Verrohung der Gesellschaft – und “Lösungsansätze”

Aus den Nachrichten der letzten Tage:

Zwei Häftlinge in einer Strafanstalt foltern Mithäftling zu Tode

Krankenpfleger wird für 28-fachen Mord an Patienten verurteilt

Amokläufer verletzt 27 Menschen und tötet sich selbst

Und da ist es mit Sicherheit ein probates Mittel gegen eine Wiederholung des letzten Falles, einfach irgendwelche Spiele zu verbieten. Man kann ja auch keine Ähnlichkeit zu den anderen Beispielen sehen, die vielleicht ein anderes Herangehen an die Situation nahelegen würden. Ganz gewiss nicht. Vor allem, da es für diese Täter ja auch keine Vorbilder aus der echten Welt gibt. Überhaupt keine.

Hohler Aktionismus kotzt mich an – vor allem, wenn er von den wahren Ursachen ablenken soll. Weil man sie nicht sehen will. Oder weil für ihre Bekämpfung kein Geld locker gemacht werden soll.

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22 Kommentare zu “Verrohung der Gesellschaft – und “Lösungsansätze””

  1. 21.11.2006 | 13:27

    Das Politikergehirn scheint die Komplexität der Welt gern mit reflexhaften Reaktionen beantworten zu wollen (Energieersparnis?). Und da gibt es zum Reiz “Massaker in einer Schule” eben die Reaktion “Verbot von Killerspielen”.
    (Bis vor einigen Jahren gab es noch die Reaktion “Warnung vor amerikanischen Verhältnissen” und die Assoziation zu Bildern der Propaganda eines fetten, reichen, amerikanischen Propaganda-Unternehmers. Aber das passt irgendwie nicht mehr, wenn derlei schlimme Dinge in der deutschen Provinz geschehen.)

    Deinen Artikel betreffend frage ich mich allerdings drei Dinge:
    Glaubst du tatsächlich, dass die Gesellschaft objektiv verroht?
    Was stellst du dir als Ursache vor (die von dir genannten “Vorbilder”?)?
    Und was wären denn deiner Meinung nach die von der Politik statt des zu besichtigenden hohlen Aktionismus’ zu ergreifende Maßnahmen?

  2. 21.11.2006 | 13:42

    @Boche:
    Eine Verrohung der ganzen Gesellschaft ist es vielleicht nicht, das war eher ein polemischer Denkanstoß. Aber: Ich glaube, dass die Hemmungen vor Gewalt tatsächlich geringer werden. Insbesondere unter jungen Menschen, aber auch in Teilen sozial abgehängter Gruppen (bspw. muslimische Fundamentalisten) kann man eine wachsende Gewaltneigung beobachten, die sich sowohl in “kleineren” Gewaltakten als auch in Amokläufen und Terroranschlägen äußert.

    Die Ursachen sehe ich sehr vielfältig.
    Erstens eine sich weiter ausbreitende wirtschaftliche Stagnation und Umverteilung, die bei weiten Bevölkerungsteilen zu einer Empfindung des wirtschaftlichen und sozialen Abstiegs mit einhergehender Hoffnungslosigkeit führt.
    Zweitens ein zunehmendes “Verzweifeln an der Moderne” (frei nach Popper), das von einigen durch die radikale Hinwendung zu alten Wert- und Normmustern beantwortet wird, von anderen durch die völlige Zurückweisung solcher Kategorien. In beiden Fällen kann das Grundlage für extreme Gewaltakte sein.
    Drittens (und da spielen die von mir genannten “Vorbilder” eine Rolle) ein Anwachsen der außerweltlichen Gewalttätigkeit und ihrer medialen Darstellung, die vielfach auch ein Anwachsen der innerweltlichen Gewaltbereitschaft nach sich ziehen (hier eben das Stichwort “Verrohung”).
    Sicherlich mag es noch weitere ursächliche und begünstigende Einflüsse geben, dies aber sind die drei Faktoren, die mir zuerst in den Sinn kommen.

    Die Frage nach den Maßnahmen ist definitiv die schwierigste, die Du mir hier präsentierst. Insbesondere deshalb, weil ich nicht glaube, dass sich nur durch staatliche Maßnahmen überhaupt etwas erreichen lassen würde. Leider ist das Phänomen m. E. nach eines der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung.
    An staatlichen Maßnahmen anbieten würden sich aber ein breiteres und niederschwelligeres Angebot an Familien- und Erziehungshilfen, eine deutliche Verbesserung des Bildungssystems (besonders bezüglich der “Problemkinder”, die heute oft fallen gelassen werden) sowie eine Reform des Jugendstrafrechts und -vollzugs (früheres Eingreifen mit einer Kombination aus mehr Härte und mehr Hilfe).

  3. 21.11.2006 | 14:09

    @Karsten

    Ob die Neigung zu Gewalt heute ausgeprägter ist als gestern – ich würde das nicht so schnell beantworten können.

    Sicher – in den Problemgruppen unserer Gesellschaft (Migrantenfamilien, Unterschicht etc.) dürfte das Problem gravierender sein als beim Rest (wobei man mal schauen müsste, ob der “Todespfleger” oder der Schul-Ballermann nicht aus ganz normalen Verhältnissen stammen) – aber war das vielleicht nicht schon immer so?

    Die Ursachen sehe ich sehr vielfältig.
    Erstens eine sich weiter ausbreitende wirtschaftliche Stagnation und Umverteilung, die bei weiten Bevölkerungsteilen zu einer Empfindung des wirtschaftlichen und sozialen Abstiegs mit einhergehender Hoffnungslosigkeit führt.

    Das wäre ein möglicher Grund. Hoffnungslosigkeit (z.B. durch erzeugte Abhängigkeit von staatlichen Almosen) kann sicher in Aggressivität umschlagen.

    Zweitens ein zunehmendes “Verzweifeln an der Moderne” (frei nach Popper), das von einigen durch die radikale Hinwendung zu alten Wert- und Normmustern beantwortet wird, von anderen durch die völlige Zurückweisung solcher Kategorien.

    Das kann ich nicht so recht nachvollziehen. Ich könnte mir vorstellen, dass auch das Leben Gesellschaften, die durch ein festes Wert- und Normmuster gekennzeichnet sind, Gewaltpotential bietet.

    Drittens (und da spielen die von mir genannten “Vorbilder” eine Rolle) ein Anwachsen der außerweltlichen Gewalttätigkeit und ihrer medialen Darstellung, die vielfach auch ein Anwachsen der innerweltlichen Gewaltbereitschaft nach sich ziehen (hier eben das Stichwort “Verrohung”).

    “Außerweltlich” (komischer Begriff) dürfte heute kaum mehr Gewalt stattfinden als früher.
    Aber die mediale Darstellung dessen, was da passiert, ist wohl tatsächlich umfangreicher und auch hemmungsloser.
    Wenn das – was ich nicht als zwangsläufig und offensichtlich ansehe – zu verstärkter Gewalttätigkeit bei den Konsumenten dieser medialen Darstellung führt, wäre das aber vielleicht sogar ein Argument für das Verbot der “Killerspiele”.

    An staatlichen Maßnahmen anbieten würden sich aber ein breiteres und niederschwelligeres Angebot an Familien- und Erziehungshilfen

    Die Frage ist natürlich, ob man mit solchen Hilfen, wenn man sie nicht zwangsweise verordnen will, wovon ich ausgehe, die echten Problemfälle erreicht.

    eine deutliche Verbesserung des Bildungssystems (besonders bezüglich der “Problemkinder”, die heute oft fallen gelassen werden)

    Verbesserung? In welcher Richtung?

    eine Reform des Jugendstrafrechts und -vollzugs (früheres Eingreifen mit einer Kombination aus mehr Härte und mehr Hilfe).

    Hier kenne ich mich nicht aus und weiß nicht, was aktueller Stand ist.

  4. 21.11.2006 | 14:32

    ich hab bei mir den “abschieds”brief des amokläufers on gestellt. also wenn man gegen gesellschaftliches versagen nun nur noch computerspiele verbieten muss… na dann sind wir ja alle probleme los.

    es dürfte jedenfalls offensichtlich sein, dass es sich hier kaum um computerspiele als auslöser handelt. das war n schwerstdepressiver mensch, der keinerlei halt durch sein umfeld hatte.

    aber es ist immmer sehr leicht, die schuld bei filmen, spielen oder sonstwas zu suchen. da muss man nix tun und ist trotzdem offiziell aktiv gegen das böse. politiker halt… die lügen laufend. ich wäre für n verbot des berufsstands. :)

  5. 21.11.2006 | 14:36

    @Boche:

    Ob die Neigung zu Gewalt heute ausgeprägter ist als gestern – ich würde das nicht so schnell beantworten können.

    Gewaltforscher schon. Und die haben eine solche Steigerung gewalttätigen Verhaltens ermittelt – wie gesagt, vor allem in den von mir angegebenen Gruppen.

    Sicher – in den Problemgruppen unserer Gesellschaft (Migrantenfamilien, Unterschicht etc.) dürfte das Problem gravierender sein als beim Rest (wobei man mal schauen müsste, ob der “Todespfleger” oder der Schul-Ballermann nicht aus ganz normalen Verhältnissen stammen) – aber war das vielleicht nicht schon immer so?

    In Problemgruppen war die Gewaltneigung immer schon höher. Der Amokläufer von Emsdetten kam aus “ganz normalen” Verhältnissen. Das akute Gewaltproblem ist vor allem das, dass die höhere Gewaltneigung bei Menschen aus “ganz normalen” Verhältnissen durchschlägt und eben nicht mehr nur auf Migranten und Unterschicht beschränkt ist. Werden Dir auch viele Lehrer an Schulen aus “guten Stadtteilen” bestätigen.

    Das kann ich nicht so recht nachvollziehen. Ich könnte mir vorstellen, dass auch das Leben in Gesellschaften, die durch ein festes Wert- und Normmuster gekennzeichnet sind, Gewaltpotential bietet.

    Das Gewaltpotenzial, von dem ich spreche, stammt nicht unmittelbar daraus, dass unsere Gesellschaft kein festes Wert- und Normmuster hat, sondern daraus, dass viele Menschen damit nicht zurechtkommen. Das führt zu einer “Desozialisierung”, einer Unzufriedenheit mit und einer Verzweiflung an der Gesellschaft, der eigenen Position darin und dem eigenen Verhältnis dazu. Und eine solche Situation birgt gewalttätigen Sprengstoff.

    “Außerweltlich” (komischer Begriff) dürfte heute kaum mehr Gewalt stattfinden als früher.
    Aber die mediale Darstellung dessen, was da passiert, ist wohl tatsächlich umfangreicher und auch hemmungsloser.

    Einerseits ist die gesamte Gewalt auf der Welt vielleicht nicht größer als früher. Sie ist aber näher an uns herangerückt – unsere eigenen Soldaten (und die unserer Verbündeten) stehen nun in gewalttätigen Konflikten, seit etwa 15 Jahren gibt es auch in Europa wieder Kriege und Terrorakte. Das führt dazu, dass die Aufmerksamkeit, die die Gesellschaft der Gewalt schenkt, wächst. Also von mir aus kein Vorwurf an die Medien, sondern nur eine Feststellung.

    Die Begriffe Außerweltlich/Innerweltlich habe ich wohl falsch verwendet (vielleicht kann MomoRules uns da weiterhelfen). Was ich meinte, ist Dir aber wohl klar geworden.

    Wenn das – was ich nicht als zwangsläufig und offensichtlich ansehe – zu verstärkter Gewalttätigkeit bei den Konsumenten dieser medialen Darstellung führt, wäre das aber vielleicht sogar ein Argument für das Verbot der “Killerspiele”.

    Das wäre es durchaus. Allerdings ein noch viel stärkeres Argument für das Verbot von Nachrichtensendungen im Fernsehen und ein Schweigegelübde für unsere Soldaten, die aus Afghanistan oder dem Kosovo zurückkommen. Denn reale Gewaltakte, die als Lebensnormalität hingenommen werden, haben wohl offensichtlich eine größere Wirkung als rein fantastische – jedenfalls bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die bereits gelernt haben, vollständig zwischen Realität und Fiktion zu unterscheiden.

    Die Frage ist natürlich, ob man mit solchen Hilfen, wenn man sie nicht zwangsweise verordnen will, wovon ich ausgehe, die echten Problemfälle erreicht.

    Möglicherweise schon, wenn sie nämlich früh genug einsetzen. Die meisten Hilfen, die wir heute im System anbieten, kommen zu spät – sie sind sog. “hochschwellige” Hilfen, die erst eine echte, überprüfbare Problemlage voraussetzen und dann eine schon explodierte Bombe entschärfen wollen. Früh einsetzende und eben “niederschwellige” Hilfen, die als “Angebot” und nicht als staatliches Zwangshandeln empfunden werden, erreichen die Problemfälle eben deutlich besser.

    Verbesserung? In welcher Richtung?

    In meiner natürlich. Was denkst Du denn? ;)

    Ernsthafter: Zum Beispiel in Hinsicht auf das Lehrer-Schüler-Verhältnis, auf extracurriculare Angebote oder die OGS, die ich für ein sehr gutes Konzept halte.

    Ich muss natürlich zugeben, dass die von mir angeführten Vorschläge (abgesehen von der Jugendstrafgeschichte) sowohl breiter Konsens in der Wisschenschaft der Sozialen Arbeit zu sein scheinen (soweit ein Student im ersten Semester und Nachwuchspolitiker das beurteilen kann) als auch bereits zaghaft umgesetzt werden. Ich plädiere also prinzipiell nicht für eine radikale Umorientierung, sondern eher dafür, vorhandene Ansätze konsequenter zu verfolgen und vor allem wirken zu lassen – anstatt nun mit Hauruckmaßnahmen, die vielleicht auch Nachteile haben (junge Menschen, die sich vom Staat immer mehr gegängelt und bevormundet fühlen) das gute Gefühl zu verbreiten, dass die Politik “etwas unternimmt”.

  6. 21.11.2006 | 14:45

    @wirtschaftsweiser:
    Da sind wir ja einer Meinung.
    Bist Du dir sicher, dass das online stellen des “Abschiedsbriefs” rechtlich so unbedenklich ist?

  7. 21.11.2006 | 14:59

    Ich schätze die Einflussmöglichkeiten staatlichen Handelns für nicht allzu groß ein.

    Bildungsangebote erreichen nur die, die diese auch in Anspruch nehmen.
    Was den Unterschichten fehlt, ist doch auch die Aussicht auf wirtschaftliche Selbstständigkeit, aus der eigenverantwortliches Handeln und Orientierung an Normen enstehen könnte.
    Diese Möglichkeit der Eigenverantwortung wird ihnen im deutschen Bevormundungs- und Betreuungsstaat konsequent genommen, in dem “Hungerlöhne” durch “Hungeralmosen” ersetzt werden, weil das ja ach so viel sozialer ist.

  8. 21.11.2006 | 15:06

    @Boche:

    Ich schätze die Einflussmöglichkeiten staatlichen Handelns für nicht allzu groß ein.

    Das sehe ich ja ähnlich:

    Insbesondere deshalb, weil ich nicht glaube, dass sich nur durch staatliche Maßnahmen überhaupt etwas erreichen lassen würde. Leider ist das Phänomen m. E. nach eines der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung.

    Genau darum ärgere ich mich ja besonders, wenn Herren wie Bosbach den Eindruck vermitteln wollen, sie könnten das Problem im Hauruckverfahren lösen. Ätzend.

  9. 21.11.2006 | 15:22

    Herren wie Bosbach und die von ihnen vertretene Parteien werden dafür gewählt, dass sie diesen Eindruck erzeugen.

  10. 21.11.2006 | 16:20

    @Boche + Karsten:

    Wo ich hier schon direkt angesprochen werde, kann ich meine Klappe natürlich wirklich nicht halten ;-)

    Der Kriminiloge Pfeiffer aus Hannover, ist ja fast so eine Allzweckwaffe mittlerweile gewoden, hat in einer Forschung jüngst eine Korrelation zwischen schlechten Schulnoten und Videospielen ermittelt. Sah hierin auch einen Grund, warum Mädels, die weniger an irgendwelchen Games rumhängen, in Relation zu Jungs immer besser werden in der Schule.

    Wenn man auch mit Sicherheit keine unmittelbare Kausalität zwischen Gewalt und Videospiel feststellen kann, genauso wenig wie zwischen Pornographie und Vergewaltigung, so ist doch eine Wirkung nicht ohne weiteres abzustreiten. Was jetzt allerdings auch kein Plädoyer für Verbote ist, sondern einfach nur eine Feststellung. Die SMS- und Mail-Generation, die hier bei mir so als Praktikanten auflaufen, haben auch oft das Problem, Zusammenhänge zu verstehen. In diesem Sinne formen mit Sicherheit auch Videospiele Verhalten und Denken. Es gab meines Wissens – ist eine Weile her, daß ich das gelesen habe, ist jetzt aus der Erinnerung zitiert – auch Studien, die Desensibilieserungs”Übungen” für US-Soldaten mit Videospielen in Verbindung brachten: Im Sinne dieser Bilder aus dem ersten Golfkrieg aus den Cockpits, die man kennt. Daß also der Vorgang des Bombadierens nicht mehr als Töten, sondern als so eine Art Game wahrgenommen wird. Das funktioniert freilich nicht mehr, wenn man dem potenziellen Opfer in die Augen schaut.

    Aber so etwas wie die “Entmenschlichung” des Gegenübers muß schon stattfinden – teils über “ideologische Vehikel” (ist ja nur ein Ungläubiger, ist ja nur ein “Neger”, ist ja nur ein Schwuler, ist ja nur ein Penner, ist ja nur ein Bulle etc.).

    Daß freilich zudem ein Abbau von Hemmschwellen – wie im Falle dieses armen Knastis, “wir wollten einfach einen Menschen sterben sehen” haben die Täter gesagt – stattgefunden hat, das scheint tatsächlich der Fall zu sein. Und ich kann mir schon vorstellen, daß das auch durch die Entwertung von Individuen z.B. im Medialen zumindest verstärkt wird. Aber ebenso mit der Funktionalisierung von allen und jedem im ganz normalen Kapitalismus. Wer da zu nix nütze ist, der wird ja de facto auch entwertet.

    Ich glaube deshalb auch nicht daran, daß die Abhängigkeit z.B. von von staatlichen Leistungen unmittelbar wirkt, eher indirekt. Gerade Männer gewinnen in dieser Kultur – und nicht nur in dieser – ihr Selbstwertgefühl aus dem Verfügen über Macht und Status. Gibt ja dieses Diaolog-Schreiber-Tippfür Romanautoren und Drehbuchschrieber: Männer reden über Status, Frauen über Beziehungen. Habe gerade gestern in Kreuzberg neben so bein paar “Klischee-Türken”, Gangsta-Style, rumgestanden und auf ein Taxi gewartet. Die fühlten sich mächtig, indem sie Angst machten. Diese Macht/Status-Geschichte wird auch und gerade im Knast maßgeblich gewesen sein – kleiner Junkie: Ganz unten in der Hierarchie. Und der Junge da in Westfalen scheint einfach kein Selbstwertgefühl entwickelt haben zu können, weil die statuszuweisenden Regeln in seinem Umfeld ihm keinen Raum ließen. Das war bei den Columbine-Attentätern ganz ähnlich – meines Wissens haben die ja gezielt auf die erfolgreichen Sportler geschossen.

    “Innerweltlich” und “außerweltlich” kenne ich eher aus Max Webers Religionssoziolgie, wobei der dann “weltabgewandt” sagte. Diese Kreuztabellaturen schlage ich noch mal nach, das hat schon mit dem Thema zu tun, wenn auch nicht hinsichtlich des Medialen. Nach Weber gibt es weltabgwandte Religionen wie den Buddhismus, den Taoismus, glaube ich, auch, und die haben nicht das agrresive Potenzial wie jene, in denen man sich innerweltlich bewähren muß. Wenn der Schwerpunkt der religiösen Ethik auf Meditation und “handeln durch nicht-handeln” liegt, dann kann da weder ein politisches Herrschaftssystem wie Konfuzianismus noch ein Sexualmoral im christlichen Sinne. Letztere fordert zwar auch Askese, aber ganz anders und aus anderen Gründen …

    Sorry für die Länge meines Gastbeitrages.

  11. Libero
    21.11.2006 | 16:28

    Soweit ich das bisher gelesen habe, ist das nicht ein Unterschichtenroblem. Früher hätte man kleinbürgerlich mit EFH gesagt. Der junge Mann hatte noch zwei jüngere Geschwister.

    Das fatale an seinem Hang zu Computerspielen war wahrscheinlich sein Rückzug aus seinen sozialen Netzwerk, also Freunde und Familie.

    Es ist einfach zu sagen, da haben die Eltern versagt. Es gibt Jugendliche, die sind gegenüber ihren Eltern und alle Menschen, die die Eltern zur Hilfe heranzogen, völlig unzugänglich. In diesem Fall kann es sein, daß die Eltern aufgegeben hatten und hofften, der Sohn kriegt noch die Kurve.

  12. 21.11.2006 | 16:32

    [...] Der “Inkontinente” des Tages heißt Schünemann, ist niedersächsischer Innenminister und meint, auf den Amoklauf in Emsdetten reagieren zu müssen. Wer ein wenig die Reiz-Reaktions-Muster der Politiker kennt, weiß auch sofort, was Schünemann fordert: [...]

  13. 21.11.2006 | 18:23

    @Libero:
    Leider hast Du da recht. Und ich würde zusammenfassend sogar sagen, dass wir überhaupt keine Möglichkeiten haben, solche Ereignisse völlig auszuschließen. Weder staatlicherseits, noch aus anderer Richtung; insbesondere sind Amokläufe ja auch nicht ausschließlich ein Phänomen der heutigen Zeit, wie der Wikipedia-Artikel zum Thema schön darstellt. Dass Ernst August Wagner 1913 oder Walter Seifert 1964 zu viele Computerspiele gespielt hätten, lässt sich wohl ausschließen… Aber Seifert war Veteran des 2. Weltkriegs.

  14. googlehupf
    21.11.2006 | 18:44

    Netter PBS-Artikel über Videospiele:
    http://www.pbs.org/kcts/videogamerevolution/impact/myths.html

    @Momo:
    Schön, dass ich nicht der einzige bin dem Christian Pfeiffer aufgefallen ist. Wann auch immer ein Statement zur angeblichen Verrohung durch Videospiele zu finden ist, ist “Medienexperte” (O-Ton “Die Welt”) Pfeiffer zur Stelle – allerdings kann ichs aus seinem Mund nicht mehr hören da ich den Eindruck habe, dass er seine Agenda etwas zu enthusiastisch verfolgt.

    “Wenn man auch mit Sicherheit keine unmittelbare Kausalität zwischen Gewalt und Videospiel feststellen kann, genauso wenig wie zwischen Pornographie und Vergewaltigung, so ist doch eine Wirkung nicht ohne weiteres abzustreiten”

    Jein. Wenn es keine unmittelbare Kausalität gibt, muss ich dann nicht einfach betrachtet davon ausgehen dass es keine Wirkung gibt? Das ist natürlich eine naive Auffassung – der Witz ist aber, dass in der öffentlichen Diskussion das Thema andersrum betrachtet wird ganz in der Art: es soll erst mal bewiesen werden dass Videospiele Schulkindern NICHT zu Killern machen – ist zumindest mein Eindruck.

    “Die SMS- und Mail-Generation, die hier bei mir so als Praktikanten auflaufen, haben auch oft das Problem, Zusammenhänge zu verstehen. In diesem Sinne formen mit Sicherheit auch Videospiele Verhalten und Denken”

    Erstmal liest sich dass für mich als Mitglied dieser Generation etwas von oben herab und als Variation des: “früher war…” – auch kann ich die Kausalität die dahinter stecken soll nicht ganz erkennen (insbesondere im Bezug auf Videospiele).

  15. 21.11.2006 | 19:25

    Etwas sehr vernünftiges zu diesem Thema habe ich gerade bei den ZDF-Nachrichten “heute” gehört:

    “Das Problem ist nicht, was die Kinder machen, wenn sie ununterbrochen Videospiele spielen – sondern vielmehr das, was sie nicht machen”.

    Durch die dauernde einförmige Aktivität werden Schule, Familie und Sozialkontakte vernachlässigt, was der Entwicklung der Kinder und Jugendlichen sicher nicht zuträglich ist. Das gleiche kann man aber von Fernsehen und auch vom vielgelobten Buch sagen. Das echte Problem ist also nicht die Beschäftigung mit Videospielen, sondern die einseitige Beschäftigung mit ihnen. Das kann ich unterschreiben.

    Übrigens freute mich auch, dass Dieter Wiefelspütz, der noch vor einiger Zeit klar für ein Verbot der so genannten “Killerspiele” stand, mittlerweile klare Skepsis zeigt: Denjenigen, die sich davon eine Lösung des Problems versprechen, erteilt er eine Absage,

  16. 21.11.2006 | 20:45

    @googlehupf:

    Das ist schon ziemlich in Ordnung, was der Herr Pfeifer da macht. Ich frage mich immer nur, wie’s kommt, daß man den Eindruck hat, daß auch wirklich nur er und der Heitmeyer zu solchen Themen forschen. Liegt’s dran, daß nun schon alles auf Natur- und Ingenieurs- und Wirtschafts- und Rechts-Wissenschaften umgestellt wurde, oder daran, daß Medien wieder nur von Medien abschreiben und nix thematisieren, was nicht schon Andere plattgewalzt haben?

    “Jein. Wenn es keine unmittelbare Kausalität gibt, muss ich dann nicht einfach betrachtet davon ausgehen dass es keine Wirkung gibt?”

    Das sind immer so Reiz-Reaktions-Schema-basierte Einwände. Menschliches Handeln reagiert nicht immer einfach so auf Reize oder Signale. Passiert zwar auch, bei Kritikern der Ökos z.B., aber nicht nur.

    Z.B. bei Pornographienutzung ist es ja so, daß bei entsprechenden psychischen Dispositionen diese schon auslösend wirken können. Dieser Dreckskerl, der auf’s Widerwärtigste die Stephanie quälte, hat ja welche nachgestellt.

    Bei sexuellen Handlungen kommt man in der “Erklärung” dann relativ weit, wenn man die Schmidtsche Trinitität der individuellen Bedürfnis- und Beziehungsgeschichte sowie die Entwicklung der je individuellen Genese der Geschlechtsidentität als eben bestimmend für jene Disposition begreift. Ähnliche psychogenetische Parameter müßte man wohl auch auf die von Karsten verlinkten Fälle anlegen und dann eben schauen, wo zu verallgemeinernde, gesellschaftliche und kulturelle Fragen betroffen sind und wo nicht. Und dann käme man bestimmt nicht bei Verboten an, sondern bei Diskussionen, wie mit Menschen umgegangen wird.

    Das “früher war alles besser”, klar, da neige ich schon zu. Man kann aber schon ganz generell behaupten, daß neue Technologien und neue Medien Verhalten und Sichtweisen formen. Ich kann gar nicht mehr länger mit der Hand schreiben und gehe auch völlig anders an Texte ran, seitdem ich am Computer schreibe. Verkürzte Brustmuskeln haben wir auch alle, und wenn ich durch Landschaften spaziere, denke ich sehr oft an Filme. Man verknüpft da schon, und das anders, als wenn ich in St. Germain an Sartres “Zeit der Reife”, einen Roman, denke. Weil’s da dann meine eigenen Bilder sind.

    Ich kann z.B. nicht mehr Huey Lewis hören, ohne an “American Psycho” zu denken. Ähnliche Verknüpfungen nimmt man automatisch vor. Und wenn man dann noch zugibt, daß multimedial angereicherte Wahrnehmung etwas ist, was Handlungen tangiert, dann kann man auch Medien-Wirkungen behaupten, aber eben keine unmittelbare, sondern mediale, mittelbare.

    @Karsten:

    “Durch die dauernde einförmige Aktivität werden Schule, Familie und Sozialkontakte vernachlässigt, was der Entwicklung der Kinder und Jugendlichen sicher nicht zuträglich ist. Das gleiche kann man aber von Fernsehen und auch vom vielgelobten Buch sagen.”

    Ja, sicher. Völlig richtig. Und nein: Bücher antizipieren keine “Vorstellungskraft”, um’s mal traditional zu sagen. Sondern regen Fantasie und Kreativität an. Aber die bedarf der Erdung in konkreten Beziehungen. Fantasielos sind ja zudem die oben verlinkten Beispiele auch nicht unbedingt, zugegeben. Aber schrecklich.

  17. 22.11.2006 | 11:28

    Das, was ich mit reflexhaftem Verhalten der Politiker meinte, hat Zettel mal wieder viel, viel besser und lesenswerter ausgedrückt.

  18. 22.11.2006 | 12:27

    @karsten: bin ich

    ansonsten: alles, was im übermaß betrieben wird, ist schädlich. wobei selbst dann die wenigsten zum massenmörder werden. nur wird es deswegen im übermaß betrieben, weil die eltern ihre kinder damit allein lassen.

    seis tv (vor nicht allzulanger zeit waren es noch die horrorfilme), computerspiele (die sind es jetzt) oder das lesen gewaltenthaltener romane.

  19. googlehupf
    22.11.2006 | 13:01

    @Momo:
    “[...] daß Medien wieder nur von Medien abschreiben und nix thematisieren, was nicht schon Andere plattgewalzt haben”

    Ich denke das ist der wesentliche Faktor.

    “Das sind immer so Reiz-Reaktions-Schema-basierte Einwände. Menschliches Handeln reagiert nicht immer einfach so auf Reize oder Signale”

    Deswegen habe ich den Einwand ja auch als naiv bezeichnet. Mir ging es darum, dass m.E. dasselbe Schema umgekehrt in der öffentlichen Diskussion angeführt wird.

    “Z.B. bei Pornographienutzung ist es ja so, daß bei entsprechenden psychischen Dispositionen diese schon auslösend wirken können. Dieser Dreckskerl, der auf’s Widerwärtigste die Stephanie quälte, hat ja welche nachgestellt.”

    Dass die Pornographie bei ihm für die Produktion von Phantasien getaugt hat würde ich auch nicht bestreiten – aber davon auf die Auslösung zu schließen – ich weiß nicht.
    Da muss schon gewaltig mehr in der Birne zertrümmert sein und auch andere Dinge können Auslöser gewesen sein – also könnte es auch eher phänotypisch gewesen sein. Aber man kann ja nicht reingucken.

    “Und dann käme man bestimmt nicht bei Verboten an, sondern bei Diskussionen, wie mit Menschen umgegangen wird.”

    Da sind wir uns dann ja einig.

    “Das “früher war alles besser”, klar, da neige ich schon zu. Man kann aber schon ganz generell behaupten, daß neue Technologien und neue Medien Verhalten und Sichtweisen formen.”

    Das ist sicherlich richtig – du hattest aber in deinem Beitrag vorher die Unfähigkeit deiner (?) Praktikanten Zusammenhänge zu begreifen mit den neuen Medien assoziiert – und da bin ich doch eher skeptisch.

  20. Olaf Petersen
    22.11.2006 | 15:31

    Man hätte in den 60-ern schon die Mickey Mouse verbieten sollen, damit fing doch alles an! Kinder wurden zur Respektlosigkeit gegenüber Erwachsenen angestachelt, Verbrecher verniedlicht. Dann das viele Fernsehen noch dazu! Ohaueha!

  21. der Maik
    22.11.2006 | 17:48

    Moin,

    so, nun geb ich auch mal meinen Senf dazu. Karsten, du weisst sowieso, was jetzt kommt ;)
    Da ist also mal wieder jemand in einer Schule Amok gelaufen und schon kommt, fast schon unter dem Motto “alle Jahre wieder” das Thema Verbot von Killerspielen aus der Ecke gekrochen. Erst vor einem Jahr war das Thema akut, da die Große Koalition eben dieses in Ihren Koalitionsvertrag geschrieben hatte – passiert ist seitdem nichts, dsa Thema wurde nicht einmal im Bundestag diskutiert seit die Große Koalition regiert.
    Naja nun sind wir also doch wieder so weit, dass die breite Gutmenschenöffentlichkeit ein Verbot von “Killerspielen” fordert.
    Für den Laien sei kurz erklärt, dass als “Killerspiele” Computerspiele bezeichnet werden, bei denen es darum geht, jemanden zu erschießen oder zu verprügeln (wie z.B. ‘Doom’, ‘Resident Evil’, ‘Tekken’ u.ä.).

    Ich frage mich allerdings, ob die Problematik wirklich von Computerspielen ausgeht. Und ob das Verbot des Mediums überhaupt ein Lösungsansatz sein kann.
    Sind Computerspiele etwa das einzige Medium, bei dem Jugendliche mit Gewalt zu tun haben?
    Ich denke, das Medium in dem die meiste Gewalt gezeigt wird, ist das Fernsehn.
    Actionfilme, Kampfsportübertragungen etwa von Boxkämpfen, Reportagen aus Krisengebieten,… Aber meiner Ansicht nach kommt das gewalttätigste Programm jeden Tag um 20h: Die Tagesschau.
    Man sieht ja inzwischen jeden Tag berichte darüber, wie Leute erschossen, in die Luft gesprengt oder gefoltert werden… Die Bilder von den Tatorten finde ich dabei vorallem schockierend. Die Fernsehteams kennen keine Scham auch noch auf Leichenteile öder ähnliches zu zoomen und unsere Fernsehanstalten senden das auch noch!

    Und übrigens, “Gewaltspiele” sind bei weitem keine Erfindung des Computerzeitalters.
    beim Kegeln beispielsweise geht es darum, mit einer Kugel 9 menschenähnliche Puppen möglichst auf einmal umzuhauen um nur ein beispiel zu nennen. Und was heute “Counter-Strike” heißt, nannte man früher “Räuber und Gendarme” – ich frage mich was realistischer ist: Auf einen Pixelhaufen auf dem Monitor zu starren oder mit einer Spielzeug-Knarre durch den Garten zu rennen und auf seine realen Freunde zu zielen…

    Nunja, bleibt mir nur folgendes noch dazu zu sagen:
    Wenn sogenannte “Killerspiele” verboten werden, müsste folgendes auch verboten werden:
    Kegeln, Bowling, Paintball, Schießen als Sport, Jagen, Boxen, Karate, Kickboxen, Tae-Kwon-Do, Rugby, American Football, Die Tagesschau, die Tagesthemen, Heute, das Heute-Journal, RTL-aktuell, Sat.1 News, RTL II News, ProSieben Newstime, kabel1 News, N-TV, N24, Magazine wie Explosiv, SpiegelTV, FocusTV etc., …

    Ich denke, diese Liste könnte ich noch ca. einen Kilometer fortsetzen wenn ich wollte…

    Grüße aus Hamm,
    der Maik

  22. der Maik
    22.11.2006 | 17:54

    Nachtrag:
    Ich denke, dass die Ansicht, Kilelrspiele müssten verboten werden auch daher kommt, dass man heutzutage einen 27jährigen noch als Kind ansieht um es mal überspitzt auszudrücken.
    Denkt mal darüber nach: Noch vor 60 Jahren hat man es in Deutschland 16jährigen zugemutet, Flugabwehrkanonen zu laden und damit zu helfen, Menschen zu töten,…

    der Maik

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