8. Februar 2007
Afghanistan
So allmählich dämmert es der deutschen Öffentlichkeit wohl: Der “Afghanistan-Einsatz”, den man da mal beschlossen hat, könnte durchaus etwas mit kriegerischen Handlungen zu tun haben. Normalerweise sollte die Entsendung von Soldaten einen ersten dezenten Hinweis geben. Aber die Deutschen, die erst nicht durften, später nicht oder nur ein wenig wollten und jetzt plötzlich sollen, hatten sich so schön daran gewöhnt, dass bei internationalen Einsätzen die Kollegen aus den USA für die Drecksarbeit zuständig sind und man selbst nur für den Ringelpietz mit Anfassen. Soldaten, ja schon, aber dann irgendwie so als GTZ in grün.
Das hat, politisch gesehen, eine Menge Vorteile. Zum einen bedient es sich eines Mechanismus, der unseren Politikern inzwischen in Fleisch und Blut übergegangen ist: Sie waschen einen Pelz nach dem anderen, lassen die Entdeckung der damit verbundenen Feuchtigkeit aber dann erst so allmählich ihren Weg ins Bewusstsein der Wähler finden, dass möglichst kein Zusammenhang mehr zu erkennen ist und sie stattdessen andere, bevorzugt die Amis, die Globalisierung oder notfalls eben die “äußeren Umstände”, verantwortlich machen können.
An dem Punkt befinden wir uns jetzt, was die deutsche Verpflichtung in Afghanistan angeht. Nachdem sich die erste Empörung über die bösen Amerikaner, Kanadier und Briten gelegt hat, die da im Süden nicht nur unmotiviert und sozialpsychologisch völlig falsch in der Gegend rumballern, während wir den Norden allein schon durch unsere Diskursfähigkeit befrieden konnten, sondern uns sogar noch zumuten, eigene Leute in das “friendly fire”, mit dem die Gesprächsangebote der Taliban so primitiv zurückgewiesen werden, zu schicken, entdeckt die Politik jetzt mit Schröcken, dass die angeforderten Tornados nicht zur Komplettierung des Angebots von “Google Earth” verwendet werden sollen, sondern auch tatsächlich mit Kampfeinsätzen der oben genannten Gewaltbereiten zu tun haben könnten.
Man versucht noch etwas, den Spielraum zwischen den Zuständen “schwanger” und “nicht schwanger” auszuloten, aber Schritt für Schritt wird uns klar: Das mit dem “Verteidigen”, wovon Papa Struck (dem es im Bendlerblock wohl so gut gefallen hat, dass er den Kasernenhofton jetzt auch in der SPD-Fraktion einziehen lässt) damals geredet, das könnte irgendwie ernst gemeint sein. Den Bloggern, die da jetzt begeistert “Germans to the front” rufen, vermag ich dabei aber nicht zu folgen.
Deutschland praktiziert da eine Art “umgekehrten Clausewitz”. Erstmal Krieg führen, und die passende Politik kommt dann vielleicht irgendwann hinterher. Als böses Erwachen wahrscheinlich, auch “Zwang des Faktischen” genannt. Eine andere Entscheidung als eine Zustimmung zum neuen Mandat ist zwar praktisch nicht denkbar, weil schon das alte Mandat diese “Tür”, vor der man in Berlin jetzt angeblich so sehr Angst hat, weit aufgerissen hatte, so dass auch der Bundestag aus dieser Nummer nicht mehr herauskommt. Aber jetzt dämmert es den Abgeordneten vielleicht, was sie damals beschlossen haben.
Grundsätzlich ähnlich, aber natürlich weniger polemisch und mit etwas anderem Akzent: Ulrich Speck im Kosmoblog.
Verfasst von Rayson um 14:35 Uhr in der Kategorie International, Politik (Trackback)
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