9. Februar 2007
Die deutsche Sprache und ihre Wirkung auf die Diskussionskultur
Oder auch: Ein waghalsiger Titel, dem nachfolgend ich nach Kräften nicht gerecht zu werden versuche.
Ich muss mich jetzt outen. Ja, es ist wahr. Ich bin Mitglied des “Vereins Deutsche Sprache e.V.“. Und das sogar gleich aus zwei Gründen. Erstens finde ich, dass die deutsche Sprache underrated ist. Zweitens kenne ich Walter Krämer persönlich: Ein cooler Typ.
Ist die deutsche Sprache bedroht? Keine Ahnung. Sie wird zwar permanent misshandelt, aber reicht das für diesen Status? Sind Kinder bedroht? Also Entwarnung. Geht es um den “Schutz” der deutschen Sprache? Quatsch. Eine Sprache, die extra geschützt werden muss, stirb besser gleich aus. Wir brauchen keinen Ballast nicht. Um was geht es dann? Um Sekundärtugenden, mit denen man auch ein KZ betreiben kann. Also z.B. Ehre oder Stolz. Und um Macht. Wie verwerflich. Aber deswegen ist es ja auch ein Outing.
Ich bin schuldig. Schuldig im Sinne der Anklage. Mich packen Gedichte und Dramen von Goethe, Schiller oder Brecht. Ich könnte mich in einem Satz von Thomas Mann verlieren. Oder – aber dazu kommen wir später…
Und ich verachte alle, die ohne echte Not an die Stelle deutscher Begriffe englische bzw. amerikanische (im Folgenden sei die Unterscheidung herzlich gerne berufenen Korinthenkackern überlassen) setzen. Was sollte ich an Denkfaulheit und Ignoranz auch attraktiv finden? Harter Tobak? Quatsch: 99% aller Anglizismen beruhen darauf.
Sprachpurismus ist eine Absurdität? Aber klar ist er das. Nur: Um den geht es mir gar nicht. Jede lebende Sprache wird irgendwann und irgendwie Ausdrücke anderer Sprachen zu ihren eigenen machen. Sei es, weil die fremden Begriffe prägnanter sind, sei es, weil überhaupt ein eigener Begriff für das beschriebene Phänomen gefehlt hat. Daher ist selbstverständlich und gerne alles “deutsch”, was wir im Lauf der Jahre fest uns angeeignet haben. “Bar”, “Pullover” oder “Sport” – seid willkommen! Und auch all der Kram lateinischen, französischen, polnischen oder jiddischen Ursprungs: Schön, dass ihr da seid!
Darf man differenzieren? Ich versuch’s mal so, wie ich es schon bei Zettel versucht habe. Ich würde drei Arten unterscheiden:
1. Bezeichnungen Dinge betreffend, für die wir bislang noch kein Wort hatten und das übernommene Fremdwort aus bestimmten Gründen sinnvoll übernommen werden kann (z.B. weil es wesentlich kürzer oder genauer als denkbare deutsche Entsprechungen ist). Beispiele: Bar (die echte), Image (im übertragenen Sinn) oder sogar auch Website (wie wäre es mit “Netzpräsenz” oder “Netzadresse”?).
2. Bezeichnungen Dinge betreffend, für die wir bislang noch kein Wort hatten, sich aber mehrere deutsche Wörter (oder bereits bekannte Fremdwörter!) sinnvoll anbieten würden (schließlich ist unsere Sprache sehr kombinatorisch-schöpferisch, was Substantive angeht…). Beispiele: Hauptplatine statt Motherboard, Symbol für Icon, Rechner statt Computer.
3. Bezeichnungen längst Bekanntes (und “Benanntes”) betreffend.
Richtig ärgerlich ist aus meiner Sicht alles zu Punkt 3. Sowas steht bei mir unter ständigem Schwallverdacht. Punkt 1 ist etwas, mit dem wir immer leben müssen und sollen. Das bereichert wirklich. Die Grauzone ist Punkt 2. Dass man gedankenlos mit neuen Dingen auch deren ausländische Bezeichnungen übernimmt, ist nicht neu. Es braucht dann Leute vom Schlage eines Philipp von Zesen, die mal wirklich kreativ an die Sache rangehen und passende deutsche Entsprechungen suchen, denn warum sollen nur die Erfinder einer Sache den Genuss schöner Assoziationen haben? Es ist nicht so, dass uns diese Leute heute fehlen würden – ihr Tun ist aber nicht mehr erwünscht. Wer verlangt, dass bei neuen Dingen, für die es eine Bezeichnung in fremder Sprache gibt, zunächst nach einer deutschen Entsprechung gesucht wird, “outet” sich als hoffnungsloser Reaktionär und Hinterwäldler. Es soll sogar Leute geben, die tatsächlich der Meinung sind, durch möglichst viele übernommene Fremdwörter falle Ausländern die Kommunikation mit Deutschen leichter. Dumm nur, dass die Ausländer das gar nicht so sehen – zumindest die mit fremden Muttersprachen.
Ja. Mir ist bewusst, dass sich unter dem Banner der Verächter von Anglizismen und Beschützer der deutschen Sprache auch einige Ewiggestrige treffen. Für meinen Geschmack sogar zu viele und zu laute. Aber triumphierend solche Beispiele als pars pro toto auszugeben, das ist wirklich jämmerlich. Ich hoffe, die moderne Demokratie hat noch andere Waffen.
Aber vielleicht ist das der Anlass für den im Titel versprochenen Schwenker. Ich treibe mich nun seit gut über einem Jahr als politischer Blogger herum (im Grunde länger, aber ich zähle hier mal nur Zeit zusammen mit Boche und anderen als “B.L.O.G.”). Dabei ist mir eins so deutlich aufgefallen wie vorher nicht: Viele, die vordergründig auf Diskussionen aus sind, ertragen die Begegnung mit Andersdenkenden nicht und ersetzen deren Positionen und Einstellungen lieber durch das Abziehbild, das sie von denen selbst ständig vorrätig haben. Da kann ich nur sagen: Jungs (meistens sind es solche…), zuviel des Aufwands. Ihr handelt ineffizient. Für eure Selbstbestätigung reicht ein abschließbares Klo – sowas wie das Internet ist da eklatant verschwendet. Witzig, wie wenig das bislang begriffen haben.
P.S.: Die Libertären meine ich diesmal nicht. Als missionarische Religion seid ihr extrem diskussionsfreudig. Das ist eines Eurer Assets. Und meine Lieblingslinken meine ich auch nicht: Auch wenn ihr euch schwer tut, liberale Positionen nachzuvollziehen, ihr gebt euch wenigstens Mühe und differenziert. Das finde ich wirklich knorke.
P.P.S.: Zum “später”: Ich liebe auch insbesondere Raymond Queneau. Aber der Mann schrieb wenigstens ebenfalls in einer schönen und real existierenden Sprache.
P.P.P.S: An alle, die gerade triumphierend zum Kiehboord greifen: Haltet ihr mich wirklich für so blöd, Anglizismen nicht zu erkennen? Ok, Friedel: Du hast auch Recht damit
Verfasst von Rayson um 23:45 Uhr in der Kategorie Sprache (Trackback)
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