13. August 2006
Nur zwei Alternativen?
Ulrich Speck, dessen Beiträge zum Libanon-Krieg ich hier nochmals empfehle, stellt zwei Sichtweisen einander gegenüber, die viele sicherlich genau so einschätzen.
Ich sehe das etwas anders. Zum einen stört mich, dass der Nahost-Konflikt so 1:1 im islamistischen Terror aufgeht. Zwar gibt es dort ganz sicher Verflechtungen, aber der Nahost-Konflikt ist älter als der Islamismus, und er würde – so wenigstens meine Meinung – auch ohne Islamismus existieren. Vielleicht nicht ganz so extrem, ok.
Zum anderen glaube ich, dass es einen Mittelweg zwischen denen von Ulrich Speck skizzierten Positionen gibt. Und zwar auf den Nahost-Konflikt bezogen, nicht aber auf den Islamismus.
Die erste, sozusagen “gutmenschliche” Position geht nach Speck davon aus, dass “die andere Seite gerechtfertigte Beschwerden gegen den Westen (USA, Israel, Europa) hat”. Ich würde das deutlich abschwächen in Richtung “aus ihrer Sicht gerechtfertige Beschwerden”.
Die zweite, eher den “Falken” entsprechende Position meint, dass “der radikale Islam a) eine aggressive und expansive Strategie der Vorherrschaft verfolgt, dass b) seine Hauptbeschwerde nicht das Handeln des Westens, sondern seine freiheitlichen und emanzipatorischen Werte sind”.
Speck schließt aus Position 1 die Bereitschaft zu Verhandlungen, aus Position 2 deren Ablehnung. Ich glaube, dass im Nahost-Konflikt ein ganzes Motivbündel zum Tragen kommt, das sogar dazu führt, dass sich gegensätzliche Positionen verbünden. Zum Beispiel ist es sicher nicht im Sinne eines der Hauptakteure im Libanon- und Nahost-Konflikt, also Syriens, islamistische Bewegungen zu stärken. Deren Dominanz in Syrien wäre das Ende Assads und der Alawiten-Vorherrschaft. Auf der anderen Seite müssen wir zur Kenntnis nehmen, dass die arabische Seite im Nahost-Konflikt eine ganz andere Vorstellung von Gerechtigkeit hat.
Wir im Westen können natürlich alles in einen Topf werfen. Dann müssten wir, da es unzweifelhaft islamistischen Terror sowohl gegen die westlichen Staaten als auch gegen Israel gibt, Verhandlungen grundsätzlich ablehnen. Ulrich Speck spricht hier von “entschlossener Gegenwehr”, aber wissen auch wirklich alle, was das konkret bedeutet? Im Westen, und in Nahost?
Oder sollten wir nicht lieber alle Chancen nutzen, den Islamisten das Geschäft zu verderben? Statt ihnen den Triumph zu gönnen, sich als eigentliche Widersacher Israels in Nahost zu profilieren, könnte man auch versuchen, mit den Arabern zu verhandeln, die nun wirklich gar kein Interesse an einem Erstarken der Islamisten haben, aber trotzdem Interessen verfolgen, die mit denen Israels nicht von vornherein zu vereinbaren sind. Da hätten beide Seiten plötzlich das Interesse an einer Einigung.
Ich behaupte nicht, dass dieser Weg zwingend gangbar ist. Aber ihn von vornherein auszuschließen, hielte ich für fahrlässig.
Verfasst von Rayson um 19:55 Uhr in der Kategorie Politik (Trackback)
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