gleich zum inhalt springen

Eine Schule für alle?

Sicher auch, weil durch die Geburt meiner Tochter das Thema näher an mich heranrückt, denke ich inzwischen häufiger über die deutsche Bildungslandschaft nach.

Als jemand, der bis zum Abitur in Schulen gelernt hat, die mit den im Westen weitgehend unbekannten Kürzeln POS und EOS bezeichnet wurden, ist die Trennung des deutschen Schulsystems in verschiedene Schularten, in die Schüler zu einem frühen Zeitpunkt einsortiert werden, bis heute fremd geblieben.

Ich halte eine solche Regelung für nicht liberal zu begründen.
Entweder, man überlässt das Schulsystem komplett der Privatinitiative.
Oder man muss die Einheitsschule schaffen.

Einheitsschule bedeutet, dass alle Schüler bis zu dem Zeitpunkt gemeinsam lernen, an dem sich die Wege hinsichtlich des zukünftigen Berufsweges trennen müssen.
Und es erkläre mir keiner, dass ein Schüler der vierten Klasse eine feste Vorstellung über sein zukünftiges Berufsleben haben müsse.

Einheitsschule bedeutet, dass das, was in der Wirtschaft Wettbewerb ist und in der Schule das Miteinander- und Aneinander-Lernen (was Wettbewerb in der Form einschließt, dass man sich am Besseren messen kann), ohne künstliche Schranken geschehen kann.

So, wie Liberale Nischen für Unternehmen mit staatlichem Schutz vor Wettbewerb ablehnen, sollten sie auch Bildungsnischen ablehnen, in die Kinder frühzeitig einsortiert und dadurch aus dem gemeinsamen Wettbewerb um Bildung herausgenommen werden.

Die Forderung nach mehr “Durchlässigkeit” der Schulformen reicht da nicht aus. Sie ist ebenso wenig liberal wie die Forderung, Handelsschranken flexibler oder Subventionen intelligenter zu gestalten. Nein, Bildungs- wie Handelsschranken gehören grundsätzlich abgeschafft!

Dass sich Lehrer der höheren Schulen davor grausen könnten, zukünftig ein breiteres Spektrum an Schülern bedienen können zu müssen, sollte als Gegenargument ebenfalls nicht gelten. Die Schule ist für die Schüler da und nicht für die Lehrer. Wer als Lehrer nicht mit der Vielfalt der Kinder unserer Gesellschaft umgehen kann, hat den Beruf sicher verfehlt.

Die liberale Forderung sollte meiner Meinung nach also sein:
Eine Schule für alle Schüler, bis zur Abiturreife oder bis zur Lehre.

bisher 28 Kommentare » Kommentare
  1. node-0 » Blog Archiv » Einheitsschule sagt am 30. 10. 2006 um 16:36 Uhr:

    [...] Boche bei den Bissigen Liberalen äußert sich in einem Beitrag über das gegliederte Schulsystem mit Gymnasium, Real- und Hauptschule: [...]

  2. Paul sagt am 30. 10. 2006 um 16:42 Uhr:

    Ich sehe da auch kein großes Problem mit der Einheitsschule. Alle bis zur 10. Klasse gemeinsan und wer will und kann dann das Abitur. Der Sinn hinter der Dreigliederung (eigentlich fünf mit Grund- und Gesamtschule) der Schule hat sich mir nie erschlossen.

  3. Julius sagt am 30. 10. 2006 um 17:32 Uhr:

    Theoretische Gegenerwägungen:
    Es sind eben nicht staatlich geschützte Nischen in EINEM Markt, sondern unterschiedliche Märkte, die eine Unterscheidung rechtfertigen. Gemeinsam erhalten alle zur Chancengleichheit am Anfang die Grundfähigkeiten Lesen, Schreiben und Rechnen. Dafür sollten 4 Schuljahre ausreichen, 6 wären wohl besser wenn man gleichzeitig früher mit der Bildungsarbeit beginnt (Einschulung mit 5, Lerninhalte im Kindergarten, etc.). Danach gibt es unterschiedliche Märkte auf denen jeweils wieder Wettbewerb herrscht. Einmal den Markt um Bildung für eine handwerkliche Lehre (Hauptschule), für eine Ausbildung (Realschule) und schließlich für ein Studium (Gymnasium). Ein Wechsel ist durchaus möglich, aber bereits in frühen Jahren sollten die speziellen Fertigkeiten und Kenntnisse im Hinblick auf eine spätere Berufsausbildung ausgebaut werden. Ab der 5. Klasse für Hauptschüler eben etwas mehr Wert auf Werkunterricht, Englisch für Techniker, Physik für Anwender, etc. legen, an der Realschule EDV-Kenntnisse vertiefen, Wirtschaftsenglisch, etc. und für Gymnasiasten verschiedene Fremdsprachenangebote, Textanalyse, eigenständiges Erarbeiten und Präsentieren von Problemen, etc.

    So sollte es jedenfalls sein.

    Praktische Gegenerwägungen:
    In Deutschland wäre ein Systemwechsel wohl kaum umsetzbar. Die Grundschulen sind räumlich begrenzt und von der Einrichtung (sanitäre Anlagen, Tische, Stühle, Treppengeländer, etc.) für Kinder bis etwa 10 Jahre ausgelegt. An diesen Schulen ist also allein schon eine Verlängerung der Grundschulzeit von 4 auf 6 Schuljahre nicht zu verwirklicehn. Gleichzeitig sind die weiterführenden Schulen nur mit einem riesigen Mehraufwand an die Bedürfnisse der Kleinen umzugestalten. Mal abgesehen davon, dass 5jährige und 15jährige vielleicht besser nicht den selben Schulhof teilen sollten. Kann auch Vorteile haben, spontan sehe ich aber mehr Nachteile.
    Praktisch undurchführbar oder jedenfalls nur mit einem kaum zu rechtfertigenden Mehraufwand.

    Nein zur Einheinheitsschule, ja zum differenzierten Schulsystem.

  4. R.A. sagt am 30. 10. 2006 um 17:41 Uhr:

    @boche:
    > Entweder, man
    > überlässt das
    > Schulsystem
    > komplett der
    > Privatinitiative.
    Das wäre in der Tat ein liberaler Weg.

    > Oder man muss die
    > Einheitsschule
    > schaffen.
    Aber das ist weder die logische Alternative zu Privatschulen noch liberal begründbar.

    Liberal ist es, den verschiedenen Interessen und Begabungen mit möglichst differenzierten Angeboten zu begegnen.

    D.h. im theoretischen Ideal müßte es pro Kind eine maßgeschneiderte Schule geben, in der Praxis greift das “möglichst” und man faßt halbwegs ähnliche Gruppen von Kindern zusammen, um Klassen und Schulen organisieren zu können.

    Und wo es möglich ist (d.h. in Städten allemal) ist dreigliedrig eher das Minimum, eine Einheitsschule dagegen wäre eine sehr ungerechte und sinnwidrige Ignorierung der Unterschiede zwischen den Kindern.

    Wobei es mir hier noch überhaupt nicht um Berufswege geht, aber schon bei Grundschülern sind erhebliche Unterschiede zu beobachten (das wirst Du bei Deiner Tochter und den Gleichaltrigen dann sehen – die Größe der Unterschiede wird Dich überraschen).

    Wobei sich dabei während der weiteren Entwicklung noch viel ändern kann, spätere Durchlässigkeit in ALLE Richtungen halte
    ich für sehr wichtig.

    Ich bin sehr froh, daß wir für unsere beiden Kinder eine so große Auswahl vor Ort hatten, also eben nicht nur Gymnasium/ Realschule/ Hauptschule, sondern auch innerhalb dieser Gruppen sehr viel Differenzierung. Es gibt Schulen mit Sportschwerpunkt, altsprachliche, bilinguale, Waldorf- und christliche Schulen, fast jede Schule hat ein eigenständiges und interessantes Profil.

  5. Martin Eisenhardt sagt am 30. 10. 2006 um 17:49 Uhr:

    Hallo Boche,

    Obwohl ich von mir aufgeworfene Themen natürlich lieber im Kommentarbereich meines entsprechenden Beitrages diskutiere, …

    Naja, dazu sind Pingbacks im Blogwald ja da: man kann nachvollziehen, wer wo etwas zu einem Artikel von sich gegeben hat. Ich kommentiere auch häufig bei Euch im Blog, sah meine dann doch längere Auseinandersetzung mit dem Thema allerdings als einen Artikel in eigenem Recht an – mit Link und Pingback auf Deinen Artikel.

    Aber egal, ich kann meine Erwiderung auf Deinen Kommentar zu meiner Sicht der Dinge bzgl. Der Einheitsschule auch gerne noch einmal hier wiedergeben:

    Wer meinem Artikel unterstellt, dass er dies abstreitet, der verweigert das sorgfältige Lesen. Denn nicht die Unterschiede werden bestritten, sondern die Schlussfolgerung, dass man die Kinder deshalb getrennt unterrichten müsste.

    Punkt für Dich, das habe ich schlecht formuliert und so zwar nicht gemeint, wohl aber gesagt. Mir ging es darum, dass die Schlussfolgerung aus der Unterschiedlichkeit der Schüler nicht in einer Forderung nach einer Einheitsschule bestehen kann.

    Es gibt den Grundsatz:

    Gleiches soll gleich, Ungleiches jedoch verschieden behandelt werden.

    Der trifft dann nicht nur auf Sportler zu, sondern auch auf Schüler. Ich bin absolut überzeugt davon, dass ein Schüler einen temporären “Hänger” haben kann und dass ihm deshalb der Weg zum Abitur (und damit zum Studium) nicht unverrückbar verwehrt werden soll. Die in Deinem Artikel erwähnte Durchlässigkeit des Schulsystems ist daher auch für mich von ganz großer Bedeutung.

    Ich denke aber schon, dass eine Eingruppierung der Schüler nach ihren Möglichkeiten für alle Beteiligten das Beste ist – vor allem dann, wenn ein Schüler sich durch überzeugende Leistung “hocharbeiten” kann.

    Wenn im Alter eines Viertklässlers schon klar wäre, aus wem mal was wird, wer also Olympiasieger und wer Übergewichtiger wird, hätte ich kein Problem. Als Liberaler traue ich mir und anderen aber solches, den Eingriff in die private Bildungsangelegenheit legitimierendes Allwissen nicht zu.

    Schulnoten kommen in aller Regel durch fairen Wettbewerb zustande. Wer also in der Grundschule schlechte Noten bekommt, zeigt zumindest in dieser Phase schlechte Leistungen. Daher wird für einen solchen Schüler z.B. die Hauptschule als erfolgversprechendste Schulform empfohlen.

    Durch überzeugende Leistungen kann sich dieser Schüler dann aber immer noch verbessern und zunächst auf die Realschule wechseln. Und wer weiß: Vielleicht macht er sogar doch noch Abitur.

    Wenn “gesunder Wettbewerb” dadurch enstehen soll, dass der Staat ihn durch Kastenbildung der Wettbewerber unterbindet, dann sollte man dafür ehrlicherweise einen anderen Begriff finden.

    Genau dies passiert – auch in wirtschaftsliberalen Staaten – ständig. Denn fairer Wettbewerb setzt zumindest einigermaßen gleichstarke Marktteilnehmer voraus.

    Ein gutes Beispiel ist der Verbraucherschutz: Auch hier wird der schwächere Teilnehmer durch den Gesetzgeber besonders in Schutz genommen, es werden ihm Schutzrechte eingeräumt (z.B. Gewährleistungsrechte, Umtauschrechte bei “Haustür”-Geschäften), die ein Vollkaufmann in dieser Form nicht hat.

    Was ich generell nicht verstehe, ist die Annahme, dass der gemeinsame Unterricht mit leistungsschwächeren Schülern die begabteren Schüler fachlich weiterbringen soll. Dass die soziale Kompetenz dadurch geschult wird und die Abiturienten dann mehr Kontakt auch zu bildungsferneren Bereichen der Gesellschaft haben – das stelle ich nicht in Abrede. Soziale Kompetenz kann aber auch anders geschult werden.

    Und noch eines, was ich nicht verstehe: Ein Liberaler sollte doch immer dafür sein, dass sich Leistung lohnt, dass derjenige, der mehr leisten kann und will, dafür auch einen Gegenwert erhält.

    Warum ist es also falsch, Schüler nach ihrer Leistungsfähigkeit und -bereitschaft zu beurteilen und ihren Möglichkeiten entsprechend auszubilden – solange sie sich durch Fleiß verbessern bzw. durch Nicht-Leistung verschlechtern können?

    P.S.: Noch hierzu:

    Oh, HTML funktioniert nicht. Das schränkt die Lesbarkeit meines Kommentars natürlich etwas ein.

    Dafür funktioniert Textile gleich noch einmal so gut … :-D

    Aber du kannst ja gern bei uns weiterdiskutieren kommen:
    http://www.bissige-liberale.net/ [...]

    Habe ich hiermit gemacht :-)

  6. Martin Eisenhardt sagt am 30. 10. 2006 um 17:52 Uhr:

    @R.A.:

    Das ist exakt meine Meinung und bringt auch sehr gut zum Ausdruck, warum ich Boches Ansichten gerade für *nicht* liberal halte.

  7. SteffenH sagt am 30. 10. 2006 um 18:52 Uhr:

    Eine Einheitsschule ist allein aufgrund des zu erwartenden Anpassungsverhaltens der Eltern (was wir ja heute schon sehen)nur durch staatliche Zwangszuweisung zu einer bestimmten Schule möglich. In der DDR war genau dies der Fall. Freie Schulwahl bestand nur in besonders begründeten Fällen. Auch heute können Eltern ihren Kids nur durch einen Umzug oder andere Tricks ein unerwünschtes, wenig leistungsstimulierendes Milieu ersparen. Selbst wenn man also formal versucht eine Einheitsschule durchzusetzen, würde bei freier Schulwahl wohl ein nach sozialen Schichten und individueller Leistung der Schüler differenziertes Schulsystem die Folge sein. Während eine Leistungsdifferenzierung für eine Förderung individueller Fähigkeiten sicherlich sinnvoll ist, kann man dies von einer Differenzierung der Schulen nach sozialen Schichten nicht behaupten. Dieses Problem liese sich m. E. erst durch ein wettbewerblich organisiertes Schulsystem, etwa auf der Grundlage von Schulgutscheinen wie es Milton Friedman seit Jahrzehnten fordert, realisieren.

  8. marcc sagt am 30. 10. 2006 um 19:01 Uhr:

    Na R.A., das Lob wird unsere Stadtregierung aber freuen. :-)

    Ich halte ebenfalls die Durchlässigkeit in alle Richtungen für wichtig. Ich habe allerdings das Gefühl, dass die Durchreiche eher nach unten eher funktioniert. Und dass diese Möglichkeit es einige Lehrern zu leicht macht komplizierte, anstrengende und unbequeme Schüler nach unten abzuschieben.

    Unter dem Gesichtspunkt scheint mir das Konzept einer Einheitsschule bis zur 9. Klasse wieder sinnvoller. Oder wir sorgen dafür, dass wir bessere Lehrer haben. So wird jeder vermutlich Beispiele kennen, dass bei der richtigen Motivationund Themenwahl auch komplizierte Schüler sich am Unterricht beteiligen.

    Vielleicht wäre aber auch zu prüfen, ob man erst nach der sechsen Klasse, die Schüler trennen sollte.

    Allerdings habe ich auch mal gehört, dass unserer dreigliedriges Schulssystem vom preußischen Dreiklassenwahlrecht abgeleitet wurde und damals auch als Rechtfertigung dessen diente. (Nach dem Motto, wenn schon die Kinder sich in drei Lernniveaus einteilen lassen, dann ist es doch auch normal, die Gesellschaft in drei Schichten einzuteilen.)

  9. Rayson sagt am 30. 10. 2006 um 19:37 Uhr:

    “Ein[e] [irgendwas] für alle” kann tatsächlich nur in den seltensten Fällen eine liberale Forderung sein. Stattdessen wäre es liberal, Unterschieden durch ein breites Angebot gerecht zu werden.

    In Berlin ist der Streit ja akut. Dort will Rot-Rot die Gemeinschaftsschule einführen, obwohl Studien dort schon der auf die Klassen fünf bis sechs reduzierten Version einen massiven Abfall im Lernerfolg gegenüber Gymnasien bescheinigen.

    Der Schlüssel zu Bildungserfolg liegt natürlich zum einen in der individuellen Förderung. Aber die kostet Geld. Deswegen werden stattdessen ideologische Kämpfe ohne oder mit verfälschtem empirischen Hintergrund geführt.

    Zum anderen muss wohl der Staat, will er in unserem auf Hochlöhne und hohe Produktivität setzenden Land die Zementierung einer Unterschicht vermeiden, einigen Eltern ihr Kind quasi aus der Hand reißen und möglichst früh unter die eigenen Fittiche nehmen. Ob das liberalen Ansprüchen gerecht werden könnte, ist eine andere Frage…

  10. FAB. sagt am 30. 10. 2006 um 19:39 Uhr:

    Einheitsschule? Ich glaub es hakt. Man kann nicht die Leistungsstärksten und die Leistungsschwächsten gemeinsam unterrichten, ohne fast allen grobes Unrecht zu tun durch entweder Über- oder Unterforderung. Nach meiner Einschätzung sind die Leistungsunterschiede schon jetzt innerhalb der jeweiligen Schulformen manchmal fast zu groß. Steckt man alle in einen Topf, wird die unausweichliche Nivellierung immer nach unten stattfinden.

    Verbindliche Schulformzuweisung nach der 4. Klasse. Nicht durch den Klassenlehrer allein, sondern durch alle Lehrer, die das Kind in der 4. Klasse unterrichtet haben. Wenn wer meint, sein Kind gehöre auf eine andere weiterführende Schule, kann er es zu einer Eingangsprüfung schicken. Deren Ergebnis ist endgültig verbindlich. Wechsel auf eine andere Schulform sollte dann nach jedem Schuljahr ab einem bestimmten Notenschnitt möglich sein.

  11. Martin Eisenhardt sagt am 30. 10. 2006 um 19:59 Uhr:

    @Boche bzw. Admin:

    Boche hatte mich dazu aufgefordert, hier bei Euch im Blog zu kommentieren, was ich auch getan habe. Mein Kommentar steckt allerdings seit 17:49cet in der Moderation – dabei habe ich doch gar nichts so böses geschrieben … :-D

    Eventuell ist mein Kommentar ja nur zwischen den Spam-Kommentaren verloren gegangen. Falls es sonstige Probleme mit dem Kommentar gibt, bitte ich um eine eMail.

  12. Rayson sagt am 30. 10. 2006 um 20:12 Uhr:

    Sorry, ist jetzt freigeschaltet. Siehe fünfter Beitrag von oben. Waren wohl etwas zu viele Links fürs problemlose Durchrauschen…

  13. R. A. sagt am 30. 10. 2006 um 20:13 Uhr:

    @Martin:
    > warum ich Boches Ansichten gerade für
    > *nicht* liberal halte.
    Sagen wir mal so: Es fehlte auf jeden Fall die logische Verbindung zwischen liberal und Einheitsschule.

    Jedenfalls dann wenn Einheitsschule wie in der DDR auch inhaltliche Einheitlichkeit bedeutet.

    Man kann Einheitsschule auch so verstehen wie in den USA. Da heißt das nur “Der Staat verzichtet darauf, irgendwelche Etiketten auf die Schulen zu kleben.”
    Inhaltlich sind die trotzdem sehr differenziert, je nach Wohngebiet und Schulträger – das ist durchaus mit liberal vereinbar.

    Und generell gilt: Mir ist es auch als Liberalen VÖLLIG wurscht, ob die Schule meinem politischen Dogma entspricht. Da gilt nur ganz egoistisch: Ist sie gut für mein Kind?

    Wenn die nicht-liberale Schule besser wäre, dann würde ich es machen wie die SPD-Größen, die ihre Kinder natürlich nie auf Gesamtschulen schicken.

  14. R. A. sagt am 30. 10. 2006 um 20:21 Uhr:

    @Marc:
    > Na R.A., das Lob wird unsere
    > Stadtregierung aber freuen. :-)
    Nun ja – nur daß die Stadtregierung überhaupt nicht für diese inhaltliche Vielfalt verantwortlich ist. Genauer: Sie ist in der Vergangenheit mit ihren Versuchen gescheitert, diese Vielfalt zu plätten.

    Als Schulträger ist sie derzeit nur verantwortlich für den miesen Zustand der Gebäude.

    > Ich halte ebenfalls die Durchlässigkeit
    > in alle Richtungen für wichtig.
    Eben, “in alle”. Ich sehe die von Dir beschriebenen Tendenzen auch mit großem Mißfallen.

    Aber diese Mängel kann und sollte man abstellen, ohne deswegen alle ins gleiche Korsett zu zwingen.

    > Vielleicht wäre aber auch zu prüfen, ob
    > man erst nach der sechsen Klasse, die
    > Schüler trennen sollte.
    Bei der großen Mehrheit der Schüler sieht man schon in der zweiten/dritten Klasse, wo es lang geht! Durch die späten Einschulungen ist selbst schon die vierte Klasse gemeinsam für viele Schüler nicht so gut.
    Umgekehrt gibt es Spätentwickler auch nach der sechsten Klasse, die muß man dann hochbefördern, anstatt den ganzen Pulk auf diese wenigen warten zu lassen.

    > dass unserer dreigliedriges Schulssystem
    > vom preußischen Dreiklassenwahlrecht
    > abgeleitet wurde
    Das ist ein Mythos.

  15. dirkmeister sagt am 30. 10. 2006 um 21:57 Uhr:

    In bin absolut überzeugt davon, dass ein Schüler einen temporären “Hänger” haben kann und dass ihm deshalb der Weg zum Abitur (und damit zum Studium) nicht unverrückbar verwehr werden soll.

    Davon ich ich ebenso überzeugt. Aber in diesen Punkten hat sich in den letzten 20 – 30 Jahren sehr viel getan. Es gibt in Deutschland kaum noch (wenn überhaupt) formale Sackgassen. Aus nahezu jeder Situation ist noch das Erreichen eines höheren Schulabschlusses und sogar der allgemeinen Hochschulreife möglich. Man kann gut darüber diskutieren, ob die Nachteile über den Umweg zum Abitur zu gelangen vielleicht zu groß sind. In NRW gibt es neuerdings zum Beispiel ein Jahr Verzögerung für alle die z.B. von der Realschule nach der 10. Klasse wechseln.

    Auch die sonstige Durchlässigkeit ist besser geworden als vor einigen Jahrzehnten.
    Aber gerade dort muss(!) man noch viel machen. Die Durchlässigkeit ist heute (in NRW aber wohl in allen Bundesländern) noch nicht gut genug. Z.B. mit einer häufigeren Überprüfung der Eignung für eine bessere Schule, bessere Beratung der Eltern und Schüler, Anpassungsunterricht in der Anfangszeit auf einer neuen Schule um den Umstellungsprozeß besser zu gestalten,… kann da noch einiges bewirken.

    Wichtig ist die Unterscheidung von verschiedenen Vorstellungen einer “Einheitsschule/Gesamtschule/Basischule/…”:
    Es gibt im Grunde die Möglichkeit alle Kinder von der Sonderschule bis zum Hochbegabten in einem Klassenraum zu unterrichten. Dies war die Forderung der NRW-Grünen und SPD beim letzten Landeswahlkampf so verstehe ich da auch Rayson.
    Ich kann dabei R.A. und Martin Eisenhardt nur zustimmen.
    Bei unterschiedliche Schüler erreicht man mit einem angepassten Unterricht wesentlich mehr. Klar, der Idealzustand in diesem Sinne wäre eine vollständig individueller Einzelunterricht, aber aus Grunden (Soziale Kontakte) will dass kaum jemand wirklich.
    Ein gewisse Homogenität in der Gruppe erleichtert die Vermittlung der Inhalte und Fakten erheblich. Dies hat bei einer guten Durchlässigkeit auch nichts mit “Wegsperren” auf niedrigeren Schulformen nach der vierten Klasse zu tun.

    Eine andere Form ist eine Einheitsschule mit innerer Differenzierung. Also eine Schule, die zum Beispiel einen Schüler für jedes Fach in den für die Leistungsfähigkeit passende Klasse zuordnet bzw. ihn die passende Klasse wählen lässt. Ich hätte dann den Informatik-Kurs ersten Grades genommen, aber in Französisch die niedrigste Stufe.

    Über die zweite Form kann man definitiv diskutieren. Meiner Meinung nach lässt auch das derzeitige System durch wesentlich bessere Durchlässigkeit, Schulautonomie (ja, inkl. einer eingeschränkten Autonomie was Inhalte und Schuleprofile betrifft) wesentlich verbessern. Aber insgesamt halte ich die Schulstruktur (ohne dafür mehr empirischen Beweise zu haben, als das bei PISA sowohl Länder mit und ohne Einheitsschule gut abgeschnitten haben) für nicht den zentralen Punkt. In beiden System lässt sich wahnsinnig gute und wahnsinnig schlechte Bildungsergebnisse erzielen. Das liegt also vielleicht tatsächlich mehr an anderen Faktoren.

    Problematisch ist derzeit auch die finanzielle und organisatorische Ungleichbehandlung der Schulformen zum Beispiel bei der Bezahlung der Lehrkräfte und insgesamt zu geringen Unterstützung der Grundschule. Die so oft zitierte geringe soziale Durchlässigkeit wird in meinen Augen nicht in der Sekundarstufe I erzeugt, sondern in der Grundschule (und auch davor)

    @SteffenH:

    Auch heute können Eltern ihren Kids nur durch einen Umzug oder andere Tricks ein unerwünschtes, wenig leistungsstimulierendes Milieu ersparen.

    Wichtig wäre es hier, nicht so hohe Hürden (Umzug) zu haben, wenn man ein Kind auf eine bessere Schule schicken möchte. In NRW werden gerade die verpflichtenden Schuleinzugsgebiete abgeschafft.

    @marcc:

    Ich halte ebenfalls die Durchlässigkeit in alle Richtungen für wichtig. Ich habe allerdings das Gefühl, dass die Durchreiche eher nach unten eher funktioniert. Und dass diese Möglichkeit es einige Lehrern zu leicht macht komplizierte, anstrengende und unbequeme Schüler nach unten abzuschieben.

    Alle Statistiken bestätigen genau deine Vermutung. Alle Statistiken zeigten genau das. 11,2% der 15 Jährigen haben schon eine Schulform gewechselt und sind dabei abgestiegen. 3,2% sind aufgestiegen.
    Diese Statistik muss man allerdings mit Vorsicht genießen, da nicht klar ist aus welchen Gründen dies so ist. Aber der Verdacht einer unfairen Durchlässigkeit liegt tatsächlich nahe. Es ist leider schon formal wesentlich einfacher “abzusteigen” als “aufzusteigen”.

    Vielleicht wäre aber auch zu prüfen, ob man erst nach der sechsen Klasse, die Schüler trennen sollte.

    Das Problem bei diesem Vorschlag ist einigen Studien zu Folge der Beginn der Pubertät. In diesem Stadium den Schulwechsel durchzuführen, würde in vielen Fällen zu massiven Schwierigkeiten führen.

  16. stefanolix sagt am 30. 10. 2006 um 22:55 Uhr:

    Die Durchlässigkeit eines Schulsystems ist sehr wichtig und sollte immer als Chance gesehen werden. Dass statistisch gesehen mehr Schüler “absteigen” als “aufsteigen” lässt sich unter anderem mit den Aufnahmekriterien und den Ausnahmeregelungen erklären. Die Aufnahmekriterien für das Gymnasium werden in den einzelnen Grundschulen oft recht unterschiedlich ausgelegt. Eine Note “Eins” kann natürlich auch ganz unterschiedlich zustandekommen. Manche Grundschulen kommen den Wünschen bestimmter Eltern entgegen, auch wenn deren Kinder sich eigentlich nicht für das Gymnasium eignen. Manche Eltern klagen ihren Kindern den Weg auf das Gymnasium frei, auch wenn ein anderer Weg für die Kinder besser wäre. So sind diese Zahlen eigentlich recht einfach erklärbar.

  17. Boche sagt am 31. 10. 2006 um 09:38 Uhr:

    Vielen Dank für die rege Kommentierung.
    Ich werde heute Nachmittag versuchen, auf die Gegenargumente gegen die einheitliche Schulform einzugehen.
    Nur das vorneweg: Ich habe ich nicht viel gelesen, was mich vom dreigliedrigen System überzeuge hätte können.

  18. marcc sagt am 31. 10. 2006 um 10:05 Uhr:

    Die Tendenz zum leichteren “nach unten durchreichen” führt meiner Meinung nach dazu, dass die Eltern bestrebt sind ihr Kind oben unterzubringen, da die Chance sich hochzuarbeiten gering ist. Oder auch erschwert wird. Einer in meiner 9. Klasse (damals vor über 20 Jahren, also vorsicht, kann alles anders sein) war 18 Jahre als. weil er bei seinem Aufstieg ins Gymnasium immer die jeweilige Klasse wiederholen musste (seine Schilderung).

    Allerdings frage ich mich auch, was beispielsweise eine Mathe-Note wert ist die zustande kommt, weil man in der 7. Klasse (?) kein Bruchrechnen kann, es aberin der 8. dann kapiert hat? Sie sagt vielleicht etwas über die “Kapierfreude” aus, aber doch wenig über die Intelligenz. Wobei ich es auch peinlich fand und finde, wenn die Leute keinen Dreisatz/Prozentrechnung können

    Aber wenn man den Schilderungen Berliner Hauptschuld-Rektorinnen glauben darf, dann sind ihre Schüler bei der Lehrstellensuche so gut wie chancenlos, weil sie Hauptschüler sind. Wobei mein Vater – nicht iin Berlin – mir da auch von Bewerbern berichtet hat, die man auch nicht nehmen kann, weil es an allem mangelt.

  19. R.A. sagt am 31. 10. 2006 um 11:09 Uhr:

    Es ist wohl logisch, daß mehr Schüler “absteigen” als umgekehrt: Es wird fast nie vorkommen, daß Eltern ihr Kind gegen die Grundschulempfehlung zu niedrig einstufen.

    Ansonsten sind wir uns wohl über die Notwendigkeit von Durchlässigkeit einig.

    Wobei das m. E. eigentlich so ein großes Thema nicht ist.
    Es wird dort kritisch, wo diverse Bundesländer ihre Hauptschulen so zugrunde gewirtschaftet haben, daß sie fast unzumutbar für Schüler sind – aber das richtige Rezept wäre hier eigentlich nicht, möglichst vielen Schülern von dort die Flucht auf höhere Schulen zu ermöglichen …

  20. R.A. sagt am 31. 10. 2006 um 11:22 Uhr:

    @dirkmeister:
    > Aber insgesamt
    > halte ich die
    > Schulstruktur …
    > für nicht den
    > zentralen Punkt.
    Völlige Zustimmung!

    Um nicht zu sagen: Wenn heute die üblichen Verdächtigen von GEW/SPD/Grünen über Struktur reden wollen, dann ist das schlicht ein Ablenken-wollen von den eigentlichen inhaltlichen Problemen.

    Natürlich kann man Gesamtschulen gut machen – andere Länder beweisen das.
    Warum also sind gerade die deutschen Gesamtschulen so grottenschlecht?

    Ganz offensichtlich ist die Differenzierung auf die unterschiedlichen Schülerbedürfnisse der wesentliche Knackpunkt. Und eben nicht die Frage, ob man dies nun organisatorisch über verschiedene Schulen oder innerhalb einer Schule löst.

    Und umgekehrt: Wenn man deutsche Schulen INHALTLICH wieder auf Qualität bringt (insbesondere die Problemzonen Haupt- und Gesamtschule), dabei moderne Lernformen und bessere vorschulische Förderung (Sprachkenntnisse!) berücksichtigt – dann wird es am Ende vielleicht völlig unwichtig sein, welche Struktur ein Bundesland benutzt.

    Und man wird vielleicht an gegliederten bzw. Gesamtschulsystem festhalten, was immer vor Ort da ist, weil sich irgendein Aufwand für rein formal-äußerliche Änderungen nicht lohnt.

  21. Llarian sagt am 31. 10. 2006 um 11:33 Uhr:

    Es stimmt sicher, dass eine Schule für die Schüler da sein sollte. Aber eben auch für die Guten und nicht nur für die Schlechten. Bei der Diskussion über die Einheitsschule (nennen wir es auch Gesamtschule) geht es in der Regel darum, dass die schlechteren Schüler besser zurechtkommen, wenn die besseren Schüler mit diesen zusammengesteckt werden (und sei es nur dadurch, dass sich deren Niveau verschlechtert). Und dazu stimmt FABS Formulierung exakt: Ich glaub es hackt.
    Wenn es Probleme damit gibt, dass Hauptschüler keine Lehrstelle finden oder Gesamtschüler schlechte Pisa Ergebnisse produzieren, dann ist das sicher ein Argument diese Schulen zu verbessern, aber doch beileibe keins die anderen zu verschlechtern. Mit welchem Recht zwingt man begabtere oder fleissigere Schüler dazu ihr Niveau zu verschlechtern ? Ich fands schon damals auf dem Gymnasium unglaublich dröge, dass es immer nur nach dem Tempo des Langsamsten ging, was im Endeffekt dazu führt, dass man 2/3 der Zeit einfach nur sinnlos rumsitzt, weil etwas zum 4. mal erklärt wird. Ich würde eher sagen, es wird Zeit viel stärker zu differenzieren und auch zu individualisieren.
    Eine Schule sollte die Schwachen fördern, keine Frage, aber niemals auf Kosten von anderen.

  22. dirkmeister sagt am 31. 10. 2006 um 12:14 Uhr:

    @marcc

    Um nicht zu sagen: Wenn heute die üblichen Verdächtigen von GEW/SPD/Grünen über Struktur reden wollen, dann ist das schlicht ein Ablenken-wollen von den eigentlichen inhaltlichen Problemen.

    Wenn ich mir den Landesfachauschuss Bildung der FDP-NRW ansehe, dann kann ich sagen, dass auch die üblichen Verdächtigen der FDP dabei sind. Nur mit dem Ziel mit einer verbissenen Strukturdebatte von anderen (wichtigeren) Bildungsreformen abzulenken.

    Warum also sind gerade die deutschen Gesamtschulen so grottenschlecht?

    Neben der hohen Heterogenität in den Klassen unter anderem auch durch falsche Ordnungspolitik. Zum Beispiel Gesamtschulen, die eine bestimmte Rate an Schülern zum Abitur geführt haben, erhalten davon vom Land mehr Geld. Was aber tun, wenn die Schüler in einem Jahrgang mal nicht so gut sind? Leider wurden oft die Anforderungen für das Abitur an Gesamtschulen gesenkt, um sich irgendwie über die Rate zu retten.

    @Llarian
    Ich glaube, wenn die Struktur einen Einfluss hat, dann einen negativen Einfluss für alle, die nicht “durchschnittlich” sind.
    Keine Frage, in einer solchen Lehrumgebung werden starke Schüler geschwächt bzw. sie können sich nicht so entfalten wie sie es bei besserer Differenzierung könnten, aber auch die langsameren Schüler bleiben schlechter als sie könnten.

    Es geht in meinen Augen nicht um eine Diskussion “Die schlechten Schüler gegen die guten Schüler”, sondern wenn überhaupt(!) “Die normal begabten Schüler gegen die Schüler an beiden Enden des Spektrums”. Ich glaube halbwegs homogene Klassen kommen am Ende allen Schülern zu Gute.

  23. Boche sagt am 31. 10. 2006 um 16:29 Uhr:

    Ich fasse mal die Argumente zusammen, wie ich sie verstanden habe, antworte aber nicht jedem Kommentar persönlich, wenns Recht ist:

    Julius hält eine frühe Entscheidung über die kindliche Entwicklungsrichtung und eine darauf ausgerichtete spezifische Bildung für sinnvoll.

    Ich bezweifle stark, ob eine solche Sicht auf die kindliche Entwicklung der Wirklichkeit entspricht.
    Dadurch, dass meine Mutter Lehrerin war und auch aus der persönlichen Erfahrung mit ehemaligen Mitschülern weiß ich, dass sich Entwicklungen nur schwer absehen lassen. Bei manchen “platzt der Knoten” mit 8 Jahren, bei manchen mit 14.
    Zumal man es mit einer self-fulfilling prophecy zu tun haben könnte, wenn man ein Kind in eine Hauptschule steckt und dieses anschließend einen für die Hauptschule typischen Berufsweg einschlägt.

    Der praktische Einwand, dass eine Umstellung vom dreigliedrigen zum eingliedrigen Schulsystem nur mit hohem Aufwand zu realisieren wäre, lasse ich mal beiseite, weil ich diesen Aufwand für nicht exorbitant hoch halte, mich hier aber sowieso mehr die prinzipielle Diskussion interessiert.

    Von R.A. und Rayson wird eingewandt, dass es nicht liberal sein könne, allen eine einheitliche Lösung vorzuschreiben sondern dass es liberal sei, auf verschiedene Begabungen mit differenzierten Angeboten einzugehen.
    R.A. verweist dabei auf die Frage, ob eine strukturelle Einheitlichkeit auch mit einer inhaltlichen Einheitlichkeit einhergeht.
    Und darin liegt m.E. auch die Antwort:
    Man kann eine Einheitsschule haben und dieser gleichzeitig eine weitgehende Autonomie in den Entscheidungen lassen, wie intern Begabtenförderung oder das Vermitteln sozialer Kompetenz oder auch die Ausrichtung auf Spezialgebiete wie Sport oder Kunst umgesetzt wird.

    dirkmeister bringt das ja auch ins Gespräch: Die Beantwortung der Vielfalt durch schulinterne Differenzierung der Angebote. Er meint zwar, dass eine gut gestaltete Durchlässigkeit des dreigliedrigen Systems dasselbe leisten kann, ich bin aber nicht dieser Meinung. Der Punkt, den ich betonen möchte, ist ja gerade der Nutzen, den alle Schüler aus einem gemeinsamen Bildungsweg ziehen können. Bildung besteht ja gerade nicht nur in der Ansammlung von Wissen sondern auch im Erlernen von Strategien zur Wissensaneignung, im Lernen, mit anderen zusammen zu arbeiten, um zu einem Ziel zu gelangen und vieles mehr. Dabei halte ich es für einen Nutzwert an sich, dass dieser Austausch und dieses Lernen in einem heterogenen Klassenverband stattfindet, weil die Gesellschaft, in der man später seinen Beruf ausübt, (i.d.R.) genauso heterogen sein wird.
    Während der Schwächere vom Besseren Strategien zur Wissensaneignung lernen kann und überhaupt zum Nachahmen der Leistung angeregt wird, kann der Bessere in der Zusammenarbeit mit dem Schlechteren ebenfalls lernen. Ich kann aus meiner Erfahrung als mit Abstand Klassenbester (zumindest bis zur 10.Klasse) sagen, dass ich (im Nachhinein betrachtet) aus der Arbeit mit Lernschwächeren viel lernen konnte. Und sei es nur die Fähigkeit, mein Wissen verständlich zu machen.
    Die Frage der Durchlässigkeit des dreigliedrigen Schulsystems ist aus dieser meiner Logik heraus auch nachrangig. Weil Durchlässigkeit nicht den Gewinn ersetzt, den das gemeinsame Lernen bietet bzw. bieten kann.
    Und schlecht funktionierende Gesamtschulen als Gegenargument zu bringen, ist auch nicht wirklich überzeugend. Zum einen gibt es auch gute Gesamtschulen. Und zum anderen würde (und werde) ich auch versuchen, mein Kind auf die Schule zu bringen, die landläufig als Schule der Gewinner gilt. Weil ich eher davon ausgehen kann, dass mein Kind an einer solchen Schule nicht unter Wert unterrichtet wird. Das haben nämlich Untersuchungen gezeigt – dass Lehrer Kinder weniger entsprechend ihrer persönlichen Leistungsfähigkeit behandeln sondern es vielmehr durch die Hauptschul-Brille betrachten, nach dem (die psychologische Grundlage dieser Verhaltensweise natürlich stark verkürzendem) Motto: “Der wird sowieso nur Schlosser.”
    Dass ein Kind mit gleichen Fähigkeiten je nach Schulform also anders gefördert wird.

    Llarian und FAB bringen in meinen Augen die schwächsten Argumente. Die Angst vor einer Nivellierung, vor einer Überforderung der Schwachen und einer Unterforderung der Starken, kann man einmal mit der Möglichkeit schulinterner Differenzierung beantworten. Und dann gibt es ja anderenorts eingliedrige Schulsysteme, die zu funktionieren scheinen. Offensichtlich ist eine Trennung in Gut und Schlecht nicht notwendig, offensichtlich kommt es vor allem auf die Qualität der Lehrer an.
    Dass letztere aus Bequemlichkeitsgründen natürlich lieber homogene Klassen unterrichten, sollte für prinzipielle Erwägungen keine Rolle spielen.
    Wie es für mich auch keine Rolle spielt, dass und warum nun gerade die Linken Anhänger der Einheitsschule sind.

    So, ich hoffe, meine Konklusion war nicht zu wirr und durcheinander und jeder findet meine Widerrede auf sein Argument heraus.

  24. Llarian sagt am 31. 10. 2006 um 17:50 Uhr:

    @Boche:
    Ich kenne keine guten Gesamtschulen. Und ich bin mir ziemlich sicher, die wenigsten werden es sein. Du magst meine Argumente für schlecht halten, aber die Realität gibt mir erst einmal recht. Wenn Du Gesamtschulen schaffen kannst, die ein hohes Niveau produzieren (und zwar nicht nur ausgewählte sondern jede Menge), dann könnte man drüber reden, aber bis dahin widerlegt Dich erst einmal die Realität.
    Das mit der Differenzierung sehe ich auch, nur, wo ist dann noch der Unterschied ? Wenn Du alle möglichen Fächer aufspaltest, wirst Du irgendwann feststellen, dass Du eigentlich zwei oder drei Schulen in einem Gebäude führst, damit hast Du dann die Aufteilung implizit statt explizit erreicht.
    Aber ich denke, da wir beide ja liberal sind ( :) ), können wir uns ja recht einfach einigen: Jeder schickt seine Kinder dorthin, wo er es für richtig hält und die entsprechende Schule die Kinder annimmt. Ich hindere Dich nicht, deine Kinder zu einer Einheitsschule zu schicken, aber Du darfst mich dann auch nicht daran hindern meinen Nachwuchs auf eine Schule zu schicken, von der ich meine, dass sie besser ist.

  25. Karsten sagt am 31. 10. 2006 um 19:35 Uhr:

    @dirkmeister:

    Da bin ich ganz Deiner Meinung. Ich habe mein Fachabitur auf einer Schule gemacht, die sich sowohl um die ganz Schwachen als auch die ganz Starken (von der Lernbegabung her) gekümmert hat, mit speziellen Klassen und besonderer Förderung und auf die individuelle Lerngeschwindigkeit zugeschnittene Lehrpläne. Das hat beiden Gruppen sehr geholfen. Wenn man aber nur auf das Mittelmaß abzielt, hilft man zwar den Meisten – kann aber weder besonders leistungsfähige Absolventen schaffen noch besonders problematischen Schülern helfen.

    Ich danke jedem möglichen Gott oder höheren Wesen, dass ich nicht auf einer staatlichen Schule sein musste. Jedenfalls ab der 11. Klasse nicht mehr – andere hatten noch mehr Glück.

  26. dirkmeister sagt am 31. 10. 2006 um 23:04 Uhr:

    @Boche

    Ohne auf jeden Punkt nochmal eingehen zu wollen, aber ein Punkt sei erwähnt:

    Man kann eine Einheitsschule haben und dieser gleichzeitig eine weitgehende Autonomie in den Entscheidungen lassen, wie intern Begabtenförderung oder das Vermitteln sozialer Kompetenz oder auch die Ausrichtung auf Spezialgebiete wie Sport oder Kunst umgesetzt wird.

    Weitgehende Autonomie kann man auch im gegliederten System haben. Die Autonomiefrage ist von der Strukturfrage unabhängig.
    Davon abgesehen kann ich dir nur zustimmen. Du hast damit ja so dermaßen Recht.
    Ein Schulautonmie nicht nur in Finanz- und Personalfragen sondern auch im Bezug auf Schulprofile und Umsetzung der Kernlehrpläne sind in meingen Augen von entscheidender Bedeutung für ein bessere Schulqualität, allerdings auch kein Allheilsmittel.

    Aber dies ist ein Punkt an dem ich im Moment resigniert bin. Man meint offensichtlich zentralstaatliche Steuerung der Inhalte (inkl. z.B. welches Buch von welchem Autor in der 12. Klasse gelesen werden muss) und Methoden wären die besseren Werkzeuge. Die deutsche Bildungsbürokratie hat in meinen Augen noch nicht erkannt, dass weder jede Schule gleich ist (und auch nicht gleich sein sollte).

    Andere Länder mit einer weitgehenden Schulautonomie machen uns da tatsächlich etwas vor. Oft setzten die Anstrengungen zur Schulautonomie nicht nur auf den reihen Wettbewerb sondern auch auf eine breite Diskussion über besonders gute Ansätze um die Übernahme dieser Ansätze von anderen Schulen zu fördern.

  27. R. A. sagt am 31. 10. 2006 um 23:05 Uhr:

    @Boche:
    > Bei manchen “platzt der Knoten” mit 8 Jahren, bei manchen mit 14.
    Richtig. Wobei das Letztere aber die seltene Ausnahme ist. Wieso sollen also so viele über Jahre auf Sparflamme gehalten werden, um abzuwarten, ob noch bei irgendeinem Altersgenossen spät der Knoten platzt?

    > ist ja gerade der Nutzen, den alle Schüler aus einem gemeinsamen
    > Bildungsweg ziehen können.
    Das halte ich im für uns entscheidenden Teil für eine (sozialistischen) Mythos.

    Auch eine Gymnasial- oder Hauptschulklasse ist in sich noch heterogen genug, um alle von Dir richtig beschriebenen Effekte zu realisieren. Auch da haben die Schüler unterschiedliche Stärken und Schwächen und können sich gegenseitig was erklären. Betonung auf gegenseitig: Bei im Schnitt vergleichbaren Leistungslevel kommt halt jeder mal in die Rolle des Erklärbären oder muß umgekehrt nachfragen.

    Die Einheitsschule bringt da m. E. keinen Zusatznutzen, wohl aber eine stärkere Hierarchisierung bei diesen Rollen: Der Eine erklärt immer und ist fast überall überlegen, der Andere ist der Depp und erfährt immer nur, daß er nicht wirklich mithalten kann.

    Ich empfand es als unglaublich befreiend, als in der reformierten Oberstufe viel stärker differenziert werden konnte als in den normalen Gymnasialklassen vorher.
    Auf der einen Seite endlich mal richtig gute Physik- und Geschichts-Stunden, mit guten Diskussionen, ohne die vielen Desinteressierten, die den Laden aufhielten.
    Auf der anderen Seite habe ich erst in der Oberstufe erfahren, daß Fremdsprachen Spaß machen können – vorher hatte ich längst aufgegeben, mit den Sprachüberfliegern mithalten zu wollen. Erst wir Sprachschwachen unter uns waren, konnte ich richtig lernen.

    > Und dann gibt es ja anderenorts eingliedrige Schulsysteme,
    > die zu funktionieren scheinen.
    Aber nicht in Deutschland.
    Schuldebatten sind nichts Abstraktes, sondern werden vor einem konkreten Hintergrund geführt.
    Wenn ich nach Skandinavien gehen würde, hätte ich keine Bedenken, meine Kinder in die dortige Gesamtschule zu schicken. Die haben bewiesen, daß sie es können, daß sie intern differenzieren und Leistung bringen, und das paßt halt auch alles zur dortigen Tradition und Mentalität.

    In Detuschland dagegen sehe ich dafür keine Chance. Da haben die falschen Leute die Gesamtschulen gemacht, die Leute, die insgesamt unser Bildungssystem schwer geschädigt haben. Und bei jedem Schritt in Richtung längerer gemeinsamer Unterricht stehen diese Leute wieder bereit um die Chance zu nutzen, wieder ihren dogmatischen Unsinn zu realisieren.

    Obwohl mir also in der Theorie recht egal ist, wie die nötige Differenzierung in der Schulstruktur genau organisiert wird – hier und heute ist eine Verbesserung von Schulen nur im Rahmen des noch funktionierenden dreigliedrigen Systems möglich.

  28. FAB. sagt am 01. 11. 2006 um 19:12 Uhr:

    Meine eigenen Schulerfahrungen stimmen mit denen von R.A. überein. Richtig auch: wenn man Binnendifferenzierung vornimmt, etwa mit A, B, C und D-Kursen in jedem Fach (geringere Differenzierung bringt nichts), dann muß es wohl für einen Schüler, der ständig nur in C- und D-Kurse kommt, äußerst frustrierend sein. Ob der es als Gewinn betrachtet, mit den Leuten, die nur A-Kurse besuchen, dasselbe Gebäude zu benutzen, weiß ich nicht. Mein Taschenpsychologe hält es für wahrscheinlich, daß es dem Selbstbewußtsein besser bekommt, im Rahmen des Leistungsspektrums Hauptschule auch mal die Nase vorn zu haben.

Bad Behavior has blocked 1204 access attempts in the last 7 days.