Jesus, der Libertäre

Man hört ja mitunter, gerade von jungen Menschen, die nicht nur linke Gesellschaftstheorien, sondern auch die Person Jesus sympathisch finden, vereinfachende Darstellungen von der Art “Jesus war (oder wäre heute) Sozialist”. Dabei ist das bei genauerem Hinsehen absurd und beruht wahrscheinlich auf den Projektionsirrtümern, denen man als Liberaler in der politischen Diskussion hin und wieder begegnet.

Richtig ist, dass Jesus im NT immer wieder Reiche auffordert, ihr ganzes Vermögen oder einen Teil davon den Armen zu geben. Das klingt ja schon mal schön sozialistisch, ist aber nichts anderes als das von links stets verpönte freiwillige Spenden (“Almosen”), das Libertäre als Dauerzustand in Aussicht stellen, wenn der Staat denn endlich irgendwie verschwinden würde. Und schon gar nicht verlangt Jesus, es mögen andere kommen, um dem Reichen das Geld abzunehmen und es dann an die Armen zu verteilen, denn damit würde der eigentliche Zweck seiner Aufforderung verfehlt: dem reichen Menschen den Weg zu Gott zu ermöglichen. Es sind nämlich gar nicht die Armen, um deretwillen er solche drastischen Schritte vorschlägt. Es geht ihm tatsächlich vor allem um den Einen, der da gerade vor ihm steht und ihm nachfolgen will. Was die Beziehung zu Gott betrifft (und nichts anderes interessiert Jesus da), nutzt die Gabe nur dem Geber. Das Ganze ist aber nur dann sinnvoll, wenn der Einzelne auch tatsächlich die Wahl hat. Es gibt keine “erzwungene Rettung”.

Mit “sozialer Gerechtigkeit” hat das nichts zu tun (man lese übrigens zum Thema “Gerechtigkeit” mal instruktiv Mt 20, 1-16 – ein Greuel für jeden Gewerkschaftler ;-) ). Jesus hat keinen Gini-Koeffizienten im Kopf, aber er weiß, wie sehr Habgier und die Sorge um den angehäuften Reichtum das Leben beherrschen können, folglich also taub und blind machen für die Liebe Gottes, um deren Verkündigung es Jesus geht. Aus der Liebe Gottes zu den Menschen resultiert das Gebot der Liebe des Menschen zu seinem Nächsten, aber das Gebot ist weniger Vorschrift als vielmehr zwangsläufige Folge (Mt 22, 36-39).

Das ist natürlich keine libertäre Vorstellung, und Randianer würden sich heftig sowohl gegen die Idee als solche als auch gegen deren Ableitung wehren, aber im Ergebnis ist es eben deutlich libertärer als sozialistisch, weil die Entscheidung über das eigene Leben und das persönliche Eigentum immer dem Einzelnen überlassen bleibt. Libertäre Verbalkämpfer werden jetzt sicher darauf hinweisen, dass Jesus sich aber auch nicht gerade als Kämpfer gegen Staatsgewalt hervortat (Mt 22, 17-22). Dem wäre allerdings ebenfalls kaum zu widersprechen.

Vielleicht war er also doch Liberaler…

P.S. Für alle ohne Bibel zu Hause: Zitate kann man nachschlagen bei http://www.bibelserver.com/

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29 Kommentare zu “Jesus, der Libertäre”

  1. 25.05.2007 | 15:58

    Ja, dieser sozialistische “Wir haben Jesus auf unserer Seite” – Quatsch geht mir auch schon seit Jahren auf den Zeiger.
    http://medienkritik.typepad.com/deutsch/2005/04/ein_drama_.html

  2. 25.05.2007 | 17:57

    @Rayson

    danke für diese Betrachtungsweise! so hab ich das noch nie gesehen…

    …und bei Mt 22, 17-22 sagt Jesus sinngemäß, wenn man von der Effizienz eines staatlichen Zahlungsmittels profitiert, sollte man auch bereit sein, sich an den Kosten für dieses öffentliche Gut zu beteiligen. Jesus gibt ja kein Urteil darüber ab, ob die Bereitstellung von staatlichem Geld wünschenswert ist oder nicht. sondern er will nur klarstellen, wenn man die positiven Seiten des Staates annimmt, aber prinzipiell keine Steuern bezahlen will, ist man ein Heuchler! also kann diese Bibelstelle eigentlich kaum als Argument gegen Jesus als Libertären angeführt werden.

  3. 25.05.2007 | 18:22

    @marc

    So könnte man vielleicht sogar argumentieren. Die Antwort Jesu war ja auch sehr relativierend.

  4. 25.05.2007 | 19:12

    Zum Thema Jesus und Freiheit passt auch sehr gut Dostojewskis Legende vom Großinquisitor Stark vereinfacht und ohne allen Facetten gerecht zu werden, wirft der Großinquisitor dem erschienen Jesus vor, den Menschen die Freiheit zum Glauben zu lassen. Sie sollen aus freien Stücken an ihn glauben und nicht etwa, weil sie durch Brot bestochen werden. Die Freiheit und damit die Ungewissheit über letzte Wahrheiten sei jedoch für die Menschen unerträglich. Erst die weltliche Kirche habe dieses Defizit aufgehoben.

  5. cadoz
    26.05.2007 | 2:31

    Jo, und Jesus war auch kein Gegner der Todesstrafe…

    Mal im ersnt: Hat irgendeine politische Einstellung mehr Legitimität, nur weil ein seit zweitausend Jahren verstorbener Sektenführer ähnliche Ansichten hatte?

  6. der gute don
    26.05.2007 | 10:44

    weil ein seit zweitausend Jahren verstorbener Sektenführer ähnliche Ansichten hatte?

    nein, aber vielleicht ein seit 2000 Jahren Verstorbener, der für eine Weltreligion als Messias, für die anderen als Prophet die kulturelle Eigenart vieler Gesellschaften z.T. maßgeblich geprägt hat.

    Aber ich nehme an, Du willst ohnehin nur provokativ agieren und anwesesende Christen verletzen.

  7. 26.05.2007 | 12:27

    An dem was cadoz schrieb kann ich nichts provokatives sehen oder gar verletzendes. Religion ist viel zu vage um politischen Einstellungen Legitimität zu verschaffen, auch wenn dies Religiöse gerne so sehen wollen. Glauben ersetzt Nachdenken nicht.

  8. der gute don
    26.05.2007 | 13:50

    An dem was cadoz schrieb kann ich nichts provokatives sehen

    Jesus als Sektenführer zu bezeichnen ist in meinen Augen provokativ.


    Religion ist viel zu vage um politischen Einstellungen Legitimität zu verschaffen

    wo wird das versucht?

    Glauben ersetzt Nachdenken nicht.

    wie recht Du hast.

  9. 26.05.2007 | 14:48

    @ der gute don

    Der gute Mann war vor 2000 Jahren definitiv ein Sektenführer, aber als Atheist sehe ich das vielleicht anders, denn für mich ist ein Sektenführer nicht weniger wert als ein Religionsstifter.

    wo wird das versucht?

    Nun hier in Raysons Beitrag vielleicht?

  10. 26.05.2007 | 14:51

    Die Sprüche vom “Sektenführer” sind gute alte dol-sche Provokationsmasche. Wie sehr aber gerade bei denen, die reflexhaft (man kann Wetten darauf abschließen) solche Sprüche absondern oder gutheißen, das für sich exklusiv reklamierte Nachdenken gern auf sich warten lässt, zeigt sich häufig in einem groben Mangel an Textverständnis.

    Aber jedem Don Quijote seine Windmühlen.

  11. 26.05.2007 | 14:51

    @Klaus

    Lern elsen.

  12. Hardy
    26.05.2007 | 17:08

    @der gute don
    “Wo wird das versucht?”
    Nicht hier, aber wenn man sich die Rede des Papstes in Mexiko anhört, so schön mit der Drohung der Exkommunizierung von Abgeordneten bei positiver Stimmabgabe für ein liberaleres Abtreibungsrecht?
    @Rayson
    “Der gute Mann war vor 2000 Jahren definitiv ein Sektenführer”
    Als selbiger wurde er aber damals angesehen, das wird Dir auch jeder Theologe bestätigen. Ob es uns nun passt oder nicht.

  13. 26.05.2007 | 17:24

    also, ich fühle mich als Christ von der Bezeichnung ‘Sektenführer’ nicht wirklich verletzt. …aus Sicht des Judentums war das Christentum am Anfang nur eine Sekte, und wenn es nicht diese enorme Wachstum an den Tag gelegt hätte, wäre es das auch geblieben. ich denke, sehr viele Religionen fangen so an (als Abspaltung von etwas, dass es schon vorher gab). aber die meisten kommen über dieses Stadium als Sekte gar nicht hinaus. jedenfalls ist das Wort Sekte nicht automatisch mit kriminellen Machenschaften zu assoziieren.

  14. 26.05.2007 | 17:32

    @Hardy

    Lass doch den Papst und die Römer aus dem Spiel. Um Kirche geht es hier definitiv nicht.

    Und was Jesus angeht: Der war vieles, zum Beispiel auch ein Mann und ein Jude. Abgesehen von meiner Meinung, dass “Sektenführer” auch seine damalige Rolle nicht richtig bezeichnet, geht es aber natürlich um die Intention, mit der jemand eben heute, also 2000 Jahre später, im Wissen darüber, dass viele Menschen, unter anderem der Autor dieses Beitrags, in ihm den Sohn Gottes sehen, diesen Begriff verwendet. Ziemlich vergleichbar einer Äußerung der Art “nur weil ein Jude vor 2000 Jahren solche Ansichten hatte?”. An der ist auch sachlich nichts falsch, trotzdem würdest du zu Recht annehmen, dass der, der sowas sagt, eigentlich noch etwas ganz anderes sagen will.

    Und bevor jetzt wieder einer dieser von der Inquisition auf seinem Sofa unangenehm Verfolgten kommt mit der Frage, ob man das denn jetzt nicht mehr sagen dürfe: Darf man. Und ich darf sowas beschissen finden. Und das auch sagen.

  15. 26.05.2007 | 17:35

    @marc

    Ich fühle mich auch nicht verletzt. Dazu wären nur ganz wenige Personen überhaupt in der Lage.

    Mir reicht es aber, dass solche Äußerungen verletzen sollen.

  16. 26.05.2007 | 19:30

    … von der Inquisition auf seinem Sofa unangenehm Verfolgten …

    Angesichts des etwas aggressiveren Tonfalls fällt mir spontan Rudi Dutschke ein. Er sah sich ja nicht nur als Sozialist sondern auch als Christ und so wollte er am Heiliger Abend 1967 seine Einsichten in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche zum Besten geben, wurde aber von (vermutlich CDU-wählenden) Kirchgängern rausgeprügelt. Aber wie gesagt: ein rein spontaner Gedanke, nicht provokativ gemeint ;-)

  17. Hardy
    26.05.2007 | 19:32

    @Rayson
    1. Der erste Teil war nicht an Dich gerichtet sondern eine Antwort auf die Frage. Und der Papst mischt sich in die Politik ein- und da hat er nichts zu suchen.
    2. Ob er damit verletzen wollte kann ich nicht beurteilen, allerdings fühle ich mich als Christ dadurch nicht verletzt denn für die Juden war er einer. Da muss man schon wesentlich härtere Dinge auffahren.

  18. 26.05.2007 | 19:50

    @ Hardy

    Es ging in der Frage um die Legitimierung politischer Einstellungen mittels Religion bzw. deren Schlüsselfiguren (“Jesus wäre Sozialist/Liberaler gewesen”). Daher ist das Beispiel mit dem Papst meiner Meinung nach falsch.

  19. 26.05.2007 | 20:10

    “Es ging in der Frage um die Legitimierung politischer Einstellungen mittels Religion bzw. deren Schlüsselfiguren”

    Klaus, Du hast doch selbst ein Blog. Da könntest Du doch problemlos ein neues Thema anfangen, wenn Dir das dieses Beitrages nicht paßt. Phantastische Idee, oder?

  20. 26.05.2007 | 20:24

    @ David

    Ich habe nicht mal angedeutet, dass mir das Thema des Beitrags nicht “passt”. Jene Frage war ein Einwurf von cadoz und sie ist nach wie vor unbeantwortet (müsste man halt die gefühlte Provokation überlesen). Aber du kannst mir auch gerne mitteilen falls hier Widerspruch generell unerwünscht ist (was mich dann doch überraschen würde)

  21. 26.05.2007 | 20:32

    Wer auch nur annähernd glaubt, der obige Beitrag solle irgendeine politische Richtung durch Bezug auf Jesus “legitimieren”, hat nicht nur den Text nicht verstanden, sondern sowohl den Liberalismus als auch das Christentum nicht.

    Es ging allein um das Aufzeigen von Parallelen und das Beseitigen von populären Irrtümern. Natürlich war Jesus weder Sozialist noch Liberaler oder Libertärer. Das alles wären Kategorien, die ihn nicht interessieren.

  22. 26.05.2007 | 20:33

    Die Frage kam von Dir.
    Widerspruch ist nicht unerwünscht, kommt aber umso besser an, je mehr er tatsächlich auch Widerspruch ist, und nicht Einlassung zu einem anderen Thema.

  23. 26.05.2007 | 20:35

    @Hardy

    Ob er damit verletzen wollte kann ich nicht beurteilen

    Ich schon.

  24. 26.05.2007 | 20:42

    @ Rayson

    Ich verstehe dies mal als Klarstellung.

  25. 26.05.2007 | 20:44

    @Klaus

    Und ich sag jetzt mal nichts über die, die einer solchen bedurft haben.

  26. 28.05.2007 | 5:53

    Sie suchen einen antisozialistischen Jesus? Einen Jesus, der kein Sektierer war? Einen libertaeren Nichtsektierer sogar?

    Dann habe ich zwei schlechte Nachrichten für Sie.

    Jesus und seine Anhänber waren Egalitaristen. Rebbe Jesus war der geistige Anführer einer Gruppe von religiösen Juden, welche zuvor einen “Johannes den Täufer” für den Garanten der nahenden Endzeit hielt. Die schlechte Nachricht? Seit über 2000 Jahren lässt die Endzeit auf sich warten.

    Er hat sich wohl geirrt.

  27. cadoz
    28.05.2007 | 6:57

    “Sektenführer” mag provokant erscheinen, aber ich hatte nicht die Absicht, einigen hier auf die Füße zu treten. Dementsprechend bitte ich um Entschuldigung für die entstandenen Unannehmlichkeiten.

  28. 28.05.2007 | 17:26

    @DonBroder

    Vor soviel theologischer Expertise neige ich mein Haupt in Demut.

    @cadoz

    Danke, nett von dir.

  29. der gute don
    28.05.2007 | 19:36

    “Sektenführer” mag provokant erscheinen, aber ich hatte nicht die Absicht, einigen hier auf die Füße zu treten.

    nichts für ungut, habe ich wohl in den falschen Hals bekommen.

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