Positives Element in der “Gesundheits”-”Reform”

Andere habe es schon gesagt und geschrieben: Die Gesundheitsreform ist ein Musterbeispiel eines faulen Kompromisses, eine wenig funktionale “Minimallösung”.

Trotzdem: es gibt tatsächlich eine wenige beachtete sinnvolle Regelung in , wenig beachtet, weil sie ein gern verdrängtes Problem betrifft: Es soll eine Versicherungspflicht für alle Bürger eingeführt werden.
Für einen Liberalen klingt das Wort “Versicherungspflicht” erst einmal grausig. Aber diese Einschränkung der Freiheit bringt ein sehr positives Element mit sich: eine “Pflicht” ist nur dann zu verwirklichen, wenn wirklich jeder in die gesetzliche Krankenversicherung aufgenommen wird. Das ist bisher in Deutschland nicht der Fall. Mit erschreckenden Folgen:

Vor knapp einem Jahr wurde die Zahl der nicht krankenversicherten Deutschen auf ca. 300 000 geschätzt.

Ich konnte mir das auch nicht so recht vorstellen, da ja die Krankenversicherung von Sozialhilfeempfängern vom Sozialamt übernommen wird, aber es gibt eine klaffende Lücke im vielgelobten “sozialen Netz”.
Man fällt aus dem Versicherungssystem heraus, wenn man noch zuviel Vermögen oder Einkommen hat, um sozialhilfeberechtig zu sein, aber nicht genug Geld für eine private Versicherung oder die extrem teure freiwillige Versicherung bei einer Krankenkasse hat und und nicht sozialversicherungspflichtig beschäftigt ist bzw. kein Arbeitslosengeld erhält.
Bei Freiberuflern und Kleingewerbetreibende ist dieser Risiko stehts vorhanden, bei “gescheiterten” Selbstständigen – unter ihnen nicht wenige, die die Selbstständigkeit der Arbeitslosigkeit vorgezogen haben – sehr groß. Die viel geforderte Eigenverantwortung wird so de facto bestraft – und die weit verbreitete Kultur der Risikoscheu gradezu systematisch gefördert. Es kann aber auch “ganz normalen” Arbeitnehmern passieren, wie dem Familienvater, der durch einen Unfall und die anschließende längere Arbeitsunfähigkeit aus der Versicherung rutschte und sich die jetzt dringend notwendige Folgeoperation nicht leisten kann – mit verheerenden Folgen für seine Gesundheit und seine finanzielle Situation. Ihm bleibt eigentlich nur die zynische Möglichkeit, möglichst schnelll arm zu weden, damit das Sozialamt die Krankenversicherung übernimmt. Auch eine Form der “steuerfinanzierten Krankenversicherung”. Aber eine, auf die alle Beteiligten gern verzichten würden.

Besonders schlimm ist, dass die Kinder der nicht versicherten bisher ebenfalls nicht unversichert waren. Dieser skandalöse Mißstand wird tatsächlich durch die Steuerfinanzierung der Kinderversicherung beseitigt.

Es hängt jetzt sehr viel davon ab, wie die “Versicherungspflicht für alle” umgesetzt wird. Eine sinnvolle Möglichkeit wäre, dass Geringverdiener – egal, wo und wie sie ihr geringes Einkommen verdienen – zu einem niedrigen Satz einer ganz normalen Krankenkasse beitreten können. Auch muß es erheblich leichter werden, bei Bedarf wieder von der Privaten in die gesetzliche Kasse zu wechseln.
Zur Freiheit: sicherlich gibt es Menschen, die sich, weil rundum gesund, gern die Krankenversicherung sparen. Allerdings: niemand ist vor Krankheit und Unfall gefeit. Pasierte so einem “Sparsamen” Menschen etwas Ernstliches, dann liegt er kurz oder lang dem Sozialamt auf der Tasche. Auch keine Lösung.

Ähnliche Beiträge


23 Kommentare zu “Positives Element in der “Gesundheits”-”Reform””

  1. Boche
    5.07.2006 | 10:40

    Ähm, ich habe ein kleines Verständnisproblem: Du beschreibst beispielhaft die Fälle derer, die nicht versichert sind. Und das sind alles Fälle, bei denen nicht der Wille zur Versicherung fehlt sondern das Vermögen.

    Wie kann man das denn mit einer Versicherungspflicht (der ich allerdings nicht grundsätzlich abgeneigt gegenüberstehe) gelöst werden?

  2. Boche
    5.07.2006 | 10:43

    PS: Eigentlich hast du die Antwort ja auch schon gegeben: Das Angebot muss offener werden, damit die Leute im Notfall reinkommen.
    Mit einer Versicherungspflicht hat das aber m.E. nichts zu tun.

    Und:

    …eine “Pflicht” ist nur dann zu verwirklichen, wenn wirklich jeder in die gesetzliche Krankenversicherung aufgenommen wird.

    Das würde genauso mit privaten Kassen funktionieren. Denk an die Auto-Haftpflichtversicherung.
    Ein Argument für die Zwangskassen ist eine Versicherungspflicht also nicht.

  3. 5.07.2006 | 10:46

    Es ist ein Nebeneffekt: eine “Pflicht” ist nur dann möglich, wenn jeder ihr auch nachkommen kann.
    Allerdings könnte ich mir, weil ich der Großen Koalition inzwischen alles zutraue, auch eine “Lösung” vorstellen, die “einfach” wenig vermögenden Menschen die Selbstständigkeit sozusagen verbietet.

  4. 5.07.2006 | 10:54

    Stimmt, aber diese mögliche Lösung wird blockiert – auch von den privaten Versicherungen, die sich im jetzigen System, in den sie nur “gut Verdienende” aufnehmen, anscheinend sauwohl fühlen.
    Bis vor einiger Zeit war ich Anhänger der anderen “einfachen” Lösung, eine steuerfinanzierten Systems. Bis ich so System – und zwar ein vergleichsweise gut funktionierendes – in Schweden näher betrachten “durfte”. Der einstmals gelobte britische National Health Service ist ein noch abschreckenderes Beispiel.

  5. Boche
    5.07.2006 | 11:03

    Ich bin mir sicher, dass die Privatversicherungen mit einer allgemeinen Aufnahmepflicht (zu einem Grundtarif mit Grundleistungen) leben könnten.

    Zumindest ist es etwas gewagt zu behaupten, sie fühlten sich wohl mit der beschränkten Klientel, während man gleichzeitig der Masse verbietet, sich privat zu versichern.

  6. 5.07.2006 | 11:20

    Was ist so schlimm daran, wenn Leute, die sich keine Versicherung leisten können, nicht versichert sind?

    Warum sollten Versicherungsgesellschaften gezwungen werden Leute auzufnehmen, die nicht im Stande sind, einen fairen Preis für ihre Versicherung zu zahlen?
    (Und ein fairer Preis einer Krankenversicherung hängt nicht von dem Einkommen oder dem Vermögen des Versicherten ab, sondern von dem Risiko dass er krank wird und den Kosten der Therapie.)

    Dies sind keine rhetorischen Fragen, sondern einfache und grundlegende Fragen der Solidarität.

    Entweder man findet einen Grund um diesen Leuten zu helfen – dann sollte man selbst persönlich bereit sein, die Krankenversicherung der Ärmeren mitzufinanzieren, und nicht die Versicherungsgesellschaften oder die anderen Beitrags- und Steuerzahler dazu zwingen.

    Oder man findet keinen Grund, dann sollte man nicht gezwungen werden solidarisch zu sein (und kann auch nicht mit der Solidarität der anderen Rechnen).

    Liberal, meine Fresse.

    P.S.: Warum müssen die Schweizer und die Luxemburger nichts in die deutsche Pflichtversicherung einzahlen? (Dies ist ebenfalls keine rhetorische Frage)

  7. Boche
    5.07.2006 | 11:46

    Die Versicherungen sollten nur dann gezwungen werden, Basistarife anzubieten, wenn sie diese bezahlt bekommen – ganz klar.

    Und diese Bezahlung sollten meiner Ansicht nach für die Bedürftigen aus Steuergeldern erfolgen. Weil ich eine garantierte Notsicherung für notwendig erachte und als Staatsaufgabe ansehen würde.
    (Und – schwupp – ist mein libertärer Ausflug beendet. ;-) )

  8. 5.07.2006 | 11:51

    @Boche/MartinM

    Was die Privatversicherungen wollen, wäre mir bei dieser Diskussion eigentlich egal :-) Wettbewerb ist ja keine Wohlfühlveranstaltung für Anbieter.

    @Gregor

    Das Problem heißt Reziprozität. Unsere Gesellschaft lässt zum Glück niemanden verrecken, nur weil er die notwendige Behandlung nicht bezahlen kann. Wer sich in solchen Situationen an den Staat wendet, wird also dennoch unterstützt. Um also Trittbrettfahrerei zu vermeiden, kann eine allgemeine Versicherungspflicht sinnvoll sein. Sie löst natürlich nicht das Problem der Finanzierung bei Einkommensschwachen.

    Außerdem geht unsere Gesellschaft – auch zum Glück – davon aus, dass jeder Mensch gleich viel wert ist, dass also z.B. das Risiko einer Erbkrankheit nicht von dem Betroffenen allein zu tragen sein sollte, und dass auch soziale Unterschiede nicht zu einer grundsätzlichen Benachteiligung bei der Behandlung führen sollen (eine solche Benachteiligung existiert zwar trotzdem immer, aber hier geht es um das in einer staatlichen Gemeinschaft Machbare).

    Ein libertäres Weltbild nach Rand-Muster (soll doch nur der helfen, der dumm genug dazu ist) wird nicht nur in unserer Gesellschaft nie akzeptiert werden, es widerspricht auch angeborenem menschlichen Verhalten.

  9. R.A.
    5.07.2006 | 11:58

    Halten wir mal fest: Bei der “Versicherungspflicht” geht es in Wirklichkeit nicht darum, daß die Leute sich versichern müssen. Sondern darum, daß die Kassen Leute versichern sollen, die den Beitrag nicht zahlen können.

    Oder noch genauer: Die ihn nicht zahlen wollen, weil sie ihr Vermögen nicht schmälern wollen.

    Denn wenn sie kein Vermögen hätten, würde das Sozialamt in die Bresche springen.

    Mit anderen Worten: Die Steuerzahler sollen jetzt für Leute blechen, die ihr Vermögen ungeschmälert genießen wollen.
    Das hat nichts mit Sozialstaat zu tun, das ist völlig ungerechte Ausbeutung.

  10. 5.07.2006 | 12:09

    @R.A.

    Mit anderen Worten: Die Steuerzahler sollen jetzt für Leute blechen, die ihr Vermögen ungeschmälert genießen wollen.

    Ich glaube, das führt an der Wirklichkeit etwas vorbei. Die Fälle, die man so mitbekommt, sehen etwas anders aus. Das sind z.B. Selbständige, die sich ohne Krankenkassenbeiträge gerade so über Wasser halten. Die wollen aus ganz anderen Gründen nicht zum Sozialamt bzw. zur “Agentur”.

    Kann sein, dass die Versicherungspflicht sie dazu zwingt. Dann wird es eine teure Angelegenheit.

  11. R.A.
    5.07.2006 | 12:19

    @Rayson:
    > Die Fälle, die
    > man so
    > mitbekommt,
    > sehen etwas
    > anders aus.
    Dieses ganze Vorhaben ist so merkwürdig indirekt konstruiert, daß sich kaum sagen läßt, um welche Fälle es denn wirklich gehen soll.

    Eine Pflicht für die Bürger, die eigentlich eine Pflicht für die Versicherungen sein soll, für Leute die zuviel Geld haben, um zum Sozialamt gehen zu können …

    Dieser Murks ist typisch für die aktuellen politischen Probleme.

    Ich finde es richtig, mit meinen Steuern Leuten zu helfen, die wirklich bedürftig sind (Sozialamt).
    Meinetwegen auch mit einer Übergangszone, wo statt der Vollversorgung Zuschüsse gezahlt werden, wenn der eigene Verdienst (egal ob selbständig oder angestellt) zu niedrig ist.

    Aber an dieser Stellschraube muß dann auch alles abgefeiert sein, da darf es keine weiteren Konstruktionen indirekt über Krankenversicherungen geben.

  12. 5.07.2006 | 13:21

    @Rayson

    Unsere Gesellschaft lässt zum Glück niemanden verrecken, nur weil er die notwendige Behandlung nicht bezahlen kann.

    Das ist sehr schön von Eurer Gesellschaft. Aber warum glaubst Du, Eure Gesellschaft muss Leute zwingen, in das System unfreiwillig einzuzahlen? Irgendwie naiv dachte ich, dass Mitglieder dieser Gesellschaft die gleichen Überzeugungen haben, wie die Gessellschaft, deren Mitglieder sie sind. Wenn die Menschen niemanden verrecken lassen *wollen*, wozu dann der Zwang?

    Außerdem geht unsere Gesellschaft – auch zum Glück – davon aus, dass jeder Mensch gleich viel wert ist

    solange dieser Mensch in Deutschland lebt, nicht wahr? Oder zahlt Eure Gesellschaft auch für die Behandlung der Armen in Nigeria? Warum? (wieder keine rhetorische Frage)

  13. 5.07.2006 | 13:40

    @Gregor

    Aber warum glaubst Du, Eure Gesellschaft muss Leute zwingen, in das System unfreiwillig einzuzahlen?

    Da die Gesellschaft den Einzelnen auch zwingt, sich helfen zu lassen: Reziprozität. Aber keine Bange, ich bin ein Freund des Sezessionsrechts: Von mir aus sollen alle Libertären irgendwo ihr Stückchen Land bekommen, auf dem sie sich miteinander frei austoben können. Wie alle sozialistischen Menschheitsbeglücker auch. Es muss nur sichergestellt sein, dass sie keinesfalls zu Trittbrettfahrern werden können.

    Oder zahlt Eure Gesellschaft auch für die Behandlung der Armen in Nigeria? Warum?

    Menschliches Verhalten. Solche Systeme funktionieren um so besser, je mehr seine Mitglieder sich überwiegend als zusammengehörig empfinden, je mehr soziale Kontrolle möglich ist und je mehr nach Überzeugung der Mitglieder das Reziprozitätsprinzip gewahrt bleibt.

  14. 5.07.2006 | 14:17

    @Rayson

    Aber warum glaubst Du, Eure Gesellschaft muss Leute zwingen, in das System unfreiwillig einzuzahlen?

    Da die Gesellschaft den Einzelnen auch zwingt, sich helfen zu lassen: Reziprozität.

    Du willst doch nicht wirklich behaupten, dass das wahr ist. Deine Reziprozität sieht so aus: Den Einen nehmen, den Anderen geben.

    Aber keine Bange, ich bin ein Freund des Sezessionsrechts: Von mir aus sollen alle Libertären irgendwo ihr Stückchen Land bekommen, auf dem sie sich miteinander frei austoben können. Wie alle sozialistischen Menschheitsbeglücker auch. Es muss nur sichergestellt sein, dass sie keinesfalls zu Trittbrettfahrern werden können.

    Du bist aber ziemlich inkonsequent. Einerseits willst Du die Trittbretter für manche bereitstellen und mitfinanzieren. Du willst sogar Leute zwingen auf diesen Trittbrettern zu fahren – und im Namen einer fiktiven Reziprozität – andere Zwingen sie mitzufinanzieren, anderseits stören die trittbrettfahrende Libertäre.


    Oder zahlt Eure Gesellschaft auch für die Behandlung der Armen in Nigeria? Warum?

    Menschliches Verhalten. Solche Systeme funktionieren um so besser, je mehr seine Mitglieder sich überwiegend als zusammengehörig empfinden, je mehr soziale Kontrolle möglich ist und je mehr nach Überzeugung der Mitglieder das Reziprozitätsprinzip gewahrt bleibt.

    Aber das steht doch ziemlich in Widerspruch mit Deiner Behauptung, für Eure Gesellschaft sei jedes menschliche Leben gleich viel wert. Offensichtlich ist dem nicht so. Offensichtlich schätzt Eure Gesellschaft nur das Leben ihrer Mitglieder, außenstehende ausgeschlossen.

    Du hast meine Frage, warum man Armen bei der KV helfen soll nicht explizit beantwortet. Nur implizit: Wenn die Armen “die Euren” sind, wenn sie also das Trittbrett der Reziprozität und Zusammengehörigkeit Eurer Gesellschaft nicht in Frage stellen, soll ihnen Geholfen werden. Denn sie sie halt “die Euren”. Das ist Solidarität – das verstehe ich.

    Nun aber, und ich habe das Gefühl mich zu wiederholen, wenn ihr, die Mitglieder Eurer Gesellschaft, diese Solidarität gut findet, warum der Zwang?

    Ich selbst bin Mitglied von mehreren wirklich solidarischen Gesellschaften, der Familie, des Freundeskreises, der Nachbarschaft. Wir helfen uns auch gegenseitig. Und dennoch ist kein interner Zwang nötig – denn wir wissen, die Mitgliedschaft bringt uns mehr, als sie uns kostet (und das ist manchmal nicht wenig). Wir sind nicht solidarisch, weil wir Altruisten sind, aber uns ist klar, das die Gruppe uns mehr Sicherhait bietet und sie ist auch eine gute Basis für die Kooperation. Und wenn jemand nicht mehr mitmachen will? Wenn jemand glaubt, unsere Gesellschaft kostet ihn mehr als sie ihm bringt? Nun ja, er hat die Wahl – wir respektieren sein “Seziessionsrecht” wirklich – er kann von unserem Trittbrett jederzeit abspringen.

    Nichts im Ungut, aber ich nehme Dir nicht ab, dass Du ein Freund des Sezessionsrechts bist. Wenn jemand eine Mauer aus Zwang um eine “Gesellschaft” bauen will, dem glauge ich solche Lippenbekenntnisse nicht ;-)

  15. 5.07.2006 | 15:01

    @Gregor

    Deine Reziprozität sieht so aus: Den Einen nehmen, den Anderen geben.

    Das ist das Prinzip jeder Versicherung. Die Reziprozität bezieht sich hier auf das Risiko.

    Du bist aber ziemlich inkonsequent. Einerseits willst Du die Trittbretter für manche bereitstellen und mitfinanzieren.

    Unsinn.

    anderseits stören die trittbrettfahrende Libertäre.

    Klar: Wer die Klappe aufreißt, dass er diesen Zwangskram nicht will, der soll nichts davon haben. Ist doch nur fair, denn im Grunde würde er das ja auch nie wollen, denn dann müsste er sich ja am zwangsweise eingezogenen Geld anderer bedienen.

    Offensichtlich schätzt Eure Gesellschaft nur das Leben ihrer Mitglieder, außenstehende ausgeschlossen.

    Es ist üblich, dass Regeln, die für das Verhalten einer Gemeinschaft untereinander gelten, keine Außenwirkung haben. Sofern also eine Gesellschaft eine Grenze nach außen hat, unterscheidet sich das Verhalten gegenüber Nichtmitgliedern immer gegenüber dem von Mitgliedern.

    Nun aber, und ich habe das Gefühl mich zu wiederholen, wenn ihr, die Mitglieder Eurer Gesellschaft, diese Solidarität gut findet, warum der Zwang?

    Es ist eine Kombination von zwei Dingen. Erstens soll Trittbrettfahren und Rosinenpicken vermieden werden. Das liegt an diesem uralten Gefühl von Gerechtigkeit, das den Menschen nicht auszutreiben ist.
    Zweitens, weil sich die Gesellschaft durch das Leistungsversprechen gegenüber ihren Mitgliedern selbst auch bindet.

    Nichts im Ungut, aber ich nehme Dir nicht ab, dass Du ein Freund des Sezessionsrechts bist. Wenn jemand eine Mauer aus Zwang um eine “Gesellschaft” bauen will, dem glauge ich solche Lippenbekenntnisse nicht

    Auch auf das Risiko, dass du mich deswegen beim libertären Revolutionstribunal anschwärzt: Was du mir abnimmst oder nicht, ist mir aber auch sowas von egal…

  16. 5.07.2006 | 15:32

    @Rayson

    Deine Reziprozität sieht so aus: Den Einen nehmen, den Anderen geben.

    Das ist das Prinzip jeder Versicherung. Die Reziprozität bezieht sich hier auf das Risiko.

    Eben. Deswegen reicht es für die Reziprozität, wenn man in eine Versicherung eintritt und seine Beiträge zahlt. Wo ist aber die Reziprozität, wenn die Beiträge anderer Versicherten bezahlen muss? Reziprozität als Argument funktioniert hier nicht.

    Klar: Wer die Klappe aufreißt, dass er diesen Zwangskram nicht will, der soll nichts davon haben. Ist doch nur fair, denn im Grunde würde er das ja auch nie wollen, denn dann müsste er sich ja am zwangsweise eingezogenen Geld anderer bedienen.

    Sage ich doch. Wer freiwillig nicht zum Funktionieren eines Systems beitragen will, der soll auch keinen Anspruch an die Leistungen dieses System haben. In dieser Diskussion bist Du doch derjenige, der die Träger des Systems zu unfreiwilligen Leistungen zwingen will.

    Sofern also eine Gesellschaft eine Grenze nach außen hat, unterscheidet sich das Verhalten gegenüber Nichtmitgliedern immer gegenüber dem von Mitgliedern.

    Wäre es also Eurem System nicht zuträglicher, z.B. Luxemburg und die Schweiz innerhalb Euerer Grenzen zu haben und Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern außerhalb?

    Es ist eine Kombination von zwei Dingen. Erstens soll Trittbrettfahren und Rosinenpicken vermieden werden. Das liegt an diesem uralten Gefühl von Gerechtigkeit, das den Menschen nicht auszutreiben ist.

    Zweitens, weil sich die Gesellschaft durch das Leistungsversprechen gegenüber ihren Mitgliedern selbst auch bindet.

    Bingo! Beides lässt sich doch durch die freiwillige Teilnahme viel besser erreichen. Schau Dir doch die Zwangssysteme an. Wie gut verhindern sie Trittbrettfahrerei und Rosinenpickerei? In welches Land wird wohl ein Trittbrettfahrer lieber einwandern? In eins, wo alle gezwungen werden, ihn mitzutragen, oder in eins, wo er seine Leistung- und Solidaritätsbereitschaft beweisen muss, um ins Netz reingenommen zu werden?

    Auch auf das Risiko, dass du mich deswegen beim libertären Revolutionstribunal anschwärzt: Was du mir abnimmst oder nicht, ist mir aber auch sowas von egal…

    Ich bitte Dich, bei uns ist nicht wie bei Euch Sozis ;-) Wir haben keine Tribunale, wie regeln die Sachen einfach direkt und persönlich.

  17. 5.07.2006 | 16:07

    Wo ist aber die Reziprozität, wenn die Beiträge anderer Versicherten bezahlen muss?

    Du argumentierst mit dem zu Beweisenden. Keiner zahlt die Beiträge anderer.

    Wer freiwillig nicht zum Funktionieren eines Systems beitragen will, der soll auch keinen Anspruch an die Leistungen dieses System haben.

    Das ist nun einmal mit dem aktuellen Stand von menschlichem Selbstverständnis nicht zu vereinbaren. Diese Gesellschaft verspricht allen ihren Mitgliedern eine medizinische Versorgung und lässt keinen sterben. Auch nicht diejenigen, die sich verkalkulieren würden. Der Preis dafür ist der Zwang.

    Wäre es also Eurem System nicht zuträglicher, z.B. Luxemburg und die Schweiz innerhalb Euerer Grenzen zu haben und Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern außerhalb?

    Vielleicht. Vor allem aber eins: irrelevant.

    Schau Dir doch die Zwangssysteme an. Wie gut verhindern sie Trittbrettfahrerei und Rosinenpickerei?

    Nicht gut genug. Da ist Luft nach oben.

    In welches Land wird wohl ein Trittbrettfahrer lieber einwandern? In eins, wo alle gezwungen werden, ihn mitzutragen, oder in eins, wo er seine Leistung- und Solidaritätsbereitschaft beweisen muss, um ins Netz reingenommen zu werden?

    Gesellschaften, die intern sehr stark auf gegenseitige Verpflichtung und Gemeinschaft setzen, haben grundsätzlich ein Problem mit Zutritten von außen. Es sind keine echten offenen Systeme. Ohne Zutrittsbeschränkung und Auswahl der Beitretenden können sie nicht überleben.

  18. 5.07.2006 | 16:36

    Wo ist aber die Reziprozität, wenn die Beiträge anderer Versicherten bezahlen muss?

    Du argumentierst mit dem zu Beweisenden. Keiner zahlt die Beiträge anderer.

    Genau das stimmt aber nicht. Für die, die sich die Beiträge nicht leisten können, springen die Anderen ein. Das ist keine Reziprozität, das ist Solidarität. Das wäre auch kein Problem, wenn es eine echte Solidarität wäre. Ist sie aber nicht, es ist eine erzwungene. Und deswegen gibt es die Rosinenpickerei, Flucht und Trittbrettfahrerei.

    Wer freiwillig nicht zum Funktionieren eines Systems beitragen will, der soll auch keinen Anspruch an die Leistungen dieses System haben.

    Das ist nun einmal mit dem aktuellen Stand von menschlichem Selbstverständnis nicht zu vereinbaren. Diese Gesellschaft verspricht allen ihren Mitgliedern eine medizinische Versorgung und lässt keinen sterben. Auch nicht diejenigen, die sich verkalkulieren würden. Der Preis dafür ist der Zwang.

    Der Gesellschaft steht doch frei, den Nichtbeitragenden zu helfen, wenn sie will. Genauso wie es jedem Menschen frei steht, Leute zu beschenken, die keinen Anspruch haben. Warum aber macht ihr Versprechen im Namen Anderer?

    Wäre es also Eurem System nicht zuträglicher, z.B. Luxemburg und die Schweiz innerhalb Euerer Grenzen zu haben und Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern außerhalb?

    Vielleicht. Vor allem aber eins: irrelevant.

    Mal sehen, wie lange das System noch funktioniert, bevor es andere Geldquellen anzapfen muss. Dann kann sich die Relevanz dieser Frage ändern.

    In welches Land wird wohl ein Trittbrettfahrer lieber einwandern? In eins, wo alle gezwungen werden, ihn mitzutragen, oder in eins, wo er seine Leistung- und Solidaritätsbereitschaft beweisen muss, um ins Netz reingenommen zu werden?

    Gesellschaften, die intern sehr stark auf gegenseitige Verpflichtung und Gemeinschaft setzen, haben grundsätzlich ein Problem mit Zutritten von außen. Es sind keine echten offenen Systeme.

    Das wäre alles kein Problem, wenn Eure Gesellschaft tatsächlich auf gegenseitige Verpflichtung und Gemeinschaft setzen würde. Tut sie aber nicht. Die Verpflichtungen sind nicht gegenseitig – das wäre Solidarität – sie bestehen nur zwischen Staat und Bewohner. Die Gemeinschaft zerfällt, Menschen werden immer individualistischer, denn es besteht keine Notwendigkeit mehr, sich in die Gemeinschaft einzubinden – der Staat verspricht ja, sich zu kümmern.

    Die Verantwortung wurde verstaatlicht. Die für sich selbst, und auch die für die Anderen. Hier würde die Privatisierung helfen.

    Ohne Zutrittsbeschränkung und Auswahl der Beitretenden können sie nicht überleben.

    Ohne Auswahl der Austretenden auch nicht sehr lange.

    Zur Sonne, zur Freiheit ;-)

  19. 5.07.2006 | 17:21

    Das ist keine Reziprozität, das ist Solidarität.

    Stimmt. Aber das ist im Prinzip ein anderes Fass, das du damit aufmachst, und das nicht innerhalb des Krankenversicherungssystems geregelt werden muss. Es ist ja nur fair, dass, wenn man Leute zu etwas verpflichtet, sich etwas einfallen lässt, falls sie dieser Verpflichtung nicht nachkommen können.

    Und deswegen gibt es die Rosinenpickerei, Flucht und Trittbrettfahrerei.

    Nichts, was sich nicht mit einigen wenigen Änderungen wesentlich reduzieren ließe. Ganz ausschließen kann man es nicht, aber 100%-Lösungen sind die schlechtesten.

    Warum aber macht ihr Versprechen im Namen Anderer?

    Weil wir das richtig finden.

    Mal sehen, wie lange das System noch funktioniert, bevor es andere Geldquellen anzapfen muss. Dann kann sich die Relevanz dieser Frage ändern.

    Reden wir von dem konkreten aktuell existierenden System oder allgemein von einer Versicherungspflicht? Ich würde da schon unterscheiden wollen. Gegen einen wachsenden Gesundheitssektor ist ja per se nichts einzuwenden, alles andere wäre sogar irrational.

    Die Verpflichtungen sind nicht gegenseitig – das wäre Solidarität – sie bestehen nur zwischen Staat und Bewohner. Die Gemeinschaft zerfällt, Menschen werden immer individualistischer, denn es besteht keine Notwendigkeit mehr, sich in die Gemeinschaft einzubinden – der Staat verspricht ja, sich zu kümmern.

    Das ist tatsächlich das Problem, vor dem man steht, wenn man sich von den von mir oben skizzierten Grundbedingungen entfernt. Auf der anderen Seite brauchen wir auch nicht mehr von der dörflichen Handwerkeridylle zu träumen. Im Zeitalter der Globalisierung ist eine mindestens auf Nationalstaatsebene organisierte soziale Grundsicherung wohl unvermeidlich.

    Hier würde die Privatisierung helfen.

    Und andere Probleme aufwerfen. Ich bin sehr skeptisch gegenüber allen ideologisch reinen Lösungen – sie werden dem Menschen in seiner Komplexität meist nicht gerecht. Man kann die vorhandene soziale Sicherung in Richtung von deutlich mehr Eigenverantwortung reformieren, ohne ihre grundlegenden Vorteile, die praktisch von allen Studien, die sich mit solchen Systemen beschäftigen, nachgewiesen werden, zu verlieren.

  20. 5.07.2006 | 18:06

    Es ist ja nur fair, dass, wenn man Leute zu etwas verpflichtet, sich etwas einfallen lässt, falls sie dieser Verpflichtung nicht nachkommen können.

    Am einfachsten wäre es, die Leute halt nicht zu verpflichten, versichert zu sein. Eure Gesellschaft versprichet doch jedem, ihm zu helfen ;-)

    Warum aber macht ihr Versprechen im Namen Anderer?

    Weil wir das richtig finden.

    Warum?

    Mal sehen, wie lange das System noch funktioniert, bevor es andere Geldquellen anzapfen muss. Dann kann sich die Relevanz dieser Frage ändern.

    Reden wir von dem konkreten aktuell existierenden System oder allgemein von einer Versicherungspflicht? Ich würde da schon unterscheiden wollen. Gegen einen wachsenden Gesundheitssektor ist ja per se nichts einzuwenden, alles andere wäre sogar irrational

    .

    Also ich rede schon konkret. Denn es sieht so aus, und nicht nur im Gesundheitssektor, dass langsam die Mehrheit nur auf dem Trittbrett fahren wird, und immer weniger Menschen werden bereit sein, die Karre zu schieben. Vor allem dann, wenn andere Karren bereit stehen, dern Trittbretter schmaler sind.

    Da kommt irgendwann die Frage, wen man vor den Karren einspannt, und wen man vom Trittbrett schmeißt. Vielleicht wird dann die Gesellschaft es richtig finden, die Schweizer oder die Luxemburger einzuspannen und die Brandenburger links liegen lassen?

    Das ist tatsächlich das Problem, vor dem man steht, wenn man sich von den von mir oben skizzierten Grundbedingungen entfernt. Auf der anderen Seite brauchen wir auch nicht mehr von der dörflichen Handwerkeridylle zu träumen. Im Zeitalter der Globalisierung ist eine mindestens auf Nationalstaatsebene organisierte soziale Grundsicherung wohl unvermeidlich.

    In der Tat. Aber diese kann durchaus ohne Zwang organisiert werden. Die meisten Menschen sind solidarisch und bereit zu Helfen. Der Staat ist kaum besser als seine Bewohner. Wenn ihr es doch gut findet, anderen zu helfen, warum wollt ihr dazu gezwungen werden?

    Eigentlich sollte es reichen, sich die Sozial- und Krankenversicherungssysteme verschiedener Länder anzuschauen und deren Ergebnisse zu vergleichen.

    Hier würde die Privatisierung helfen.

    Und andere Probleme aufwerfen. Ich bin sehr skeptisch gegenüber allen ideologisch reinen Lösungen – sie werden dem Menschen in seiner Komplexität meist nicht gerecht. Man kann die vorhandene soziale Sicherung in Richtung von deutlich mehr Eigenverantwortung reformieren, ohne ihre grundlegenden Vorteile, die praktisch von allen Studien, die sich mit solchen Systemen beschäftigen, nachgewiesen werden, zu verlieren.

    Das ist es eben. Ein Zwangssystem zwingt eben alle Menschen in das einheitliche gleichgeschaltete System. Wäre das System freiwillig, wäre es nur natürlich, dass mehrere Systeme entstehen würden. Die Vielfalt der Menschen und iherer Ideologien würde sich in der Vielfalt der Systeme spiegeln. Sicher, auch diese Systeme hätten Problemee, manche würden sie besser lösen, andere weniger gut.

  21. 6.07.2006 | 10:29

    Warum?

    Moral. Tut mir ja Leid.

    Also ich rede schon konkret.

    Dann verzetteln wir uns. So schön es aus Gründen der Feindbildpflege auch sein mag, das aktuelle, äußerst reformbedürftige System mit den generellen Leitbildern dieser Gesellschaft zu verknüpfen (dessen Fans versuchen das allerdings auch), so unsinnig wäre es. Es zeichnet den liberalen Realisten aus, liberale Vorstellungen auch für Gesellschaften attraktiv zu machen, die solch lästigen und unpräzisen Dingen wie Gerechtigkeitsvorstellungen, Sicherheitsbedürfnis und moralischem Empfinden anhängen. Wie man in Experimenten mehrfach gezeigt hat, handelt es sich dabei um manchmal sehr irrational wirkende, aber evolutionär bewährte Verhaltensweisen, die man einfach als Parameter zu akzeptieren hat. Den idealen Menschen zu schaffen, wird auch dem überzeugtesten Objektivisten nicht gelingen.

    Die meisten Menschen sind solidarisch und bereit zu Helfen. Der Staat ist kaum besser als seine Bewohner. Wenn ihr es doch gut findet, anderen zu helfen, warum wollt ihr dazu gezwungen werden?

    Andersrum: Warum ist es Zwang, wenn jemand von mir das verlangt, was ich ohnehin schon wollte? Im Empfinden, gezwungen zu werden, steckt schon eine gehörige Portion Unwilligkeit. Machen wir uns nichts vor: Das verfügbare Volumen wäre ohne den Zwang deutlich geringer, wie in Staaten ohne Sozialsystem auch regelmäßig nachzuweisen ist.

    Darüber hinaus macht es einen Unterschied, ob jemand auf Almosen gutherziger Vermögender angewiesen ist oder einen Anspruch auf Nothilfe hat.

    Eigentlich sollte es reichen, sich die Sozial- und Krankenversicherungssysteme verschiedener Länder anzuschauen und deren Ergebnisse zu vergleichen.

    Wenn es zu etwas reicht, dann zu der Erkenntnis, dass alle diese Systeme Stärken und Schwächen haben und keines eindeutig allen anderen vorzuziehen wäre. Dennoch ist klar, in welche Richtungen Reformen möglich sind. Darunter sind dirigistischere und liberalere Ansätze. Ich präferiere überraschenderweise letztere.

    Wäre das System freiwillig, wäre es nur natürlich, dass mehrere Systeme entstehen würden.

    Ja. Wenn nicht Tag ist, ist Nacht. Und umgekehrt. Ein Nebeneinander, das soziale und risikobezogene Selektion ermöglicht, soll eben ausgeschlossen werden.

  22. 6.07.2006 | 11:26

    Für einen Liberalen klingt das Wort “Versicherungspflicht” erst einmal grausig. Aber diese Einschränkung der Freiheit bringt ein sehr positives Element mit sich …

    Jaja, so fängt es immer an …

  23. der gute don
    6.07.2006 | 22:44

    ich habe zum Beispiel nie verstanden, warum Unternehmer die sozialversicherungsfreigestellt sind, freiwillige Übernahme von Krankenkassenkosten durch das Unternehmen als geldwerten Vorteil versteuern müssen. Bzw. was der Zusammenhang zwischen Sozialversicherungspflicht und steuerfreier Unternehmensbeteiligung an den Krankenkassenkosten sein soll. Das würde mich echtmal interessieren, weiß das jemand?

Bad Behavior has blocked 1453 access attempts in the last 7 days.