25. Mai 2007
Wie kann der Radsport gerettet werden?
Die Doping-Geständnisse der letzten Tage sind wohl die dickste Sau, die von unseren lieben Medien derzeit durchs Dorf gejagt wird. Dabei kann das, was da gesagt wurde, allen, die sich auch nur mehr als oberflächlich mit dem Radsport beschäftigt haben, ohne dabei ihren kritischen Verstand aufzugeben, nicht so richtig überraschend vorkommen. Wie Zettel richtig beschreibt, ist die Überlegung eines Sportlers, ob er sich dopen soll oder nicht, mit dem Gefangenen-Dilemma vergleichbar. Das wird auch so bleiben, so lange nicht jede wirksame Form von Doping nachzuweisen ist und der Ertrag den Sportlern den überproportionalen Einsatz ihrer Gesundheit wert ist. Vergleiche auch die interessante, durch persönliche Erlebnisse bereicherte Diskussion bei S&W
Bemerkenswert oft fällt in der Radsportszene, auch bei den geständigen Sündern, jetzt das Wort “Vergangenheit”. Es gibt ja dieses alte Sprichwort von der Glaubwürdigkeit dessen, der einmal gelogen hat. Hielten wir uns an diese Erkenntnis einer gewachsenen Institution, drängte sich der Verdacht auf, dass mit dem Geständnis der alten Lüge vor allem die neue vorbereitet wird. Die, die uns Doping als Problem der Vergangenheit verkaufen will, das “gelöst” sei, sobald nur genug Leute sich offenbart (ja, es gibt ein deutsches Wort für “outing”) haben. An den Parametern, die das Doping hervorgebracht haben, hat sich aber nichts geändert. Außer, dass die alten Doping-Mittel mittlerweise nachgewiesen werden können. Anti-Doping-Experte Werner Franke: “Ich sehe keinen Grund, warum die Tour de France 2007 sauberer sein sollte als die 1996.”
Einen Weg hinter die Lüge kann sich aber keiner mehr vorstellen, auch wenn uns die öffentlich-rechtlichen Medien ihr “business as usual” mit heroischen Worten zu verkaufen suchen. ZDF-Sportchef Dieter Gruschwitz ließ sich gestern bei Maybrit Illner ungefähr verlauten, die Medien hätten nur so lange Macht, wie sie auch bei den Übertragungen dabei blieben (getreu der Schachregel, wonach eine Drohung stärker ist als ihre Ausführung), und dass besser sie, also die Öffentlich-Rechtlichen, dabei wären als irgendjemand anders, also die korrupten und oberflächlichen Privaten. So, als habe es weder einen Emig noch einen Boßdorf gegeben. Das nenne ich Chuzpe.
Aber ich schweife ab. Wie also ließe sich das Problem so lösen, dass Zuschauer Spaß, Sportler Erfüllung und Veranstalter, Sponsoren, Medien Erfolg finden?
Das Problem lässt sich so konkretisieren: Niemand will Leute fahren sehen, die er für sauber hält, die aber in Wirklichkeit gedopt sind. Und niemand will Sportler, die gute Leistungen bringen, zu Unrecht verdächtigen. Es ließe sich lösen, wenn Doping eindeutig zu identifizieren wäre. Also halten wir fest: Die Anti-Doping-Forschung muss gestärkt, Wirksamkeit und Umfang von Kontrollen müssen verbessert werden. Zu befürchten ist aber, dass es immer eine Lücke geben wird zwischen dem Wissensstand der Doper und dem der Fahnder. So wie auch die Polizei erst mit Verzögerung auf neue kriminelle Methoden reagieren kann. Damit bleibt eine Grauzone, wo wir uns nur zwischen den zwei Übeln entscheiden können: Entweder es werden Sportler zu Unrecht verdächtigt, oder man honoriert diejenigen, die auf dem aktuellen Stand sind.
Deswegen bleibe ich bei meiner alten Idee der Beweislastumkehr. Die Alternative wäre das Eingeständnis, gescheitert zu sein: die Freigabe. Anders kommen zumindest die Radler aus der Nummer nicht mehr raus.
Was ist übrigens mit den anderen Sportarten? Ich will es so sagen: Wer da nicht “dopt”, verzichtet auf Geld. Behauptungen der Art, dass es in der jeweils favorisierten Sportart ja viel mehr auf ganz andere Dinge ankäme als auf Ausdauer, muss die ganz nüchterne Erkenntnis entgegengehalten werden, dass eine gute Kondition immer auch die Konzentration erhöht. So gesehen wäre EPO auch im Schach so abwegig nicht…
Verfasst von Rayson um 21:07 Uhr in der Kategorie Innenpolitik, Kultur, Politik, Steckenpferde der Autoren (Trackback)
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