18. Mai 2007
Habermas mit totalitären Tendenzen?
Der wohl bekannteste lebende deutschen Philosoph äußerte sich in der SZ besorgt über die Zukunft der seriösen Zeitung:
“Keine Demokratie kann sich das leisten” – in dem er klarstellte, dass Nachrichten, Hintergründe und Meinungen eben keine Ware wie jede andere auch sind. Ich teile seine Ansicht, dass in der rauhen Wirklichkeit des Medienbetriebs Redaktionen sehr schnell unter den Druck von Finanzinvestoren geraten können, die auf schnelle Profite aus sind und in unangemessen kurzen Zeithorizonten planen. Erwartungen auf schnelle Gewinne ziehen erfahrungsgemäß Umorganisation und Einsparung nach sich, die die journalistischen Standards gefährden. Was der politischen Öffentlichkeit nicht gut tut und die Demokratie schwächt.
Soweit bin ich ganz bei Habermas. Aber die Problemlösung, die er andeutet, die gefällt mir nicht. Er sieht nämlich ausgerechent “den Staat” als Garanten der Meinungsfreiheit; seine Vorschläge laufen meiner Ansicht nach auf eine De-Facto-Verstaatlichung in ihrer Exitenz gefährdeter “Qualitätszeitungen” hinaus. Ein “Heilmittel”, das, wir ich finde, gefährlicher als die “Krankheit” sein kann. Zumal in einen Gemeinwesen mit parternalistisch geprägter politischer Kultur und erhebliche Demokratie-Dezifiten Gesetzgebung, Regierung und Verwaltung. Wo es Minister gibt, die lieber die Verfassung ihren Gesetzesvorschlägen als ihre Gesetzesvorschläge der Verfassung anpassen wollen.
Marius Meller hat darauf hin in der online-Ausgabe des Tagesspiegels einen “offenen Brief” an Habermas geschrieben: Gut und Böse Ein offener Brief an Jürgen Habermas.
Ob in Habermas’ Philosophie wirkllich ein totalitärer Kern schlummert, wie Meller meint, kann ich nicht beurteilen. Dazu habe ich einfach nicht genug Habermas gelesen.
Völlig zustimmen kann ich ihm darin, dass es in Fragen der Moral nur auf den Einzelnen ankommt, nicht auf das “System”.
Ich hoffe inständig, dass das gnostische Schema von Gut und Böse, dass Sie leichtfertig auf Liberalismus und Neoliberalismus anwenden, nicht zur Ideologie wird, die sich irgendwann auf Sie beruft. Das kann Philosophen, die in der Öffentlichkeit wirken, leicht passieren (siehe Nietzsche).
.
Ich sehe die freie, qualitativ hochwertige “Presse” – zu der ich nicht nur die klassischen Print-Medien zähle – von zwei Seiten bedroht: Einmal vom “Big Buisiness”, von “ökonomischen Entscheider”, die den Erfolg einer Zeitung, einer Fernsehproduktion, eines Online-Magazin auf ein paar Kennziffern reduzieren und meinen, damit im Sinne der Investoren zu handeln.
Andererseit aber von propaganda-willigen, parternalistisch “volkserzieherischen” Politikern, denen der eigene Machterhalt allemal wichtiger ist als “das Wohl des Volkes”.
Verfasst von MartinM um 14:27 Uhr in der Kategorie Grundsatzfragen, Kultur, Politik (Trackback)
57 Kommentare