Der Nutzen von Wahlcomputern

Ich habe mich angesichts unserer Beiträge zum Thema Wahlcomputer lange gefragt, wo denn nun der große Nutzen liegen soll, der immer mehr Wahlausrichter dazu veranlasst, diese einzusetzen.

Schnellere Auswertung – ok, schön und gut, aber erstens steht heutzutage das Ergebnis meistens mit der ersten Prognose von 18 Uhr schon so weit fest, dass das amtliche Ergebnis ruhig auf sich warten lassen kann. Und zweitens ist das kein Wert an sich: Ob das Endergebnis selbst bei knappen Ausgängen ein paar Stunden früher oder später vorliegt, dürfte den meisten Bürgern weitgehend egal sein. Das Interesse der Medien an einer zeitnahen Berichterstattung und das der Politiker an schneller Gewissheit stufe ich mal als nicht relevant genug ein.

Als Ökonom bin ich es gewohnt, zuerst nicht nach der Frau, sondern nach dem finanziellen Interesse zu suchen. Da irritierte mich dann schon der Vorwurf, man werfe den Anbietern von Wahlcomputern viel Geld in den Rachen, nur der etwas schnelleren Ergebnisse wegen. Angesichts knapper öffentlicher Kassen und einem doch noch herrschenden Unwillen, Korruption zu dulden, die allzu offensichtlich daherkommt, konnte das nicht stimmen. Es ist also vielleicht keine schlechte Idee, sich mal auf den Seiten der Anbieter von Wahlcomputern umzuschauen, um dem Prinzip “audiatur et altera pars” gerecht zu werden.

Einschub: Tatsächlich – die reden von Wahlsystemen und Wahlgeräten, aber nicht von Wahlcomputern. Es wird aber schon auf der Startseite deutlich, dass es sich um eine Kombination von Hard- und Software handelt (und natürlich angesichts verschiedener, sich zudem noch hin und wieder ändernder Wahlverfahren auch handeln muss…)

Und siehe da: Das Hauptargument ist ein fiskalisches, am besten zusammengefasst in diesem Interview (PDF) und hier versucht, rechnerisch darzustellen. Wahlen kosten Geld. Stimmzettel müssen gedruckt und transportiert, Räume angemietet und Personal bereitgestellt werden. Zu den rein monetären Kosten kommen noch Opportunitätskosten: Wir können davon ausgehen, dass die Zeit eines Wahlhelfers mehr wert ist als die Aufwandsentschädigung, die er vielleicht bekommt, was sich angeblich auch in zunehmenden Schwierigkeiten zeigt, genügend Helfer zusammenzubekommen.

Es liegt auf der Hand, dass Automatisierung hier zu Einsparungen führt. Nehmen wir einfach mal an, die Zahlen des Vertreibers stimmten und Wahlcomputer führten zu Einsparungen von 60 bis 90 Cent pro Wahlberechtigtem. Und lassen wir ketzerische Bemerkungen wie die, dass in Zeiten sinkender Wahlbeteiligung solche Einsparungen zunehmend irrelevant werden (und dass Personaleinsparungen im Öffentlichen Dienst rechnerisch leicht zu ermitteln, faktisch aber nur mühsam durchzusetzen sind), mal außer acht. Müssten wir dann nicht aus Effizienzgründen für die Einsparung, die laut deutschem Vertreiber zu einer Amortisation in wenigen Jahren führt, votieren?

Das können wir nur, wenn wir sicher sind, auch die gleiche Leistung zu erhalten. Da wir die Grundprinzipien einer Wahl nicht zugunsten günstigerer Wahlvorgänge zur Disposition zu stellen bereit sind, zieht das Kostenargument so lange nicht, wie noch Zweifel daran bestehen, dass Wahlcomputer diese Voraussetzungen erfüllen.

Es hilft also nichts: Wir müssen uns der Problematik, wie verlässlich, wie manipulationssicher Wahlcomputer tatsächlich sind, stellen. Ich jedenfalls wäre nicht bereit, ein gegenüber herkömmlichen Papierwahlen größeres Risiko in Kauf zu nehmen. Schlimm genug, dass wir unseren Politikern die Macht geben, unser Leben in fast allen Aspekten mitzubestimmen. Da will ich diese Typen wenigstens nicht willkürlich ausgesucht sehen.

Was wir bisher zu diesem Thema geschrieben haben:

MartinM über die Petition gegen Wahlcomputer (am 28. Oktober) und Wahlmaschinen mit Macken (am 4. November).
Stefanolix über die Begriffe Wahlcomputer und Wahlmaschine (am 29. Oktober) und das Wahl(computer)geheimnis (am 31. Oktober).
Dirk Meister über Wahlcomputer: Sicherheitsmerkmale und -Lücken (am 1. November).

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14 Kommentare zu “Der Nutzen von Wahlcomputern”

  1. 6.11.2006 | 8:34

    Mal eine Frage. Wenn solche Wahlcomputer eingesetzt werden gibt es doch trotzudem noch die Briefwahl für kranke, abwesende oder behinderte Menschen. Die werden doch dann weiterhin händisch ausgezählt oder?

    Warum nicht einfach zur Briefwahl aufrufen wenn mal wieder eine Wahl per Automat ansteht um auf diese Weise zu protestieren? Zumindest eine Idee.

  2. 6.11.2006 | 9:23

    Bei dem schleppenden Tempo, mit dem sich die Unterschriften auf der Petition sammeln, scheint es mir nicht gerade, als ob Briefwahlprotest überhaupt wahrgenommen werden würde. Eine gute Idee ist das dennoch.

  3. 6.11.2006 | 9:52

    Paul,

    die Idee des Briefwahlprotests halte ich zwar für eine sehr gelungene Art des Protests; angesichts des Umstandes, dass die Zahl der Briefwähler ohnedies immer mehr zunimmt, würde das aber wohl kaum auffallen.

  4. 6.11.2006 | 10:25

    Soweit ich weiß, hat es noch keine “elektronische Petition” zu so vielen Stimmen gebracht. Das Ziel von 50.000 Stimmen kam auch erst später ins Gespräch. Eigentlich sollte das eher eine Protestaktion sein, aber auch bei weniger als 50.000 Stimmen /kann/ sich der Bundestag damit befassen.

    Ich hoffe, dass es dann noch eine Briefwahl geben wird. Aber dann kann ich trotzdem nicht in mein eigenes Wahllokal gehen und mir die Auszählung der Stimmen ansehen. Ob die Auszählung der Briefwahlstimmen wirklich öffentlich ist, weiß ich leider nicht.

    »Briefwahlprotest« ist ein schönes Wort, man sollte es auf den Umschlag schreiben ;-)

  5. 6.11.2006 | 10:28

    Die Hälfte ist ja bald geschafft: 24.078 Stimmen sind es jetzt.

  6. 6.11.2006 | 10:37

    Werden die Briefwahlzettel dann nicht durch Datenerfassungskräfte in die Computer nachträglich eingegeben?
    ;-)

  7. 6.11.2006 | 11:11

    Ja, Boche, aber dabei gibt es wenigstens von Hand kontrollierbare Wahlzettel!

  8. 6.11.2006 | 11:22

    Nicht, wenn sie nach der Datenerfassung aus Datenschutzgründen vernichtet werden. ;-)

  9. 6.11.2006 | 18:20

    Von wegen Datenschutz, Briefwahlzettel sind schließlich immer noch anonym.

  10. Fuchur
    6.11.2006 | 20:10

    Was mich etwas verwundert, ist, dass ihr das Ankreuzen und Auszählen per Hand immer als die “sichere” Alternative bezeichnet. Das halte ich nämlich für gar nicht gerechtfertigt.

    Zum einen besteht bei der “herkömmlichen” Wahl die Gefahr,
    dass der Wähler aus Versehen einen ungültigen Stimmzettel abgibt. Das könnte ein Wahlcomputer durch eine Warnung abfangen.

    Zum anderen ist das Auszählen per Hand m.E. sehr fehleranfällig (Kennt irgend jemand Untersuchungen? Mit welcher Fehlerquote muss man rechnen?). Und auch in dem ganzen Prozess gibt es jede Menge Möglichkeiten für Fehler oder Manipulation: Es könnten ganze Wahlurne verloren gehen oder ausgetauscht werden. Ob so ein Stimmzettel echt oder gefälscht ist, kann hinterher auch keiner mehr nachprüfen.

    Das bisherige System ist also keineswegs ideal. Deswegen halte ich Wahlcomputer an sich für eine sehr gute Idee. Sie müssen halt vernünftig entworfen sein.

  11. 6.11.2006 | 20:38

    @MartinM

    Stimmt auch wieder.

    @Fuchur

    Abgesehen von der Gefahr des manuellen Sich-Verzählens – bei papiergebundenen Prozessen kannst du (und jeder andere normale Mensch) jeden Schritt beobachten und die Ergebnisse durch Nachzählen überprüfen.
    Das Wegkommen ganzer Urnen ist auch nicht so leicht wie das virtuelle Verschwinden einer ein paar KByte großen Stimm-Datei.

  12. 7.11.2006 | 0:02

    Bei Wahlzetteln ist jeder Wähler in der Lage, die Stimmabgabe und die Auszählung zu beobachten. Und wenn dann auch noch das Ergebnis für jedes Wahllokal veröffentlicht wird, ist eine Manipulation weitgehend ausgeschlossen. Das gleiche Maß an Transparenz soll erst mal einer für Wahlcomputer nachweisen. Dann überlege ich mir, ob ich mich mit Wahlcomputern anfreunden kann.

  13. 7.11.2006 | 23:11

    E-democracy…

    “Und weit entfernt auf der anderen Seite des Ozeans gab es ein Land, das war so fortschrittlich, dass sogar die Stühle elektrisch waren.”
    (“Stunksitzung” vor einigen Jahren)

    Was ist so falsch an Stift und Papier bei Wahlen, auch wenn sie in ei…

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