6. September 2006
Der Herr Intendant Raff und der Wettbewerb
Ja, ja, ich weiß: Wenn es um Rundfunkgebühren geht, dann trage ich wieder mal Eulen nach Athen, wenn ich hier einen Eintrag poste, der sich kritisch damit auseinandersetzt. Deshalb ist der Eintrag auch nur für mich. Als Argumentationsfutter. Wenn nächstes Mal wieder ein Parteifreund von “Daseinsvorsorge” redet und davon, dass man den öffentlich-rechtlichen Rundfunk nicht abschaffen könne, weil es dann Bereiche gäbe, über die überhaupt nicht mehr berichtet werde.
Also, worum geht’s? Es geht um die Beantwortung der von der Süddeutschen und der FAZ gestellten Frage: Wofür zahlte die ARD Jan Ullrich 195.000 Euro?
Man habe die Exklusivverträge mit den Radsportlern Jan Ullrich und Erik Zabel zum Jahresende gekündigt, sagte der Sportkoodinator der ARD, Hagen Boßdorf, Ende August im „Spiegel“. Das hörte man gern, und fragte sich vielleicht erst beim zweiten Nachdenken: Warum hat es solche Verträge überhaupt gegeben? Wofür wurde das Geld der Gebührenzahler ausgegeben und vor allem: Wieviel?
Im Fall von Jan Ullrich waren es maximal 195.000 Euro pro Jahr. Zugesichert in einem Vertrag, der auf das Jahr 1998 zurückgeht und den die Sportrechteagentur Sport A im Auftrag der ARD zuletzt zum 1. Januar 2003 unbefristet verlängerte. Der Vertrag, der bis Ende dieses Jahres läuft, war erfolgsabhängig und gestaffelt; bei einem Etappensieg der Tour de France sollte es 20.000 Euro geben, beim Gewinn der Deutschland-Rundfahrt 40.000 Euro, bei einem Sieg bei den Olympischen Spielen 30.000 Euro. Was klingt wie der Handel zwischen einem Rennsportstall und einem Fahrer nennt sich „Mitwirkendenvereinbarung“. Mitwirken sollte Ullrich durch Exklusivinterviews zu den fraglichen Ereignissen, bereitstehen für eine 24-Stunden-Reportage und in zwei bis drei ARD-Unterhaltungsshows pro Jahr auftauchen.
Der Tagesspiegel schreibt:
Das Bekanntwerden des Vertrages hat in der ARD eine große Fluchtbewegung ausgelöst. Fritz Raff, immerhin seit 1996 Intendant in Saarbrücken, sagte, dass er den 2003 erneuerten Vertrag mit Ullrich nicht gekannt habe, dabei wurde der Vertrag von der Gemeinschaft der ARD-Intendanten gebilligt, wie Günter Struve bestätigte. Klar ist: In der ARD wird gerade das Spiel „Haltet den Dieb“ gespielt.
Aus der Presseerklärung des ARD-Programmdirektors Dr. Günter Struve über den “Honorarvertrag”:
Das Ziel bestand darin, besondere Berichterstattungsmöglichkeiten über einen der prominentesten Sportler Deutschlands zu erhalten. Jan Ullrich wurde für außergewöhnliche Aufwände wie ein tägliches ‘Tagebuch’ während der Tour de France, Auftritte in ARD-Unterhaltungssendungen oder Drehtage für Reportagen honoriert.
Heute Mittag lief im Deutschlandfunk ein kurzes Stück (mp3, 705 KB, 3:00 Minuten) zum Thema, in dem auch SR-Intendant Fritz Raff (sic!) zu Wort kam:
Wir haben ihn (Jan Ullrich, MTW) nicht dafür honoriert, dass er uns Interviews gibt, sondern dass er für völlig andere Programme zur Verfügung stand, d.h. für Galas, für Shows, für… andere Programmelemente der ARD. Und als dieser Vertrag geschlossen wurde, gab es auch konkurrierende Sender, die Herrn Ullrich haben wollten (…). Da war SAT 1 bemüht, ihn zu bekommen, anschließend war RTL bemüht, die Tour de France – Rechte und Herrn Ullrich zu bekommen. Und da haben die ARD-Kollegen das getan, was RTL, SAT 1 und andere in anderen Sportbereichen schon seit langem tun: Sie haben versucht, sich über den Sport hinaus einen Star zu sichern. (…)
Tja, Herr Intendant. Genau das sollen die Öffentlich-Rechtlichen eben nicht tun. Ob Sportberichterstattung generell zur Daseinsvorsorge gehört (Vorbildfunktion des Sports und so), darüber kann man mit mir als Soze ja noch reden, aber wenn es private Anbieter gibt, die sich “Stars” sichern wollen, dann kann es für Euch von der ARD nur ein Motto geben: Finger weg! Mal ganz davon abgesehen, dass es mit der Vorbildfunktion von Jan Ullrich ohnehin nicht weit her war.
Über die Notwendigkeit solcher Leistungszulagen für einen gut verdienenden Profi, dessen eigenes Bestreben es sein sollte, aufs Treppchen zu kommen, wollte sich SR-Intendant Raff nicht äußern. Nur, dass auch das gebührenfinanzierte Fernsehen im Wettbewerb um die Stars eben mitbieten müsse, und dass diese hin und wieder auch bezahlt werden müssten, daran führe kein Weg vorbei. Fritz Raff: “Durch Gebührengelder werden auch Fachleute bezahlt, werden Stars bezahlt für Shows, die nicht Sportler sind. Sportler (…) sind Menschen, die für andere Menschen interessant sind, und dafür gibt es hin und wieder Geld. So ist das.”
Ja, so ist das. Und so sollte es nicht sein.
Verfasst von Marian Wirth um 16:05 Uhr in der Kategorie Grundsatzfragen, Politik (Trackback)
30 Kommentare