19. Oktober 2006
Abgehängtes Prekariat und ausgehängte Schubladen
Diese ganze armselige Armuts-”Debatte” (wieso wird sowas in Deutschland eigentlich immer gleich als “Debatte” bezeichnet?) ist ja mit dadurch ausgelöst worden, dass irgendwer aus der Friedrich-Ebert-Stiftung ein paar Zwischenergebnisse einer noch nicht abgeschlossenen Studie an die “Bild am Sonntag” weitergereicht hat, wo sie erwartungsgemäß aufbereitet worden sind.
Mittlerweile hat die Friedrich-Ebert-Stiftung eine “Gesamtübersicht der Befragungsergebnisse” ihrer Studie “Gesellschaft im Reformprozess” online gestellt (pdf, 94 Seiten, 649 KB).
Eigentlich geht es in der Studie gar nicht um Armut:
Vielmehr zielte die Befragung darauf, herauszufinden, welche Wertepräferenzen in der Bevölkerung vorliegen und welche Zuordnungen zu „politischen Typen“ diese Präferenzen erlauben. Frank D. Karl, Leiter der FES-Abteilung Gesellschaftspolitische Information in Bonn und Auftraggeber der Untersuchung: „Diese „politischen Typen“ wurden nach ihren politischen Wertevorstellungen und Einstellungen zusammengestellt, um zu klaren Aussagen über neue „politische Milieus“ zu kommen“.
So die Presseerklärung (pdf), in der – auf zwei Seiten – auch die neun politischen Typen kurz erläutert werden. Neben dem mittlerweile berühmt gewordenen “abgehängten Prekariat” (8%) sind dies:
11% Leistungsindividualisten
15% Etablierte Leistungsträger
9% Kritische Bildungselite
10% Engagiertes Bürgertum
13% Zufriedene Aufsteiger
16% Bedrohte Arbeitnehmermitte
11% Selbstgenügsame Traditionalisten
7% Autoritätsorientierte Geringqualifizierte
Da ich ja, wie bekannt, Schubladen über alles liebe, bin ich natürlich über neun Schubladen völlig aus dem Häuschen vor Freude! Aber erst die “politischen Wertevorstellungen und Einstellungen”! Mein Lieblingstyp ist die kritische Bildungselite:
Die Kritischen Bildungseliten (9%) stellen die politisch am weitesten links stehende, jüngste und zugleich qualifizierteste Gruppe dar. Die Kritischen Bildungseliten haben den höchsten Anteil partei- und gesellschaftspolitisch Aktiver. Über vier Fünftel von ihnen wählen eine der drei linken Parteien, die gegenwärtig im Deutschen Bundestag vertreten sind.
Ich muss mir jetzt nur noch einen geeigneten Weg einfallen lassen, bei der FES zu erfragen, wozu das Ganze gut sein soll. Ich meine, wer braucht denn bitteschön “klare Aussagen über neue politische Milieus”? Mal abgesehen davon, dass sich das alles für mich so anhört wie damals in der Wendezeit im Pflichtkurs SoWi. Immerhin auch schon 17/18 Jahre her.
Zu welchem politischen Typ gehört Ihr denn? Und wer ist schuld an allem? (Nee, is’ klar, SPD. Aber jetzt mal ein bisschen spezifischer.)
Verfasst von Marian Wirth um 13:57 Uhr in der Kategorie Grundsatzfragen, Politik, Sprache (Trackback)
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