25. Mai 2007
Jesus, der Libertäre
Man hört ja mitunter, gerade von jungen Menschen, die nicht nur linke Gesellschaftstheorien, sondern auch die Person Jesus sympathisch finden, vereinfachende Darstellungen von der Art “Jesus war (oder wäre heute) Sozialist”. Dabei ist das bei genauerem Hinsehen absurd und beruht wahrscheinlich auf den Projektionsirrtümern, denen man als Liberaler in der politischen Diskussion hin und wieder begegnet.
Richtig ist, dass Jesus im NT immer wieder Reiche auffordert, ihr ganzes Vermögen oder einen Teil davon den Armen zu geben. Das klingt ja schon mal schön sozialistisch, ist aber nichts anderes als das von links stets verpönte freiwillige Spenden (“Almosen”), das Libertäre als Dauerzustand in Aussicht stellen, wenn der Staat denn endlich irgendwie verschwinden würde. Und schon gar nicht verlangt Jesus, es mögen andere kommen, um dem Reichen das Geld abzunehmen und es dann an die Armen zu verteilen, denn damit würde der eigentliche Zweck seiner Aufforderung verfehlt: dem reichen Menschen den Weg zu Gott zu ermöglichen. Es sind nämlich gar nicht die Armen, um deretwillen er solche drastischen Schritte vorschlägt. Es geht ihm tatsächlich vor allem um den Einen, der da gerade vor ihm steht und ihm nachfolgen will. Was die Beziehung zu Gott betrifft (und nichts anderes interessiert Jesus da), nutzt die Gabe nur dem Geber. Das Ganze ist aber nur dann sinnvoll, wenn der Einzelne auch tatsächlich die Wahl hat. Es gibt keine “erzwungene Rettung”.
Mit “sozialer Gerechtigkeit” hat das nichts zu tun (man lese übrigens zum Thema “Gerechtigkeit” mal instruktiv Mt 20, 1-16 – ein Greuel für jeden Gewerkschaftler
). Jesus hat keinen Gini-Koeffizienten im Kopf, aber er weiß, wie sehr Habgier und die Sorge um den angehäuften Reichtum das Leben beherrschen können, folglich also taub und blind machen für die Liebe Gottes, um deren Verkündigung es Jesus geht. Aus der Liebe Gottes zu den Menschen resultiert das Gebot der Liebe des Menschen zu seinem Nächsten, aber das Gebot ist weniger Vorschrift als vielmehr zwangsläufige Folge (Mt 22, 36-39).
Das ist natürlich keine libertäre Vorstellung, und Randianer würden sich heftig sowohl gegen die Idee als solche als auch gegen deren Ableitung wehren, aber im Ergebnis ist es eben deutlich libertärer als sozialistisch, weil die Entscheidung über das eigene Leben und das persönliche Eigentum immer dem Einzelnen überlassen bleibt. Libertäre Verbalkämpfer werden jetzt sicher darauf hinweisen, dass Jesus sich aber auch nicht gerade als Kämpfer gegen Staatsgewalt hervortat (Mt 22, 17-22). Dem wäre allerdings ebenfalls kaum zu widersprechen.
Vielleicht war er also doch Liberaler…
P.S. Für alle ohne Bibel zu Hause: Zitate kann man nachschlagen bei http://www.bibelserver.com/
Verfasst von Rayson um 15:14 Uhr in der Kategorie Grundsatzfragen, Politik, Steckenpferde der Autoren (Trackback)
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