15. Mai 2007
Der Major Tom der FTD
Ich kann nicht so hundertprozentig einschätzen, wieviel Ahnung der Herr Zeise von Volkswirtschaft hat. Was ich bisher von ihm gelesen habe, lässt auf einen Vulgär-Keynesianer schließen, dem die Zinsen nicht niedrig und die Staatsausgaben und Löhne nicht hoch genug sein können. Dass diese Ziele nicht miteinander vereinbar sind, stört beim Fordern ja relativ wenig.
Aber jetzt hat der Mann auch noch einen Ausflug in die Betriebswirtschaft unternommen und möchte dem Herrn Obermann von den Telekomikern gerne erzählen, wie der seinen Konzern zu sanieren hat. Oder besser: Dass der gar nicht zu sanieren wäre. Dem Herrn Zeise zufolge ist der Herr Ricke entlassen worden, weil er nicht noch höhere Löhne gezahlt hat. Ja, liebe Leser, die ihr euch mit eurem erbärmlichen BWL-Wissen die Augen reibt, so souverän kann nur ein echter Volkswirt argumentieren!
Aber der Herr Zeise hat Verständnis für den Herrn Ricke. Schließlich ist ihm der Staat noch nicht hilfreich mit Mindestlöhnen und einem Quasi-Verbot der Zeitarbeit zur Seite gesprungen. Einfache Logik: Nicht die Telekomiker ist zu teuer, die Konkurrenz ist zu billig. Wer hätte das gedacht! Aber der weise Makroökonom weiß, wie es gemacht wird. Nur sensible Zeitgenossen werden sich daran stören, dass der Mann “Allgemeinwohl” als “Gewerkschaftsinteresse” definiert und sich gerne im Vokabular dieser Interessengruppe bedient. Wer im Wettbewerb Personalkosten sparen muss, ist da ein “Lohndrücker”. Welchen finsteren Mächten wir es zu verdanken haben, dass außerhalb der Telekom nicht die angemessenen, höheren Löhne gezahlt werden, lässt der Herr Zeise offen. Vermutlich ist die INSM schuld.
Und wen all das nicht überzeugt, für den hat der Herr Zeise – hallelujah, Brüder und Schwestern! – nicht nur eine, sondern gleich zwei frohe Botschaften bereit. Die eine: Dass die Kunden abwandern, sei politisch gewollt. Quasi ein Schicksal oder Gottesurteil, dem sich zu widersetzen natürlich höchst töricht wäre. Das hat man wie ein Mann zu ertragen. Und die andere: Die böse Politik hindert den Monopolisten am Ausschöpfen seines Potenzials – er dürfe gar keinen Preiskampf anzetteln. Da ist natürlich ein Körnchen Salz Wahrheit dran – in der Tat tut der Staat gut daran, zum Wohle des Wettbewerbs Vorteile zu verhindern, die sich allein aus einer Monopolstellung ergeben. Aber niemand verbietet der Telekom, die gleichen Preise zu verlangen wie ihre Wettbewerber. Dies ist, wie man in Fest- und Mobilnetz unschwer herausfinden kann, jedoch nicht der Fall. Kein Wunder, dass die Kunden abwandern.
Der Herr Zeise umgeht dieses Problem geschickt, indem er behauptet, die Kunden wanderten wegen des miesen Service ab. Klar, dass dann die Frage auf der Hand liegt, was niedrigere Löhne an der Servicequalität verbessern sollten. Aber gutes Management ist nicht so einfach, wie sich das vielleicht ein Vulgärkeynesianer vorstellt. Vorangeschickt werden muss natürlich die Feststellung, dass der Service bei den anderen Anbietern genau so mies ist. Aber das ist nur fair – so bleibt es beim Preis als wichtigsten Maßstab. Die Kunden wollen es anscheinend so. Bis auf die paar Querulanten, die den Service tatsächlich brauchen, aber die sind nicht relevant, weil sie dafür nicht genug zahlen wollen. Das ist jedoch nur ein Punkt, den der Herr Zeise übersieht. Der andere: Wer den Brief des Telekom-Mitarbeiters richtig gelesen hat, wird feststellen, dass die Serviceprobleme gar nicht in der Motivation der Mitarbeiter, sondern in einer miserablen Organisation liegen. Das hieße, die Telekom muss vor allem dafür sorgen, dass ihre Systeme richtig aufeinander abgestimmt sind, denn dann kommt es auf den einzelnen Call-Center-Mitarbeiter gar nicht mehr so an. Oder anders: Dasselbe miese Service-Ergebnis ist durch weit geringere Kosten zu erzielen. Vorausgesetzt natürlich, die Telekom geht das Problem mit den getrennten Systemen an – aber davon sollten wir ausgehen. Einen besseren Service wünscht sich zwar jede, bezahlt aber keine Sau.
Auch die Aktionäre kann der Herr Zeise beruhigen. Der Höchstkurs der Aktie (ca. 104 Euro) sei wegen der New-Economy-Hysterie total überzogen gewesen, und selbst die 13 Euro heute seien “sensationell”. Dumm nur, dass die T-Aktie schon zum Zeitpunkt ihrer Erstemission 1996 ungefähr soviel kostete, als der DAX bei 2764 Punkten lag. Heute ist der DAX bei 7460 Punkten. Sensationell, wirklich. Ja, ok, die Dividende war sehr, wahrscheinlich viel zu hoch. Fragen Sie den Großaktionär. Er hat eine Berliner Vorwahl.
Sorry, FTD. Sorry, Herr Zeise. Aber um Gewerkschaftsgewäsch ungefiltert rüberzubringen, hätte ein Zitat Ihres letzten Absatzes gereicht. Das davor war nur peinlich. Aber danke dafür. Im Zeitalter der internetbedingten Reizüberflutung ist man für jedes Signal dankbar, wessen Beiträge man nicht mehr zu lesen braucht.
Verfasst von Rayson um 00:11 Uhr in der Kategorie Presse / SPON- und taz-Blog,Wirtschaft (Trackback)
16 Kommentare