Doping: Ein Fall für den Staat?

Nach dem Zynismus jetzt das Nachdenken: Wie kriegt man das Doping aus dem Sport? Brauchen wir neue Gesetze wie in Spanien oder in Italien?

Eine Alternative ist tatsächlich die Freigabe. Da die Sportler die Mittel ja freiwillig zu sich nehmen (alles andere wäre strafrechtlich relevante Körperverletzung und mehr) und eine physische Abhängigkeit wohl nicht vorliegt, gäbe es prinzipiell keine Gründe, warum der Staat sich dann mit Anti-Doping-Gesetzen einmischen sollte. Allein, aus Sicht der Verantstalter, Teams und Sponsoren wäre das wohl keine weise Entscheidung: Doping “funktioniert” nur unter der Illusion eines “sauberen Sports”. Wenn die Zuschauer wissen, dass die Protagonisten ihre Leistung der Pharmaindustrie verdanken, werden sie das Interesse verlieren. Wir wollen menschliche Helden und keine Frankenstein-Geschöpfe.

Eine andere Alternative wäre die aus meiner Sicht wünschenswerte: Freiwillige Umkehr der Beweislast. Ein Gremium aus fachlich ausgezeichneten Wissenschaftlern ermittelt dazu die Bedingungen, die aus seiner Sicht die Einschätzung rechtfertigen, ein Sportler sei mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht gedopt. Das umfasst z.B. Art und Zeitpunkt von Kontrollen und Untersuchungen oder auch Schadenersatzregelungen. Der Nachteil besteht in einem hochgradigen Verlust an Privatsphäre bei den Sportlern, die sich einem solchen Regime unterwerfen. Man könnte ihn unter Umständen dadurch auffangen, dass der Zugriff zu den Informationen über die Sportler besonders geregelt wäre. Die Aktiven hätten dann die Wahl, ob sie sich diesem Regime unterwerfen oder nicht. Den Rest würde ich dem Markt überlassen. Lassen wir uns überraschen, wen die Zuschauer sehen und wen die Sponsoren für sich werben lassen wollen: den, der jeden Nachweis zu erbringen bereit ist, dass er nicht gedopt ist, oder den, der sich nur Minimalanforderungen unterwirft, die offensichtlich nicht ausreichend sind, einen Verdacht zu widerlegen.

In beiden Fällen bleibt mir die Frage: Was hat der Staat da zu suchen? Ist er Erfüllungsgehilfe von Sportveranstaltern oder Sponsoren? Oder meint er, Menschen vor sich selbst schützen zu müssen? Beides wäre ebenso denkbar wie abzulehnen.

Die dritte Alternative: Alles bleibt, wie es ist, garniert mit schärferen Gesetzen. Das hieße, der Wettlauf zwischen Analyse und Anwendung bliebe uns erhalten und wir könnten weiter nicht sicher sein, ob unfaire Methoden im Spiel waren oder nicht. Wir wüssten nur, dass man diejenigen, die zu leichtsinnig sind, hart bestrafen würde. Also käme ein weiteres Wettbewerbselement ins Spiel: Die cleveren Doper setzen sich gegenüber den naiven durch. Ist das ein Ergebnis, dass staatliches Eingreifen erforderlich macht? Kaum.

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12 Kommentare zu “Doping: Ein Fall für den Staat?”

  1. 29.07.2006 | 19:38

    Die erste Alternative ist meiner Meinung nach indiskutabel. Mein erster liberaler Reflex war durchaus ähnlich. Dort doppen erwachsene Menschen, die schon wissen was sie ihrem Körper da antun. Aber wäre Doping freigegeben, würde es sich nicht mehr auf den Spitzen- und Leistungssport beschränken und wohl schon mittelfristig im Breitensport Einzug halten und irgendwann auch im Jugendbereich.

    Die aktuelle Situation scheint mir aber für die Sportler selbst auch wenig wünschenswert zu sein. Sie sind den Doppingkontrollen ja praktisch willenlos ausgeliefert, wenn plötzlich jemand mit dem Urinprobenfläschen Sonntag Nacht um 3 Uhr 14 auftaucht, dann muss es halt sein. Wie es aber besser gehen soll, ich weiß es nicht, dazu stecke ich zu wenig in der Materie drin.

    Einen totalen Ausschluss des Staates halte ich aber auch für einen – verständlichen – Reflex. Ich bin zwar Liberaler, aber auch Realist. Mir ist durchaus klar, dass manche Menschen auch vor sich selbst geschützt werden müssen. Nur ist es eben ein schmaller Grad zwischen dem notwendigen Schutz und staatlicher Bevormundung.

  2. 29.07.2006 | 19:45

    @Thomas

    Die Gefahr besteht darin, dass man mit “manche Menschen” schnell das Tor für “alle Menschen” öffnet, es sei denn, man verwendet äußerst enge Kriterien.

  3. SteffenH
    29.07.2006 | 19:45

    Wenn Doping legal wäre, also jeder wüßte, dass jeder gedopt ist, wäre ein Publikum, was echte Leistungen sehen will an ungedopten Sportlern interessiert. So könnte es sein, dass nicht dopen zum Wettbewerbsvorteil wird. Jeder der nachweisen kann nichts zu nehmen und trotzdem mit den Großen mithalten kann wäre der Hero. Deine Frage ist berechtigt. Wer schützt hier eigentlich wen und muß hier überhaupt jemand geschützt werde. Es ist doch eher so, dass sich der Staat hier die Empörung der Bevölkerung zu nutze macht, um eine weitere Aufgabe und damit eine weitere Legitimierung seiner Monopolposition zu rechtfertigen. Das kommt mir doch irgendwie bekannt vor… ;-)

  4. 29.07.2006 | 19:48

    Äpfel und Birnen sind Obst…

  5. SteffenH
    29.07.2006 | 20:07

    …und Obst ist nicht ohne Grund ein Begriff für Dinge, die in gewisser Weise ähnlich sind.

  6. 29.07.2006 | 20:08

    @Rayson: Hier stimmen wir ja überein. Denn genau dieses Problem habe ich mit dem schmallen Grad gemeint. Ich neige nur dazu, dass es manchmal notwendig ist dieses Risiko einer möglichen staatlichen Bevormundung einzugehen, statt anti-staatlichen Reflexen zu gehorchen. Es zu riskieren ist oft besser, als es lieber gleich bleiben zu lassen.

  7. 29.07.2006 | 21:43

    @SteffenH

    … und sei es auch nur in einer sehr oberflächlichen Art und Weise.

    @Thomas

    Also im Zweifel würde ich lieber die Abwesenheit staatlicher Eingriffe “riskieren”.

  8. 29.07.2006 | 22:18

    Sehr viel – eigentlich alles – hängt von den Sportverbänden ab. Greifen diese hart durch und verhängen bei positiven Proben ohne viel Federlesens Sperren, dann dürfte das zumindest im professionellen Sport abschreckender wirken, als alles gesetzlichen Verbote. Wobei ich im Prinzip nichts dagegen habe, dass Dealer, die z. B. Anabolika in Fitnessstudios an naive Jugendliche verticken, nicht anders behandelt werden, als ihre Kollegen, die z. B. mit Kokain dealen.

  9. 29.07.2006 | 22:40

    @MartinM

    Macht Kokain im Gegensatz zu Anabolika nicht süchtig? Das wäre immerhin ein Unterschied. Der Verkauf von Anabolika ohne ärztliche Verschreibung ist allerdings wohl auch heute schon strafbar.

    Aber klar, wenn wir hier von “Schutz vor sich selbst” reden, meinen wir natürlich Erwachsene.

  10. Patentizität
    31.07.2006 | 2:30

    Die dritte Alternative: Alles bleibt, wie es ist, garniert mit schärferen Gesetzen. Das hieße, der Wettlauf zwischen Analyse und Anwendung bliebe uns erhalten und wir könnten weiter nicht sicher sein, ob unfaire Methoden im Spiel waren oder nicht. Wir wüssten nur, dass man diejenigen, die zu leichtsinnig sind, hart bestrafen würde. Also käme ein weiteres Wettbewerbselement ins Spiel: Die cleveren Doper setzen sich gegenüber den naiven durch. Ist das ein Ergebnis, dass staatliches Eingreifen erforderlich macht? Kaum.

    Mit dieser Argumentation könnte man auch Sinn und Funktion sämtlicher Betrugstatbestände für nicht-sportliche Branchen bzw. die auf nicht-sportliche Branchen anwendbar sind, totschlagen.

    Auch hier überlegen sich Betrüger immer neuere und immer bessere Tricks.

    Mit professionellem Sport wird jede Menge Geld verdient, vom professionellen Sport leben direkt oder indirekt jede Menge Menschen.

    Insofern handelt es sich nicht um bloßes ehrenrühriges Verhalten oder ganz private Schummelei, für die Staat nicht zuständig zu sein hat, sondern schlicht um Betrug.

    Der im engen Sinne sportliche Wettbewerb wird hier nicht vom Staat verzerrt, sondern von Betrügern. Durch eine Schaffung von Gesetzen gegen Betrug im professionellen Sport würde Betrug (u.a. Doping – so existiert für mich kein vernünftiger Grund, wieso nur Fälle wie Robert Holzer staatlicherseits belangt werden) nicht aus der Welt des Sports gebannt.

    Der Anreiz zum Sportbetrug dergestalt würde jedoch durch höhere Risiken durchschnittlich niedriger.

    Hinzu kommt, dass als Folge einer angemessenen Doping-Gesetzgebung auch die Kontrollmechanismen verbessert werden würden – es bestünde nicht nur verbandsrechtliches Eigeninteresse*, sondern rechtsstaatliches Interesse – und in diesem Zuge auch jene unbeteiligten Personen, die von einer Straftat wussten, aber nichts sagten, sich ihr Schweigen manchmal etwas genauer überlegen werden.

    *Was vergleichsweise flexibel definiert und ausgelegt werden kann.

  11. Olaf Petersen
    31.07.2006 | 11:59

    Heuchelei, wenn der erhobene Zeigefinger vom Pipi andrer Leute trieft. Ein Grossteil der Bevölkerung käme doch ohne 2-3 Tassen Kaffee morgens gar nicht aus den Puschen. Und warum sollte man seiner Leistungsfähigkeit nicht nachhelfen? Muss doch jeder selbst wissen, was er tut.

  12. 1.08.2006 | 11:49

    Was bin ich?…

    Nachdem ich oft bei politischen Blogs unterwegs bin, habe ich mich schon oft gefragt welcher politischen Richtung ich denn nun angehören würde. Aber bis jetzt kann ich das alles nur über das Ausschlußverfahren feststellen, mit der Befürchtung, das…

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