dass er schneller, findiger war und einfach zuerst diese Nischen bemerkt hat.

In der Realität aber ist das natürlich nicht so. Mancher wird eben später geboren als der andere, und muss nun auf dem Feld, das er sich als Wettbewerbsplatz aussucht, gegen Leute antreten, die sich dank ihrer früheren Geburt schon die besten Plätze sichern konnten. Das wird besonders offensichtlich, wenn sich die Wirtschaft in einem Abschwung befindet, Ressourcen knapp werden und die Möglichkeiten begrenzter; wer in einem solchen Moment der jungen Generation angehört, die in den Wettbewerb eintritt, für den ist es eben kein fairer Wettbewerb, sondern einer, den er eigentlich nur verlieren kann – die anderen haben einen unerreichbaren Vorsprung auf dem Weg zu Glück und Erfolg, und er kann sich allenfalls mit seinen Altersgenossen um die schlechteren Plätze balgen. Diejenigen aber, denen es besser geht, verdanken dies nicht etwa eigener Leistung, sondern dem Glück des richtigen Eintritts in den Wettbewerb.

Natürlich gibt es den gleichen Effekt auch umgekehrt – mancher hat vielleicht seine ganze Kraft verbraucht, als er noch über Hürden springen musste, und wird auf dem Rennen zum Wohlstand nun leicht von jenen überholt, die noch jung und kräftig genug sind, wenn die Hürden auf der Strecke verschwinden und es nur noch darum geht, geradeaus ins Ziel zu laufen. Erneut kann man nicht sagen, dass die anderen es (auch im Sinne fairen Wettbewerbs) „verdient“ hätten, das Rennen zu gewinnen.

Vorsprung durch Geburtsglück

Noch problematischer ist die Tatsache, dass die Vorstellung eines alles gerecht verteilenden Wettbewerbs nur dann funktioniert, wenn wir jeden Menschen nur als Individuum betrachten, das nur sein eigenes Glück suchen und erstreiten muss. Denn dieses Bild ist schlicht falsch und widerspricht der menschlichen Natur – denn die Menschen organisieren sich nun einmal in Gruppen, kleineren und größeren, und viele davon sind von nichts anderem bestimmt als Blut und Genen, der Abstammung eben.

Um erneut das Bild des Wettrennens im Leichtathletik-Stadion zu bemühen: Wie kann man von einem fairen Wettbewerb sprechen, wenn der eine an der Startlinie steht, wenn der Schuss ertönt, der andere hingegen bereits an der 50-Meter-Marke? Oder gar der 95-Meter-Marke? Der dritte Wettbewerber schreitet gemütlich dem Ziel entgegen und wird es auf jeden Fall als erster erreichen (weil er ein paar Millionen geerbt hat), der zweite hat recht gute Voraussetzungen und kann ebenfalls eine nette Zeit erreichen (weil er in eine liebende Familie mit Eigenheim und einem gut gefüllten Konto, das seine Ausbildung finanziert, hineingeboren wurde), der dritte hingegen wird, egal wie schnell er läuft und sich anstrengt, eine sehr schlechte Zeit ins Ziel tragen (weil seine Eltern, Alkoholiker ohne Arbeit, ihm nie zeigen konnten, wie man sich erfolgreich durchs Leben schlägt, und ihm nur Schulden mit auf den Weg gegeben haben).

Oft ist das Leben in einer Gesellschaft der Subkulturen, unterschiedlichen Ethnien und Religionen auch einem Fußballspiel zu vergleichen, in dem eine Mannschaft A nur aus drei Spielern besteht, die andere Mannschaft B hingegen aus dreiunddreißig. Einzeln würde jeder der Spieler aus Mannschaft A vielleicht zahlreiche Tore schießen, sie könnten weltmeisterlich sprinten und dribbeln, aber sie werden immer gegen Mannschaft B verlieren – auch, wenn diese nur aus Kneipenligaspielern besteht. Die Theorie des freien Marktes und Wettbewerbs mag uns nur als Individuen sehen – unsere Herkunft, unsere soziale Umgebung aber spielen eine ebenso wichtige Rolle. Fairer Wettbewerb? Wohl kaum.

Unfairer Wettbewerb

Wirklich gerecht und moralisch „richtig“ kann der Wettbewerb, da stimmen wohl alle zu, nur dann sein, wenn er fair geführt wird, entlang vorher bekannter, konsequent durchgesetzter Regeln. Das mag bei einem 100-m-Lauf leicht möglich sein, das reale Leben aber gleicht diesem Sprint nur selten. Es erinnert eher an einen Marathon mit sehr wenigen Zuschauern und insgesamt drei Schiedsrichtern, der noch dazu auf weiten Strecken durch dunkle Tunnels verläuft und reichlich Auswahl an Orten hat, an denen man hinterhältige Fallen aufbauen kann.

Und so ist ein fairer, an den Regeln orientierter Wettbewerb in den seltensten Fällen die beste Möglichkeit, das Rennen zu gewinnen. Viel effektiver ist es, gelegentlich einmal durch einen überraschenden Schlag ins Genick oder in die Weichteile den Konkurrenten auszuschalten, der direkt neben einem läuft. Noch besser ist es, wenn man möglichst weit vorn liegt – dann kann man einige Augenblicke dazu nutzen, ein paar Fallen auszulegen, die die Nachfolgenden ins Verderben reißen (oder wenigstens lange aufhalten). Die Zeit, die man mit dem Fallenstellen verbringt, holt man später mühelos wieder auf – und kann die Sache dann auch noch ganz in Ruhe angehen.

Conclusio

Die vorgenannten Beispiele und Überlegungen sollen kein Argument dafür sein, denn Gedanken an freie Märkte und Wettbewerb aufzugeben. Erst recht sollen sie keine Begründung dafür darstellen, eine völlig andere Organisation menschlichen Zusammenlebens zu propagieren. Ganz persönlich bezweifle ich, dass dezidiert sozialistische, planwirtschaftliche oder am imaginierten „volonté générale“ orientierte Wirtschaftsstrukturen die oben angesprochenen Probleme erheblich besser lösen könnten als eine marktwirtschaftliche Struktur – und sie bringen noch ihre eigenen Probleme mit sich.

Es geht lediglich um das hohe moralische Ross, auf das sich viele Befürworter reiner Marktlösungen setzen, und das auf einem Fehler beruht, den man als „Laborbedingungen“ bezeichnen könnte – lässt man all diese kleinen Störfaktoren außer acht, so ist der Markt allein selig machend und die gerechteste Form, menschliches Zusammenleben zu organisieren. Doch diese Störfaktoren existieren eben leider, und sie lassen das, was auf den ersten Blick so moralisch perfekt erscheint, auf den zweiten doch fehlerhaft und manchmal weltfremd erscheinen.

Und das ist der Grund dafür, dass ich in politischen Diskussionen zwar grundsätzlich mit der Maßgabe antrete, für eine möglichst freiheitliche, marktorientierte Lösung zu streiten – aber durchaus bereit bin, mir die Einwände von Christdemokraten und Sozialdemokraten ebenso anzuhören wie die, die von Ökosozialisten erhoben werden. Und auch willens bin, mir ihre Lösungsvorschläge anzuhören und zu sehen, inwieweit man die tatsächlichen politischen Entscheidungen der Realität anpassen muss – auch öfter einmal vom reinen Marktgedanken weg. Weil es nämlich nicht immer nur der „Weg zur Knechtschaft“ ist, den sie anstreben, sondern oft auch die Verbesserung des Gegebenen.

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23 Kommentare zu “Markt und Moral”

  1. Llarian
    1.06.2007 | 16:05

    Eine schönes Essay finde ich. In meiner Eigenschaft als Haustroll erlaube ich mir aber trotzdem es ein wenig zu simplifizieren und hoffe man wird mir die dabei unter den Tisch fallenden Differenzierungen verzeihen.

    Menschen werden mit unterschiedlichen Talenten geboren, mit unterschiedlichen Eigenschaften und unterschiedlichen Vorraussetzungen. Einer ist schön, der andere gesund, der dritte besonders klug. Jetzt müsste man in der Konsequenz des Begriffes Chancengleichheit eigentlich den Schönen ein bischen entstellen, den Gesunden ein bischen kränker machen und dem Klugen auf den Kopf hauen. Schon dieses Beispiel zeigt das Chancengleichheit eigentlich Unsinn ist. Sinnvoller als Ergebnisgleichheit, aber soviel dann eben auch nicht, was widerum daran liegt, dass auch der Begriff Chancengleichheit sich auf irgendeinen von oben kommenden Gerechtigkeitsbegriff beruft.

    Ich denke das liberales Denken damit gar nicht soviel zu tun hat. Frei zu sein und frei zu handeln, hat nicht unbedingt etwas mit Gerechtigkeit zu tun, sondern mit dem ethischen Verständnis keinen Zwang auszuüben und keinen zu erleiden (von natürlichen Zwängen wie der Schwerkraft oder der Tatsache, dass man essen muss mal abgesehen). Das hat nichts mit Fairniss zu tun. Das Leben ist in dem Sinne nicht fair. Es gibt keine Möglichkeit irgendetwas an der Unfairniss zu ändern, dass der eine mit 15 Krebs bekommt oder jemand so “hässlich” ist, dass er nie den Partner fürs Leben findet. Es ist auch nicht fair im Tschad geboren zu sein, während andere in Monacco das Licht der Welt erblicken. Niemand hat gesagt, dass das Leben fair ist. Jemand der intelligent, reich, schön & stark geboren wird hat natürlich einen Vorsprung auf der Bahn.

    Alleine, ich denke man muss sich frei machen von der Vorstellung, dass sei grundfalsch. Nach meinem Dafürhalten sollte man jedem Menschen ermöglichen auf der Bahn zu starten und wenn jemand gehbehindert ist, gibt man ihm vielleicht noch ein paar Meter vor.

    Im FDP-Forum läuft ein Troll rum, der meint, alles sollte gleich verteilt werden, weil schon die Erziehung eines Menschen (für die der ja nichts kann) entscheidet ob er faul oder fleissig wird. Somit ist der Faule nicht für seine Faulheit verantwortlich und der Fleissige muss ihn tragen, denn der kann ja auch nix für seinen Fleiss. Wenn man die Chancengleichheit so auslegt, dann ist das nichtmal völlig absurd. Denn Chancen sind nie gleich.

  2. 1.06.2007 | 16:23

    Ich will nicht versuchen, die von dir angesprochenden Punkte zu widerlegen. Ich stimme Ihnen weitgehend zu.

    Aber vor der Entscheidung ob und welche Mittel man verwendet um diese Problemfelder zu beseitigen, sollte man sich klar sein, dass man nicht mehr kaputt macht als man repariert.
    Jeder Eingriff erzeugt (Markt-)Verzerrungen. Das spricht nicht in jedem Fall gegen einen Eingriff (teilweise sogar sehr massive) aber es mahnt zur Vorsicht.

    Auch ist eine Fairness auf Basis von Gleichheit nicht erreichtbar. Aber man kann (und sollte) die schlimmesten Auswirkungen beseitigen: Deshalb stattliche Bildung, deshalb Sozialhilfe, deshalb ein Kartellrecht.

    Unvorteilhafte körperliche und geistige Voraussetzungen:
    Wie du auch sagt, ist dies in einigen Fällen ohne große Diskussion angenommen.
    Wenn man aber schon an die Antidiskrimieriungsgesetze denkt, hört die Einigkeit dort auch wieder auf.
    Tatsächlich interessant ist auch die Diskussion um geringe Intelligenz als unvorteilhafte körperliche Voraussetzung.

    Unterschiedliche Eintrittspunkte:
    Puh, das Problem dürfte kaum zu heben sein.
    Wichtig wäre es aber die Startchancen der gesamten Generation nicht durch eine hohe Staatsverschuldung durch einen Staat, der sich selbst übernimmt, zu beschneiden.

    Vorsprung durch Geburtsglück:
    Nicht ganz ohne Logik soll es auch neoliberale Theoretiker geben, die für eine Erbschaftssteuer von 100% plädieren.

    Dies ist aber der zentrale Punkt, warum Bildungspolitik so wichtig ist. Ich glaube nicht, dass Bildungspolitik Chancengleichzeit oder Chancengerechtigkeit (Was immer dies sein soll?) erreichen kann, aber die staatliche Bildungspolitik muss bestimmte minimale Chancen für jeden (auch bei keiner Unterstützung aus dem Elternhaus heraus) zu garantieren.
    Aber auch dies ist eine Minenfeld im Graubereich von der Sicherung minimaler Chancen und staatlicher Bevormundung.

    Unfairer Wettbewerb:
    Unfairer Wettbewerb in Form von Kartellbildung muss auch durch massive staatliche Maßnahmen verhindert werden. Eine funktionierende Marktwirtschaft ohne Kartellrecht stelle ich mir schwierig vor.

    Aber darüber hinaus? Viele Maßnahmen gegen “unlauteren Wettbewerb?” und für Verbraucherschutz gehen von einen unmündlichen dummen Bürger aus der sich ohne Nachzudenken alles andrehen läßt.
    Es ist leider zu häufig ein Einfallstor für Entmündigung gewesen.

  3. 1.06.2007 | 16:46

    Es geht lediglich um das hohe moralische Ross, auf das sich viele Befürworter reiner Marktlösungen setzen,

    Dieses “moralische Ross” scheint mir ein Gespenst zu sein. Liberale behaupten oft, dass der Markt effiziente Ergebnisse liefert (und können das auch beweisen). Das ist aber kein moralisches Argument. das moralische Argument für den Markt ist – wie Llarian schon gesagt hat – dass er ohne Zwang auskommt und nicht igrndeine Gerechtigkeit oder Fairniss.

    Mir scheint auch das Beispiel des 100 Meter Läufers falsch zu sein. Es wäre richtig, wenn wir alle das gleiche Ziel hätten und nur einer es erreichen könnte. Jeder Mensch hat aber andere Präferenzen und verfolgt entsprechend andere Ziele. Ausserdem bestreite ich, dass diese Ziele miteinander konkurrieren: Das Erreichen meiner Ziele verhindert i.a. nicht, dass andere ihre Ziele ebenfalls erreichen. Wenn ich diese oder jene Zusammenhänge entdecke, X Euro verdiene, 10 km unter Y Minuten laufe usw., hält es Dich nicht davon ab, dies ebenfalls zu tun. Das ändert sich erst, wenn meiune Ziele relativ zu den Leistungen anderer gesetzt werden, etwa “Ich will der beste 10km Läufer im Ort Z sein”. Dann ärgere ich mich, wenn jemand schneller ist als ich. Kurz: Meine Nutzensfunktion enthält eine Neidkomponente.

  4. 1.06.2007 | 16:48

    ich meine natürlich: Meine Nutzensfunktion enthielte eine Neidkomponente. (-:

  5. R.A.
    1.06.2007 | 17:00

    @Karsten:
    Ein schöner Essay, aber m. E. stimmt da eine Basisannahme nicht.

    Der Markt ist nur ein Organisationsverfahren, mit dem die Menschen in eigener freier Prioritätensetzung den Warentausch und die Arbeitsteilung mit anderen Menschen regeln.

    Er ist NICHT zuständig für:
    “Verteilungsgerechtigkeit zu erreichen und generell das Leben der Menschen zu organisieren,”

    M. E. findet sich z. B. kein Liberaler, der vom Markt die Versorgung eines Schwerbehinderten erwartet.
    Das wird der Markt auch nie können, weil der Betroffene im Zweifelsfall nichts geben kann.

    In diesem und vielen anderen Deiner Beispiele geht es nicht um Markt, sondern um die Aufgabenverteilung zwischen Staat und sich selber organisierenden Menschen.

    Also: Muß der Behinderte vom Sozialamt versorgt werden, oder verläßt man sich auf Familien oder karitative Wohlfahrt.

    Insofern ist nicht der Markt der Adressat für Deine Beispiele für “Ungerechtigkeit”.

    Bei allen Deinen Beispielen stimme ich zu, daß das nicht ausgeglichen ist.
    Nur ist die Frage, ob das nun ein Problem ist, und dann noch die Frage, ob man wg. dieses Problems staatlich eingreifen muß.

    Llarian hat schon dargelegt, warum die Tatsache unterschiedlicher Geburtsvoraussetzungen nicht unbedingt als Problem gesehen werden muß.

    Oder das Beispiel mit der Fußballmannschaft: Richtig, drei Weltklassekicker werden gegen 33 Kneipenfußballer verlieren.
    Nun und?
    Dann sollen sie halt nicht gegeneinander spielen.
    Klingt platt – aber so ist es letztlich.

    Ist ja auch ungerecht, daß der eine ein begnadeter Kicker ist und der andere spiele so wie ich – ich erspare Euch Details ;-)

    Sollte jemand also behaupten, das Leben wäre fair und gerecht und der Markt würde das gewährleisten – dann hättest Du ihn widerlegt.

    Ich wüßte aber keinen, der das behauptet.

  6. R.A.
    1.06.2007 | 17:03

    Ich sehe gerade, Dirk hat parallel geantwortet, und viel besser formuliert.

    Der Unterschied zwischen Effizienz und Moral beim Markt, das wollte ich eigentlich ähnlich sagen, hat er aber viel klarer auf den Punkt gebracht.

  7. nils
    1.06.2007 | 17:59

    @Dirk
    Warum ist die Effizienz des Marktes kein moralisches Argument? Wenn es einen Weg gibt das Leben der Menschen zu verbessern, man diesen Weg aber nicht geht, handelt man dann nicht unmoralisch?

  8. 1.06.2007 | 20:18

    @Nils

    Effizienz (genauer Pareto Effizienz) heisst (per Definition), dass es nicht möglöich ist, die Situation eines Menschen zu verbessern ohne die eines anderen zu verschlechtern. Nicht-effiziente Zuteilungsverfahren könnte man also als unmoralisch bezeichnen. Schliesslich wäre es ja möglich einen Menschen besser zu stellen ohne auch nur einem anderen zu Schaden. Also ja, man eine Berechtigung, ineffiziente Handlungen als unmoralisch zu bezeichnen.
    Nun müssen aber staatliche Eingriffe nicht zwangsläufig Ineffizienzen hervorbringen, so dass sie nicht per se unmoralisch sind. Siehe etwa das zweite Wohlfahrtstheorem. Die Effizienz des Marktes ist also kein hinreichender Grund, ihm Moralität zuzuweisen. Zwischen Deinem ersten und Deinem zweiten Satz klafft eine Lücke, in der staatliche Eingriffe durchaus Platz haben.

  9. 1.06.2007 | 20:44

    Ich würde ganz gerne nochmal auf das m.E. unpassende Bild des 100 Meter-Läufers eingehen, da es ja oft benutzt wird und nichts so schädlich ist, wie eine falsche Analogie.

    Nehmen wir mal an, ich wollte ein Produkt X produzieren. Mit meinen Fähigkeiten und meinem Kapital bin ich in der Lage eine bestimmte Menge einer bestimmten Qualität zu einem bestimmten Preis herzustellen. Und nun nehmen wir an, es gäbe einen weniger talentierten Konkurrenten, der mit viel mehr elterlichen Kapital ausgestattet ist und der womöglich auch noch im Ausland unter anderen sozialrechtlichen Bedingungen produzieren lässt, so dass er das Produkt viel günstiger produzieren kann.

    Ist das unfair? Ich kann doch weiterhin das Produkt in der Menge, der Qualität und zu demn Preis herstellen wie vorher auch. Wo ist die Ungerechtigkeit?

    Nun, ich kann das Produkt nicht mehr kaufen. Meine Mitmenschen schätzen halt die bessere Qualität und den niedrigeren Preis der Konkurrenz. Kann ich Ihnen das zum Vorwurf machen? Das könnte ich nur, wenn ich einen Rechtsanspruch auf Verkauf meiner Waren habe. Habe ich aber nicht. Wo ist also die ungerechte Behandlung?

    Anderes Beispiel. Ich gewinne nicht den 10km Lauf und erhalte nicht die Wertschätzung des Siegers, weil ein Kenianer schneller ist. Ist das unfair? Habe ich einen Anspruch auf Applaus?

    Das entscheidende ist aber: Selbst wenn man es für unfair hielte, könnte man nichts daran ändern. Da könnte der Staat machen, was er wollte. Dass die Menschen dem vielschnelleren Kenianer zujubeln und sich mit ihm identifizieren, liegt in der Natur des Menschen. Es ist deren Entscheidung, es sind deren Präferenzen. Da kann man nichts machen.

  10. 2.06.2007 | 8:27

    @ Karsten: Toller Text.

    Ich habe in Bezug auf den Markt und begrenzte staatliche Eingriffe auch so meine Zweifel. Ich glaube nämlich nicht, dass möglichst viel Markt Menschen glücklich macht. Es ist sicherlich eine ökonomisch kluge Regelung möglichst viel freien Markt zu haben, ich setze gute Ökonomie aber nicht mit Glück gleich.
    Gestern hat mir ein kleines Kind seine Geschichte erzählt (12 Jahre alt): Die Mutter Alkoholikerin (Türkin), der Vater abgehauen. Fünf Kinder von drei verschiedenen Vätern.
    Die Mutter musste die Stadt wechseln, weil sie innerhalb ihrer sozialen Umgebung “schikaniert” wurde.
    Anmerkung: Ich gehe davon aus, dass sich die Mutter prostituiert hat. Aus diesem Grund musste sie wohl aus ihrer Kleinstadt wegziehen, weil ihr die türkischen Mitbürger so ziemlich alle Dienstleistungen verweigerten. Zum Schluss soll sie nicht einmal mehr Brot beim türkischen Bäcker haben kaufen dürfen. Das habe ich dem Kind nicht gesagt, mir wurden aber entsprechende Gerüchte zugetragen.

    In der neuen Stadt ist die Mutter ganz auf sich allein gestellt. Die Zwölfjährige bekommt ständig Prügel und darf ab 16:00 Uhr das Haus nicht mehr verlassen.

    Ich habe natürlich mit dem Jugendamt Kontakt aufgenommen und für entsprechende Hilfsmaßnahmen gesorgt. Die Mutter ist wohl grenzenlos überfordert und bedarf staatlicher Hilfe.

    Was soll dieses Kind also später einmal machen? Welche Bedingungen wird es vorfinden? Hier von Markteintritt zu reden ist schon falsch, denn auf einem Markt befindet es sich schon. Es geht zur Schule und ist jetzt schon einem Wettbewerbsdruck ausgesetzt.
    Man kann jetzt davon ausgehen, dass ein möglichst freier Markt dafür sorgen wird, dass das Kind später einmal eine Chance hat sein Glück zu finden. Ich habe da allerdings so meine Zweifel. Benötigt werden eigentlich nur noch qualifizierte Arbeitskräfte, das Kind schreibt übrigens überraschend gut und fehlerfrei. Für mich war das gestern der Beweis, dass Eltern nicht zwingend determinierend sein müssen.

    Und wie sieht es aus der Sicht der Mutter aus? Wenn der derzeitige Markt ihr als einzige Berufsperspektive “Bardame” anbietet, wie wirkt sich das dann auf ihre Kinder und deren soziales Umfeld aus? Kinder können untereinander ziemich grausam sein.

    Ich tendiere eigentlich eher dazu die Wettbewerbsbedingungen möglichst frei zu halten. Allerdings sind die Folgekosten, die der Gesellschaft entstehen wenn man diese Familien nicht stabilisiert deutlich höher als die Kosten die für ein bisschen Unterstützung und ein paar Sozialarbeiter draufgehen. Staatsanwälte, Rechtsanwälte, Richter, Polizisten, Justizbeamte und Gefängnisse gibt es auch nicht für umsonst. Haftplätze sind ziemlich teuer, wenn man sie einigermaßen gesittet gestaltet. Ich bezweifele also schon das es irgendwie teurer – und damit ineffizient – sei, staatliche Fürsorge bereitzustellen.

    Der Rest sind wohl ethische Fragen. Und darüber verbietet sich eine ökonomische Diskussion dann, wenn genug Geld vorhanden ist. Solange der Staat Geld verschwenden kann (Bezugspunkt: Bund der Steuerzahler – Schwarzbuch), ist genug Geld da.

    Außerdem glaube ich, dass die Menschen eigentlich bereit sind Steuern für bestimmte Dinge zu bezahlen. Das Problem ist nämlich nicht, dass Steuern erhoben werden. Das Problem ist die Willkür der Erhebung und die Intransparenz ebendieser und der Verteilung. Jeder einigermaßen moralisch gefestigte Mensch hat in meinem Beispiel schließlich wohl kaum ein Problem damit einen bestimmten Geldbetrag dafür aufzubringen, dass dieser Familie geholfen wird. Was ich im Grunde ausdrücken will: Liberalität bedeutet nicht Verantwortungslosigkeit.

  11. Wuki
    2.06.2007 | 10:36

    @Markus Oliver

    Was Dir so alles für Geschichten erzählt werden. Toll.

    Das Schicksal des kleinen Mädchens ist bedauerlich.

    Aber was aus dem Kind einmal werden soll, ist eine Frage, die Du nicht zu beantworten hast. Wenn sie schön ist, kann sie vielleicht mit erreichen der Volljährigkeit den Beruf der Mutter ergreifen? Zumindest könnte die Berufsanfängerin aus den Verhütungsfehlern der Mutter lernen.

    Da es sich hier um ein kleines Kind handelt, kann im Einzelfall ein staatlicher Eingriff gerechtfertigt sein. Wieso allerdings die Mutter staatliche Hilfe benötigen soll, kann ich nicht nachvollziehen. Hilflosigkeit kann wohl kaum ein Kriterium für staatliche Hilfe sein. Dann hätte der Staat sehr vielen Menschen zu helfen. Das zählt nicht zu seinen Aufgaben.

    Die Argumentation über die Kosten einer “Stabilisierung” halte ich für falsch. Über die wirklichen Kosten eines solchen Programms kann ich leider nur Vermutungen anstellen. Ich weiß aber, daß kaum wirkungsvolle Programme existieren. Die Mühen der Sozialarbeiter verpuffen dabei meist ohne nennenswertes Resultat.
    Regelmäßig bestehe gar keine Bereitschaft bei den “Bedürftigen” sich helfen zu lassen und auch kein wirklicher Wunsch an der persönlichen Situation etwas zu ändern. Und die Verhaltenstherapie lehrt uns, daß sich niemand ändert, der sich nicht aus eigenem Antrieb ändern will.
    Diese “Kosten die für ein bisschen Unterstützung und ein paar Sozialarbeiter” haben demnach nur eine Alibifunktion.

    Und nun ist es Zeit, wieder auf das eigentliche Thema zurückzufinden. Freiheit. Diese Freiheit umfaßt nämlich auch, sein Leben selbst zu gestalten. Möglicherweise wird der eine oder der andere sich fragen, wo in einem versoffenen und verhurten Leben die freie Gestaltung liegt? Im Leben der Beispiel-Frau oben gab es sicherlich viele Möglichkeiten einen anderen Weg einzuschlagen. Das aber nur am Rande. Der Punkt ist, daß es die Freiheit der Frau ist, diesen Weg zu gehen, ohne daß ein Staat ihr einen anderen Weg vorschreibt. Nur weil der Weg manchen Menschen nicht gefällt, haben sie (und auch nicht der Staat) kein Recht dazu in den Weg einzugreifen.

  12. 2.06.2007 | 13:15

    Wuki, ich will (noch nicht) auf Deinen gesamten Kommentar eingehen, aber Dein Satz mit den »Verhütungsfehlern« schreit geradezu nach einem schnellen Kommentar. Ich bin seit vielen Jahren Familienvater [zwei Kinder (1989, 2001)] und seit ebenso vielen Jahren mit einer Frau verheiratet, die sehr engagiert in einem Erziehungsberuf arbeitet.

    Vielleicht hätte ich mit 20 auch solche Sprüche geklopft. Aber jetzt — mit 40 und einiger Lebenserfahrung — möchte ich Dir mit auf den Weg geben: Dein Absatz dort oben erweckt den Eindruck, dass eine hundertprozentige Kontrolle der Empfängnis möglich wäre und dass die Frau nur keine Fehler machen dürfe. Das stimmt aber bis heute nicht (und ich es ist sehr fraglich, ob es je stimmen sollte). [Mir ist klar, dass das für nicht sterilisierte Frauen gilt, aber so zynisch wollen wir doch nicht sein, dass wir dem Mädchen gleich mit 18 diese Lösung vorschlagen].

    Und ich weiß generell nicht, ob bei diesem Thema soviel Zynismus wie in Deinem Kommentar angebracht ist. Auch für Liberale besteht die Gefahr, dass sie in eine fundamentalistische Theorie abgleiten, obwohl doch in der Politik täglich Realismus notwendig ist. In einer möglichst freien und humanen Gesellschaft muss es ein Auffangnetz geben, dass die reine Lebenserhaltung sichert. Dafür sind wir Menschen. Alles andere mag auf Leistung und Wettbewerb aufgebaut sein.

  13. R. A.
    2.06.2007 | 13:25

    @Markus Oliver:
    Interessante Geschichte.
    Und im Gegensatz zu Wuki sehe ich sehr wohl, daß auf jeden Fall die Kinder und dann auch die Mutter Hilfe bekommen sollte.
    Wobei ich damit in erster Linie NICHT finanzielle Hilfe meine, obwohl auch die nötig sein wird.

    Fakt ist nur: Das hat alles nichts mit dem Markt zu tun. Wirklich gar nichts.

    Sondern da geht es um die Frage, wer denn hier helfen sollte – eher der Staat, oder eher Private.

    Und man kann hier schon sehen, daß ohne private Initiative (Deinen Hinweis ans Sozialamt) schon mal gar nichts passiert wäre.
    Und ob dann das Sozialamt wirklich effektiv Hilfe leisten wird – da habe ich Zweifel.

    Und deswegen: Ja, ich bin im Prinzip bereit, in solchen Fällen auch mit Geld zu helfen. Notfalls auch in Form von Steuern.
    Aber eigentlich nur, wenn diese Steuern dann auch etwas helfen – da kann man schon Zweifel bekommen.

    Aber wie gesagt: Solche Organisationsfragen beim Thema Hilfe haben überhaupt nichts mit Markt zu tun.

  14. 2.06.2007 | 13:53

    @ Wuki,

    dass die Mutter staatliche Hilfe bekomen soll ergibt sich aus einem juristischen Zwang heraus. Die Mutter hat das Sorgerecht und dieses ist ihr nicht so einfach zu entziehen. Also wird das Kind mit seiner Mutter weiterin zusammenleben. Die Mutter neigt zu solchen Taten wohl (auch) aus Überforderung. Also macht es Sinn die Mutter zu entlasten und damit den Kindern zu helfen.
    Das müssen aber neben den eigentlichen Geldern nicht unbedingt zusätzliche finanzielle Mittel seien, obwohl ich das in diesem Fall auch für sinnvoll halte.

    Das diese Sozialprogramme alle nichts bringen, ist einfach nicht richtig. Was nichts bringt ist das unkontrollierte Verteilen von Geld. Die meisten Problemfälle würden ihre Probleme auch mit Millionen von Euro nicht in den Griff kriegen, die Probleme würden nur auf anderem Niveau weiterbestehen. Aber regelmäßige Besuche der Familie, eine Familientherapie und eine Haushaltshilfe können sicherlich schon einiges bewirken.

    Das Mädchen geht auf eine Ganztagsschule in Bayern, in der das Mittagessen über Karten bezahlt wird. Ihre Karte ist leider ständig leer, weil die Mutter die Karte nicht auflädt, also sieht sie zu, dass sie woanders etwas zu essen herbekommt. Da wird dann auch schon einmal gestohlen.

    Es kann für einen Staat wie die Bundesrepublik Deutschland doch nicht zuviel verlangt sein, die Kinder in der Schule mit Essen zu versorgen. Dass das dermaßen schlecht organisiert ist, ist mir unbegreiflich. Um die Sache in Sack und Tüten zu bekommen werde ich jedenfalls das bayrische Sozialministerium anschreiben. Dann bin ich wenigstens sicher das etwas geschieht, denn nichts fürchten Beamte mehr als Vorgangskontrolle durch das Ministerium.

    Und wegen Deiner zynischen Art solltest Du noch einmal an Dir arbeiten. Ist nicht böse gemeint, aber aus Deinen Zeilen lese ich nicht gerade viel soziale Kompetenz (soziale Kompetenz= Empathie, Ambiguitätstoleranz und Rollendistanz).

  15. 2.06.2007 | 14:10

    @ R.A.:

    Sie haben doch wohl insoweit etwas mit Markt zu tun, als es hier wohl offensichtlich ist, dass das Kind ohne staatliche Hilfen – nur durch den “freien” Markt – wohl keine Hilfe erhalten wird.

  16. Wuki
    2.06.2007 | 15:48

    @stefanolix:

    “Fünf Kinder von drei verschiedenen Vätern.”? Das sieht nicht nach Zufall oder ‘dumm gelaufen’ aus, sondern nach System. Über die genauen Umstände kann man hier wohl nur spekulieren, aber Pech bei der Verhütung ist das wohl nicht.

    @markus oliver:

    Ich weiß zwar nicht, wie Du von meinem Text auf meine soziale Kompetenz schließt, aber danke für den Hinweis.

    Jedenfalls könnte bei mir eine Haushaltshilfe auch einiges bewirken. Regelmäßige Besuche meiner Familie mache ich ja schon. Eine Therapie würde ich aber erstmal ablehnen.
    Markus, der springende Punkt ist, daß all diese Dinge schön und sicherlich auch irgendwie nützlich sind, aber kaum den Kern des Problems angehen. Der ist nämlich, zumindest geht das aus der Schilderung hervor, daß sich die Mutter einen Scheiß um ihr(e) Kind(er) kümmert (keine Ahnung was mit den anderen 4 ist). Daran wird sich auch nichts ändern, wenn die Frau ihre Familie sieht, denn die hatte bisher offensichtlich auch keinen guten Einfluß auf die Frau. Eine Therapie gegen den Willen der Frau wird wohl kaum fruchten und eine Haushaltshilfe, naja die ist sicherlich nützlich, aber üblicherweise führt zusätzliches Umsorgen nicht dazu, daß Menschen lernen ihre Probleme plötzlich selbstständig zu lösen.

    Auch die Tatsache, daß das Kind in der Schule, mangels Geld von der Mutter, kein Essen kaufen kann, hilft wenig bei der Argumentation. Bestimmt erhält die Mutter

  17. Wuki
    2.06.2007 | 15:53

    ok, es sollte noch weitergehen:

    Auch die Tatsache, daß das Kind in der Schule, mangels Geld von der Mutter, kein Essen kaufen kann, hilft wenig bei der Argumentation. Bestimmt erhält die Mutter Kindergeld. Wenn sie aber entscheidet das Geld lieber selbst zu verwenden, dann ist das nunmal ihre Entscheidung. Denn, Du erkennst es, sie hat das Sorgerecht. Und entweder man gesteht selbiges der Mutter zu, dann muß man sie aber auch entscheiden lassen, oderman entzieht ihr das Sorgerecht, dann muß man es aber auch konsequent machen.
    Ein mal so und dann aber doch anders ist da fehl am Platz. Entzieht man ihr das Sorgerecht, kann man dem Kind ja auch helfen. Möglicherweise.

    Ich sträube mich aber dagegen, von einem Selbstbestimmungsgrundsatz in einigen Punkten abzuweichen, aber nicht konsequent vorzugehen. Ebenfalls erscheint es mir fraglich, ob Extrazuwendungen, so häßlich die Situation auch zu sein scheint, zu einer nachhaltigen Verbesserung der Situation des Kindes führen.

  18. Wuki
    2.06.2007 | 16:06

    @markus oliver:

    Du schreibst: “Sie haben doch wohl insoweit etwas mit Markt zu tun, als es hier wohl offensichtlich ist, dass das Kind ohne staatliche Hilfen – nur durch den “freien” Markt – wohl keine Hilfe erhalten wird.”

    Ich stelle die Gegenthese auf. Mit mehr Markt und weniger Sozialleistungen wäre die Frau vielleicht gezwungen zu arbeiten, wäre öfters nüchtern und würde sich dann besser um ihr Kind kümmern.

    Ich glaube auch, daß der geschilderte Fall wenig zu einer Diskussion über Märkte beiträgt.

  19. Llarian
    2.06.2007 | 16:52

    Vielleicht sollte man noch etwas grundsätzliches ergänzen: Der Markt ist keine Heilslehre, nur weil vielleicht der eine oder andere Libertäre das so verklären mag. Grundsätzlich ist das nicht der Fall. Die Frage ob ein Mensch, der einen anderen ertrinken sieht, hilft, lässt sich nicht über marktwirtschaftliche Argumentation beantworten. Hat damit einfach nichts zu tun.
    Marktwirtschaft löst nicht die Probleme der Menschheit, weder im grossen noch im kleinen. Das ist aber auch nicht notwendig. Denn im Unterschied zu Kommunismus, Sozialismus oder religiösem Fundamentalismus ist es keine Heilslehre. Marktwirtschaft ist rein die philosophie Erkenntnis keinen Zwang auszuüben.

    Die Frage, ob man jener oben genannter Mutter oder ihrem Kind hilft ist keine Frage der Marktwirtschaft, sondern des Sozialverhaltens einer Gesellschaft.

  20. 2.06.2007 | 18:58

    @ karsten:

    Das Problem des unterschiedlichen Eintrittszeitpunkt ist nur ein Problem, wenn du ein Wirtschaftssystem als statisches System interpretierst. Allerdings ist es nicht so: Im Wettbewerb gewinnt nicht zwangsläufig der Erste, sondern der Beste und da kann es manchmal sogar hilfreich sein, wenn man nicht der Erste ist. Wäre es nicht so, würdest du in der Realität keine Newcomer auf Märkten sehen. Es gibt dutzende Beispiele von Innovationen, die ein Unternehmen auf dem Markt brachte, mit denen andere dann aber in veränderter Form den Durchbruch schafften. Genauso sind knappe Güter für alle Marktteilnehmer genauso knapp, weil ihr Preis durch ihre Alternativkosten determiniert wird. Selbst wenn ich das Glück hatte billige Rohstoffe vor einer Preiserhöhung (Nachfragesteigerung oder Angebotsverknappung) zu erhalten, erhöhen sich meine Kosten dennoch, denn ich kann die Rohstoffe selbst verwenden oder zum Marktpreis verkaufen. Wie ich es auch wende, ich bin mit den aktuellen Kosten konfrontiert und die erhöhen meine Produktionskosten. Mein Wettbewerbsvorteil liegt stehts in einem exklusiven Produktions- oder Vermarktungsverfahren, dass andere mit dem nötigen Grips in der Regel sehr schnell kopieren oder überflügeln können. Und diejenigen, die die höchsten Gewinnaussichten haben äußern dies in ihrer Nachfrage nach Produktionsfaktoren und determinieren damit deren Preise. Ich denke also, dass Problem unterschiedlicher Markteintrittszeitpunkte hat weder etwas mit Unfairness noch ist es ein echtes Problem von Märkten.

    Märkte sind, dass wissen wir eigentlich alle, nichts mehr als die Organisationsform menschlicher Interaktionen jenseits familiärer oder evtl. kommunaler Bindungen. Insofern ersetzt der Staat nicht den Markt, sondern es ensteht ein politischer Markt, dessen Anreizsysteme nicht grundsätzlich anders arbeiten. Was staatliche Koordination von Marktkonzentration unterscheidet ist neben allbekannten im wesentlichen ein fundamentales Informationsproblem, das sich in Fehlplanungen und Anreizdefiziten äußert. Hilfreich wäre in diesem Zusammenhang die Lektüre von friedrich Hayeks Klassiker “The Use of Knowledge in Society”.

  21. 2.06.2007 | 21:36

    @ Wuki: Das habe ich vorhin zwar nicht geschrieben, aber die Mutter arbeitet als Bardame.
    Zu Deiner sozialen Komepetenz: Ein gewisser Mangel an Empathie war nicht zu übersehen.

  22. R. A.
    3.06.2007 | 0:05

    @Markus:
    > dass das Kind ohne staatliche
    > Hilfen – nur durch den “freien”
    > Markt – wohl keine Hilfe erhalten
    > wird.
    Du vermischt hier zwei Themen.
    Natürlich erhält das Kind vom Markt keine Hilfe. Es erhält auch keine Hilfe vom Telephonsystem oder vom Autobahnnetz – wie der Markt sind das Organisationsstrukturen.
    Wie Llarien richtig geschrieben hat: Es geht hier nicht um Markt, sondern um Sozialverhalten.

    Die Frage geht also nicht um den Markt, sondern darum, wer dem Kind hilft.
    Der Staat tut dies derzeit nur sehr begrenzt und qualitativ mangelhaft. Alternativen sind da denkbar und sollten diskutiert werden.

    Mal abstrakt formuliert: Gegeben sei die Frage, wie man sein täglich Brot bekommt.
    Da stellt sich die Organisationsfrage:
    a) Jeder bäckt es sich selber (wie ganz früher üblich – Antwort für SEHR Konservative).
    b) Man kauft es beim Bäcker (das ist die Lösung mit Markt).
    c) Es gibt einen staatlichen Backbetrieb und der verteilt das an die Haushalte (so mögen es die Planwirtschaftler).
    d) Man wartet, daß Manna vom Himmel fällt (wird eher selten propagiert).
    Und hier sage ich ganz klar: Alles außer Markt ist Schwachsinn.

    Und dann kommt die soziale Frage:
    Person X ist schwerstbehindert und nicht in der Lage, sich zu ernähren.
    Dann stellen sich ganz andere Alternativen:
    a) Einfach ignorieren, d.h. X verhungert.
    b) Der Staat zahlt Sozialhilfe und damit die Ernährung.
    c) Es gibt private Initiativen, die X helfen.
    d) Es geschieht ein Wunder und X wird gesättigt.

    Liberale bevorzugen hier eher c), akzeptieren aber auch b), das kommt auf die Umstände an. Man kann problemlos auch immer für b) plädieren und trotzdem Hardcore-Liberaler sein – denn die Markt-Frage hat damit überhaupt nichts zu tun, die ist völlig getrennt zu diskutieren.

  23. Hans
    4.06.2007 | 14:44

    Kurze Anmerkung zu einem beliebten Missverständis, das auch in diesem Text wieder zum Leben erweckt wurde (sorry, falls dies schon in einem anderen Kommentar zur Sprache kam):

    “Der Markt” ist kein Akteur, dem man überhaupt [i]irgend etwas[/i] “überlassen” könnte, selbst wenn man wollte. Was sofort die Frage aufwirft, was “Markt” ist.

    Markt ist eine Umgangsform. Eine Form, die ohne Aggression, Gewalt, Betrug, Raub usw. auskommt. Manche nennen dies auch “zivilisiertes Benehmen”. Im Grunde das, was man tagtäglich in einem x-beliebigen Geschäft erleben kann.

    Diese Umgangsform schließt auch nicht aus, dass man jemandem hilft, der der vom Leben weniger reich beschenkt worden ist. Sie schließt nur nicht ein, dass man zu dieser Hilfe gezwungen wird.

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