Windows Vista – eine Jobmaschine?

Windows Vista soll 50.000 neue Jobs in Europa schaffen, prognostizieren die Marktforscher von IDC im Auftrag eines großen US-amerikanischen Softwareanbieters.

Mehr als 150.000 IT-Unternehmen in Deutschland, Dänemark, Frankreich, Großbritannien, Polen und Spanien werden durch Vista 2007 einen Umsatz von mehr als 32 Milliarden Euro erzielen, teilte Microsoft heute mit.

Am meisten werden den Erhebungen zufolge die Hardware-Hersteller profitieren.

Ketzerische Frage: Schaffen Steuern Jobs? Immerhin werden für ihre Erhebung eine Menge an Arbeitskräften, vulgo Finanzbeamte, benötigt. Extrem ketzerische Frage: Was ist der Unterschied zwischen Windows Vista und einer Steuer? Gut, niemand wird gezwungen, Vista zu kaufen. Aber warum wenden Menschen Ressourcen auf für Dinge, die ihnen objektiv nichts nutzen? Dass Vista der Unterhaltungsindustrie durch neue DRM-Regeln Zusatznutzen verschafft, ist klar. Aber welchen Nutzen verschafft Vista den Anwendern? Warum lohnt es sich für diese, Geld für Upgrades und neue Hardware auszugeben?

Liberale Antwort: Es geht uns nichts an. Ob jemand sein Geld für Handytöne ausgibt oder für Vista, ist sein Ding. Wenn dadurch Arbeitsplätze bei Jamba, in der Hardwareindustrie und bei Anbietern von MS-”Lösungen” entstehen und nicht etwa da, wo die Nachfrager sonst ihr Geld verbraten hätten, dann hat niemand das Recht, irgendetwas anderes durchsetzen zu wollen.

Dennoch: Die Argumentation mit den Jobs ist ein klassischer Fall der “broken window fallacy”, denn diejenigen, die zukünftig ihren PC hochrüsten, damit Vista auf ihm läuft, hätten ohne diese Notwendigkeit mit dem Geld natürlich andere Wünsche abgedeckt. Durch Vista entstehen also keine “neuen Jobs”, sondern nur “andere Jobs”. Über “neue” hätten wir reden können, wenn Vista einen Produktivitätsfortschritt ermöglichte. Der aber ist, gerade vor den existierenden Alternativen (darunter das Verharren bei XP), sehr zweifelhaft.

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13 Kommentare zu “Windows Vista – eine Jobmaschine?”

  1. 14.09.2006 | 20:31

    Ich habe das Gefühl MS wird langsam verzweifelt und Arbeitsplätze sind immer gute PR.

    Ich für meinen Teil kaufe keine neue 3D Superkarte um irgendeinen noch bunteren Desktop zu bewundern. Böse Böse…ich schaffe keine Arbeitsplätze :-)

  2. 15.09.2006 | 8:20

    Ich gehe sogar noch weiter: das Argument, man würde (irgendwie, wie genau wird nicht ganz klar) ganz ganz viele Arbeitsplätze schaffen, kommt von Unternehmen gewöhnlich dann, wenn ihr Ansehen ganz tief im Keller ist. Und gewöhnlich ist es eine Lüge. (Das sie von Politikern anscheinend gern geglaubt wird, ist ein anderes Kapitel.)

  3. Llarian
    15.09.2006 | 11:14

    SOrry, aber ich halte diese Argumentation für Käse auf der ganzen Linie. Klar geben die Leute Geld für Hardware aus, die sie vorher woanders ausgegeben haben, sie kaufen auch lieber einen Polo als eine Pferdekutsche, kein Mensch käme auf die Idee den Nutzen zu bestreiten.
    Wer die Migration von MS-DOS über Windoof 3.11 über Windelweich 95 und 98 bis zu XP mitgemacht hat, kann jedesmal eine Fülle von Dingen beschreiben, die sich verbessert haben. Ohne Vista gesehen zu haben, habe ich daran wenig Zweifel. Wenn Vista es schafft mehr und mehr Leute zu animieren sich einen Rechner zu kaufen ist das ein gigantischer Produktivitätsgewinn. Leute vernetzen sich, kommunizieren effizienter, allkokieren besser (durch einkaufen im Netz), nutzen fortgeschrittene Unterhaltung (Spiele im Unterschied zu passivene Filmen), etc. etc. etc.
    Ich mag ja ein Nerd sein, aber ich halte fotorealistische Handlungen die ich an einem Rechner erlebe oder die Möglichkeit mich mit meiner Verwandschaft im Ausland per Bildübertragung zu unterhalten und diverse andere Dinge mehr für einen ordentlichen Fortschritt.

  4. 15.09.2006 | 14:51

    Ohne Vista gesehen zu haben

    Siehst du Llarian, das ist schon mal ein Unterschied zwischen uns beiden. Ich habe eine Vista Beta hier unter VMWare. Es stimmt, XP war ein echter Fortschritt – gegenüber Windows 98, nicht aber gegenüber Windows 2000 (wenn man die gewerbliche Anwendung betrachtet – für Spiele natürlich schon).

    Aber Vista bringt wirklich nichts, was einen Umstieg erfordern würde. Vor allem “eye-candy” und DRM. Ok, Benutzerrechte sind neu geregelt, aber das konnte XP Pro auch schon.

  5. Llarian
    15.09.2006 | 16:35

    Ich habe eine Vista Beta hier unter VMWare.

    Das muss hart (und langsam) sein. :)
    Aber ernsthaft, gerade die Dinge, die mich interessieren, würden sich unter VM kaum realisieren lassen. Das ist zwar alles so ein bischen diskutieren um ungelegte Eier, aber ich halte DirectX10 durchaus für wichtig (denn ich betrachte Spiele durchaus als einen Zweck von Computern). Auch die Begrenzung von XP auf 4 GB zur Zeit ist kaum zukunftsweisend. 64-Bit Erweiterungen halte ich ebenso für wünschenswert wie ein neues Sicherheitskonzept (Sicherheit und XP ist schon ein Widerspruch in sich). Native Unterstützung von Mehrkernprozessoren (nicht in XP Home, in XP Pro maximal Duo) ist ebenso ein Thema. Auch und gerade Virtualisierung wird ein zunehmend wichtiges Thema, dass bei XP vollkommen unbekannt war.
    Ich nehms marktwirtschaftlich: Warten wirs mal ab, dann können wir ja jeder selbst entscheiden. Für mich als …. sagen wir mal Nerd ist es alleine eine Frage der Hardwareunterstützung, ich werde in einem bis anderthalb Jahre gar nicht mehr um Vista herumkommen. Und für mich ist das, was bis dahin an Hardware herauskommen wird, ein massiver Gewinn.

  6. 16.09.2006 | 11:57

    VMware ist gar nicht so langsam – zumindest nicht unter Linux mit 2 GB RAM…

    Um es nochmal zu verdeutlichen: Ich diskutiere das unter den Bedingungen, die für über 90% des gewerblichen Einsatzes gelten. Da braucht keine Sau mehr als 4 GB (jedenfalls ohne eine sich selbst erfüllende Prophezeihung wie Vista), 64 Bit auch nicht (und wenn: Das gibt es auch als XP), geschweige denn Mehrkernprozessoren. All das mag in ganz speziellen Nischen vielleicht produktivitätserhöhend wirken – für eine hohe Zahl an “neuen Jobs” reicht das nicht.

    Für den Rest, also für die DAUs, die Nerds oder die Gamer, gilt der Kern meiner Argumentation, dass es sich hier um einen Fall von “broken window fallacy” handelt.

  7. Llarian
    16.09.2006 | 12:49

    DAUs, Nerds und Gamer in einem Atemzug, das ist heftig. Aber gut, reden wir tatsächlich mal kurz über Nerds. Ich (als Nerd) habe 1983 mit Computerspielen angefangen, damals belächelt, heute ein Multimilliardendollarunternehmen. 1995 kam dann email, wofür fragte man. Und was hatte ich witzige Diskussionen im Wohnheim, was dieses ominöse “Web” denn wäre und welche Sinn es erfüllen würde. 1997 fingen Internetbestellungen an, belächelt, heute absoluter Standard. Internet-Telefonie, oh was war das lächerlich, heute Standard. Homebanking ? Braucht kein Mensch hiess es mal. Ich hab das so oft und viel erlebt, dass ich das heute für normal erachte. Und die selben Leute, die mir damals erzählt haben, dass sie nie einen Rechner besitzen würden (jaja), erzählen mir heute auch, was alles nerdig ist und sie nie haben werden. Genau.
    Du kannst Dir vielleicht keinen Bedarf dafür vorstellen Filme in HDTV flüssig auf deinem Rechner wiedergeben zu wollen (was deine heutige Möhre mit grosser Wahrscheinlichkeit nicht schafft) oder gar aufzunehmen. In einigen Jahren wird das Standard sein. Und man wird auch ein BS brauchen, dass das mitmacht (bitte jetzt nicht die DRM Reourkutsche, das gehört hier kaum hin).
    Hast Du auch so ein schönes CD Archiv on einer breiten Regalwand ? Warum eigentlich ? Wäre doch viel besser den Kram auf ner Platte zu haben. Die Nachfrage ist da.
    Die Argumentation 2 GB reicht für alles erinnert einfach frappierend an Bill Gates und sein “640 K ought to be enough for everybody”. Das war damals Quatsch und ist heute Quatsch. 640 K reicht vielleicht um nen Brief in festen Fonts zu tippen, aber das wars dann (wobei vermutlich damit ein großer Teil des gewerblichen Einsatzes durchaus gedeckt wäre, oder nicht ?). In einem Jahrzehnt lachen wir über 2 GB Hauptspeicher, so wie ich heute über meine erste 40 MB Platte lachen kann.
    Es ist schwer Prognosen über Techniken zu machen, die noch gar nicht existieren, aber da wird ne Menge kommen. Mit gigantischem Potential. Wir können gerne eine Wette darüber machen, wie stark sich Vista verbreiten wird.

  8. 16.09.2006 | 13:54

    Llarian, mir ist wohl nicht gelungen, den Kern meiner Argumentation deutlich zu machen: Bedarf oder nicht, das ist mir im Prinzip völlig wurscht. Wenn die Leute sich an Glasperlen ergötzen können, dann sollen sie das tun. Mir geht es ganz und allein darum, dass hier die “broken window fallacy” zieht.

    Ich lache übrigens schon heute über 2 GB Hauptspeicher. Für das meiste, was ich bisher in Unternehmen an PC-Anwendungen gesehen habe, reichen tatsächlich 512 KB (und die braucht man auch nur wegen XP), ein Pentium mit nicht mehr als 500 MHz Taktfrequenz und eine Festplatte mit 5 GB (oder weniger). Wenn’s dicker kommt, kommt’s auf die Server an. Und hier übertreibe ich eigentlich noch: Ich musste auch auf einem Windows-3.11-Rechner 1992 auf Excels Ergebnisse nicht warten.

    Natürlich ist DRM ein Vista-Thema. Wie auch HDTV vor allem ein DRM-Thema ist.

    Klar wird sich Vista stark verbreiten. Weil es, wie üblich, a) auf den meisten neuen Kisten drauf sein wird und b) ansonsten immer automatisch das neueste MS-Werk mitbestellt wird

  9. 16.09.2006 | 15:32

    Hm. Fallen somit nicht unglaublich viele Dinge unter die Broken Window Fallacy? Wie ist es mit elektrischen Dosenöffnern? Braucht eigentlich wirklich keiner. Breitbild-Flachbett-Fernseher? Ebenfalls nicht. MP3-Player? Wirklich brauchen tu’ ich den nicht, auch, wenn ich ihn gerne mal nutze…

    Ich habe das Gefühl, eine Erweiterung der BWF auf Dinge, die nicht etwa kaputt gehen, sondern nur objektiv nutzlos erscheinen, bereitet in Gesellschaften, in denen alle Grundbedürfnisse bereits erfüllt sind, große Schwierigkeiten, weil Wachstum hier nur durch die Schaffung neuer Bedürfnisse möglich ist.

    Ich lasse mich aber gerne eines Besseren belehren und möchte die vorherigen Absätze auch so verstanden wissen, wie ich sie formuliert habe: Als neugierige Frage.

  10. 16.09.2006 | 23:02

    @ rayson:

    hast du schon mal was von der unmöglichkeit intersubjektiver nutzenvergleiche gehört? wenn du also microsoft und deren produkte nicht magst, dann ist das dein problem. aber deshalb ist noch nicht alles was du für unsinnig hälst noch lange nicht unproduktiv. wenn nur ein mensch durch vista etwas mehr subjektiven nutzen mehr als vorher hat und das durch seine zahlungsbereitschaft für diesen haufen quellcode ausgibt, dann haben wir einen gesamtwirtschaftlichen nutzengewinn (ich glaube in dieser angelegenheit bald, ich kaufe eine win-vista-version nur um dich zu ärgern. ok, das wäre dann ein Nullsummenspiel ;-) ). es sei denn, wir gründen ein bundesnutzenamt, das ab sofort definiert was nutzt und was nicht.

  11. 16.09.2006 | 23:09

    @rayson:

    als “broken-window-fallacy” wird der irrtum genannt, nachdem die zerstörung eines knappen gutes ohne subjektiven nutzengewinn und dessen reparatur einkommen und beschäftigung schafft. win-vista zerstört nichts, wofür die user nicht bereit sind geld auszugeben. windows geht ja nicht her und löscht nachts private festplatten, um danach sein neues betriebssystem feilzubieten. dein vergleich hinkt hier mächtig. die frage also: was geht hier kaputt, ohne das der betroffene seine einwilligung gegeben oder dafür sogar gezahlt hat?
    (man, rayson, komm runter von deinem software-krieg. es gibt wichtigere baustellen.)

  12. 17.09.2006 | 18:56

    @SteffenH

    Den Nutzengewinn will ich gar nicht bestreiten (siehe Glasperlenanalogie), nur den Jobgewinn.

    Und was die “broken window fallacy” angeht, sehe ich die zugegeben etwas weiter, und zwar als Lehrbeispiel für Opportunitätskosten.

    Abschließend noch was zum Thema “wichtige Baustellen”. Erstens glaube ich, dass man dem Thema Software und darüber hinaus auch DRM, also dem Immateriellen generell, aus politischer Sicht (im Gegensatz wohl zu deinem Blog ist das hier ja ein explizit sich als politisch verstehender) nicht genug Aufmerksamkeit zollen kann und muss, weil die Definition und Ausgestaltung von immateriellen Gütern gerade auf politischem Weg stattfindet. Und zweitens gibt es wahrscheinlich mindestens Millionen Dinge auf dieser Welt, die wichtiger sind als unsere Blogeinträge…

  13. 17.09.2006 | 23:58

    @rayson:

    jobgewinne sind nie eine guter grund für irgendwelche maßnahmen, schon gar nicht für staatliche, denn das beste was uns passieren kann, sind produktivitätsfortschritte oder einkommensgewinne ohne das irgendjemand einen finger dafür krumm machen muß. die möglichen produktivitätsgewinne einer neuen windows-version kann ich schlecht beurteilen, ich kann nur davon ausgehen, dass diese software nur dann auf positive zahlungsbereitschaft bei den konsumenten trifft, wenn die subjektiven nutzen der verbrauchen höher sind als die kosten, also der preis der software plus die kosten der systemumstellung und des umlernaufwands. das allein ist schon als volkswirtschaftlicher produktivitätsgewinn zu werten, weil der wert der zusätzlichen produktionsfaktoren für die programmierung niedriger war als der nutzengewinn der verbraucher. wir werden sehen wie gut sich das zeug verkauft.

    DRM: ich halte es da eigentlich ganz libertär, patente und intellektuelle rechte sollte jeder hersteller selbst durch technische massnahmen schützen. die politik hat hier nichts zu suchen, aber sollte die unternehmen auch nicht daran hindern ihr intellektuelles eigentum zu verteidigen, weil sich sonst der investitionsanreiz reduziert. eine sehr elaborierte analyse dieser auffassung findest du bei “against monopoly” (http://www.againstmonopoly.org/). eine vermittelnde position hierzu vertritt der amerikanische ökonom arnold kling, weil er versucht für unterschiedliche märkte unterschiedliche bedingungen zu spezifizieren: http://www.techcentralstation.com/030303B.html. vielleicht interessiert dich ja diese herangehensweise. ich glaube unser dissenz ist hier nicht sehr groß…

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