Borats miese Tricks

Woanders habe ich es schon gesagt: Neulich war ich mit meiner Liebsten in “Borat”. Wir haben natürlich ständig gelacht, aber auf dem Nachhauseweg haben wir uns schon gefragt: Ist das Brechen von Tabus – woraus der Film im wesentlichen seine Komik zieht – schon eine humoristische Leistung? Ist es o.k., das für ein paar Lacher zu tun? Das sind wahrscheinlich erzreaktionäre Spießer-Fragen, aber nun, ich werde meinen Respekt für über die Jahrhunderte gewachsene gesellschaftliche Institutionen auch hier nicht verleugnen.

Da hilft es mir als – zumindest, wenn es nach den Freunden einer geistig etwas anspruchsloseren Argumentation in Sachen Irak-Krieg geht – notorischem Anti-Amerikaner auch wenig, dass Sinn und Zweck dieses Film auch die Bloßstellung von echten, also nicht schauspielernden, Personen war, die ich dann voller Dank pars pro toto als Bestätigung meiner unüberschaubaren Anzahl von Vorurteilen gegenüber Bushden RepublikanernAmerikanern nehmen könnte.

Aber der Film wirft da doch ein paar Fragen auf, die einem Liberalen sehr wichtige Dinge betreffen. Zum Beispiel das Recht auf Privatsphäre. Über den Agitator bin ich auf das Blog von Andrew Tobias gestoßen, der Interessantes dazu zu berichten weiß. Nicht nur, dass die besoffenen Verbindungsstudenten im Wohnmobil jetzt wohl im richtigen Leben enorme Schwierigkeiten bekommen – man könnte ja sagen: zu Recht!, aber darauf kommt es nun einmal nicht an, wenn Grundrechte berührt sind -, die Erzählungen eines Bekannten von Andrew Tobias, der in dem Film als Hotelangestellter eine Szene hat, stimmen nachdenklich. Auch in den USA gibt es – Juristen, zu Hilfe! – wohl so etwas wie das “Recht am eigenen Bild”. Personen, die in solchen Filmen gezeigt werden, müssen “Release Notes” unterzeichnen. Als Hotelangestellter ist man das wohl eher gewohnt, schließlich dienen Hotels und ihre Lobbys gerne als Drehorte. Das Borat-Team allerdings hat von Anfang an ein Lügengebäude aufgebaut, das beim Drehen am Ort durchgehalten und später nie korrigiert. Der Angestellte ist einfach aufs Dreisteste hereingelegt, also sozusagen auf dem Altar des Erfolgs geopfert worden. Hätte ich das vorher gewusst, ich hätte mir den Film nicht angeschaut.

Es liegt schließlich an uns, welches Verhalten wir belohnen.

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14 Kommentare zu “Borats miese Tricks”

  1. 15.11.2006 | 6:29

    Das müßte doch in der USA für eine Schadensersatzklage reichen, oder ?

  2. der gute don
    15.11.2006 | 12:00

    vermutlich stellst Du zu hohe Ansprüche an Satire.

    Wir haben in Borat doch ein Äquivalent zu Stefan Raab in der “mittleren Phase seines Schaffens”. Jemand macht vor allen Witze auf Kosten anderer. Den Raab in der “früheren Phase seines Schaffens” war noch jemand, der auch gerne und ausgiebig über sich selbst gelacht hat.

    Genau das zeichnet in meinen Augen Harald Schmidt als guten Entertainer aus: er nimmt sich selbst nicht zu ernst, und das macht seine Witze auf Kosten anderer auch immer zu Witzen über ihn selbst. So nach den Motto “wie ich die Welt sehe” und der Zuschauer kann selbst entscheiden über wen er lacht, über Schmidt oder sein Satireopfer.

    Bei Borat kommt hinzu, daß er ein vollkommen falsches Bild von Kasachstan zeichnet, dabei liefert der Nachbar Turkmenistan genug Stoff für Realsatire.

  3. 15.11.2006 | 13:31

    Was mir im Nachhinein auch zu denken gab, über was ich mich da anderthalb Stunden wirklich sehr gut amüsiert habe, war das folgende Zitat:

    Another story reports that Dharma Arthur, the woman responsible for booking Borat on the show, says she lost her livelihood because of the incident. “I spiraled into depression, and before I could recover, I was released from my contract early. It took me three months to find another job, and now I’m thousands of dollars in debt and struggling to keep my house out of foreclosure. The upsetting thing is that a man who leaves so much harm in his path is lauded as a comic genius.”

    Ich mag es nicht, wenn man mit den “Grenzen der Satire” ankommt, aber für mich persönlich hat die Aussage dem Film einen sehr bitteren Nachgeschmack angehängt.

  4. 15.11.2006 | 18:04

    Habe noch nicht mitbekommen, daß Dich jemand als Anti-Amerikaner bezeichnet hätte. Liegt wahrscheinlich daran, daß ich auch Blogs – und schon gar deren Kommentarspalten – nur höchst selektiv lese. Oder ist es nur so, daß du innerhalb der liberalen Blogosphäre, in der eine gewisse Anti-Mainstream-Pose selbst schon wieder zum Mainstream geronnen ist, wiederum eine Anti-Mainstream-Pose einnimmst und Dich aus dieser heraus gegen den Vorwurf des Antiamerikanismus verwehrst, den niemand erhoben hat? No offence intended.

  5. 15.11.2006 | 22:20

    Ich kann jetzt nur für Herrn Cohens bisheriges Werk und nicht über den Film sprechen, aber haben sich nicht zumeist die Leute selbst zum Obst gemacht? War das nicht einfach Teilnehmende Beobachtung?

  6. 15.11.2006 | 23:29

    @der gute don

    “Auf Kosten anderer” – meinetwegen. Aber durch Täuschung und Hinterlist, sich die Einverständniserklärung unter Lügen erschleichend – das geht dann doch ein paar Schritte zu weit, finde ich.

    @Ingo

    Wenn du Aufklärung willst, lies mal die umfangreiche Diskussion hier.

    @classless

    Eben nicht. Cohen hat anscheinend auch arglose Normalos durch einen raffinierten Hinterhalt überrumpelt, und dass, ohne (im Gegensatz zur “Versteckten Kamera”) wenigstens zum Schluss den Sachverhalt aufzuklären)

  7. 17.11.2006 | 16:54

    Ich bin inzwischen auch zu dem Schluß gekommen, daß diesen Film anzusehen verschwendete knappe 5 € waren. Die wären im 200 m entfernten Marktnischenkino wahrscheinlich besser aufgehoben gewesen.
    Bei den tatsächlichen Herstellungsmodalitäten des Films bleiben bei mir einige Fragen offen: Wie z.B. plaziert man eine versteckte Kamera wackelfrei und dann auch noch mit verschiedenen Einstellungen (wenn ich mich richtig erinnere) in einem Wohnmobil? Wie startet man einen (wenn auch plumpen) Versuch, Pamela Anderson zu entführen, ohne danach einen Prozeß am Hals zu haben? Reicht es, einfach zu sagen: “Hey, ich hab’ doch nur ‘ne Szene für meinen Film drehen wollen?”
    Ich habe den starken Verdacht, daß vieles, nicht alles, in diesem Film gespielte Realität sein dürfte. Dieser Verdacht alleine entkräftet Raysons Vorwürfe allerdings noch nicht und führt außerdem zu neuen.

    Das interessanteste an diesem Film war eigentlich das Publikumserlebnis. Einigen Leuten schienen die Judenwitze sehr zu gefallen; das waren gutenteils wohl auch die, die nicht wußten, daß ‘Borat’ Cohen selbst Jude ist. Und die immer wieder bemerkten: “ist der dumm!”, weil ihnen offenbar nicht ganz bewußt war, daß der Mann nur spielte.

  8. 17.11.2006 | 16:59

    “Einigen Leuten schienen die Judenwitze sehr zu gefallen”

    Damit hier nichts falsch rüberkommt: Natürlich halte ich es nicht prinzipiell für verwerflicher, über Judenwitze zu lachen als über irgendwelche anderen xy-Witze. Auch nicht wenn es die Witze in diesem Film sind. Aber es gibt unterschiedliche Arten, darüber zu lachen, und meinem Empfinden nach lag auch eine Art vor, die mir nicht gefiel.

  9. 17.11.2006 | 17:00

    Und außerdem: Wenn man Judenwitze als Witze über Juden verstehen möchte, dann gab es in diesem Film eigentlich keine.

  10. der gute don
    17.11.2006 | 20:13

    @david, nicht nervös werden, weil Du das Wort “Jude” benutzt hast ^^

  11. 17.11.2006 | 23:26

    Die Judenwitze habe ich noch nicht einmal als besonders singulär empfunden. Vielleicht, weil ich an deren Provokationspotenzial gewohnt war. Vielleicht, weil ich wusste, dass jemand, der “Cohen” heißt, mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit von jüdischen Tempelpriestern abstammt.

    Die übelsten Judenwitze werden vom Autor selbst gerissen. Das Fehlverhalten der angeblich Bloßgestellten besteht meistens nur darin, auf die Provokation nicht angemessen reagiert zu haben. Was etwas anderes ist, als die Fans des Films entdeckt zu haben meinen.

  12. 18.11.2006 | 0:29

    “@david, nicht nervös werden, weil Du das Wort “Jude” benutzt hast ^^”

    So schlimm isses nicht. Ich habe auch in sonstigen Fällen schon drei Kommentare verfaßt, um meine Meinung zu präzisieren.

    “Die übelsten Judenwitze werden vom Autor selbst gerissen.”

    Ja, richtig. Mit dem Publikumserlebnis meinte ich auch das Publikum im Kino, nicht die unfreiwilligen Statisten, falls das falsch verstanden worden sein sollte.

  13. 20.11.2006 | 17:38

    [...] (Zu Borat siehe auch Rayson auf B.L.O.G. und Christopher Hitchens.) [...]

  14. S1IG
    20.11.2006 | 22:27

    Mr. Cohen hat ein Problem – er musste auf seine Borat-Episoden aus der AliG-Show noch was draufsetzen. Dabei hat er im Gegensatz zur Show auch Sachen gestellt bzw. inszeniert. Das ist in der Show eigentlich nie passiert. Die Kritik aus Kasachstan gibt es deswegen schon länger.

    Die deutschen Kulturedakteure haben im Vorfeld dem Film einen “Aufklärungstouch” bzw. “Kritikerrolle” verpasst. Ich denke immer noch, dass Cohen das gar nicht so wollte. Er hat eher einen “Verarschungsfilm” gemacht – einfach nur in “Tradition” seiner Show.

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