Abgehängtes Prekariat und ausgehängte Schubladen

Diese ganze armselige Armuts-”Debatte” (wieso wird sowas in Deutschland eigentlich immer gleich als “Debatte” bezeichnet?) ist ja mit dadurch ausgelöst worden, dass irgendwer aus der Friedrich-Ebert-Stiftung ein paar Zwischenergebnisse einer noch nicht abgeschlossenen Studie an die “Bild am Sonntag” weitergereicht hat, wo sie erwartungsgemäß aufbereitet worden sind.

Mittlerweile hat die Friedrich-Ebert-Stiftung eine “Gesamtübersicht der Befragungsergebnisse” ihrer Studie “Gesellschaft im Reformprozess” online gestellt (pdf, 94 Seiten, 649 KB).

Eigentlich geht es in der Studie gar nicht um Armut:

Vielmehr zielte die Befragung darauf, herauszufinden, welche Wertepräferenzen in der Bevölkerung vorliegen und welche Zuordnungen zu „politischen Typen“ diese Präferenzen erlauben. Frank D. Karl, Leiter der FES-Abteilung Gesellschaftspolitische Information in Bonn und Auftraggeber der Untersuchung: „Diese „politischen Typen“ wurden nach ihren politischen Wertevorstellungen und Einstellungen zusammengestellt, um zu klaren Aussagen über neue „politische Milieus“ zu kommen“.

So die Presseerklärung (pdf), in der – auf zwei Seiten – auch die neun politischen Typen kurz erläutert werden. Neben dem mittlerweile berühmt gewordenen “abgehängten Prekariat” (8%) sind dies:

11% Leistungsindividualisten
15% Etablierte Leistungsträger
9% Kritische Bildungselite
10% Engagiertes Bürgertum
13% Zufriedene Aufsteiger
16% Bedrohte Arbeitnehmermitte
11% Selbstgenügsame Traditionalisten
7% Autoritätsorientierte Geringqualifizierte

Da ich ja, wie bekannt, Schubladen über alles liebe, bin ich natürlich über neun Schubladen völlig aus dem Häuschen vor Freude! Aber erst die “politischen Wertevorstellungen und Einstellungen”! Mein Lieblingstyp ist die kritische Bildungselite:

Die Kritischen Bildungseliten (9%) stellen die politisch am weitesten links stehende, jüngste und zugleich qualifizierteste Gruppe dar. Die Kritischen Bildungseliten haben den höchsten Anteil partei- und gesellschaftspolitisch Aktiver. Über vier Fünftel von ihnen wählen eine der drei linken Parteien, die gegenwärtig im Deutschen Bundestag vertreten sind.

Ich muss mir jetzt nur noch einen geeigneten Weg einfallen lassen, bei der FES zu erfragen, wozu das Ganze gut sein soll. Ich meine, wer braucht denn bitteschön “klare Aussagen über neue politische Milieus”? Mal abgesehen davon, dass sich das alles für mich so anhört wie damals in der Wendezeit im Pflichtkurs SoWi. Immerhin auch schon 17/18 Jahre her.

Zu welchem politischen Typ gehört Ihr denn? Und wer ist schuld an allem? (Nee, is’ klar, SPD. Aber jetzt mal ein bisschen spezifischer.)

Ähnliche Beiträge


9 Kommentare zu “Abgehängtes Prekariat und ausgehängte Schubladen”

  1. 19.10.2006 | 14:09

    Ich muss mir jetzt nur noch einen geeigneten Weg einfallen lassen, bei der FES zu erfragen, wozu das Ganze gut sein soll.

    Gib doch im Erfolgsfall gern mal die Antwort weiter. Würde mich nämlich auch interessieren.

  2. 19.10.2006 | 14:12

    Ich sehe da schon einen Sinn. Wenn man ziemlich genau weiß, welche Kategorien politischer Wertvorstellungen man im Volk in welcher Häufigkeit antrifft, dann kann man dementsprechend seine politische Werbung und die angesprochenen Inhalte auslegen. Für Parteistrategen und -taktiker (denen also die Organisation vor das Programm geht) eine interessante Quelle.

  3. 19.10.2006 | 14:20

    Karsten,

    (Pssst. Das weiß ich auch. Aber genau dieses Geclustere und zielgruppenfixierte Rumgehampel sind ja die Sargnägel der Demokratie. Und bei den Parteistrategen und -taktikern steht die Orga nicht nur über dem Programm – das wäre noch zu verschmerzen – sondern vor allem über dem Wahlvolk und der Suche nach sinnvollen Lösungen.)

  4. 19.10.2006 | 15:25

    Klingt irgendwie danach, als ob die SPD sich neue Zielgruppen sucht. Wenn wir Glück haben, beschränkt sich die SPD auf diese sogenannte “kritische Bildungselite” und stagniert dann bei Wahlergebnissen um 9 % :)

  5. 19.10.2006 | 15:53

    Natürlich geht es in der Studie darum, wer eigentlich SPD wählt. Das die SPD sowas gerne wissen will man jetzt ihrer Stiftung nicht wirklich vorwerfen.

    Ob diese berechnende Strategie schön ist oder nicht, weiß ich nicht, aber die anderen Parteien werden ähnlich ihre Wähler suchen.

    Problem ist nicht, dass das funktioniert, Problem ist vielleicht, dass es immer weniger Wähler interessiert.

    Aber über die geringe Wahlbeteiligung mag ich nicht mehr lamentieren. Die Nichtwähler sind einfach ehrlich und gehen nicht wählen, weil es sie in Wahrheit nicht interessiert. Nur klingt “ich bin so politikverdrossen” in Umfragen natürlich viel besser als “mir doch egal” (Wer Polemik findet darf sie behalten ;-) )

  6. 19.10.2006 | 16:00

    VolkerD,

    ich frag’ mich nur die ganze Zeit, von welchen drei linken Parteien die Rede ist. Und für Sachsen wären 9% schon fast ambitioniert.

    Marc,

    Natürlich geht es in der Studie darum, wer eigentlich SPD wählt. Das die SPD sowas gerne wissen will man jetzt ihrer Stiftung nicht wirklich vorwerfen.

    Du vielleicht nicht – ich schon. Denn zum einen brauche ich dazu keine Studie – und zum anderen hilft die Studie nicht. Na klar lassen die anderen Parteien solche Studien auch machen; das macht die Sache aber nicht besser.

    Und bisher hat noch keiner verraten, in welche Gruppe er gehört :-(

  7. 19.10.2006 | 16:10

    Und bisher hat noch keiner verraten, in welche Gruppe er gehört

    Ich werd mich doch nicht für die SPD-Werbestrategen (du bist nicht gemeint, Marian ;-) ) selbst klassifizieren!

  8. 19.10.2006 | 16:25

    Boche,

    aber das erklärt ja teilweise, warum ich mich so aufrege: Die haben Leute wie Dich befragt – und kommen dann zu dem Ergebnis, dass Du nicht SPD wählst! Das hätte ich denen auch so sagen können.

  9. 19.10.2006 | 16:34

    Sag es ihnen bitte nicht.
    Ich will trotz allem umworben sein.

Bad Behavior has blocked 1453 access attempts in the last 7 days.