Ehrlich gesagt, allmählich gehen mir die Katastrophenvorhersagen ein wenig auf den Geist. Vor allem wenn da so Schwachsinn drinsteht wie bei SPON:
“Am Oberrhein grassiert die Malaria”
Was soll dieser Unfug? Malaria hat nix mit Klima zu tun. Es gab früher jede Menge Malaria hier (von den pontinischen Sümpfen bei Rom ganz zu schweigen). Das hieß das Quartalsfieber.
Heute gibt es keine mehr, weil die Mücken keine Menschen mehr stechen können, die den Erreger im Blut haben.
Auf Kuba und in der DomRep gibts auch so gut wie keine Malaria, und das sind tropische Länder.
Ich mag Qualität. Ich hatte mal das Vergnügen mit Herrn Lotter. Großartig nachfragen darfst du nicht, er ist nicht sattelfest. Es kommt nur ein Schwall heiße Luft. Dabei wollte ich ihn gar nicht in Verlegenheit bringen, konnte doch nicht ahnen, daß er das Angelesene nicht verdaut hatte.
@Buenavista:
> Ehrlich gesagt,
> allmählich gehen mir
> die
> Katastrophenvorhersagen
> ein wenig auf den
> Geist.
Volle Zustimmung.
Insbesondere weil die meisten dieser Vorhersagen völlig unfundiert sind.
Bei den IPCC-Prognosen kann man ja noch wissenschaftlich streiten.
Die jetzt wieder bei SpOn propagierten “800 Milliarden” sind so haltloser Unsinn – wie kann ein Institut wie das DIW eigentich trauen, mit so peinlichen Sachen an die Öffentlichkeit zu treten.
[...] Und nach den ruhigen letzten Wochen war da plötzlich wieder das Jucken in den Fingern. Ein Lesen, das um jeden Preis versucht gegen den Strich zu lesen, das den Text überwörtlich nimmt und die Assoziationsreihen im Kopf in Gang setzt. Jetzt beginnt das, was man als Geistesübung einer sophistischen Tradition begreifen kann und Korinthenkackerei nennt. Der Zwang, vielleicht die Not, in den Gedankengang des unbekannten Gegenübers hinein zu grätschen, ihm ins Wort zu fallen, im Nachhinein, unentwegt und mit dem Wunsch am Ende nicht das Wort im Mund sondern den Gedanken im Kopf verdreht zu haben. Unsympathisch solche Züge, aber manchmal eben auch reizvoll, wenn sie denn plötzlich da ist, die Diskussionswut über einen Kommentar zum Klima und der Rezeption seines Wandels, in brandeins, von Wolf Lotter, gefunden über die Bissigen-Liberalen. [...]
Libero sagt am 18. 03. 2007 um 19:15 Uhr:
Bist schon ein doller Hecht
Daraus, daß ihr es nicht seid, folgt nicht, daß ich es bin.
Da dieser Artikel von Henrik Svensmark auch den Weg zu novo und dergleichen hochklassige Publikationen findet, eine Vorabergänzung.
> draws attention to a overlooked mechanism of climate change. Clouds seeded by cosmic rays
Ich stimme Rasmus Benestad zu. Der Begriff Cosmoclimatology ist tatsächlich eine gelungene Wortschöpfung. Ansonsten kann Henrik Svensmark darauf bauen, daß seine Bewunderer seine früheren Artikel nicht lesen und schon gar nicht die Entgegnungen anderer Klimatologen
> draws attention to a overlooked mechanism of climate change. Clouds seeded by cosmic rays
overlooked ist einfach das falsche Wort. Seit 15 Jahren produziert Henrik Svensmark Veröffentlichungen zu dem Thema Clouds seeded by cosmic rays.
Was bestritten wird, ist die Notwendigkeit des seeding Effektes für die gegenwärtige Wolkenbildung und die Exklusivität des Einflusses des kosmischen Strahlung auf die Bildung der Wolkenkeime. Auf diesen Artikel gibt es bereits eine Entgegnung in einem blog, daß auch auf früherer Entgegnungen zum Thema clouds seeded by cosmic rays verweist.
Man muß schon die Veröffentlichungen der Opponenten verstehen, d.h. welchen Reaktionsmechanismus sie für die Erwärmung nennen und sich dann mit den Widerlegungen auseinandersetzen. Ein Keimbildungsproblem der Wolken, daß durch die kosmische Strahlung behoben werden muß, ist es jedenfalls nicht. Das gilt für biologisch und geologisch ruhigere Planeten, aber leider nicht für die gegenwärtige Erde.
Es ist sehr bezeichnend, daß zwar alle Gruppen, die den Klimaspektikern zuzurechnen sind, ausführlich die Ausführungen von Svensmark darstellen, aber nicht auf die Idee kommen, zu fragen, ob überhaupt ein Keimbildungsproblem vorliegt?
Eigentlich müßte Svensmark den Nachweis führen, daß in der realen Atmosphäre die vorhandenen Wolkenkeime nicht wirksam sind und überhaupt die Notwendigkeit besteht, daß kosmische Strahlen Wolkenkeime generieren müssen, damit es zur Wolkenbildung kommt. Das in Abwesenheit aller anderen Wolkenkeime kosmische Strahlen Wolkenkeime generieren, ist unstrittig.
wunderbare debatte, wunderbares motto. nur zur klarstellung: der kerl, der behauptet, er habe mit mir schon mal das vergnügen gehabt, hatte es nicht. kann aber noch werden, wie wärs mit bald?
@Wolf Lotter:
Wer ist denn Libero? Ich hab da keine Ahnung. Vielleicht hatte er ja doch schon das Vergnügen? Lässt sich ja ob eines Pseudonyms so schlecht beurteilen…
Aber das Ergebnis einer echten Begegnung würde ich doch schon gern sehen. Gibt es das dann auf YouTube? Oder zumindest in Textform?
meine ahnung: wenn er so argumentiert wie hier auf der seite, also gar nicht, dann wärs kein vergnügen gewesen, und zwar für ihn. in der regel ist es so: bei direkter, unmaskierter konfrontation fallen so leute wie er nicht auf. und fragen auch nicht. weil sie alles schon wissen. ich wollte mit meinem zwischenruf nur drauf hinweisen, dass die anonymisierung von meinungen natürlich auch die angeberei, das heckenschützentum und die intoleranz befördern. wer was zu sagen hat, kann jederzeit den helm abnehmen, finde ich. — übrigens eine debatte, die ich gern mal führen würde.
Den Vorwurf kenn wir natürlich. Aber es steht ja jedem frei, auch mit Anonymen in Kontakt zu treten oder es eben bleiben zu lassen. Diejenigen, die auf diesem Blog anonymisiert schreiben, geben sich jedenfalls Mühe, das nicht als Freibrief für Ausfälligkeiten zu sehen – jedenfalls nicht über das Maß hinaus, das sie auch im echten Leben an den Tag legen
Leider ist gerade die Welt des Internets voll von Fanatikern, und wer nicht gerade mit dem Schreiben öffentlicher Texte sein Brot verdient, wird sich zweimal überlegen müssen, ob er deswegen irgendwelchen durchgeknallten Typen die Chance gibt, sein Berufs- und Privatleben zu behelligen. Dafür gibt es leider genug Beispiele.
Ach ja, und so anonym ist der Libero als fleißiger Diskutierer in zahlreichen Internetforen auch nicht, wenn man ein paar E-Mail-Adressen von ihm kennt und Google bedienen kann. Aber das gehört für uns eher in die Rubrik des nutzlosen Wissens.
Danke für die prompte Antwort. Und Vorwurf war das keiner. Aber: Erhellend, denn ist es wirklich so, dass sich jeder, der pointiert seine Meinung sagt, von Irren und Fanaktikern verfolgt wird? “Das Internet ist voller Fanatiker” – aber eben eine Welt, in der es Regeln gibt, die sich in Wirklichkeit nicht von der “echten” Welt unterscheiden. Erst wenn wir so tun, als ob, wird die Sache komisch und artifiziell. Klar verhalten wir uns alle anders, wenn wir Rede und Antwort stehen müssen, ohne uns hinter einem pseudonynom zu verstecken. Und: Der Hinweis, man könne ja googlen, reicht mir jetzt nicht wirklich, denn es geht mir ja nicht um den Knaben von ganz viel weiter oben, sondern die Frage, ob man eine Diskussion offen führen kann – siehe Forenurteil des Bundesgerichtshof (dass ich sehr begrüsse). Es ist sehr okay, eine andere Meinung zu kritisieren, auch hart, aber: Es ist nicht okay, Straftaten unter diesem Deckmantel zu begehen, die in jeder Zeitung, in jeder Kneipe, auf jedem öffentlichen Platz mit Zeugen Straftaten sind – und im Web nicht? Wieso? Komisch. Ich bin aber gerne belehrbar und freue mich drauf,
herzlichst WL
Ich schätze, das ist aus journalistischer Sicht ein anderer Blickwinkel. Die Begleiterscheinungen, die unsereins im Internet erlebt, werden für Journalisten vielleicht nichts Neues sein. Das Bloggen – zumindest unseres hier – ist aber nur privates Hobby, d.h. wir verdienen unseren Lebensunterhalt auf eine Weise, die mit einer öffentlichen politischen Positionierung nicht unbedingt immer in Einklang zu bringen ist. Sei es, weil ein potenzieller Auftrag- oder Arbeitgeber die jeweilige Position ablehnt, sei es, weil er ein Vertragsverhältnis durch mögliche Unruhe und Konflikte belastet sehen könnte. Die besagten Spinner pflegen gerne an diesem Punkt anzusetzen und z.B. Arbeitgeber wegen der Blogaktivitäten ihrer Mitarbeiter anzuschreiben.
Bei einem Chefredakteuer mag das höchstens ein müdes Lächeln hervorrufen, beim Filialleiter einer Bank sieht das dann schon vielleicht etwas anders aus.
Hinzu kommt eben Google. Alles, was man unter seinem echten Namen im Internet schreibt, kann und wird noch Jahre danach gegen einen verwendet werden. Notfalls beim nächsten Bewerbungsschreiben, wenn der Personaler sich überlegt, ob er so einen Unruhestifter, der sich noch nicht einmal zu 100% Tag und Nacht für seine Firma engagiert, sondern frecherweise auch öffentliche private Aktivitäten betreibt, überhaupt einstellen kann. Bewirb dich mal als bekannter Kommunalpolitiker bei einem Unternehmen deiner Stadt. Viel Erfolg!
Auch das ist für Journalisten nichts Neues und im Prinzip wohl auch nichts Schädliches – eher im Gegenteil: Da kann und will man auch von potenziellen Arbeit- oder Auftraggebern gelesen werden, nicht wahr?
Das Anonyme hat außerdem wie alles zwei Seiten. Die böse haben wir erwähnt, aber es gibt eben auch eine gute: Das Spontane, Ungefilterte, Persönliche. Sobald Juristen ins Spiel kommen, hat das ein Ende. Das darf man bedauern.
Ich stimme ja zu, dass die Haltung gegenüber offener Meinungsäusserung stark verbesserungswürdig ist. Wenn nun ein Chef, ein Kollege oder sonstwer versucht, aus der Meinungsäusserung eines Bürgers dem einen Strick zu drehen, ist das etwas, wogegen wir uns alle wehren müssen. Hier setzt meiner Meinung auch Solidarität an – die wirklich Stärke beweisen muss. Ganz so easy ist es allerdings für professionelle “Kommunikatoren”, wie es auf neudeutsch heute heisst, auch nicht. Erstens: Auch Chefredakteure sind nicht immer Helden, das habe ich in 20 Jahren ausreichend erfahren. Jeder Kollege kann das bestätigen, auch wenn ich heute das Glück habe, mit einer Kollegin zu arbeiten, die Rückgrat hat: So selbstverständlich ist das nicht. Auch bei uns sitzt nicht für jede Äusserung ein Anwalt parat. Auch wir werden, und zunehmend übers Internet, nicht nur kritisiert, sondern auch attackiert. Vor kurzem habe ich ein nettes, natürlich anonymes Mailchen erhalten, in denen meine Kinder bedroht werden, weil ich etwas geschrieben haben, was nicht ins Weltbild des Schreibers passte.
Juristen kommen meistens dann ins Spiel, wenn ein ganz wesentliches Wort, das im Web soviel gilt wie anderswo, fehlt: Anstand. Und den vermisse ich zunehmend im Web, als einer, der noch mit Akkustikkoppler drin rumexperimentierte, sag ich das mal ganz gelassen. Sich auf einen Standpunkt zurückzuziehen: Weil Technizität mich schützt, verbreite ich Unwahrheiten, das führt irgendwann zum Clash. Und ich finde zum Beispiel das aktuelle Urteil des Bundesgerichtshofes völlig okay. Gleiches Recht für alle. Sonst kann der Rechtsstaat nämlich einpacken. Solange das Web für viele nicht ernstgenommen wurde, war das so. Es ändert sich, eben. Es ist ernst. Und es gelten die echten Regeln. Und ich finde das gut.
Next big thing: Bis jetzt haben sich viele zurückgehalten, wenn es um Juristen im Netz ging – mein Anwalt hat sich mal ein kleines Wochenendvergnügen gemacht und nachgezählt, wie oft er – nur in meinem Namen, und ich bin da kleines Licht, weil ich viele tolle Leser habe, die mich mögen – wegen übler Nachrede und Geschäftsschädigung oder wegen krasser Verletzung des Urheberrechtes klagen könnte: 48mal. Und er hat nur ein paar Stunden aus Langeweile gegoogelt. Und ich kann mich als Journalist noch lange nicht auf vieles berufen, was normalen Bürgern zusteht – auch das geht okay.
Was ich gut fände, wäre abseits der Klimafrage (die ja nun auch wenig mit Klima zu tun hat) schlicht Anstandsfragen zu diskutieren. Würde man, was man so schreibt, auch schreiben, wenn es nicht anonym wäre? Wenn ja, dann is gut. Wenn nein, dann nicht.
Ich würde mich sehr freuen, Positionen dazu zu kriegen. Und es nicht bedauern, wenn einige es mit Namen und Klartext tun würden.
@Wolf Lotter:
Ich habe von Anfang an unter meinem eigenen Namen gebloggt, und werde das auch in Zukunft tun. Unter anderem deswegen, weil es für mich selbstverständlich ist, zu dem zu stehen, was ich schreibe. Das mag naiv sein, und möglicherweise werde ich irgendwann auch mal Karrierenachteile haben, weil irgendjemand irgendwo im Internet eine meiner Meinungsäußerungen aufsammelt; das weiß ich natürlich nicht. Aber auch, wenn ich unter einem Pseudonym schreiben würde, würde ich nichts wesentlich anderes schreiben als das, was ich unter meinem echten Namen schreibe. Warum? Weil auch das Pseudonym für mich ein Bestandteil meiner Persönlichkeit wäre, und zu der gehört auch ein gewisser Respekt gegenüber anderen Personen und ihrer Meinung. Den gleichen Respekt glaube ich bei meinen Mitbloggern zu entdecken; das ist auch einer der Gründe, warum ich gerne hier Teil der Autorencrew bin.
Es ist aber nicht zu bestreiten, dass viele unter dem Schutz scheinbarer oder echter Anonymität allerlei Sauereien betreiben, die von Beleidigung über Geschäftsschädigung bis hin zu Morddrohungen gehen. Bei manchem glaube ich fast schon, dass die das auch im wirklichen Leben tun würden – andere hingegen sind (nach dem, was ich so nebenbei von denen erfahre, die offenbar als Hobby anonyme Personen “enttarnen”) offenbar angesehene Wissenschaftler oder sonstige Personen des öffentlichen Lebens. Da fragt man sich schon, ob das so okay sein könnte.
Und das führt zum Thema des Anstandes, das mir schon lange sehr wichtig ist. Denn ob man nun anonym ist oder nicht – man kann sich auf jeden Fall halbwegs ordentlich verhalten. Tut man das nicht, sollte man auch keinen Zuspruch und keine Aufmerksamkeit von denen erhalten, die die eigene Meinung vielleicht in gewissem Maße teilen; die Regeln des Zusammenlebens sollten über politischem (wir sind ja hier ein politisches Blog!) Differenzen stehen.
[...] Bemerkenswerte “Klimadebatte” bei den B.L.O.Gs – nein dieses ist kein Angriff sondern genau das Gegenteil und ich bin der Überzeugung, dass ein jeder da mal reinschauen sollte und bitte alle Kommentare lesen. Sie werden in Bezug auf das Weltklima kein Stückchen klüger sein als zuvor, behaupte ich jetzt einfach mal so, aber was das Klima im Umgang miteinander, besonders hier in Klein-Bloggersdorf, betrifft, ist ein Erkenntnisgewinn garantiert. B.L.O.G: Zur Klimadiskussion… – auf die Kommentare kommt es an. Alles lesen! [...]
Pseudonyme gibt es ja nun nicht erst seit dem Internet. Aber erst seitdem es das Internet gibt, können Amateure wie ich mit Texten prinzipiell die ganze Welt erreichen. Faktisch natürlich nur einen verschwindend geringen Anteil, allerdings einen in Umfang und Zusammensetzung nicht kontrollierbaren. Leider gibt es darunter meiner Erfahrung nach nun einmal einen deutlich größeren Anteil von Spinnern, die sich von diesem Medium angezogen fühlen wie Motten vom Licht. Und das gilt bestimmt schon seit den Zeiten des Akustikkopplers, die ich übrigens auch noch erlebt habe. Wie hieß damals nochmal diese Mailbox in Hamburg?
Die Frage ist jetzt, ob man genug Sendungsbewusstsein aufbringt, sich an die Front zu werfen und den Kampf gegen diese Idioten anzunehmen, ihn durchzufechten und auszuhalten. Da muss ich ehrlich sagen: Wenn das der Preis der Meinungsfreiheit ist, dann kann ich auf die öffentliche Verkündigung meiner Meinung in den allermeisten Fällen gut verzichten. Auch möchte ich googelnden Vertragspartnern keinen Einblick in von mir irgendwann einmal geführte politische Diskussionen geben. Nicht nur, weil das in meinem echten Leben eher als Makel angesehen wird, sich dort zu eindeutig zu positionieren, sondern auch, weil solche Auseinandersetzungen immer zeit- und kontextabhängig zu sehen sind, das Elefantengedächtnis Internet aber eine Zeitlosigkeit vorgaukelt.
Natürlich kann man versuchen, aus dem Internet ein “normales Medium” zu machen. Man kann auch auf E-Loks Heizer mitfahren lassen. Ein Problem löst das in beiden Fällen. Interessanter wäre es für mich, mal ein wenig Anleihe bei Hayek genommmen, zu sehen, wie ein offener Prozess mit so etwas umgeht. Muss den jede Regel überalle und universell umgesetzt sein, oder reicht es, wenn es zu jedem Topf irgendwo mindestens einen Deckel gibt? Was wäre schlimm daran, wenn sich in bestimmten Foren die Bekloppten (hoffentlich nur) virtuell an die Gurgel gehen, in anderen aber tatsächlich mehr oder weniger gesittet diskutiert werden kann, weil dort eine von den Beteiligten respektierte Art des Hausrechts wirksam ausgeübt wird?
Die Rechtsprechung und Gesetzgebung arbeitet mir hier noch mit zu viel falschen Analogien. Der Raum des Internets oder auch nur der Blogosphäre ist nicht beschränkt, man muss hier kein Zutrittsrecht für alle zu allen Websites oder Blogs durchsetzen: Es ist keine Stadthalle, wo eine höhere Instanz auf möglichst formale Gleichhheit des Zugangs und des Rederechts zu achten hätte, sondern eine Stadt mit vielen Häusern und Räumen. In manchen Salons wird gepflegt Konversation betrieben, man kennt sich mit Namen und hält sich an bestimmte Konventionen. In manchen Spelunken wird gesoffen, gehurt und gepöbelt, keiner kennt den Kerl nebenan und will ihn vielleicht auch nie wieder sehen. Ein Geck, der sein Recht auf gepflegte Konversation in der Spelunke einklagte, würde ebenso verwunderte Blicke ernten wie der Proll, der sich den Zutritt in den Salon erstreiten will. Es sind verschiedene Welten, die gut und sinnvoll nebeneinander existieren können. Die wichtige Aufgabe der höheren Instanz wäre, immer dafür zu sorgen, dass jederzeit Salons und Spelunken eröffnet werden können, und dass es sowohl Straßen wie auch Telefonanschlüsse gibt. Momentan scheint man das aber genau umgekehrt zu sehen…
Aber zurück zur Anonymität: Dass jedes Mehr an Freiheit ein Mehr an Verantwortung mit sich bringt, ist für Liberale eigentlich selbstverständlich. Deswegen würde ich auch nie versuchen, gegenüber jemandem, der mit vollem Namen in die Diskussion geht, einen Vorteil aus meiner Anonymität zu schlagen. Ich verachte Blogger und Kommentatoren, die, weil sie von anderen etwas über ihre tatsächliche Existenz herausgefunden haben, ihr Wissen dazu verwenden, alle Furzlang Anspielungen oder Drohungen abzusondern. Ich kenne von einer Handvoll anonym schreibender Blogger in meinem Umkreis, und nicht nur dem befreundeten, die echten Namen, respektiere aber ihren Wunsch genau so, wie ich erwarte, dass sie meinen respektieren.
Und tatsächlich stehe ich mit meinem Namen für das ein, was ich sage: Mein Name ist Rayson. Wenn damit ein pöbelnder, unreifer Charakter verbunden würde, wäre das für mich, der ich nur unter diesem Namen in der Blogosphäre aktiv bin, fast genau so schlimm, als wenn man das über den Namen sagte, der in meiner Geburtsurkunde steht. Ich gebe zu, dass es so ein bis drei virtuelle Personen gibt, denen gegenüber mein Ton nicht dem entspricht, was ich im echten Leben von mir geben würde. Aber erstens kommentieren diese selbst anonym, und zweitens würde man sich im echten Leben ganz sicher aus dem Weg gehen (das ist da, wo noch ein echter Raum existiert, wirklich einfacher), so dass vergleichbare Situationen nicht entstehen könnten. Das geht alles auch ohne Anwalt.
Und damit bin ich beim letzten Punkt. Du kannst mit einem Messer sinnvollerweise einen Apfel schälen oder es einem in den Magen rammen. Anwälte sind gut, um sich zu wehren, aber auch perfekt, um missliebige Stimmen ohne viel Knete oder den Rückhalt einer Institution zum Schweigen zu bringen. Auch dafür gibt es – nicht nur in der Blogosphäre – genügend Beispiele. Sicher gibt es auch Leute, die es, damit sie ihre 15 Warhol-Minuten bekommen, bewusst darauf anlegen, Ärger zu verursachen. Ich würde selbst anonym z.B. den Gabriel nicht auf dem Niveau des Parteibuch-Marcels angehen wollen, einfach, weil es mir zu dämlich wäre. Werden wir also nicht berühmt, reißen weiter unsere Klappe auf und sonnen uns in der Illusion, dass man uns auf der ganzen Welt lesen kann.
@karsten
Respekt – dass ist eine Haltung, die ich gut finde. Auf “das Klima kommt es an”, hier spielt die Musik. Debatten können und sollen tief gehen. Auch emotional. Die Haltung ist es aber, die sie ausmacht, ganz gleich ob “on” or “off”, was die Namen angeht. Vielleicht schaffen wir hier etwas wirklich Neues: Weg mit der Pöbelei, hin zur Sprache wirklich Erwachsener, auch mal polemisch, auch mal angriffslustig, aber nie unter Niveau. Ich fände das geradezu – revolutionär.
@rayson
Das Messerbild liebe ich – denn genau so ist es. Ich kann Abmahnabwälte auch nicht leiden, aber darum geht es gar nicht. Und solange Klappeaufreissen und Hirnnutzung einigermassen synchronisiert sind, sind wir uns einig. Sind wir ja auch.
Den Akkustikkoppler führte ich auch deshalb in die Debatte ein, weil es mich daran erinnerte, dass wir Ende der 80er und Anfang der 90er sehr viel auf Netikette hielten. Und das führte dazu, dass wir – mit Nicknames und ohne – offen miteinander reden konnten. Das geht ja immer noch, wie sich hier zeigt, ist aber eher in die Rubrik aussterbender Kommunikationsarten einzureihen. Der große Anton Kuh meinte zwar: “Warum sachlich, wenns auch persönlich geht”, was aber nur funktionierte, weil er Gegner intellektuell, nicht a la Denunziation vorführte. So soll es sein.
Ich bin schwer dafür, dass das Thema Klima im Web forciert wird – und gehe jetzt mal forcieren. Bis bald dann.
Klar. Aber genau darum geht es: Will man dauerhaft damit leben müssen, dass die freie Meinungsäusserung nur unter Pseudonym stattfinden darf? Mir kommt das so vor, wie wenn man ständig das Recht auf dickere Bunker fordert, statt die Flugzeuge mit den Bomben vom Himmel zu holen. Pragmatisch betrachtet geht nicht alles sofort und gleich, aber dass es nicht sein kann, dass das Web bis zum St.Nimmerleinstag nur dort frei ist, wo wir für Duck & Cover plädieren, kann doch nicht genügen. Oder hart gesagt, nach Johann Nestroy: Zu Tode gefürchtet ist auch gestorben.
Was heißt “darf”? Der eine ist bereit, die Konsequenzen zu tragen, der andere nicht. Das ist eine Frage der individuellen Bewertung. Könnte ich nicht anonym schreiben, wären mir für das Ganze die tatsächlichen und möglichen Unannehmlichkeiten so groß, dass der Spaß darunter leiden würde. Und um den geht es doch beim Bloggen, oder? Wer eine Mission hat oder Geld verdienen will, wird andere Maßstäbe anlegen. Chacun à son goût.
Das Internet zu Tode zu regulieren, wie das von Politik und Bürokratie Stück für Stück versucht wird, ist für mich jedenfalls keine Lösung.
@rayson. Lieber Rayson, wollen wir uns darauf einigen, dass wir auf buzzwords nicht reinfallen. wie zum beispiel “darf”. ich hatte jetzt den eindruck, eine klingel gedrückt zu haben. und was dann jetzt nachkam, verstehe ich nur zum teil. spass machen soll alles, aber ist das schon alles gewesen? die blogs, die ich mir so ansehe, sind nicht so – aber okay. jedem seine wahrnehmung. was ich jetzt komisch finde, ist die neuerliche betonung alter vorurteile: Hier die, die bloggen aus Spass – die Guten? Dort die, die Geld mit Medienarbeit verdienen – die Bösen? Und über allem eine Verschwörung, die das Internet zu “Tode regulieren” will? Wie stehts bei Huckleberry Finn: “Nö, Tom, da mach ich nich mit”. Das ist zu schlimm, um wahr zu sein – und seit 15 Jahren der Hintergrundgesang zum bedrohten Netz. Nur, dass es eben nicht stimmt.
Die Überhöhung der Anonymität ist eine selbsterfüllende Prophezeihung.
Weil man glaubt, angegriffen zu werden, versteckt man sich und lässt gleichzeitig den Ton eskalieren. Die Eskalation führt dazu, dass andere nicht mehr alles so komisch finden. Dann gibts Zoff. Dann kommt irgendwann der Rechtsanwalt, was ich schon verstehe, wenn irgendein Spassvogel jemanden, dessen Meinung er nicht teilt, als “Nazi” tituliert.
Also: Ich fasse mal zusammen: Erstens bin ich für einen anständigen und fairen Umgang miteinander. Zweitens bin ich nicht für Helden. Sondern Drittens für Haltung. Dieser Maßstab gilt für alle. Finde ich, herzlich grüssend.
Stichwort “Klingeldrücken”: Wo zum Henker rede ich denn von gut und böse? Es geht ganz einfach um verschiedene Modelle, die auch mit einer unterschiedlichen Bereitschaft einhergehen, sich zu engagieren und Unannehmlichkeiten in Kauf zu nehmen. Ich finde es gut, dass es diese Vielfalt der Modelle gibt.
Es ist auch keine “Verschwörung” am Laufen, aber dass Politik und Bürokratie am liebsten auch das Internet unter ihre Kontrolle kriegen wollen, liegt nun einmal in der Natur der Sache. Und es darf doch vielleicht auch Menschen geben, die das nicht so toll finden, weil sie die Chancen und Möglichkeiten des neuen Mediums damit auch den Bach hinunterlaufen sehen.
Dass Anonymität auch missbraucht wird, steht außer Frage. Gerade in unserem Teil der Blogosphäre hat das Bekanntwerden des einen oder anderen Namens für eine gewisse Beruhigung der Diskussion gesorgt. Doch ist es, wie wir beide wissen, auch möglich, (halb) anonym zu bleiben und sich trotzdem weitgehend gesittet zu benehmen. In unserer Blogroll finden sich einige Beispiele dazu. Also Vorsicht mit Verallgemeinerungen.
@Rayson
Lieber Rayson, die Kontrolle des Internets wird umso leichter argumentierbar sein, je mehr sich die gute alte bürgerliche Tugend, dass man mit seinem Namen für seine Haltung einsteht, auflöst. Extreme Reaktionen kommen allen gelegen, die nach einem Grund für mehr Kontrolle und für eine Einschränkung der Rede- und Meinungsfreiheit stehen. Auch ich sehe immer wieder, wie sich die Lage nach Nennung von Ross und Reiter entspannt. Es ist ja wie am Flur: Kaum taucht man auf, schon hört das Tuscheln auf. Mir wäre es lieber, es würde weniger getuschelt, und mehr offen geredet, zumal in einem Flur, der vor allem eines soll: Die Vielfalt der Positionen ernstzunehmend abbilden. Niemand nimmt Dich ernst, wenn Du unter der Maske bleibst. Zorro hat keine Zukunft, hatte es nie. Ich bin für ein offenes Visier, wo immer es geht. Und dafür setze ich mich jetzt mal ein bisschen ein. Ich sehe Deine Argumente, und ich anerkenne die Ausnahme von der Regel. Für die angenehme Debatte und die (weitgehende) Unaufgeregtheit bedanke ich mich, ich muss wieder weiter. Ich hoffe dennoch: bis bald.
bisher 35 Kommentare » Kommentare
Ehrlich gesagt, allmählich gehen mir die Katastrophenvorhersagen ein wenig auf den Geist. Vor allem wenn da so Schwachsinn drinsteht wie bei SPON:
“Am Oberrhein grassiert die Malaria”
Was soll dieser Unfug? Malaria hat nix mit Klima zu tun. Es gab früher jede Menge Malaria hier (von den pontinischen Sümpfen bei Rom ganz zu schweigen). Das hieß das Quartalsfieber.
Heute gibt es keine mehr, weil die Mücken keine Menschen mehr stechen können, die den Erreger im Blut haben.
Auf Kuba und in der DomRep gibts auch so gut wie keine Malaria, und das sind tropische Länder.
Ein link zu dem blog von Nir J. Shaviv.
Carbon Dioxide or Solar Forcing?
http://www.sciencebits.com/CO2orSolar
Du liest Wolf Lotter? Von Münkler zu Lotter? Was für ein Abstieg.
Ich lese Geschriebenes und mag keine Tabus.
Ich mag Qualität. Ich hatte mal das Vergnügen mit Herrn Lotter. Großartig nachfragen darfst du nicht, er ist nicht sattelfest. Es kommt nur ein Schwall heiße Luft. Dabei wollte ich ihn gar nicht in Verlegenheit bringen, konnte doch nicht ahnen, daß er das Angelesene nicht verdaut hatte.
Bist schon ein doller Hecht, Libero.
Muss das jetzt so nahe beieinander stehen? Alzo ächd.
Was denn, Achim?
Na, Du weisst schon
Wirklisch nett…
Isch a nimmer
@Buenavista:
> Ehrlich gesagt,
> allmählich gehen mir
> die
> Katastrophenvorhersagen
> ein wenig auf den
> Geist.
Volle Zustimmung.
Insbesondere weil die meisten dieser Vorhersagen völlig unfundiert sind.
Bei den IPCC-Prognosen kann man ja noch wissenschaftlich streiten.
Die jetzt wieder bei SpOn propagierten “800 Milliarden” sind so haltloser Unsinn – wie kann ein Institut wie das DIW eigentich trauen, mit so peinlichen Sachen an die Öffentlichkeit zu treten.
[...] Und nach den ruhigen letzten Wochen war da plötzlich wieder das Jucken in den Fingern. Ein Lesen, das um jeden Preis versucht gegen den Strich zu lesen, das den Text überwörtlich nimmt und die Assoziationsreihen im Kopf in Gang setzt. Jetzt beginnt das, was man als Geistesübung einer sophistischen Tradition begreifen kann und Korinthenkackerei nennt. Der Zwang, vielleicht die Not, in den Gedankengang des unbekannten Gegenübers hinein zu grätschen, ihm ins Wort zu fallen, im Nachhinein, unentwegt und mit dem Wunsch am Ende nicht das Wort im Mund sondern den Gedanken im Kopf verdreht zu haben. Unsympathisch solche Züge, aber manchmal eben auch reizvoll, wenn sie denn plötzlich da ist, die Diskussionswut über einen Kommentar zum Klima und der Rezeption seines Wandels, in brandeins, von Wolf Lotter, gefunden über die Bissigen-Liberalen. [...]
Bist schon ein doller HechtDaraus, daß ihr es nicht seid, folgt nicht, daß ich es bin.
Da dieser Artikel von Henrik Svensmark auch den Weg zu novo und dergleichen hochklassige Publikationen findet, eine Vorabergänzung.
Cosmoclimatology: a new theory emerges
http://www.blackwell-synergy.com/doi/pdf/10.1111/j.1468-4004.2007.48118.x
> draws attention to a overlooked mechanism of climate change. Clouds seeded by cosmic rays
Ich stimme Rasmus Benestad zu. Der Begriff Cosmoclimatology ist tatsächlich eine gelungene Wortschöpfung. Ansonsten kann Henrik Svensmark darauf bauen, daß seine Bewunderer seine früheren Artikel nicht lesen und schon gar nicht die Entgegnungen anderer Klimatologen
> draws attention to a overlooked mechanism of climate change. Clouds seeded by cosmic rays
overlooked ist einfach das falsche Wort. Seit 15 Jahren produziert Henrik Svensmark Veröffentlichungen zu dem Thema Clouds seeded by cosmic rays.
Was bestritten wird, ist die Notwendigkeit des seeding Effektes für die gegenwärtige Wolkenbildung und die Exklusivität des Einflusses des kosmischen Strahlung auf die Bildung der Wolkenkeime. Auf diesen Artikel gibt es bereits eine Entgegnung in einem blog, daß auch auf früherer Entgegnungen zum Thema clouds seeded by cosmic rays verweist.
Cosmoclimatology’ – tired old arguments in new clothes”
http://www.realclimate.org/index.php/archives/2007/03/cosmoclimatology-tired-old-arguments-in-new-clothes/#more-412
Man muß schon die Veröffentlichungen der Opponenten verstehen, d.h. welchen Reaktionsmechanismus sie für die Erwärmung nennen und sich dann mit den Widerlegungen auseinandersetzen. Ein Keimbildungsproblem der Wolken, daß durch die kosmische Strahlung behoben werden muß, ist es jedenfalls nicht. Das gilt für biologisch und geologisch ruhigere Planeten, aber leider nicht für die gegenwärtige Erde.
Es ist sehr bezeichnend, daß zwar alle Gruppen, die den Klimaspektikern zuzurechnen sind, ausführlich die Ausführungen von Svensmark darstellen, aber nicht auf die Idee kommen, zu fragen, ob überhaupt ein Keimbildungsproblem vorliegt?
Eigentlich müßte Svensmark den Nachweis führen, daß in der realen Atmosphäre die vorhandenen Wolkenkeime nicht wirksam sind und überhaupt die Notwendigkeit besteht, daß kosmische Strahlen Wolkenkeime generieren müssen, damit es zur Wolkenbildung kommt. Das in Abwesenheit aller anderen Wolkenkeime kosmische Strahlen Wolkenkeime generieren, ist unstrittig.
wunderbare debatte, wunderbares motto. nur zur klarstellung: der kerl, der behauptet, er habe mit mir schon mal das vergnügen gehabt, hatte es nicht. kann aber noch werden, wie wärs mit bald?
Oh, wenn wir hier der Kontaktanbahnung dienen können, ist das sehr schön!
@Wolf Lotter:
Wer ist denn Libero? Ich hab da keine Ahnung. Vielleicht hatte er ja doch schon das Vergnügen? Lässt sich ja ob eines Pseudonyms so schlecht beurteilen…
Aber das Ergebnis einer echten Begegnung würde ich doch schon gern sehen. Gibt es das dann auf YouTube? Oder zumindest in Textform?
Karsten, wir machen das einfach in unserem B.L.O.G.-Redaktionsbüro und machen Fotos.
Au ja.
meine ahnung: wenn er so argumentiert wie hier auf der seite, also gar nicht, dann wärs kein vergnügen gewesen, und zwar für ihn. in der regel ist es so: bei direkter, unmaskierter konfrontation fallen so leute wie er nicht auf. und fragen auch nicht. weil sie alles schon wissen. ich wollte mit meinem zwischenruf nur drauf hinweisen, dass die anonymisierung von meinungen natürlich auch die angeberei, das heckenschützentum und die intoleranz befördern. wer was zu sagen hat, kann jederzeit den helm abnehmen, finde ich. — übrigens eine debatte, die ich gern mal führen würde.
offen sozusagen, liebe grüsse, wolf
@Wolf Lotter
Den Vorwurf kenn wir natürlich. Aber es steht ja jedem frei, auch mit Anonymen in Kontakt zu treten oder es eben bleiben zu lassen. Diejenigen, die auf diesem Blog anonymisiert schreiben, geben sich jedenfalls Mühe, das nicht als Freibrief für Ausfälligkeiten zu sehen – jedenfalls nicht über das Maß hinaus, das sie auch im echten Leben an den Tag legen
Leider ist gerade die Welt des Internets voll von Fanatikern, und wer nicht gerade mit dem Schreiben öffentlicher Texte sein Brot verdient, wird sich zweimal überlegen müssen, ob er deswegen irgendwelchen durchgeknallten Typen die Chance gibt, sein Berufs- und Privatleben zu behelligen. Dafür gibt es leider genug Beispiele.
Ach ja, und so anonym ist der Libero als fleißiger Diskutierer in zahlreichen Internetforen auch nicht, wenn man ein paar E-Mail-Adressen von ihm kennt und Google bedienen kann. Aber das gehört für uns eher in die Rubrik des nutzlosen Wissens.
Danke für die prompte Antwort. Und Vorwurf war das keiner. Aber: Erhellend, denn ist es wirklich so, dass sich jeder, der pointiert seine Meinung sagt, von Irren und Fanaktikern verfolgt wird? “Das Internet ist voller Fanatiker” – aber eben eine Welt, in der es Regeln gibt, die sich in Wirklichkeit nicht von der “echten” Welt unterscheiden. Erst wenn wir so tun, als ob, wird die Sache komisch und artifiziell. Klar verhalten wir uns alle anders, wenn wir Rede und Antwort stehen müssen, ohne uns hinter einem pseudonynom zu verstecken. Und: Der Hinweis, man könne ja googlen, reicht mir jetzt nicht wirklich, denn es geht mir ja nicht um den Knaben von ganz viel weiter oben, sondern die Frage, ob man eine Diskussion offen führen kann – siehe Forenurteil des Bundesgerichtshof (dass ich sehr begrüsse). Es ist sehr okay, eine andere Meinung zu kritisieren, auch hart, aber: Es ist nicht okay, Straftaten unter diesem Deckmantel zu begehen, die in jeder Zeitung, in jeder Kneipe, auf jedem öffentlichen Platz mit Zeugen Straftaten sind – und im Web nicht? Wieso? Komisch. Ich bin aber gerne belehrbar und freue mich drauf,
herzlichst WL
Ich schätze, das ist aus journalistischer Sicht ein anderer Blickwinkel. Die Begleiterscheinungen, die unsereins im Internet erlebt, werden für Journalisten vielleicht nichts Neues sein. Das Bloggen – zumindest unseres hier – ist aber nur privates Hobby, d.h. wir verdienen unseren Lebensunterhalt auf eine Weise, die mit einer öffentlichen politischen Positionierung nicht unbedingt immer in Einklang zu bringen ist. Sei es, weil ein potenzieller Auftrag- oder Arbeitgeber die jeweilige Position ablehnt, sei es, weil er ein Vertragsverhältnis durch mögliche Unruhe und Konflikte belastet sehen könnte. Die besagten Spinner pflegen gerne an diesem Punkt anzusetzen und z.B. Arbeitgeber wegen der Blogaktivitäten ihrer Mitarbeiter anzuschreiben.
Bei einem Chefredakteuer mag das höchstens ein müdes Lächeln hervorrufen, beim Filialleiter einer Bank sieht das dann schon vielleicht etwas anders aus.
Hinzu kommt eben Google. Alles, was man unter seinem echten Namen im Internet schreibt, kann und wird noch Jahre danach gegen einen verwendet werden. Notfalls beim nächsten Bewerbungsschreiben, wenn der Personaler sich überlegt, ob er so einen Unruhestifter, der sich noch nicht einmal zu 100% Tag und Nacht für seine Firma engagiert, sondern frecherweise auch öffentliche private Aktivitäten betreibt, überhaupt einstellen kann. Bewirb dich mal als bekannter Kommunalpolitiker bei einem Unternehmen deiner Stadt. Viel Erfolg!
Auch das ist für Journalisten nichts Neues und im Prinzip wohl auch nichts Schädliches – eher im Gegenteil: Da kann und will man auch von potenziellen Arbeit- oder Auftraggebern gelesen werden, nicht wahr?
Das Anonyme hat außerdem wie alles zwei Seiten. Die böse haben wir erwähnt, aber es gibt eben auch eine gute: Das Spontane, Ungefilterte, Persönliche. Sobald Juristen ins Spiel kommen, hat das ein Ende. Das darf man bedauern.
Ich stimme ja zu, dass die Haltung gegenüber offener Meinungsäusserung stark verbesserungswürdig ist. Wenn nun ein Chef, ein Kollege oder sonstwer versucht, aus der Meinungsäusserung eines Bürgers dem einen Strick zu drehen, ist das etwas, wogegen wir uns alle wehren müssen. Hier setzt meiner Meinung auch Solidarität an – die wirklich Stärke beweisen muss. Ganz so easy ist es allerdings für professionelle “Kommunikatoren”, wie es auf neudeutsch heute heisst, auch nicht. Erstens: Auch Chefredakteure sind nicht immer Helden, das habe ich in 20 Jahren ausreichend erfahren. Jeder Kollege kann das bestätigen, auch wenn ich heute das Glück habe, mit einer Kollegin zu arbeiten, die Rückgrat hat: So selbstverständlich ist das nicht. Auch bei uns sitzt nicht für jede Äusserung ein Anwalt parat. Auch wir werden, und zunehmend übers Internet, nicht nur kritisiert, sondern auch attackiert. Vor kurzem habe ich ein nettes, natürlich anonymes Mailchen erhalten, in denen meine Kinder bedroht werden, weil ich etwas geschrieben haben, was nicht ins Weltbild des Schreibers passte.
– wegen übler Nachrede und Geschäftsschädigung oder wegen krasser Verletzung des Urheberrechtes klagen könnte: 48mal. Und er hat nur ein paar Stunden aus Langeweile gegoogelt. Und ich kann mich als Journalist noch lange nicht auf vieles berufen, was normalen Bürgern zusteht – auch das geht okay.
Juristen kommen meistens dann ins Spiel, wenn ein ganz wesentliches Wort, das im Web soviel gilt wie anderswo, fehlt: Anstand. Und den vermisse ich zunehmend im Web, als einer, der noch mit Akkustikkoppler drin rumexperimentierte, sag ich das mal ganz gelassen. Sich auf einen Standpunkt zurückzuziehen: Weil Technizität mich schützt, verbreite ich Unwahrheiten, das führt irgendwann zum Clash. Und ich finde zum Beispiel das aktuelle Urteil des Bundesgerichtshofes völlig okay. Gleiches Recht für alle. Sonst kann der Rechtsstaat nämlich einpacken. Solange das Web für viele nicht ernstgenommen wurde, war das so. Es ändert sich, eben. Es ist ernst. Und es gelten die echten Regeln. Und ich finde das gut.
Next big thing: Bis jetzt haben sich viele zurückgehalten, wenn es um Juristen im Netz ging – mein Anwalt hat sich mal ein kleines Wochenendvergnügen gemacht und nachgezählt, wie oft er – nur in meinem Namen, und ich bin da kleines Licht, weil ich viele tolle Leser habe, die mich mögen
Was ich gut fände, wäre abseits der Klimafrage (die ja nun auch wenig mit Klima zu tun hat) schlicht Anstandsfragen zu diskutieren. Würde man, was man so schreibt, auch schreiben, wenn es nicht anonym wäre? Wenn ja, dann is gut. Wenn nein, dann nicht.
Ich würde mich sehr freuen, Positionen dazu zu kriegen. Und es nicht bedauern, wenn einige es mit Namen und Klartext tun würden.
@Wolf Lotter:
Ich habe von Anfang an unter meinem eigenen Namen gebloggt, und werde das auch in Zukunft tun. Unter anderem deswegen, weil es für mich selbstverständlich ist, zu dem zu stehen, was ich schreibe. Das mag naiv sein, und möglicherweise werde ich irgendwann auch mal Karrierenachteile haben, weil irgendjemand irgendwo im Internet eine meiner Meinungsäußerungen aufsammelt; das weiß ich natürlich nicht. Aber auch, wenn ich unter einem Pseudonym schreiben würde, würde ich nichts wesentlich anderes schreiben als das, was ich unter meinem echten Namen schreibe. Warum? Weil auch das Pseudonym für mich ein Bestandteil meiner Persönlichkeit wäre, und zu der gehört auch ein gewisser Respekt gegenüber anderen Personen und ihrer Meinung. Den gleichen Respekt glaube ich bei meinen Mitbloggern zu entdecken; das ist auch einer der Gründe, warum ich gerne hier Teil der Autorencrew bin.
Es ist aber nicht zu bestreiten, dass viele unter dem Schutz scheinbarer oder echter Anonymität allerlei Sauereien betreiben, die von Beleidigung über Geschäftsschädigung bis hin zu Morddrohungen gehen. Bei manchem glaube ich fast schon, dass die das auch im wirklichen Leben tun würden – andere hingegen sind (nach dem, was ich so nebenbei von denen erfahre, die offenbar als Hobby anonyme Personen “enttarnen”) offenbar angesehene Wissenschaftler oder sonstige Personen des öffentlichen Lebens. Da fragt man sich schon, ob das so okay sein könnte.
Und das führt zum Thema des Anstandes, das mir schon lange sehr wichtig ist. Denn ob man nun anonym ist oder nicht – man kann sich auf jeden Fall halbwegs ordentlich verhalten. Tut man das nicht, sollte man auch keinen Zuspruch und keine Aufmerksamkeit von denen erhalten, die die eigene Meinung vielleicht in gewissem Maße teilen; die Regeln des Zusammenlebens sollten über politischem (wir sind ja hier ein politisches Blog!) Differenzen stehen.
[...] Bemerkenswerte “Klimadebatte” bei den B.L.O.Gs – nein dieses ist kein Angriff sondern genau das Gegenteil und ich bin der Überzeugung, dass ein jeder da mal reinschauen sollte und bitte alle Kommentare lesen. Sie werden in Bezug auf das Weltklima kein Stückchen klüger sein als zuvor, behaupte ich jetzt einfach mal so, aber was das Klima im Umgang miteinander, besonders hier in Klein-Bloggersdorf, betrifft, ist ein Erkenntnisgewinn garantiert. B.L.O.G: Zur Klimadiskussion… – auf die Kommentare kommt es an. Alles lesen! [...]
Pseudonyme gibt es ja nun nicht erst seit dem Internet. Aber erst seitdem es das Internet gibt, können Amateure wie ich mit Texten prinzipiell die ganze Welt erreichen. Faktisch natürlich nur einen verschwindend geringen Anteil, allerdings einen in Umfang und Zusammensetzung nicht kontrollierbaren. Leider gibt es darunter meiner Erfahrung nach nun einmal einen deutlich größeren Anteil von Spinnern, die sich von diesem Medium angezogen fühlen wie Motten vom Licht. Und das gilt bestimmt schon seit den Zeiten des Akustikkopplers, die ich übrigens auch noch erlebt habe. Wie hieß damals nochmal diese Mailbox in Hamburg?
Die Frage ist jetzt, ob man genug Sendungsbewusstsein aufbringt, sich an die Front zu werfen und den Kampf gegen diese Idioten anzunehmen, ihn durchzufechten und auszuhalten. Da muss ich ehrlich sagen: Wenn das der Preis der Meinungsfreiheit ist, dann kann ich auf die öffentliche Verkündigung meiner Meinung in den allermeisten Fällen gut verzichten. Auch möchte ich googelnden Vertragspartnern keinen Einblick in von mir irgendwann einmal geführte politische Diskussionen geben. Nicht nur, weil das in meinem echten Leben eher als Makel angesehen wird, sich dort zu eindeutig zu positionieren, sondern auch, weil solche Auseinandersetzungen immer zeit- und kontextabhängig zu sehen sind, das Elefantengedächtnis Internet aber eine Zeitlosigkeit vorgaukelt.
Natürlich kann man versuchen, aus dem Internet ein “normales Medium” zu machen. Man kann auch auf E-Loks Heizer mitfahren lassen. Ein Problem löst das in beiden Fällen. Interessanter wäre es für mich, mal ein wenig Anleihe bei Hayek genommmen, zu sehen, wie ein offener Prozess mit so etwas umgeht. Muss den jede Regel überalle und universell umgesetzt sein, oder reicht es, wenn es zu jedem Topf irgendwo mindestens einen Deckel gibt? Was wäre schlimm daran, wenn sich in bestimmten Foren die Bekloppten (hoffentlich nur) virtuell an die Gurgel gehen, in anderen aber tatsächlich mehr oder weniger gesittet diskutiert werden kann, weil dort eine von den Beteiligten respektierte Art des Hausrechts wirksam ausgeübt wird?
Die Rechtsprechung und Gesetzgebung arbeitet mir hier noch mit zu viel falschen Analogien. Der Raum des Internets oder auch nur der Blogosphäre ist nicht beschränkt, man muss hier kein Zutrittsrecht für alle zu allen Websites oder Blogs durchsetzen: Es ist keine Stadthalle, wo eine höhere Instanz auf möglichst formale Gleichhheit des Zugangs und des Rederechts zu achten hätte, sondern eine Stadt mit vielen Häusern und Räumen. In manchen Salons wird gepflegt Konversation betrieben, man kennt sich mit Namen und hält sich an bestimmte Konventionen. In manchen Spelunken wird gesoffen, gehurt und gepöbelt, keiner kennt den Kerl nebenan und will ihn vielleicht auch nie wieder sehen. Ein Geck, der sein Recht auf gepflegte Konversation in der Spelunke einklagte, würde ebenso verwunderte Blicke ernten wie der Proll, der sich den Zutritt in den Salon erstreiten will. Es sind verschiedene Welten, die gut und sinnvoll nebeneinander existieren können. Die wichtige Aufgabe der höheren Instanz wäre, immer dafür zu sorgen, dass jederzeit Salons und Spelunken eröffnet werden können, und dass es sowohl Straßen wie auch Telefonanschlüsse gibt. Momentan scheint man das aber genau umgekehrt zu sehen…
Aber zurück zur Anonymität: Dass jedes Mehr an Freiheit ein Mehr an Verantwortung mit sich bringt, ist für Liberale eigentlich selbstverständlich. Deswegen würde ich auch nie versuchen, gegenüber jemandem, der mit vollem Namen in die Diskussion geht, einen Vorteil aus meiner Anonymität zu schlagen. Ich verachte Blogger und Kommentatoren, die, weil sie von anderen etwas über ihre tatsächliche Existenz herausgefunden haben, ihr Wissen dazu verwenden, alle Furzlang Anspielungen oder Drohungen abzusondern. Ich kenne von einer Handvoll anonym schreibender Blogger in meinem Umkreis, und nicht nur dem befreundeten, die echten Namen, respektiere aber ihren Wunsch genau so, wie ich erwarte, dass sie meinen respektieren.
Und tatsächlich stehe ich mit meinem Namen für das ein, was ich sage: Mein Name ist Rayson. Wenn damit ein pöbelnder, unreifer Charakter verbunden würde, wäre das für mich, der ich nur unter diesem Namen in der Blogosphäre aktiv bin, fast genau so schlimm, als wenn man das über den Namen sagte, der in meiner Geburtsurkunde steht. Ich gebe zu, dass es so ein bis drei virtuelle Personen gibt, denen gegenüber mein Ton nicht dem entspricht, was ich im echten Leben von mir geben würde. Aber erstens kommentieren diese selbst anonym, und zweitens würde man sich im echten Leben ganz sicher aus dem Weg gehen (das ist da, wo noch ein echter Raum existiert, wirklich einfacher), so dass vergleichbare Situationen nicht entstehen könnten. Das geht alles auch ohne Anwalt.
Und damit bin ich beim letzten Punkt. Du kannst mit einem Messer sinnvollerweise einen Apfel schälen oder es einem in den Magen rammen. Anwälte sind gut, um sich zu wehren, aber auch perfekt, um missliebige Stimmen ohne viel Knete oder den Rückhalt einer Institution zum Schweigen zu bringen. Auch dafür gibt es – nicht nur in der Blogosphäre – genügend Beispiele. Sicher gibt es auch Leute, die es, damit sie ihre 15 Warhol-Minuten bekommen, bewusst darauf anlegen, Ärger zu verursachen. Ich würde selbst anonym z.B. den Gabriel nicht auf dem Niveau des Parteibuch-Marcels angehen wollen, einfach, weil es mir zu dämlich wäre. Werden wir also nicht berühmt, reißen weiter unsere Klappe auf und sonnen uns in der Illusion, dass man uns auf der ganzen Welt lesen kann.
@karsten
Respekt – dass ist eine Haltung, die ich gut finde. Auf “das Klima kommt es an”, hier spielt die Musik. Debatten können und sollen tief gehen. Auch emotional. Die Haltung ist es aber, die sie ausmacht, ganz gleich ob “on” or “off”, was die Namen angeht. Vielleicht schaffen wir hier etwas wirklich Neues: Weg mit der Pöbelei, hin zur Sprache wirklich Erwachsener, auch mal polemisch, auch mal angriffslustig, aber nie unter Niveau. Ich fände das geradezu – revolutionär.
@rayson
Das Messerbild liebe ich – denn genau so ist es. Ich kann Abmahnabwälte auch nicht leiden, aber darum geht es gar nicht. Und solange Klappeaufreissen und Hirnnutzung einigermassen synchronisiert sind, sind wir uns einig. Sind wir ja auch.
Den Akkustikkoppler führte ich auch deshalb in die Debatte ein, weil es mich daran erinnerte, dass wir Ende der 80er und Anfang der 90er sehr viel auf Netikette hielten. Und das führte dazu, dass wir – mit Nicknames und ohne – offen miteinander reden konnten. Das geht ja immer noch, wie sich hier zeigt, ist aber eher in die Rubrik aussterbender Kommunikationsarten einzureihen. Der große Anton Kuh meinte zwar: “Warum sachlich, wenns auch persönlich geht”, was aber nur funktionierte, weil er Gegner intellektuell, nicht a la Denunziation vorführte. So soll es sein.
Ich bin schwer dafür, dass das Thema Klima im Web forciert wird – und gehe jetzt mal forcieren. Bis bald dann.
Zur Illustration dessen, was ich u.a. meine:
http://commentisfree.guardian.co.uk/catherine_sanderson/2007/04/blogger_beware.html
@Rayson
Klar. Aber genau darum geht es: Will man dauerhaft damit leben müssen, dass die freie Meinungsäusserung nur unter Pseudonym stattfinden darf? Mir kommt das so vor, wie wenn man ständig das Recht auf dickere Bunker fordert, statt die Flugzeuge mit den Bomben vom Himmel zu holen. Pragmatisch betrachtet geht nicht alles sofort und gleich, aber dass es nicht sein kann, dass das Web bis zum St.Nimmerleinstag nur dort frei ist, wo wir für Duck & Cover plädieren, kann doch nicht genügen. Oder hart gesagt, nach Johann Nestroy: Zu Tode gefürchtet ist auch gestorben.
@Wolf Lotter
Was heißt “darf”? Der eine ist bereit, die Konsequenzen zu tragen, der andere nicht. Das ist eine Frage der individuellen Bewertung. Könnte ich nicht anonym schreiben, wären mir für das Ganze die tatsächlichen und möglichen Unannehmlichkeiten so groß, dass der Spaß darunter leiden würde. Und um den geht es doch beim Bloggen, oder? Wer eine Mission hat oder Geld verdienen will, wird andere Maßstäbe anlegen. Chacun à son goût.
Das Internet zu Tode zu regulieren, wie das von Politik und Bürokratie Stück für Stück versucht wird, ist für mich jedenfalls keine Lösung.
@rayson. Lieber Rayson, wollen wir uns darauf einigen, dass wir auf buzzwords nicht reinfallen. wie zum beispiel “darf”. ich hatte jetzt den eindruck, eine klingel gedrückt zu haben. und was dann jetzt nachkam, verstehe ich nur zum teil. spass machen soll alles, aber ist das schon alles gewesen? die blogs, die ich mir so ansehe, sind nicht so – aber okay. jedem seine wahrnehmung. was ich jetzt komisch finde, ist die neuerliche betonung alter vorurteile: Hier die, die bloggen aus Spass – die Guten? Dort die, die Geld mit Medienarbeit verdienen – die Bösen? Und über allem eine Verschwörung, die das Internet zu “Tode regulieren” will? Wie stehts bei Huckleberry Finn: “Nö, Tom, da mach ich nich mit”. Das ist zu schlimm, um wahr zu sein – und seit 15 Jahren der Hintergrundgesang zum bedrohten Netz. Nur, dass es eben nicht stimmt.
Die Überhöhung der Anonymität ist eine selbsterfüllende Prophezeihung.
Weil man glaubt, angegriffen zu werden, versteckt man sich und lässt gleichzeitig den Ton eskalieren. Die Eskalation führt dazu, dass andere nicht mehr alles so komisch finden. Dann gibts Zoff. Dann kommt irgendwann der Rechtsanwalt, was ich schon verstehe, wenn irgendein Spassvogel jemanden, dessen Meinung er nicht teilt, als “Nazi” tituliert.
Also: Ich fasse mal zusammen: Erstens bin ich für einen anständigen und fairen Umgang miteinander. Zweitens bin ich nicht für Helden. Sondern Drittens für Haltung. Dieser Maßstab gilt für alle. Finde ich, herzlich grüssend.
@Wolf Lotter
Stichwort “Klingeldrücken”: Wo zum Henker rede ich denn von gut und böse? Es geht ganz einfach um verschiedene Modelle, die auch mit einer unterschiedlichen Bereitschaft einhergehen, sich zu engagieren und Unannehmlichkeiten in Kauf zu nehmen. Ich finde es gut, dass es diese Vielfalt der Modelle gibt.
Es ist auch keine “Verschwörung” am Laufen, aber dass Politik und Bürokratie am liebsten auch das Internet unter ihre Kontrolle kriegen wollen, liegt nun einmal in der Natur der Sache. Und es darf doch vielleicht auch Menschen geben, die das nicht so toll finden, weil sie die Chancen und Möglichkeiten des neuen Mediums damit auch den Bach hinunterlaufen sehen.
Dass Anonymität auch missbraucht wird, steht außer Frage. Gerade in unserem Teil der Blogosphäre hat das Bekanntwerden des einen oder anderen Namens für eine gewisse Beruhigung der Diskussion gesorgt. Doch ist es, wie wir beide wissen, auch möglich, (halb) anonym zu bleiben und sich trotzdem weitgehend gesittet zu benehmen. In unserer Blogroll finden sich einige Beispiele dazu. Also Vorsicht mit Verallgemeinerungen.
@Rayson
Lieber Rayson, die Kontrolle des Internets wird umso leichter argumentierbar sein, je mehr sich die gute alte bürgerliche Tugend, dass man mit seinem Namen für seine Haltung einsteht, auflöst. Extreme Reaktionen kommen allen gelegen, die nach einem Grund für mehr Kontrolle und für eine Einschränkung der Rede- und Meinungsfreiheit stehen. Auch ich sehe immer wieder, wie sich die Lage nach Nennung von Ross und Reiter entspannt. Es ist ja wie am Flur: Kaum taucht man auf, schon hört das Tuscheln auf. Mir wäre es lieber, es würde weniger getuschelt, und mehr offen geredet, zumal in einem Flur, der vor allem eines soll: Die Vielfalt der Positionen ernstzunehmend abbilden. Niemand nimmt Dich ernst, wenn Du unter der Maske bleibst. Zorro hat keine Zukunft, hatte es nie. Ich bin für ein offenes Visier, wo immer es geht. Und dafür setze ich mich jetzt mal ein bisschen ein. Ich sehe Deine Argumente, und ich anerkenne die Ausnahme von der Regel. Für die angenehme Debatte und die (weitgehende) Unaufgeregtheit bedanke ich mich, ich muss wieder weiter. Ich hoffe dennoch: bis bald.
Niemand nimmt Dich ernst, wenn Du unter der Maske bleibst.
Das hoffe ich doch sehr. Ich nehme mich ja selbst nicht ernst.