Wie kann der Radsport gerettet werden?

Die Doping-Geständnisse der letzten Tage sind wohl die dickste Sau, die von unseren lieben Medien derzeit durchs Dorf gejagt wird. Dabei kann das, was da gesagt wurde, allen, die sich auch nur mehr als oberflächlich mit dem Radsport beschäftigt haben, ohne dabei ihren kritischen Verstand aufzugeben, nicht so richtig überraschend vorkommen. Wie Zettel richtig beschreibt, ist die Überlegung eines Sportlers, ob er sich dopen soll oder nicht, mit dem Gefangenen-Dilemma vergleichbar. Das wird auch so bleiben, so lange nicht jede wirksame Form von Doping nachzuweisen ist und der Ertrag den Sportlern den überproportionalen Einsatz ihrer Gesundheit wert ist. Vergleiche auch die interessante, durch persönliche Erlebnisse bereicherte Diskussion bei S&W

Bemerkenswert oft fällt in der Radsportszene, auch bei den geständigen Sündern, jetzt das Wort “Vergangenheit”. Es gibt ja dieses alte Sprichwort von der Glaubwürdigkeit dessen, der einmal gelogen hat. Hielten wir uns an diese Erkenntnis einer gewachsenen Institution, drängte sich der Verdacht auf, dass mit dem Geständnis der alten Lüge vor allem die neue vorbereitet wird. Die, die uns Doping als Problem der Vergangenheit verkaufen will, das “gelöst” sei, sobald nur genug Leute sich offenbart (ja, es gibt ein deutsches Wort für “outing”) haben. An den Parametern, die das Doping hervorgebracht haben, hat sich aber nichts geändert. Außer, dass die alten Doping-Mittel mittlerweise nachgewiesen werden können. Anti-Doping-Experte Werner Franke: “Ich sehe keinen Grund, warum die Tour de France 2007 sauberer sein sollte als die 1996.”

Einen Weg hinter die Lüge kann sich aber keiner mehr vorstellen, auch wenn uns die öffentlich-rechtlichen Medien ihr “business as usual” mit heroischen Worten zu verkaufen suchen. ZDF-Sportchef Dieter Gruschwitz ließ sich gestern bei Maybrit Illner ungefähr verlauten, die Medien hätten nur so lange Macht, wie sie auch bei den Übertragungen dabei blieben (getreu der Schachregel, wonach eine Drohung stärker ist als ihre Ausführung), und dass besser sie, also die Öffentlich-Rechtlichen, dabei wären als irgendjemand anders, also die korrupten und oberflächlichen Privaten. So, als habe es weder einen Emig noch einen Boßdorf gegeben. Das nenne ich Chuzpe.

Aber ich schweife ab. Wie also ließe sich das Problem so lösen, dass Zuschauer Spaß, Sportler Erfüllung und Veranstalter, Sponsoren, Medien Erfolg finden?

Das Problem lässt sich so konkretisieren: Niemand will Leute fahren sehen, die er für sauber hält, die aber in Wirklichkeit gedopt sind. Und niemand will Sportler, die gute Leistungen bringen, zu Unrecht verdächtigen. Es ließe sich lösen, wenn Doping eindeutig zu identifizieren wäre. Also halten wir fest: Die Anti-Doping-Forschung muss gestärkt, Wirksamkeit und Umfang von Kontrollen müssen verbessert werden. Zu befürchten ist aber, dass es immer eine Lücke geben wird zwischen dem Wissensstand der Doper und dem der Fahnder. So wie auch die Polizei erst mit Verzögerung auf neue kriminelle Methoden reagieren kann. Damit bleibt eine Grauzone, wo wir uns nur zwischen den zwei Übeln entscheiden können: Entweder es werden Sportler zu Unrecht verdächtigt, oder man honoriert diejenigen, die auf dem aktuellen Stand sind.

Deswegen bleibe ich bei meiner alten Idee der Beweislastumkehr. Die Alternative wäre das Eingeständnis, gescheitert zu sein: die Freigabe. Anders kommen zumindest die Radler aus der Nummer nicht mehr raus.

Was ist übrigens mit den anderen Sportarten? Ich will es so sagen: Wer da nicht “dopt”, verzichtet auf Geld. Behauptungen der Art, dass es in der jeweils favorisierten Sportart ja viel mehr auf ganz andere Dinge ankäme als auf Ausdauer, muss die ganz nüchterne Erkenntnis entgegengehalten werden, dass eine gute Kondition immer auch die Konzentration erhöht. So gesehen wäre EPO auch im Schach so abwegig nicht…

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18 Kommentare zu “Wie kann der Radsport gerettet werden?”

  1. Stephan
    25.05.2007 | 22:18

    Meine Güte, die Forderung an die Medien, jetzt ein Boykott bei den Rennberichten zu verhängen ist doch dämlich.
    Sie sollen nunmal über Dinge informieren, die tatsächlich oder vermutlich für möglichst viele Menschen interessant sind.
    Der Spitzenradsport gehört zweifellos dazu.
    Es ist also die verdammte Pflicht der Sender, diese Rennen zu übertragen.
    Wo kommen wir denn hin, wenn die Medien anhand moralischer Eigenansichten entscheiden, über was sie uns informieren?
    Rhetorische Frage, oder?
    Da wollen wir ganz bestimmt nicht hin.

    BTW, was ich wirklich etwas schade an dem Skandal finde ist, daß er leider einen viel größeren überlagert – die Vermischung von Mafia, Justiz, Polizei und Regierung in Sachsen mit diversen Morden, Selbstmorden, Zwangsprostitution und Menschenhandel, Kinderentführung und -schändung, Strafvereitelung im Amt, Geheimnisverrat, Erpressung, Korruption, Subventionsbetrug und illegaler Immobilienhandel, massiver Einflussnahme auf Strafprozesse, etc.

    Kriegt leider kaum jemand mit. Ist aber eine viel dickere Kiste. Ein erster Teil der vom sächsischen Verfassungsschutz erstellten Akten wurde jetzt der Generalbundesanwaltschaft übergeben, weil diesbezüglich Polizei und Justiz in Sachsen GRUNDSÄTZLICH nicht mehr vertrauenswürdig sind.

  2. 26.05.2007 | 11:11

    Das sehe ich aber anders.
    Der Skandal ist nicht wirklich überraschend. Wer glaubt, dass im Radsport nicht schon lange flächendeckend gedopt wird, der ist entweder naiv, unehrlich oder unterliegt massiven Wunschdenken. Zumindest geahnt hat doch jeder was. Also: warum die Heuchelei? “Sauberer Spitzensport” ist ohnehin ein Oxymoron.

    Der Radsport kann gerettet werden – als Breiten- und Amateursport. Als Spitzensport, also als kommerziell lukrative Veranstaltung, ist da IMO nichts mehr zu wollen. Einzig saubere Lösung, wenn das Gerede von Moral mehr als leeres Gerede sein soll: keine Übertragungen der Tour de France, des Giro d Italia usw. mehr. Null.
    Außerdem stinkt mir das Ausmaß der Berichterstattung über den “Doping-Skandal” ganz gewaltig. Es gibt Skandale, die uns, als Bürger, weitaus mehr betreffen, und über die nicht berichtet wird. Da hast Du, Stephan, völlig recht. Der sächsische Justizskandal geht weitgehend unter. Der Essenener Organhandelskandal sogar völlig. Der hessischen Salmonellenskandal findet auf Seite 5 unten statt.
    Aber die Nachrichten werden beherrscht von a)fiktiven Terroristen gegen einen weitgehend symbolischen G8-Gipfel, die ganz und gar nicht symbolische “vorbeugende” Polizeiaktionen zufolge haben und b)einen Doping-Skandal, bei dem das einzig skandalöse ist, dass er nicht schon vor 10, 20, 30 Jahre stattfand.

  3. R. A.
    26.05.2007 | 11:54

    Die Doping-Diskussion wird ja schon fragwürdig wenn man sich anschaut, was die Sportler legal nehmen dürfen.
    Ist doch pervers, wenn 80% der Radprofis angeblich Asthmatiker sind deswegen ganz offiziell diverse Mittel nehmen dürfen, die ihnen ein Arzt verschrieben hat – und die zufällig auch ein wenig der Leistung aufhelfen.

    Die Medikamenteliste, die Supersieger Greg Armstrong wg. angeblicher Krebs-Nachsorge nehmen durfte soll ja auch beachtlich gewesen sein.

    Da kann man doch nur sagen: Spitzensport ist nur etwas für Gesunde. Und wer da teilnehmen will, der soll sein Krebs oder Asthma lieber vorher komplett auskuriert haben – oder sich eben andere Beschäftigungen suchen.

  4. 27.05.2007 | 16:53

    Was sollte eine Beweislastumkehr bewirken, außer der sofortigen Suspendierung aller Aktiven und eben auch der Umkehr des Prinzips der Rechtsstaatlichkeit? Von daher kann ich nur zustimmen: Die Freigabe des Dopings unter Einschränkungen, die von den Fahrern selbst organisiert werden, kann nur die Lösung sein. Siehe dazu auch http://feynsinn.org/?p=483.

  5. 27.05.2007 | 17:50

    Was sollte eine Beweislastumkehr bewirken, außer der sofortigen Suspendierung aller Aktiven und eben auch der Umkehr des Prinzips der Rechtsstaatlichkeit?

    Ist das eigentlich ein Naturgesetz, dass viele immer zuerst an Schuldige und an Strafe denken?

    Die Beweislastumkehr soll nicht zur Ermittlung der Sünden der Vergangenheit dienen – die Lektüre des verlinkten Textes hätte das deutlich gemacht – sondern betrifft die zukünftigen Kontrollmethoden: Der Athlet muss, wenn er an den Rennen teilnehmen will, einem System beitreten, das darauf abzielt nachzuweisen, dass er nicht gedopt ist. Es geht dann nicht um ein Mindestmaß an Kontrolle, sondern um ein Maximum. Ziel: Das Wiederherstellen von Vertrauen.

    Der Staat, also auch der im Gewand des Rechtsstaats, hat damit nichts zu tun. Es geht allein um freiwillig abzuschließende Verträge, aus denen man jederzeit aussteigen kann.

    Ich glaube übrigens, dass die Freigabe von Doping den Sport unattraktiv macht. Gerade der Radsport würde die Geschichte verlieren, die er verkauft.

  6. micha42
    27.05.2007 | 19:08

    Es gäbe da noch ein ganz pragmatisches Problem bei der Beweislastumkehr: auch dann hinken die jeweils neuesten Dopingtestmethoden immer noch hinter den jeweils neusten Dopingmethoden hinterher. Und ich wüsste auch nicht, wie sich das ändern ließe. Insofern sehe ich nicht, was das bringen soll. Es bliebe wie es ist: die dümmeren Doper werden erwischt.

  7. 28.05.2007 | 0:15

    @ Rayson: Wieso Strafe? Wenn jemand, der nicht in der Lage ist zu beweisen, daß er “sauber” ist, keine Konsequenzen fürchten müßte, wäre das keine Konrtolle. Und wenn er eben sonst ausgeschlossen würde, (das muß man nicht “Strafe” nennen), wäre er eben suspendiert. Was kann man da anders verstehen?

  8. 28.05.2007 | 8:09

    Warum sollen sie nicht dopen? Wer sich umbrigen will soll meiner Meinung nach auch das Recht dazu haben, solange seine Entscheidung bei klarem Verstand getroffen wird.

    Dieses Geschrei um das Doping ist doch verlogen. Im Grunde wissen doch alle, dass praktisch jeder Hochleistungssportler etwas nimmt, selbst Halbprofis und Amateure sind nicht mehr ausgenommen. Also was soll es? Kluges Doping ist mittlerweile soetwas wie ein Bestandteil jeder Sportart.
    Nur muss man sich eben von dem Gedanken frei machen, dass Sport gesund ist.

  9. 28.05.2007 | 23:09

    Mich beschleicht das Gefühl, dass im Blog-Bereich eine große Sache unmittelbar bevorsteht.

  10. 28.05.2007 | 23:19

    @flatter

    Strafe ist, zumindest meinem bescheidenen Rechtsverständnis folgend, etwas, das man für Vergangenes auf sich nimmt. Die Folgen der Nichterfüllung von Vertragskriterien kann ich dazu nicht zählen.

    Ich bin auch nicht für generellen “Ausschluss”. Von mir aus können alle, die sich der Regel der Beweislastumkehr nicht unterwerfen wollen, ihre eigene Rennserie aufmachen. Also auch die bekennenden Doper.

    Testen wir die Modelle, dann sehen wir, welches Erfolg hat.

  11. 28.05.2007 | 23:24

    @Markus Oliver

    “Eine große Sache im Blog-Bereich” – ist das sowas wie “ein großer Zwerg”? Aber ehrlich: Was andere Blogs machen, ist deren Ding. Wir hier werden – nach heutigem Kenntnisstand – so bleiben, wie wir sind.

  12. 28.05.2007 | 23:28

    Das Problem ist doch, daß begleitende Kontrollen nach wie vor nötig wären und nicht nur ein Drogenfreier Sportler zum Zeitpunkt x. Das Problem wäre also dasselbe wie heute, zumal es ja unkontrollierbare Manipulationen der Tests gibt und obendrein Substanzen, auf die man noch gar nicht testen kann. Dabei wird oft unterschätzt, mit welchem Aufwand bereits getestet wird. Trotzdem wird den meisten nichts nachgewiesen. Deshalb schlage ich ja so vehement vor, leistungssteigernde Mittel bedingt zuzulassen, die Fahrer entscheiden zu lassen, wie weit sie damit gehen wollen, und sie sich gegenseitig kontrollieren zu lassen. Eine Lösung ohne Doping kann ich mir realistisch nicht vorstellen.

  13. stefanolix
    29.05.2007 | 9:53

    Weiß jemand, warum Statler & Waldorf (mindestens) schon mehr als zwölf Stunden nicht mehr erreichbar sind? Gehört das zum »großen Ding«?

  14. 29.05.2007 | 9:57

    “Großes Ding”? Haben die ne Bank ausgeraubt?

  15. stefanolix
    29.05.2007 | 10:45

    Nein, aber die haben neulich nach einem Berater für eine Fusion gesucht (wenn ich mich richtig erinnere).

  16. 29.05.2007 | 10:47

    Ach.

  17. 29.05.2007 | 10:47

    So.

  18. 2.06.2007 | 12:00

    das problem des profisports lässt sich meiner meinung nach relativ einfach lösen:

    saatliche deregulierung: der staat ist nicht verantwortlich für die selbstmordversuche anderer
    bewusstes konsumieren: werbung sollte im viel größeren außmaß zum boykottgrund werden (ich definiere “werbung” hier als gezielte desinformation und gekaufte sympatisierung im auftrag eines unternehmens “informationskorruption”)
    transparentnmachung der pharmaindustrie: damit man wenigstens weis wieviel sich diese leute insgesamt dopen, das könnte man dann in relation zum wert der siegerprämie setzen

    btw: wer sagt eigentlich das derartig intensive körperliche belastung überhaupt gesund ist?
    ich kann mir eigentlich nicht vorstellen das diese ’sport’-arten ohne doping alle gesudheitlich unbedenklich währen
    und selbst wenn scheint es mir wie eine riesige zeitverschwendung, und auch nichts wo man dauerhaft großen gefallen finden könnte

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