Der Major Tom der FTD

Ich kann nicht so hundertprozentig einschätzen, wieviel Ahnung der Herr Zeise von Volkswirtschaft hat. Was ich bisher von ihm gelesen habe, lässt auf einen Vulgär-Keynesianer schließen, dem die Zinsen nicht niedrig und die Staatsausgaben und Löhne nicht hoch genug sein können. Dass diese Ziele nicht miteinander vereinbar sind, stört beim Fordern ja relativ wenig.

Aber jetzt hat der Mann auch noch einen Ausflug in die Betriebswirtschaft unternommen und möchte dem Herrn Obermann von den Telekomikern gerne erzählen, wie der seinen Konzern zu sanieren hat. Oder besser: Dass der gar nicht zu sanieren wäre. Dem Herrn Zeise zufolge ist der Herr Ricke entlassen worden, weil er nicht noch höhere Löhne gezahlt hat. Ja, liebe Leser, die ihr euch mit eurem erbärmlichen BWL-Wissen die Augen reibt, so souverän kann nur ein echter Volkswirt argumentieren!

Aber der Herr Zeise hat Verständnis für den Herrn Ricke. Schließlich ist ihm der Staat noch nicht hilfreich mit Mindestlöhnen und einem Quasi-Verbot der Zeitarbeit zur Seite gesprungen. Einfache Logik: Nicht die Telekomiker ist zu teuer, die Konkurrenz ist zu billig. Wer hätte das gedacht! Aber der weise Makroökonom weiß, wie es gemacht wird. Nur sensible Zeitgenossen werden sich daran stören, dass der Mann “Allgemeinwohl” als “Gewerkschaftsinteresse” definiert und sich gerne im Vokabular dieser Interessengruppe bedient. Wer im Wettbewerb Personalkosten sparen muss, ist da ein “Lohndrücker”. Welchen finsteren Mächten wir es zu verdanken haben, dass außerhalb der Telekom nicht die angemessenen, höheren Löhne gezahlt werden, lässt der Herr Zeise offen. Vermutlich ist die INSM schuld.

Und wen all das nicht überzeugt, für den hat der Herr Zeise – hallelujah, Brüder und Schwestern! – nicht nur eine, sondern gleich zwei frohe Botschaften bereit. Die eine: Dass die Kunden abwandern, sei politisch gewollt. Quasi ein Schicksal oder Gottesurteil, dem sich zu widersetzen natürlich höchst töricht wäre. Das hat man wie ein Mann zu ertragen. Und die andere: Die böse Politik hindert den Monopolisten am Ausschöpfen seines Potenzials – er dürfe gar keinen Preiskampf anzetteln. Da ist natürlich ein Körnchen Salz Wahrheit dran – in der Tat tut der Staat gut daran, zum Wohle des Wettbewerbs Vorteile zu verhindern, die sich allein aus einer Monopolstellung ergeben. Aber niemand verbietet der Telekom, die gleichen Preise zu verlangen wie ihre Wettbewerber. Dies ist, wie man in Fest- und Mobilnetz unschwer herausfinden kann, jedoch nicht der Fall. Kein Wunder, dass die Kunden abwandern.

Der Herr Zeise umgeht dieses Problem geschickt, indem er behauptet, die Kunden wanderten wegen des miesen Service ab. Klar, dass dann die Frage auf der Hand liegt, was niedrigere Löhne an der Servicequalität verbessern sollten. Aber gutes Management ist nicht so einfach, wie sich das vielleicht ein Vulgärkeynesianer vorstellt. Vorangeschickt werden muss natürlich die Feststellung, dass der Service bei den anderen Anbietern genau so mies ist. Aber das ist nur fair – so bleibt es beim Preis als wichtigsten Maßstab. Die Kunden wollen es anscheinend so. Bis auf die paar Querulanten, die den Service tatsächlich brauchen, aber die sind nicht relevant, weil sie dafür nicht genug zahlen wollen. Das ist jedoch nur ein Punkt, den der Herr Zeise übersieht. Der andere: Wer den Brief des Telekom-Mitarbeiters richtig gelesen hat, wird feststellen, dass die Serviceprobleme gar nicht in der Motivation der Mitarbeiter, sondern in einer miserablen Organisation liegen. Das hieße, die Telekom muss vor allem dafür sorgen, dass ihre Systeme richtig aufeinander abgestimmt sind, denn dann kommt es auf den einzelnen Call-Center-Mitarbeiter gar nicht mehr so an. Oder anders: Dasselbe miese Service-Ergebnis ist durch weit geringere Kosten zu erzielen. Vorausgesetzt natürlich, die Telekom geht das Problem mit den getrennten Systemen an – aber davon sollten wir ausgehen. Einen besseren Service wünscht sich zwar jede, bezahlt aber keine Sau.

Auch die Aktionäre kann der Herr Zeise beruhigen. Der Höchstkurs der Aktie (ca. 104 Euro) sei wegen der New-Economy-Hysterie total überzogen gewesen, und selbst die 13 Euro heute seien “sensationell”. Dumm nur, dass die T-Aktie schon zum Zeitpunkt ihrer Erstemission 1996 ungefähr soviel kostete, als der DAX bei 2764 Punkten lag. Heute ist der DAX bei 7460 Punkten. Sensationell, wirklich. Ja, ok, die Dividende war sehr, wahrscheinlich viel zu hoch. Fragen Sie den Großaktionär. Er hat eine Berliner Vorwahl.

Sorry, FTD. Sorry, Herr Zeise. Aber um Gewerkschaftsgewäsch ungefiltert rüberzubringen, hätte ein Zitat Ihres letzten Absatzes gereicht. Das davor war nur peinlich. Aber danke dafür. Im Zeitalter der internetbedingten Reizüberflutung ist man für jedes Signal dankbar, wessen Beiträge man nicht mehr zu lesen braucht.

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16 Kommentare zu “Der Major Tom der FTD”

  1. FG
    15.05.2007 | 8:29

    Nur eine winzig kleine Berichtigung: Der Ausgabekurs der Telekomaktie betrug 1996 nicht 39,50 € sondern 28,50 DM oder 14,32 €.
    Das macht die Sache aber nicht entscheidend besser.

  2. nils
    15.05.2007 | 10:47

    Ich stimme dir zu, was deine Aussagen zum Service angeht. Bei einer anderen Behauptung muss ich dich allerdings korrigieren. Es hat sehr wohl eine Zeit gegeben, in der die Telekom die Verbindungspreise im Festnetz weiter senken wollte, aber an der Regulierungsbehoerde gescheitert ist. Ich glaube das lag daran, dass den Wettbewerbern gewisse Mindestmargen beim Weiterverkauf eingeraeumt werden sollten.
    Und natuerlich war es zumindest implizit klar, das die Telekom Kunden verlieren wird. Wie sollte dies auch anders sein bei Aufloesung eines Monopols in einem gesaettigten Markt (einem Markt in dem keine neuen Kunden hinzukommen).

  3. der gute don
    15.05.2007 | 12:03

    Es hat sehr wohl eine Zeit gegeben, in der die Telekom die Verbindungspreise im Festnetz weiter senken wollte, aber an der Regulierungsbehoerde gescheitert ist

    *hüstel* dabvei übersiehst Du, daß die Telekom gleichzeitig ihre Leitungen teuer vermieten wollte (Monopolausnutzung, kennen wir von den Stromnetzbetreibern die gleichzeitig Produzenten sind)

    Zu recht hat die Regulierungsbehörde hier eingegriffen.

  4. nils
    15.05.2007 | 12:15

    @don
    Das habe ich mitnichten uebersehen, sondern sogar gesagt: Stichwort Mindestmarge.

  5. der gute don
    15.05.2007 | 12:19

    wollte nur klarstellen, daß es sich nicht um eine dauerhafte Preissenkung, sondern um ein Schachzug im Rahmen der Monopolmachtstellung handelte. Was auch ziemlich klar zeigt, wie die Zeiger bei der Telekom ticken, statt sich dem Wettbewerb zu stellen, lieber Service & Preise so lassen und durch zwischenzeitliches Dumping die Konkurrenz auslöschen.

  6. R.A.
    15.05.2007 | 12:19

    Schon möglich, daß die Regulierungsbehörde auch mal zu sehr zu Ungunsten der Telekom eingegriffen hat.
    Das wäre aber zu verschmerzen angesichts des gigantischen Strukturvorteils – die Telekom hatte ja alle die Kunden schon an der Hand, die Konkurrenz startete bei Null.

    Eine etablierte Kundenbasis gilt als heftiger geldwerter Vorteil bei der Bewertung einer Firma.

    Wenn man natürlich seine Kunden (und eben auch die, die guten Service brauchen und bezahlen würden) über lange Jahre wie lästige Sklaven behandelt, dann wirkt das fort.

  7. R.A.
    15.05.2007 | 12:21

    @nils:
    Nur der Festnetzmarkt war halbwegs gesättigt (und da auch nur bei der reinen Zählung der Anschlüsse, nicht bei den Mehrwertdiensten).

    Insgesamt gab es aber Riesenwachstum bei Mobilfunk und Internet.

    Trotz der Konkurrenz hätte die Telekom also noch genügend Potential gehabt.

  8. 15.05.2007 | 12:26

    @FG

    Danke, da war ich wohl bei der Zweitemission gelandet. Habe ich im Text korrigiert.

  9. 15.05.2007 | 12:31

    Selbst wenn es klar war, dass die Telekom nach der Aufhebung des Monopols Kunden verlieren würde, heißt das noch lange nicht, dass sie das zum Geschäftsprinzip erheben muss. Der Wettbewerb bei den Festnetzanschlüssen ist längst da – aber dass die Telekomiker auch in den von R.A. genannten Wachstumsmärkten ins Hintertreffen geraten, ist ganz sicher so vom Hauptaktionär nicht gewollt.

  10. nils
    15.05.2007 | 14:11

    Ich hatte fast befuerchtet, dass mein kurzer Einwurf wieder eine breite Diskussion lostreten wuerde. Ich wollte sagen, dass das, was Rayson kritisiert, an dem kritikwuerdigen des Artikels im Handelsblatt zur Haelfte vorbeigeht. Da es zu dem Thema schon einen Kommentar in der FAZ gibt will ich dazu nichts weiter sagen.
    http://www.faz.net/s/Rub5CAECB7768E046A3976500B4D416A560/Doc~E82B12D6356A04DDFBC37D07DCA3605AC~ATpl~Ecommon~Scontent.html
    Zum Thema “Festnetzmarkt halbwegs gesättigt” und “Wachstumsmärkten ins Hintertreffen geraten”: Dies sind beides Einaschaetzungen, die ich, wenn ich mir die Zahlen angucke, so nicht teilen kann.

  11. der gute don
    15.05.2007 | 15:10

    sehr erhellend einige der Kommentare zu gennten FAZ Artikel ^^

  12. der gute don
    15.05.2007 | 15:11

    gennten = genannten

    Ich muß mir diese kapitalistische Turbo-Tipperei abgewöhnen …

  13. 15.05.2007 | 15:48

    @nils

    Ich habe neulich mal ganz privat Mobilfunk-Preise verglichen. T-Mobile fiel durch.

  14. nils
    15.05.2007 | 16:08

    @Rayson
    T-Mobile hat einen Marktanteil von 35% und etwa die gleichen Preise wie Vodafone. Und da der Markt hier ebenfalls gesaettigt ist fuehrt an einem Peronalabbau nichts vorbei. (O2 plant 1000 Stellen zu streichen). Mit dem bestehenden Netz kann man sicher mehr Umsatz generieren, dazu braucht man allerdings nicht mehr Personal.

  15. 15.05.2007 | 16:17

    O2 war in meinem Vergleich billiger als T-Mobile. Und sie scheinen noch mehr runter gehen zu wollen. Das eben ist der Wettbewerb, und ich glaube nicht, dass die Telekomiker sich leisten können, ihn nicht anzunehmen. Aber Mobilfunk ist eigentlich OT, um den geht es beim Streik ja nicht.

  16. 22.05.2007 | 9:33

    [...] Über den betriebswirtschaftlichen Unfug eines Lucas Zeise konnte man ja noch schmunzeln. Aber seine Ausflüge in die Außenpolitik sind dann nur noch erschreckend. [...]

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