Warum eigentlich nicht?

Ich habe – nach langer Zeit – mal wieder die “Freunde der offenen Gesellschaft” besucht. Auch, wenn diese sich nach einem Buchtitel meines politischen Lieblingsautors benannt haben, bin ich nicht unbedingt ein großer Fan dieser Site – viel Polemik, viel immergleiches, viel Bellizismus, viel Verachtung für Andersdenkende. Und was bei den “Freunden” an wirklich diskutablen Beiträgen kommt, das finde ich meist als Zitat dort, wo ich mich lieber aufhalte. Aber sei’s drum, es geht mir jetzt nicht um meine persönliche Meinung über die FdoG.

Vielmehr möchte ich über die einleitenden Worte dieses Beitrages sprechen. Wohlgemerkt, nicht über den ganzen Beitrag, auch, wenn die Frage, ob nun eher die Generalstreiks der Kommunisten oder die Lethargie des bürgerlichen Beamtentums den Untergang der Weimarer Republik ausgelöst haben, schon eine interessante ist. Nein, es geht mir um diese beiden Absätze:

Die IG-Metall protestiert gegen die “Rente mit 67″. Das ist ihr gutes Recht. Ihr Argument, dass etwa das Renteneintrittsalter an die Zahl der Beitragsjahre gekoppelt sein sollte und nicht an ein biographisches Alter ist nachvollziehbar. 40 Jahre harte körperliche Arbeit sind tatsächlich in der Regel genug.

Akademiker, die die Segnungen des Studentenlebens genossen haben und deren härteste körperliche Beansprachung heute im klassischen “Maus-Arm” durch Überbeanspruchung bei der Benutzung des optischen Bediengerätes stehen, sollten dagegen gerne auch mit 70 noch eine ruhige Kugel schieben müssen. wenn sie etwa nach 28 Semestern “vergleichende Religionswissenschaften” endlich ins Berufsleben eintreten.

Abgesehen von der Polemik (siehe oben), die hier vergleichenden Religionswissenschaftlern und Studenten im allgemeinen angediehen wird, ist es doch wirklich eine interessante Frage, warum die Sache mit den Beitragsjahren kaum Aufmerksamkeit in der allgemeinen politischen Diskussion findet. In den Medien werden für gewöhnlich nur zwei Standpunkte aufeinander gehetzt: Der realistische, der sieht, dass es zu einer Erhöhung des durchschnittlichen Rentenalters aufgrund der Demographie keine Alternative gibt – und der sozialromantische, der eine Beibehaltung des Rentenalters fordert, weil man so lange schließlich nicht arbeiten könne.

Da sind ja sogar die Stammtische noch vernünftiger, denn dort geht es (genau wie bei der IG Metall) vor allem um den Unterschied zwischen verschiedenen Berufsgruppen. Dass ein Bürojob eben auch mit 70 noch zu machen ist, während ein Stahlkocher oder Dachdecker bereits mit 55 schon größte Schwierigkeiten hat, seine Arbeit noch zu erledigen. Von den Kumpels unter Tage mal ganz zu schweigen.

Also, warum ist nicht die scheinbare Traumlösung der Kopplung an die Beitragsjahre die Sache, über die wir (und die Medien sowie die Politik) diskutieren?

Ähnliche Beiträge


11 Kommentare zu “Warum eigentlich nicht?”

  1. Mathias
    5.02.2007 | 6:34

    Als Student haette ich kein Problem mit der Ankopplung des Renteneintrittsalter an die Zahl der Beitragsjahre. Das schiene mir logisch und gerecht. Das Problem ist nur, dass ich komplett gegen staatliche Renten bin, weil sie mir mein Geld wegnehmen und es ineffizient einsetzen. Ausserdem, wenn wir alle mal ganz realistisch und ehrlich sind, koennen wir, als juengere Menschen, auch nicht mehr viel von der Staatsrente erwarten. Die Umlagefinanzierung ist am kollabieren aber in Deutschland verschliessen alle die Augen und lenken mit Diskussionen ueber das Eintrittsalter von den wahren Problemen und deren moeglichen langfristigen Loesungen ab. Es wird so laufen wie mit der Mehrwertsteuer: Alle diskutieren ueber mehrere Jahre eine Anhebung um einen Prozentpunkt und am Ende wird sie um 3 Prozentpunkte angehoben, da die Realitaet ploetzlich vor der Tuer steht und einem keine Wahl mehr laesst, wenn man den Staatshaushalt ueber die Runden bringen moechte. So sehe ich Deutschland in wenigen Jahrzehnten bei einem Eintrittsalter von 70 und mehr, wenn es nichts am Prinzip aendern.

    Ich persoenlich wuerde es begruessen, wenn ich selber entscheiden koennte, wie lange ich arbeite (gerade auch laenger, wenn ich das moechte) und wie ich mein Geld fuer meine Vorsorge einsetze. Das waere in meinen Augen der richtige Schritt zu einer echten Loesung.

    Also, warum ist nicht die scheinbare Traumlösung der Kopplung an die Beitragsjahre die Sache, über die wir (und die Medien sowie die Politik) diskutieren?

    Medien = Journalisten = ehemalige Studenten = Eltern von Studenten
    Politiker = Anwaelte/Lehrer/Beamte = ehemalige Studenten = Eltern von Studenten

    Das waere mal mein spontaner, wenn auch polemischer, Erlkaerungsversuch.

  2. 5.02.2007 | 8:15

    Das Problem ist nur, dass ich komplett gegen staatliche Renten bin, weil sie mir mein Geld wegnehmen und es ineffizient einsetzen.

    Ich glaube wir brauchen definitv mindestens eine Art “Pflicht zur Versicherung”. Die Gefahr, dass schon signifikante Anteile der Rentner nicht ausreichend frewillig privat vorgesorgt haben und dann auf der quasi-garantierten steuerfinanzierten Grundrente (Sozialhilfe) angewiesen sind und damit komplett von der Gemeinschaft getragen werden müssen, ist zu hoch und rechtfertigt die “Pflicht”

    Ich habe meine Zweifel an dem polemischen Erklärungsversuch. Mein polemischer Erklärungsversuch: Die beteiligten Politiker (aber nicht alle z.B. Daniel Bahr) denken zu sehr im bestehenden System. Vielleicht weil sie zu lange in dem bekanten System gedacht haben, vielleicht weil sie das Risiko einer Neuorientierung bei etwas so wichtigen und langfristigen wie der Rente scheuen (was aber zu kurz gedach ist). Dazu kommt der “Trend” in Deutschland möglichst alles gleich zu regeln.
    Wie unsinnig die Diskussion über 65/67/69 ist, zeigt doch schon ein Blick auf das reale Renteneintrittsalter (laut Wikipedia) bei 61 – 63.

  3. DF
    5.02.2007 | 9:13

    viel Polemik, viel immergleiches, viel Bellizismus, viel Verachtung für Andersdenkende.

    Wie jetzt? Wer sind denn die Bösen in der momentanen Mannschaft?

  4. Llarian
    5.02.2007 | 11:27

    In der Rentendiskussion fehlt das entscheidende Details. Wie lange jemand eingezahlt hat ist nicht das wichtigste. Erheblich schwerwiegende ist, wie lange er kassieren wird. Denn diese Jahre sind in der Wirkung fünffach erheblich. Wenn also der Stahlkocher 40 Jahre gearbeitet hat (er hat früh angefangen), mit 55 in Rente geht und jetzt noch 20 Jahre lebt (nach heutiger Lebenserwartung), dann ist das ein Verlust für die Rentenkasse von 6-12 Jahren “Stahlkocherlohn”. Seine Gegenleistung in den Beitragsjahren zuvor entspricht 20% a 40 Jahre, ohne Zinsen also 8, ingesamt vielleicht 14 Jahren Lohn.
    Der Akademiker, der bis 70 arbeitet hat vielleicht nur 35 Jahre gearbeitet. Lebt aber statistisch auch nur bis 75. Kassiert also 5 Jahre. Seine Gegenleistung ist in dem Beispiel deutlich negativ, wenigstens 2 Jahre “Akademikerlohn”. (Das Beispiel ist extrem gewählt, soll nur die Unsinnigkeit der heutigen Debatte zeigen.) Die Knüpfung an die Vorleistung ist relativ einseitig ohne die Kosten zu sehen, die bei der frühen Verrentung anfallen.
    Davon mal ab finde ich es geradezu absurd: Ich kenne Malermeister, die noch mit 70 kloppen (ist ja ihr Betrieb), Elektromeister die im selben Alter noch Leitungen verlegen und Gärtner die im selben Alter noch Hecken beschneiden und den Rasenmäher schwingen. Am körperlichen kann es also schlecht liegen, es sei denn Handwerker würden gesünder leben als ihre Angestellten. Das halte ich für unwahrscheinlich. Und man schaue mal über den grossen Teich: In Amiland ist es vollkommen usus, dass jemand, der kein Stahlkocher mehr sein kann, irgendwo Hausmeister wird, Beete bepflanzt oder irgendwo Zigaretten verkauft. Man möge mich für bekloppt erklären (böser Neocon der ich bin), aber ich emfinde die Einschätzung eines 55-jährigen Menschen als arbeitsunfähig als ein wenig pervers. Wenn ichs mal umgekehrt sehe und mir vorstelle, dass mir, wenn ich 55 bin, jemand erzählen will, ich müsste jetzt in Rente gehen, dem werde ich was husten.

  5. 5.02.2007 | 11:47

    @dirkmeister:
    Schön gesagt; ich denke, da hast du recht.

    @DF:
    Ach, was heißt denn “Böse”, das ist doch quatsch. Jeder hat seinen eigenen Stil, und der, der von den meisten “Freunden” gepflegt wird, ist eben nicht so mein Fall. Aber da Du von “aktueller Mannschaft” sprichst, haben sich da wohl Änderungen bei eurer Autorenliste ergeben? Ich schaue vielleicht mal etwas öfter rein, möglicherweise kann ich ja Vorurteile abbauen…

    @Llarian:
    Die finanzielle Gerechtigkeit war ja nicht unbedingt der Gegenstand unserer Überlegungen – aber interessant, dass Du darauf hinweist. Für uns ging es eher um die Leistungsfähigkeit, die eben nach körperlicher Härte der Arbeit unterschiedlich schnell abnimmt.
    Im Übrigen kenne ich auch mindestens einen Hundertjährigen, der noch auf der Bühne steht und singt. Das würde ich aber nicht allen Hundertjährigen empfehlen… ;)

  6. R.A.
    5.02.2007 | 11:59

    Llarian hat schon den entscheidenden Punkt gebracht: Das Renteneintrittsalter definiert halt zwei Punkte – das Ende der Einzahlung UND den Beginn der Auszahlung.

    Und die Länge des Rentenbezugs wird in der öffentlichen Debatte fast immer vergessen …

    Im übrigen: Die Zahl der Beitragsjahre geht auch heute schon direkt und wesentlich in die Berechnung der Rentenhöhe ein, irgendwelche Grenzen der Art “muß x Jahre gearbeitet haben” sind völlig unsinnig.

  7. 5.02.2007 | 14:05

    @Karsten

    Ich sehe es wie Mathias:
    Sinnvoller, als Bürokratien damit zu beschäftigen, Beitragsjahre, vielleicht noch branchenabhängig unter Anrechnung von diesem und jenem zu zählen, sollte man Private damit beschäftigen und die Früchte des dann einsetzenden Wettbewerbs ernten.

    Vielleicht mit der von Dirk erwähnten Versicherungspflicht, vielleicht aber auch mit einer staatlichen Grundrente (minimalsten Umfangs).

    “Rente mit 67″, “Rente mit 70″ etc. sind doch nur Spielwiesen für unsere liebe Staatsbürokratie und deren Wurmfortsatz, den Gewerkschaften und Verbänden. Teuer, ineffizient, verschwenderisch.

  8. Llarian
    5.02.2007 | 14:30

    Für uns ging es eher um die Leistungsfähigkeit, die eben nach körperlicher Härte der Arbeit unterschiedlich schnell abnimmt.

    Dann stellte sich die Frage, warum Handwerksmeister ihre Leistungsfähigkeit schneller verlieren sollen als ihre Angestellten. Ich halte das, gelinde gesagt, für Käse. Wie kommt es, dass die Amis dann mit 55 noch nicht am Ende sind ? Ist es ein deutsches Phänomen ? Und natürlich stellt sich die Frage nach der Gerechtigkeit, wenn jemand Geld eines anderen haben will, denn nichts anderes ist die Rente ja. Und warum soll ein 60-jähriger Fleischer seinem Nachbarn, dem 58-jährigen Dachdeckergesellen im Ruhestand sein Leben finanzieren, während der durchaus noch was tun könnte ?
    Herrschaftszeiten, wir haben eine Lebenserwartung von fast 80 Jahren. Da ist die Idee jemanden mit 55 aufs Altenteil zu schieben einfach absurd. Man muss kein Ökonom sein, um zu sehen, dass das die Rentenfinanz vollkommen torpediert. Wie hoch muss wohl ein Rentenbeitrag sein, um sowas zu finanzieren ? Da wäre man mit 50% noch niedrig dabei.

  9. Llarian
    5.02.2007 | 14:31

    Sorry, der erste Satz ist natürlich zu invertieren: Es wäre zu klären, warum ein Handwerksmeister seine Leistungsfähigkeit WENIGER schnell verlieren soll als seine Angestellten.

  10. R.A.
    5.02.2007 | 15:19

    @Llarian:
    > Und natürlich stellt
    > sich die Frage nach
    > der Gerechtigkeit,
    > wenn jemand Geld
    > eines anderen haben
    > will, denn nichts
    > anderes ist die
    > Rente ja.
    Völlig richtig.
    Denn WENN sich herausstellen sollte, daß Branche X so mörderische Arbeitsbedingungen hat, daß die Leute mit 55 allesamt und automatisch arbeitsunfähig sind: Dann können die Kosten dafür doch nicht auf die Allgemeinheit umgelegt werden.

    Sondern dann muß das von vorneherein in dieser Branche eingepreist werden.

  11. 7.02.2007 | 17:29

    Da schreibt man nun einen Beitrag fürs Blog und löst zwei unbeabsichtigte Diskussionen aus.

    Mir ging es um die Frage, ob die IG Metall mit dem deFacto ersten politischen Streik eine Grenze überschreitet, die den Rechtsstaat untermeniert. Wilde politische Streiks, die vermutlich nur der “Mobilisierung” der Beschäftigten dienen sollen und für die die Unternehmen die Zeche zahlen.

    Dabei habe ich konstatiert, dass innerhalb des Gesamtsystems “Gesetzliche Rentenversicherung” das Argument etwas für sich hat, die Anzahl der Beitragsjahre für den Renteneintritt zugrunde zu legen und nicht ein statisches Alter, ob nun 67 oder 70. Dem liegt der Gedanke zugrunde, dass die, die mit Eintritt in die Lehre mit 15 oder 16 anfangen, Beiträge zu zahlen, einen erheblich höheren Beitrag leisten, als diejenigen, die nach langer Studien- und Ausbildungszeit mit der Einzahlung beginnen.

    Auf der FdoG – Seite entspannte sich darauf hin eine historisches Proseminar um die Frage, woran die Weimarer Republik gescheitert war.

    Hier nun die Frage um die statische Altersgrenze im speziellen und die gesetzliche Rentenversicherung im allgemeinen.

    Dazu werden die geneigten Leser der FdoG Seite in Kürze ein umfangreicheres Traktat lesen können, dass ich zum 50. Jahrestag ihrer Einführung 1957 nicht rechtzeitig fertiggestellt habe (im gewohnten Stil). Deshalb hier nur die Quintessenz: die umlagefinanzierte Rentenversicherung á la Adenauer war der Sargdeckel der sozialen Marktwirtschaft. Sie ist aufgrund der fehlenden Kapitaldeckung nicht finanzierbar und muss schnellstmöglich in ein kapitalgedecktes Verfahren umgewandelt werden.

    Dabei sollte diese kapitalgedeckte Säule durch das steuerfinanzierte Bürgergeld ergänzt werden, das die Beitragslast mindert.

    Privat und kapitalgedeckt ist besser als staatlich und umlagefinanziert. Die Generation der heutigen Studenten guckt in jedem Fall in die Röhre, ob sie nun einen theoretischen Anspruch mit 65 oder 67 Jahren erwerben. Eingelöst wird er nicht werden

Bad Behavior has blocked 1453 access attempts in the last 7 days.