Gastbeitrag zum Antisemitismusstreit

Den folgenden Kommentar von JC in dem B.L.O.G.-Antisemitismusstreit habe ich für so erwähnenswert und zustimmungswürdig gehalten, dass ich ihn von einem Kommentar zu einem eigenen Blogeintrag befördern möchte. JC war damit einverstanden – und hat den ursprünglichen Kommentar noch um einen Auszug aus einer E-Mail aus Israel ergänzt. (Stand: 03.08.2006 21:58)

M.T.W. 

Raysons Beitrag False Friends hat in den Kommentaren eine ebenso lebhafte wie interessante Diskussion über Ursachen und Erscheinungsformen von tatsächlichem oder vermeint-lichem Antisemitismus hervorgerufen.

For what it’s worth: Ich stimme Raysons Ausführungen sowohl im post als auch in den Kommentaren ausdrücklich zu. Ich kenne in meinem (im übrigen sehr diversen, ich bin da ganz tolerant und, ohne diese Debatte erneut aufflammen wollen zu lassen: liberal…) Bekanntenkreis genügend Leute, die in der Tat zB gegen die Dominanz “des Westens” bzw. der USA im UNSC sind, wirtschaftlich leider alles andere als liberal oder zT auch nur kapitalismusfreundlich denken — aber das sagt noch gar nichts über ihre Position zu Israels momentaner Politik aus. Einige sind fast antideutsch unterwegs und verbieten (nicht nur sich…) jede Kritik an Israels Regierung per se, andere halten nur die momentane Vorgehensweise für inopportun und wünschen sich andere (drastischere oder politische, auch da ist wieder ein bunter Strauß an Meinungen vorhanden…) Maßnahmen, weil sie nur so die Sicherheit Israels langfristig gewährleistet sehen, wiederum andere bemängeln die Opfer auf Seiten der Libanesen, die nichts mit Hezbollah zu tun haben. Von seiten meiner “kapitalistischen” Freunde gibt es natürlich auch diverse Einzelmeinungen, so ist das nun mal zum Glück in einer pluralistisch-freiheitlichen Gesellschaft.

Und was die angeprangerten “ewigen Lippenbekenntnisse” angeht: Vielleicht ist die Floskel ja auch mal wahr? Konkretes Beispiel: Ich bin aus meiner Zeit in den Staaten persönlich mit der Familie eines der israelischen Soldaten befreundet, die Opfer des Hezbollah-Hinterhalts wurden, aus dem letztlich die Entführung und die momentanen Auseinandersetzungen resultierten. Er hat zum Glück verwundet überlebt, wer hier die Jerusalem Post liest, wird sich evtl. an den Artikel über ihn erinnern. Das ist erstmal Fakt und kein “Lippenbekenntnis”. Übrigens weiß ich aus vielen Diskussionen mit seiner Schwester und ihrem Ehemann, dass beide die Politik Scharons aus den Gründen a)-f) schlecht für Israel und (Zitat) “unnecessarily degrading” ggü. den Palästinensern fanden. Nun, in einer normalen Diskussion mit deutschen Freunden zur Politik Scharons würde ich vermutlich weder meine Bekanntschaft mit der Familie noch ihre eigene politische Meinung anführen. Ich fände es aber auch nicht absurd oder antisemitisch, wenn ich es täte, um zu zeigen, dass — angenommen, ich teilte ihre Auffassung — auch Menschen, die in Haifa leben und daher einen ungleich besseren Einblick in die Situation vor Ort haben und persönlich betroffen sind, es ähnlich sehen. Auf einem niedrigeren Level tun das eben auch diejenigen, die eines der kritisierten “Lippenbekenntnisse” abgeben: Es geht ihnen vermutlich um die Absicherung oder Verstärkung ihrer Argumente, vielleicht sogar um die “Entkräftung” eines antizipierten Antisemitismusvorwurfs. Dieser präventive Disclaimer sagt dann aber weder positiv nocht negativ etwas über die tatsächliche Substanz der folgenden Aussage aus, sondern ist ebenso reflexhaft, wie der auf solche Lippenbekenntnisse anspringende Vorwurf — der mit Blick auf die Substanz der eigentlichen Kritik natürlich manchmal gerechtfertigt sein, oft aber eben auch fehlgehen kann. Die angeprangerten Lippenbekenntnisse sind folglich rhetorisch vielleich wenig überzeugend, aber doch nicht notwendigerweise antisemitisch. Wer also nicht die objektiven Schwächen ihrer Argumente anspricht, sondern sich mit dem pauschalen Antisemitismusvorwurf begnügt, macht es sich mE zu leicht und vergeudet eine Gelegenheit, Licht in die Welt zu bringen ;-) .

Lange Rede kurzer Sinn: Wenn Antisemitismus mehr bedeuten soll, als eine (ggf. berechtigte, ggf. aus Dummheit, Ignoranz oder Fehleinschätzungen resultierende) kritische Sicht auf die aktuelle Politik der aktuellen Regierung Israels, dann sollte man einige Dinge evtl. weniger hoch hängen und den gewichtigen Vorwurf des Antisemitismus’ nicht leichtfertig zum Abschmettern solcher Kritik verwenden, statt Gegenargumente zu bringen.

Ich habe dementsprechend auch noch nie verstanden, warum sich viele liberale Blogger so verbissen für die momentane US-Administration einsetzen, wenn bei nüchterner Betrachtung mE klar ist, dass dort einige liberale Kernprinzipien zT mit den Füßen getreten werden. Nur weil viele Menschen aus diversen falschen, mitunter dummen oder auch gehässigen Gründen die amerikanische Regierung angehen, lassen sich die aus liberaler Sicht problematischen Politiken nicht wegdiskutieren. Gerade weil ich jahrelang dort gelebt und gearbeitet habe, und gerade weil ich dieses Land liebe (s.o.: Kein “Lippenbekenntnis”, sondern Fakt…), finde ich, hat es eine bessere Regierung verdient. Dennoch hagelt es oft bizarren Antiamerikanismusvorwürfe, wenn man zB die Aushöhlung einiger Bürgerrechte bemängelt. Aber das ist eine andere Debatte… .

Diese Diskussion über Antisemitismus ist eine allgemeine, zeitlose. Momentan macht sie sich natürlich zuvörderst an der Bewertung des Vorgehen Israels im Libanon und diesbezüglich geäußerter Kritik und Gegenkritik fest. Hierzu möchte ich abschließend dann doch meine Freundin aus Haifa direkt zu Wort kommen lassen:

I know Israel is being grasped in the world as an aggressive force trying to harm the Lebanese people. Well, I can only tell you that we’re fighting here for our lives. [...]

Make no mistake. I really want it all to be over. I know that the Lebanese who live at the neighborhoods being attacked by Israel suffer much more then we do, mainly because this is not their war. Hezbollah keeps its munitions inside these innocent civilians houses’, trying to prevent that way the Israeli’s attacks. This time, once and for all, this should be over. For our sake and for the Lebanese sake.

I really wish some day we’ll be able to visit Lebanon and shake Lebanese hands. But as long there are terror organizations aiming to the full destruction of Israel, operating from lebanese territories, keeping the Lebanese people hostages, this will only be a dream.

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5 Kommentare zu “Gastbeitrag zum Antisemitismusstreit”

  1. 6.08.2006 | 16:43

    Eine Stimme der Vernunft! Danke!!!

  2. 6.08.2006 | 22:41

    Es gibt Leute, die andere Antisemiten nennen, obwohl diese es nicht sind.
    Dann gibt es Leute, die zu Unrecht Antiamerikaner genannt werden.
    Und es gibt Israelis (und wohl auch Amerikaner), die die gleiche Kritik üben wie die, die fälschlicherweise Antisemiten genannt werden.
    Unklar bleibt, wie man nun die mediale Einseitigkeit bei Themen rund um Israel begründen soll.
    Oder was Antisemitismus nun ist. Wirklich nur die Glatze, die Parolen an die Friedhosmauer sprayt? Der sonst so nette Kollege, der ein bitter-böses Grinsen bekommt, wenn vom Zentralrat der Juden oder dem “widerlichen Friedman” die Rede ist, ist natürlich nur aus Dummheit etwas vorurteilsbeladen. Mit Antisemitismus hat das natürlich nichts zu tun. Dies zu denken, heißt schon Verharmlosung.

    Tut mir leid, ich kann mit diesem Beitrag wenig anfangen.
    Lediglich der Brief stellt tatsächlich eine Stimme der Vernunft dar. Die ich so aber auch von Lila schon kenne.

  3. JC
    7.08.2006 | 0:00

    Mein “Beitrag” wurde wie von Marian geschrieben ursprünglich als Kommentar zur Diskussion in den Kommentaren zu Raysons Beitrag verfasst, greift dementsprechend Punkte auf, die dort strittig waren und ist somit primär auch in diesem Kontext zu sehen. So sagt R.A. dort zB:

    Aber eben diese Kombination ist klassisch für den Antisemitismus. Gegen den Westen, die Liberalen, die Juden, die Kapitalisten – das ist ein gemeinsames Feindbild.”

    Diese Aussage ist wie Rayson mE zu Recht angeführt hat falsch — und jedenfalls in meinem Bekanntenkreis auch verifizierbar falsch. U.a. das wollte ich mit meinem *Kommentar* mitteilen. Ähnliches gilt für die “Lippenbekenntnisse”.

    Zur endgültigen, allen einsichtigen Begründung der bedauerlichen und auch von mir wahrgenommenen medialen Einseitigkeit kann und wollte ich mich dagegen nicht äußern. An diesem Punkt hatte sich die Diskussion in den Kommentaren zum Zeitpunkt meines Kommentars auch noch gar nicht richtig entzündet, glaube ich.

    Im übrigen bin ich aber in der Tat der von Dir kritisierten Meinung, dass man Herrn Friedmann “widerlich” finden darf/kann, ohne Antisemit zu sein. Warum denn bitte nicht? Es kommt eben auf die Gründe für diese Wertung an. Wenn Leute eine angeblich festzustellende “jüdische Art”, sein Eintreten für die Belange der Juden in Deutschland oder für Israel widerlich fänden, müssten wir uns über den Befund wohl nicht streiten. Aber sonst?

    Ich persönlich finde Menschen zwar generell nicht “widerlich”, da dieses Attribut für mein Empfinden in Bezug auf Menschen vollkommen unabhängig von ihrem Glauben mit Blick auf die jedem Menschen immanente Würde absolut verfehlt ist. Das sehen aber wohl die wenigsten so — in diesem Zusammenhang kann man sich übrigens gerne auch mal die Äußerungen über Moslems ansehen oder vergegenwärtigen, die es täglich so zu hören oder lesen gibt.

    Wenn viele Menschen also kein Problem damit haben, andere Menschen als widerlich zu bezeichnen und beispielsweise durch die selbstgefällige Art und äußere Erscheinung von Helmuth Markwort, Roland Koch oder Uli Hoeness dazu bewegt werden, diese “widerlich” zu finden, ist das vielleicht etwas geschmacklos, aber ihr gutes Recht — ohne, dass ich daraus zunächst irgendwelche weitergehenden Schlüsse ziehe. Die Leute, die sich so äußern, finden vielleicht auch ihren Arbeitskollegen wegen mangelnder Hygiene, ihren arbeitslosen Onkel wegen “Sozialschmarotzertum” oder ihren Nachbarn wegen schlüpfriger Blicke widerlich. Wie gesagt, meine Sprache und Denke ist das nicht, aber es kommt wohl leider oft vor.

    Wenn nun jemand Herrn Friedman wirklich auf Grund der Geschichte mit den (möglicherweise Zwangs-)Prostituierten, wegen seiner “gelackten” Erscheinung oder wegen der sehr auf Körperkontakt ausgerichteten Diskussionsführung in seiner Sendung “widerlich” findet, so what? Über die Prostituiertengeschichte weiß ich zu wenig, den Körperkontakt finde ich nicht schlimm und die Erscheinung ist Geschmackssache. Aber sind alle Leute, die einen dieser Punkte für sich anders beantworten, Antisemiten? Wohl kaum. So lange “gelackt” kein Codewort für “jüdisch” ist, sehe ich da kein Problem. Und dass gut gebräunte Promis mit gegeelten Haaren sich von manchen Leuten enorm viel Spot, Häme und ja: leider auch Ekel anhören müssen, weiß ich als Werderfan seit Tim Wieses Ankunft in Bremen nur zu gut.

  4. 7.08.2006 | 9:33

    Im übrigen bin ich aber in der Tat der von Dir kritisierten Meinung, dass man Herrn Friedmann “widerlich” finden darf/kann, ohne Antisemit zu sein.

    Selbstverständlich kann/darf man das.
    Umgekehrt gilt aber dasselbe.

  5. 7.08.2006 | 9:43

    Wird eigentlich bei irgendwem sonst (z.B. Kai Diekmann Guildo Horn, Bernhard Hoecker oder dem Papst) sooft die Frage diskutiert, ob man ihn nun widerlich finden darf oder nicht?
    Und kann es sein, daß man bei Friedmann auch ganz gerne mal zum Ausdruck bringt, daß man ihn widerlich findet, wobei man dann so tut, als ob das etwas mutiges sei?
    Im Übrigen darf man Friedmann meines Wissens auch widerlich finden, weil er Jude ist. Ich wüßte jedenfalls nicht, welches Gesetz das verbieten würde.

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