Die Bio-Nische und der böse Supermarkt

Was erwartet ein Käufer von “Bio-Lebensmitteln”? Ich kann da nur von mir ausgehen, aber ich nehme mal an, dass ich damit nicht allein stehe: Lebensmittel guter Qualität, z. B. Tomaten, die tatsächlich nach Tomaten schmecken, die Gewissheit, eine umwelt- und resourcenschonende Form der Landwirtschaft zu unterstützen, und sicher spielt eine Abneigung gegen mögliche Rückstände von Pflanzenschutzmitteln und Tier-Arzneimitteln auch eine Rolle.
So gesehen habe ich nichts dagegen, wenn es Bio-Lebensmittel auch im Supermarkt um die Ecke gibt – zumal, wenn sie von einem vertrauenswürdigen Erzeuger-Verband kommen. Ein gutes und wir ich finde nachahmenswertes Beispiel: Seit Jahren betreibt “Shopblogger” Björn Harste einen Supermarkt in Bremen, der ganz bewußt “Bioprodukte” anbietet. Mit Lebensmitteln aus “ökologischem Landbau” hat er im harten Wettbewerb eine Marktlücke gefunden – und die Anbieter solcher hochwertigen und meist etwas teureren Waren einen sicheren Absatzmarkt. Auf mittlere Sicht ist klar: der Anteil der “ökologischen Landwirtschaft” am Lebensmittelmarkt kann nur gesteigert werden, wenn der “Absatzkanal” nicht auf winzige Bio-Lädchen und Wochenmarktstände beschränkt bleibt.

Das sehen aber andere, sprich die “klassischen” Bio-Läden, wo neben Lebensmitteln meisten auch Weltanschauung angeboten wird, allerdings anders. Sei ihnen unbenommen, es ist ja schließlich ihr Geschäftsinteresse. Nur ist die Form, in denen sich die Bio-Szene gegen den bösen, bösen Supermarkt “zu Wehr setzt”, nicht eben, um im Jargon zu bleiben, ethisch unbedenklich:

Nunja, wie unser hoffnungsfroher Start im Engagement für authentische Bioprodukte jäh abgebremst wurde, weil offensichtlich einige Bio-Läden ihrem Großhändler auf die Bude gerückt sind, hatte ich ja geschrieben. Meine heftige Enttäuschung wurde glücklicherweise von Bio Antakya abgemildert, die sich in einem Kommentar als Partner anboten.
Aber leider geht das Knüppel-zwischen-die Beine-schmeissen weiter. Ende Juni bekamen wir Besuch von der Erzeuger-Firma Ökoland, der von empörten Bioladnern aus anderen Stadtteilen initiiert war. Die Eskalation geht trotz brav erfolgter Preiserhöhung nun so weit, daß wir nicht mehr beliefert werden dürfen. Auch Zwergenwiese-Produkte dürfen wir nicht mehr verkaufen. Immer mehr Hersteller werden auf uns angesetzt und Großhändler mit Lieferstopp bedroht. Ich müßte mir einige Produkte schon unter falscher Identität aus dem Internet einkaufen, damit ich sie weiterhin anbieten kann.
Doch jetzt kommt der härteste Schlag ins Gesicht: Auch die Biomolkerei Söbbeke wurde in Aufruhr versetzt und nun können wir auch keine Bio-Milchprodukte mehr verkaufen, die wir jahrelang im Angebot hatten. Der Verlust des neuen Trockensortimentes wäre notfalls zu ertragen gewesen, aber jetzt allen Kunden erklären zu müssen, daß wir auch im Frischmilchbereich massiv unter Beschuß stehen, das tut wirklich weh. Und dabei haben wir niemandem etwas getan. Die einzige Konkurrenz in der Nähe hat sich erst Jahre nach unserer Aufbauarbeit dort niedergelassen, als wir uns einen Ruf als “der engagierte Supermarkt in der Neustadt mit dem umfangreichen Bioangebot” erworben haben. Stundenlang hatten wir uns an die Regale gestellt und Aufklärungsarbeit betrieben. Und nun ist alles für die Katz?

(Zwergenaufstand im Ökoland

Es geht den Bio-Läden, die offensichtlich Druck auf den Großhandel ausüben, nicht “nur” um die (offenbar gar nicht so harte) Konkurrenz, sondern, so sieht es für mich aus, ums Prinzip: Ein Supermarkt ist eben “böse”, einfach weil er ein Supermarkt ist. Hinzu kommt ein Hang zum Protektionismus, der wohl weder den Kunden nützt, noch den Öko-Landwirten, sehr wohl aber der sich im Laufe der letzten 30 Jahre herausgebildeten “Öko-Szene”. Denn der “Öko-Boom” ist durchaus eine Chance für Bioläden, die bereit sind, sich nach Kunden abseits der Bio-Subkultur umzusehen.
(Via: Eoraptor Log)

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7 Kommentare zu “Die Bio-Nische und der böse Supermarkt”

  1. 16.08.2006 | 19:40

    Wir sind eben alles lauter arme, kleine Sünderlein… Auch der friedensbewegteste Ökofreak gönnt dem Konkurrenten nicht das Schwarze unter den Fingernägeln und greift allzu gerne zu repressiven Mitteln. Ich halte das wettbewerbsrechtlich für etwas bedenklich. Aber das Problem liegt natürlich auch darin, dass der Shopblogger so eine Art letzter Mohikaner ist. Wenn es mehr seiner Art gäbe, könnten die auch diesen Machenschaften ein Ende bereiten.

    Aber zwischen Discountern, die ja inzwischen auch ihre Bio-Ecken haben, und Nischenanbietern lebt es sich denkbar ungemütlich.

  2. Libero
    16.08.2006 | 19:40

    Nun ja, er hat den weltanschaulichen Part der Gesundheitsbewußten untersetzt.

  3. Llarian
    17.08.2006 | 11:49

    Ich trete mit Sicherheit für keinen Protektionismus ein, aber so ganz sehe ich das Problem nicht. Da sind zwei Käufer, die bei einem Großhändler was einkaufen. Und der eine Käufer A sagt dem Großhändler, dass er woanders hingeht, wenn der weiter an Kunden B liefert. Das ist in vielen Bereichen völlig üblich.
    Wenn ich Coca-Cola anbiete, dann kann ich in der Regel keine Pepsi einkaufen, ist eben so.
    Und wenn die Bioläden ihre Weltanschauung “Supermärkte sind böse” mit ihrer Marktmacht durchsetzen wollen, nun denn, das ist ihr gutes Recht denke ich. Ich kaufe ja auch nicht im Eine-Welt-Laden und ich kaufe (ebenso aus weltanschaulichen Gründen) keine Nestle-Produkte (wenn ich es vermeiden kann) ein.
    Solange niemand staatliche Macht zur Durchsetzung seiner Anschauung benutzt, sehe ich da nichts aliberales.

  4. Stefan Eich
    17.08.2006 | 11:51

    Bioprodukte sind das eigentlich ” Normale ”
    Ein Satz von Papst Benedikt in seinem Intervie von letzter Woche war bemerkenswert:
    Ihr trinkt nicht aus der Quelle, sondern aus dem, was uns schon abgefüllt entgegen kommt…….

    Daß man inzwischen angenehm ideologiefrei (?) biologisch im Biosupermarkt einkaufen kann hat mindestens 2 Vorteile:
    Man ist nicht gezwungen die moralinsauren Gesichter und Bewegungen derer zu ertragen, die hinter der Theke stehen, wobei diejenigen oft auch vor neben oder hinter einem standen, und inzwischen ist sogar der Biowein ( und einiges vorher Ungenießbare mehr ) richtig lecker geworden.

  5. Libero
    17.08.2006 | 13:03

    > moralinsauren Gesichter

    sehr verlässlich, wenn es darum geht, andere Menschen am Einkauf wenig verfälschter Nahrungsmittel zu hindern.

  6. 17.08.2006 | 23:54

    Na ja, Hannes Waders uraltes Lied “Ankes Bioladen” triff nach wie vor auf weite Teile der “Szene” zu, wovon ich mich erst heute wieder überzeugen konnte …

  7. 22.08.2006 | 0:49

    [...] Via B.L.O.G.   0 Kommentare | VerlinkenKommentare zu diesem Eintrag:Einloggen zum Kommentieren: Username PasswortHinweis: viele Funktionen von blogigo (z.B. Einträge kommentieren) stehen Dir erst nach einer kostenlosen und unverbindlichen Registrierung zur Verfügung. Hier kannst Du Dich in Sekundenschnelle registrieren. NavigationHomeÜber dieses WeblogZurück zu blogigoDieses Weblog zu meinen Favoriten hinzufügen >>LoginUsernamePasswortPasswort vergessen?Neu registrierenWarum registrieren?August 2006 [...]

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