10. August 2006
Der Hisbollah-Grünhelm gewinnt gegen die “israelische Meinungsmaschine”
Der Link, den Boche in der Diskussion zu “Der Medien-Krieg” gepostet hat, ist mir dann doch zu schade für den Kommentarbereich:
Zwischen “Stern” und “EU Referendum” (Sendungsbewusstsein)
Und gerade, als ich die dort angegebenen Quellen querlesen wollte, entdeckte ich in meinem Feed-Reader einen neuen Spreeblick-Eintrag: Green Helmet Man. Darin weist Johnny auf einen Artikel aus der heutigen Ausgabe der Berliner Zeitung hin: Im Krieg der Bilder.
Für Johnny ist das ein Beispiel, das “sehr entspannt veranschaulicht, wie sich Blogger und klassische Journalisten bei der Recherche die Bälle zuspielen können”. Ich widerspreche Johnny nur ungern, aber für mich ist dieser Artikel eher ein Beispiel für das Gegenteil:
Ein klassischer Journalist fängt die Bälle der Blogger auf, belegt die Blogger mit typischen Begriffen wie “Leute, die im Internet Tagebuch schreiben”, “Freizeitermittler” und “Computerfreaks”, hebt die Überlegenheit des klassischen Journalismus hervor
Auch Blogger versagen jedoch, wenn sich eine Information nicht im Netz verifizieren lässt, sondern nur durch die journalistische Recherche.
und verzichtet dann sowohl auf journalistische Recherche, als auch auf Verifikation im Netz.
Der Artikel macht auf den ersten Blick einen ausgewogenen Eindruck:
Die Kriegsparteien – die Hisbollah und Israel – nutzen auch das Internet für ihre Propaganda, und es ist oft schwer zu sagen, wie glaubwürdig eine Quelle ist.
Im folgenden werden mehrere Beispiele genannt, zwei davon sehr ausführlich: die Geschichte mit dem Grünhelm und die Geschichte mit dem (angeblich) gefälschten Leserbrief eines Libanesen. Auf die Leserbrief-Geschichte verwendet der Autor 326 Worte – und am Ende steht für ihn fest, dass der Leserbrief tatsächlich gefälscht war. Der Abschnitt über den Grünhelm hingegen besteht aus 516 Worten und endet folgendermaßen:
Die Blogger fragten also: Hatte die Hisbollah den neuen Angriff auf das Symbol Kana provoziert, um Propaganda zu machen? War der “Green Helmet Man” deshalb wieder medienwirksam zur Stelle gewesen? War Kana ein inszeniertes “Hisbollywood”? Dann war es, zunächst, erfolgreich. Denn Israel geriet unter Druck und akzeptierte eine 48-stündige Gefechtspause. Rechercheure der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch konnten in Kana aber keine Reste von Hisbollah-Raketenstellungen finden.
Die Fragen der Blogger bleiben also unbeantwortet. Das ist insofern erstaunlich, als in der NDR-Sendung ZAPP bereits am Mittwoch ein Beitrag gesendet wurde, der selbst die schlimmsten Anschuldigungen “der Blogger” bestätigt: Wahrheit und Fälschung – Bilderflut vom Krieg. (via) Das von Boche erwähnte youtube-Video zeigt nur die Entlarvung des Hisbollah-Grünhelms; ich halte jedoch die gesamte NDR-Sendung für sehenswert.
Mit ein bisschen Recherche hätte der gute Frank Nordhausen von der Berliner Zeitung das herausfinden können und den betreffenden Bloggern denselben Kredit einräumen können, den er den anderen Bloggern zuteil werden ließ, die die Leserbrieffälschung aufgedeckt haben.
Aber es gibt noch eine Passage, die den Anschein der Ausgewogenheit “etwas” trübt (Hervorhebungen hinzugefügt):
Der falsche Leserbrief hat auch deshalb eine solch steile Karriere gemacht, weil Israel im Krieg der Bilder deutlich ins Hintertreffen geraten ist. “Das hat einen einfachen Grund”, sagt der Berliner Medienpsychologe Jo Groebel. “Wer in einem Krieg mehr tote Kinder als Opfer zeigen kann, der hat Recht. Und es gibt zweifellos mehr Opfer im Libanon.” Die arabische Welt, die von Al-Dschasira, Al-Arabia und Al-Manar unaufhörlich live mit furchtbaren Bildern toter Kinder bombardiert wird, ist für Israel ohnehin verloren. Nun droht aber auch die Stimmung im Westen zu kippen.
“Es gelingt der Hisbollah-Seite weit besser, sich als Opfer und Israel als den Angreifer darzustellen”, sagt Groebel. Andererseits kümmern sich die Israelis bisher erstaunlich wenig um die Weltmeinung. Vielleicht haben sie auf einen schnellen Feldzug gesetzt und deshalb keine besondere Propagandastrategie aufgebaut. Wie auch immer: Die bisher hochgelobte israelische Meinungsmaschine hat jedenfalls auffällig wenig bewirkt.
Dass Israel im Krieg der Bilder auf jeden Fall unterlegen ist, hat ja Lila in ihren Letters from Rungholt schon oft genug erwähnt. Dafür ist aber nicht in erster Linie das von dem Medienspsychologen Groebel betonte Opferungleichgewicht verantwortlich, sondern der Umstand, dass die Israelis ihre Opfer überhaupt nicht zeigen. Was sieht man denn, wenn in deutschen Nachrichtensendungen von Selbstmordattentaten auf Pizzerien oder Diskotheken berichtet wird – zerfetzte, blutende, entstellte Leichen? Schreiende Angehörige? Sanitäter, die kindliche Blutklumpen in die Kamera halten und die Szene nochmal wiederholen lassen, wenn der erste Take nicht optimal war?
Nein, man sieht den mit roten oder neonfarbenen Plastikbändern abgesperrten Tatort, auf dem orthodoxe Juden mit latexbehandschuhten Händen briefmarkengroße Leichenteile einsammeln. Kein Wunder, dass das in unserer bildergeilen Medienwelt nicht genug Sprit für die “israelische Meinungsmaschine” liefert! (Meinungsmaschine – was für ein neutrales Wort).
Ich bestreite nicht, dass die Zahal Zivilisten tötet, darunter überproportional viele Kinder. Und ich habe große Zweifel, ob angesichts der chaotischen israelischen Militärstrategie diese zivilen Opfer wirklich gerechtfertigt sind – aber ich lasse mir meine Meinung nicht durch Bilder eintrüben. Die Blogs, die ich zu dem Thema lese, kommen ebenso ohne Bilder aus wie die Zeitungsartikel, die ich online abrufe. Deshalb fällt es mir schwer, mich in diejenigen hineinzuversetzen, die sich ihre Meinung (fast) ausschließlich aufgrund von Bildern bilden. Und ich glaube nicht, dass das auf die Dauer gesund ist.
Verfasst von Marian Wirth um 18:14 Uhr in der Kategorie International, Politik, Presse / SPON- und taz-Blog (Trackback)
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