Zwei Meldungen, ein Thema

Man vergleiche bitte mal diese SPON-Meldung und diesen Artikel in der WELT (oder diesen taz-Beitrag).

Mag sein, dass ich Eulen nach Athen trage, wenn ich nachzuweisen versuche, dass der SPIEGEL ein Boulevardblatt ist. Aber dass das Eingeständnis der Forscher, die arktische Eisentwicklung keineswegs endgültig verstanden zu haben und damit noch längst nicht sicher vorhersagen zu können, beim Hamburger Käsejournal einfach weggelassen wird, scheint mir – gerade bei diesem Thema – symptomatisch zu sein.

Ein positiver Effekt der ständigen, sachfernen oder verfälschenden Panikmache durch den Boulevard ist aber vielleicht die mediale Abhärtung der Menschen.
Wer seit Jahrzehnten erzählt bekommt, dass die Welt untergeht, weil die Robben sterben oder das Öl längst verbraucht oder alle AKW längst explodiert sind und wer das alles überlebt hat, dem machen SPON und BILD wohl nicht mehr allzu große Angst. Hoffe ich. Wobei die Popularität von Künast und Seehofer dagegen sprechen könnten.

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9 Kommentare zu “Zwei Meldungen, ein Thema”

  1. 6.12.2006 | 10:42

    SpOn schreibt “möglicherweise”, die Welt schreibt “wenn, dann wird…” und die taz “könnte”.

    So gesehen ist das meimer Meinung nach bei allen ausreichend eingeschränkt. Nur erklärt SpOn dann schlechter.

    Schwarze Pixel sind vielleicht teuer. Oder SpOn hat halt so kluge Leser, die wissen, dass Computermodelle nicht die Zukunft vorhersagen. Denen muss man das nicht dauern sagen wie tazigen Weltbewohnern.
    ;-)

  2. 6.12.2006 | 10:52

    Abgesehen von der bei SpOn notorischen schlampigen Recherche – klassischer Boulevardjournalismus ist das IMO nicht. Der “Spiegel” ist schon seit Jahren eine Hochburg des Gesinnungsjournalismus (etwas, was man früher eher der taz oder, mit anderen politischen Vorzeichen, der Welt nachsagte). Für viele Spiegel-Redakteure scheint Journalismus vor allem eine Frage der richtigen Gesinnung zu sein. Sie wollen Betroffenheit erzeugen, überzeugen, agitieren und im zunehmenden Maße ihren Stammlesern das Gefühl geben, zu den “Guten” zu gehören. Die Nachrichten haben sich danach zu richten.
    (Das auch kommerzielle Erwägungen, im Sinne von: “Nur eine schlechte Nachricht ist eine gute Nachricht” eine zunehmende Rolle spielen, bestreite ich überhaupt nicht.

    Neben dem Gesinnungsjournalismus, mit erhobenen Zeigefinger, ist eine einreißende “Krankheit” vielen einst seriösen Medien der “Gonzo-Journalismus”.
    Im Gonzo-Journalismus fällt die objektive Schreibweise völlig weg, der Autor st gnadenlos subjektiv und setzt sich selbst in Beziehung zu den Ereignissen. So vermischen sich reale, autobiographische und oft auch fiktive Erlebnisse. Sarkasmus, Schimpfwörter, Polemik und Zitate werden als Stilelemente verwendet.

    Zugegeben, Gonzo-Texte lesen sich flott, bringen Spaß und sind das bevorzugte Sujet vieler erfolgreicher Blogger. (Vieles von dem, was ich in meinem Blog senfe, ist Gonzo pur.) Es ist aber kein Journalismus, sondern eine Literaturform, und hat im Spiegel oder auch im Stern nichts verloren.

    Im Stern erschien vor zwei Wochen ein Musterbeispiel des Gonzo-Stils, ein polemischer, denunziatorischer und vor subjektiven Einschätzungen und sachlichen Fehlern nur so strotzenden Artikel über die Science-Fiction Romanserie “Perry Rhodan”. Es ist zwar nur ein Randthem, aber ein Bezeichnendes:
    http://www.stern.de/unterhaltung/comic/:Perry-Rhodan-Ein-Held/577421.html
    (Steicht man in dem Artikel alles, was nicht den Tatsachen entspricht, bleibt eine Kurzmeldung übrig.)

  3. 6.12.2006 | 10:53

    taz und Welt erwähnen die von den Wissenschaftlern selbst geäußerten Zweifel an der derzeitigen Vorhersagbarkeit.
    SPON unterschlägt das.
    Und ich vermute nicht, dass es aus Vertrauen auf die kritische Intelligenz seiner Leser geschieht.

  4. 6.12.2006 | 10:59

    @Martin

    Wenn das:

    Sie wollen Betroffenheit erzeugen, überzeugen, agitieren und im zunehmenden Maße ihren Stammlesern das Gefühl geben, zu den “Guten” zu gehören. Die Nachrichten haben sich danach zu richten.

    Kennzeichen von Gesinnungsjournalismus ist, habe ich aber Mühe, den Unterschied zum Boulevard zu erkennen.

  5. 6.12.2006 | 11:20

    Ja, allzuweit liegt das nicht auseinander. Der Unterschied liegt vor allem im Motiv: Ein Gesinnungsjournalist sieht sich als “Propagandist einer guten Sache”, während einem Boulevardjornalisten die Inhalte seiner aufwühlende Sensationsstories im Zweifel schnuppe sind – Hauptsache, sie “kommen an”. Verhinderte Schulmeister findet man in der BILD-Redax wohl selten, eher abgebühte Zyniker.

  6. 6.12.2006 | 11:26

    Bist du sicher, dass die SPONtis heutzutage tatsächlich noch ein propagandistisches Motiv haben?
    Dafür scheint mir die Zielsetzung zu beliebig, zu modeabhängig.

  7. Hardy
    6.12.2006 | 13:47

    @Martin
    Danke für den Link. Der Schreiberling beim Stern scheint noch nicht einmal ein einziges Heft gelesen zu haben. Das merke sogar ich, obwohl ich ca. bei Band 600 aufhörte.

  8. 6.12.2006 | 14:42

    Gelesen hat er dafür wahrscheinlich jene “Konkret” von anno 1969, in der Perry Rhodan faschistisches Gedankengut unterstellt wurde. Allerdings nicht auf gozo-journalistisch, sondern auf verschwurbelt-klassenkämpferisch.
    K. H. Scheer war bei Kriegsende gerade mal 16, und mit seiner freiwilligen Meldung zur Kriegmarine / U-Bootwaffe vermied er es, im “Volkssturm” verheizt zu werden. Der andere Gründervater der Perry Rhodan-Serie, Walter Ernsting (Clark Darlton) stand wegen seiner oppositionellen Haltung 1942 vor dem Kriegsgericht, sechs Wochen Einzelarrest, danach “Frontbewährung” bei einem “Bewährungsbatallion” an der Ostfront. Er konnte von Glück sagen, dass er das – und die lange Gefangenschaft nach dem Krieg – überlebt hatte.
    Ernsting vertrat in seinen Romanen von Anfang an friedliche Töne, Scheer war wirklich der Mann fürs Ballern, allerdings ohne politsch rechte Einstellung.

    So gesehen ist der Artikel glatt verleumderisch.

  9. 6.12.2006 | 14:53

    Als Ergänzug das, was Klaus N. Frick (Chefredakteur von Perry Rhodan, außerdem “alter Punker” und Antifa-Aktivist) dazu in seinem Blog schreibt:

    http://enpunkt.blogspot.com/...

    Er nimmt es recht gelassen – bleibt ihm auch nichts anderes übrig, da der Stern-Artikel wohl nicht gegendarstellungsfähig ist.

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