10. Dezember 2006
Demographie und Kriegsneigung
Zum Krieg im Nahen Osten, aber auch in anderen Krisenregionen der Welt, gibt es verschiedene Theorien über die Ursache. Immer populärer wird augenblicklich die “Youth Bulge”-Theorie, die vor allem vom Demografen und Konfliktforscher Gunnar Heimsohn aus Bremen vertreten wird. Danach ist es vor allem eine hohe Geburtenrate, die (mit einer gewissen Verzögerung) zu einer wesentlichen Ursache kriegerischer Handlungen wird. Ein starker Überschuss an jungen Männern in der Bevölkerung führt nach dieser Theorie dazu, dass sich nicht für alle dieser Männer adäquate Chancen auf Selbstverwirklichung und Etablierung (sozial und ökonomisch) innerhalb der Gesellschaft finden. Dies wiederum erzeugt Aggression und Gewalt innerhalb dieser Bevölkerungsgruppe, die sich ihrerseits in äußerer Aggression, also Kriegen, entlädt.
Wie Oliver Luksic schreibt, waren Heinsohns Thesen offenbar auch Thema beim “Philosophischen Quartett” im ZDF. Oliver hat auch die ZDF-Seite verlinkt, wo man sich die Diskussionsrunde online noch einmal ansehen kann.
Stimmt man Heinsohn zu, dass die Demografie die wesentliche Ursache für Kriege ist, dann kann man daraus schließen, dass sich durch eine Einwirkung auf diese Entwicklung die Anzahl und Intensität gewalttätiger Konflikte weltweit verringern lassen würde. Ich bin allerdings von dieser Theorie nicht völlig überzeugt. Die Forschungsergebnisse belegen nur, dass dem Ausbruch eines Krieges oft eine erhöhte Geburtenrate und ein Anwachsen der Zahl junger Männer vorausgehen – nicht aber, dass hier auch die wirkliche Ursache liegt.
Denn was würde ein Volk, das mehrheitlich davon überzeugt ist, dass innerhalb der nächsten zwei Jahrzehnte ein Krieg mit einem anderen Volk (aus welchem Grund auch immer) unvermeidlich ist, tun? Wozu würde ein Anführer, der diese Überzeugung mit sich trägt, seine Bürger auffordern? Natürlich dazu, mehr Kinder (und vor allem Söhne) zu zeugen. Denn schließlich werden Soldaten gebraucht, und nur ein starkes Volk kann den (wahrgenommenen) Feind bezwingen. Eine Aufforderung, die Geburtenrate zu begrenzen und weniger Söhne in die Welt zu setzen, könnte von Menschen, die in dieser Linie denken, sogar als eine Art Kriegslist – eine präventive Schwächung der eigenen Kampfstärke – verstanden werden.
Insofern kann man die demographische Entwicklung sicher als einen Indikator für das Anwachsen der Kriegsgefahr sehen; ob es sich dabei allerdings wirklich um die wichtigste Ursache von Kriegen handelt, darf bezweifelt werden.
Verfasst von Karsten um 18:49 Uhr in der Kategorie International, Politik (Trackback)
28 Kommentare