20. Dezember 2006
Solidarität
Linke rufen ja gern zu Solidarität mit diesem und jenem auf. Was dem Liberalen Eigenverantwortung und Eigentum ist dem Linken wohl die Solidarität mit den Entrechteten. Und das ist ja nicht unbedingt ein unsympathischer Zug. Allerdings kippt das irgendwann ja meistens doch ins Robin Hood’sche und Gutes wird dann am Liebsten mit fremder Leute Geld getan (was ja zugegebenermaßen bequemer ist als die christliche Variante des Helfens).
Ja, die linke Liebe zum Solidaritätsappell…
Als DDR-Schüler durften wir regelmäßig auf Wandzeitungen und bei stramm zu stehenden Fahnenappellen unsere Solidarität mit den jeweils aktuell vorgegebenen Solidaritätsadressenempfängern bekunden.
Als ich das erste Mal nach dem Mauerfall nach Hamburg kam und mir mit einem Freund einen Reeperbahnbummel gönnte (wir waren jung, neugierig und etwas unbedarft), erstaunten mich junge, vermummte, schwarz-rot gekleidete Leute, die die alten DDR-Parolen, denen wir gerade gelangweilt den Rücken gekehrt hatten, schick zu finden schienen. Sie riefen rhythmisch: “Hoch die internationale Solidarität!” und marschierten über die Sündenmeile (die Lust am Marschieren ist aus den Deutschen wohl nicht herauszubekommen).
Mir ist nicht klar geworden, zu welcher Solidarität mit wem dort aufgerufen wurde. Ob vermummte, schwarz-rot Gekleidete anderer Länder in Not geraten und der Solidarität deutscher Gleichuniformierter bedürftig geworden waren, ob es um die Prostituierten St.Paulis ging – ich weiß es nicht.
Hier ruft nun che2001 zu Solidarität mit einer Frau auf, die nach eigenen Angaben von ihrer Sozialbeamtin offensichtlich recht miserabel behandelt wurde.
Solidarität mit Opfern von Behördenwillkür hat meine ganze Sympathie.
Ich behaupte, dass solche Missbräuche nicht nur auf dem Sozial- und Arbeitsamt beobachtet werden können. Nein, überall, wo Menschen Macht über andere Menschen gegeben wird, gibt es Charakterschweine oder durch Überforderung in zynische Unmenschlichkeit Getriebene. So könnte ich Geschichten aus Krankenhäusern und Pflegeheimen erzählen, wo das Zusammentreffen von Macht auf der einen und Hilfsbedürftigkeit auf der anderen Seite nicht nur zu edlem Tun Anlass gab.
Die Konsequenz aus solchen Geschichten kann meiner Meinung nach nur sein, dass man möglichst vermeiden sollte, Menschen Verfügungsgewalt über andere Menschen zu geben.
Das bedeutet für einen Liberalen, dass staatliche oder staatlich legitimierte Macht (denn nur diese verfügt mittels des Gewaltmonopols über tatsächliche Macht) über den Menschen und sein Eigenes auf das Minimum reduziert werden muss.
Wie sieht die linke Konsequenz aus? Anarchismus? “Keine Macht für niemand?” Das wäre konsequent. Allerdings unterläuft die damit wohl verbundene Ablehnung der Unantastbarkeit des Eigentums das eigentliche Ziel und liefert den Menschen eben doch wieder anderen aus. Indem die Verfügbarkeit über das Eigene, über die Produkte eigenen Tuns der Verfügung Anderer unterworfen werden. Und man wieder nur hoffen kann, dass zu diesen Anderen nicht zufällig die Sozialbeamtin gehört, die die von che2001 zitierte Frau drangsalierte.
Andere nicht-anarchistische linke Konsequenzen, die über Einzelfallsolidarität hinausgehen, scheinen mir entweder die Forderung nach Einführung des Schlaraffenlandes (Jeder bekommt so viel, wie er möchte) zu sein, oder die Illusion des guten Diktators, des charakterlich besseren Beamten.
Warum machen solche Geschichten che2001 also nicht zum Liberalen? Ich versteh es nicht.
Verfasst von Boche um 15:09 Uhr in der Kategorie Grundsatzfragen, Politik (Trackback)
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