Zitieren ist Glückssache

Wir hacken hier ja gerne mal auf SPON ein. Aber das Verfälschen von Aussagen beherrschen auch andere Teile der Medien. Man vergleiche folgende Mitteilungen zu einem Interview, das Jürgen Rüttgers kürzlich dem “stern” gegeben hat:

“Die CDU ist keine kapitalistische Partei” (stern)
“Rüttgers: CDU muß sich von „Lebenslügen“ verabschieden” (FAZ)
“CDU ist keine kapitalistische Partei” (Welt)

Wenn ich davon ausgehe, dass die Meldung des “stern” der Wahrheit ziemlich nahe kommt (ich lese diese Zeitschrift nicht), fällt uns ein frappierender Unterschied zu den Meldungen von FAZ und Welt auf. Zitat aus “stern”:

“Arbeitszeitverkürzungen führen nicht zu weniger Arbeitslosigkeit. Auch die Behauptung, dass Steuersenkungen zu mehr Investitionen und damit zu mehr Arbeitsplätzen führen, ist in dieser Einfachheit nicht richtig. Gleiches gilt für die Behauptung, die Löhne in Deutschland seien zu hoch. Wer das vertritt, weiß nicht, wie die Menschen hier leben.”

Der erste Satz wird in FAZ und Welt überhaupt nicht thematisiert. Klar, er passt nicht in das Schema “Rüttgers wird Sozialdemokrat”. Im zweiten Satz unterschlagen FAZ und Welt einen entscheidenden Unterschied, indem sie die Worte “in dieser Einfachheit” einfach unterschlagen und so zu einer komplett anderen Aussage gelangen. Lassen wir mal außer Acht, dass Rüttgers mit diesem Interview wohl tatsächlich einen Imagewechsel der CDU befördern möchte, der zu ihrem bisherigen Regierungshandeln passt und mit den noch im Wahlkampf vertretenen Positionen abschließt (die hier geschilderte Reaktion Westerwelles darauf halte ich übrigens für vernünftig) – ich z.B. kann dem Zitat mit dieser Einschränkung zustimmen und müsste es ohne sie ablehnen.

Was für ein Journalismus ist das, der so manipuliert?

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7 Kommentare zu “Zitieren ist Glückssache”

  1. Parker8
    3.08.2006 | 21:03

    Aber Rüttgers will doch so verstanden werden! Im nordrhein-westfälischen Wahlkampf ist er genauso verfahren. Wie aus dem nichts begann er, über Hartz IV zu schimpfen. Er blieb vage, warum. Negative Urteile darüber gibt es ja von ganz verschiedenen Seiten. Aber rüberkommen sollte natürlich, dass er ganz bei denjenigen ist, die von Arbeitslosenhilfe runtergesetzt worden waren. Er hatte Erfolg damit: Nachher hat er das Wort von der Arbeiterpartei CDU prägen können.

  2. 3.08.2006 | 21:14

    Wobei die Floskel “… ist in dieser Einfachheit nicht richtig” nur dazu dient weniger Angriffsfläche zu bieten. Kein Wunder dass diese Floskel in den Medien unterschlagen wird.

  3. 3.08.2006 | 21:19

    Sorry – ich sehe einen Unterschied darin, ob einer “in dieser Einfachheit” sagt oder nicht. Gerade was die Unternehmenssteuern betrifft, wirkt sich z.B. die rückwirkende Entlastung thesaurierter Gewinne nach der Eichel-Reform überhaupt nicht investitionsfördernd aus.

    Ich wollte Rüttgers nach der Lektüre der FAZ-Meldung schon heftigst angehen, kann das nach Rückgriff auf den “stern”-Text aber leider nicht mehr.

    Wenn Rüttgers so verstanden werden will – warum erwähnt der “stern” die Einschränkung und die beiden Zeitungen nicht? Wollen letztere ihn demontieren oder stärken? Eine Absicht muss dahinter stecken.

  4. R.A.
    3.08.2006 | 21:30

    Nun ja, “in dieser Einfachheit” soll hier doch nur heißen, daß es sehr wohl Ausnahmen geben kann und Rüttgers (zu Recht) nicht mit irgendwelchen zwar möglichen, aber doch seltenen und konstruierten Gegenbeispielen konfrontiert werden möchte.

    Im Kern sagt er aber schon, daß er von Steuersenkungen keine der genannten Positiv-Effekte erwartet – die Medien-Verkürzung halte ich hier für sachlich gerechtfertigt.

    Und die Kritik an Rüttgers auch.
    Es mag zwar sein daß – in aller Einfachheit – Steuersenkungen nicht automatisch immer positiv wirken. Aber sie wären dringend nötig, hätten (richtig gestaltet) enorme positive Effekte, und Rüttgers sozialdemokratisiert hier sehr heftig.

  5. 3.08.2006 | 23:32

    Zitieren ist Glückssache…

    nice…..

  6. 4.08.2006 | 6:25

    >Was für ein Journalismus ist das, der so
    >manipuliert?
    –> Normaler.

  7. apex
    4.08.2006 | 7:20

    @Rayson: Wie soll auch eine RÜCKWIRKENDE Steuererleichterung sich positiv auf Investitionen auswirken, die von den zukünftigen Entwicklungsperspektiven des Unternehmens getrieben werden? Letztlich ist das jedoch ein weißer Elefant, eine langfristig gültige, planbare und verlässliche Steuersenkung wird IMMER zu mehr Investitionen führen, da sich die Grenze zwischen “rentabel” und “unrentabel” verschiebt. Und zwar IN DIESER EINFACHHEIT.

    Daß ein Herr Rüttgers das hin und her qualifiziert ist nicht überraschend, der Mann hat keine Ahnung, und mit genug Qualifikationen (Achtung, nicht “Qualifikation”!) wird jede Aussage richtig und hört sich profund an. John F. Kerry war ein Meister darin, und die Entscheidung, wer der größere Windbeutel ist fällt zwischen Rüttgers und ihm recht schwer.

    apex

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