25. Juni 2006
Islam(ismus) und Christentum in Indonesien
Vor einigen Monaten gab es in der Reihe “Hintergrund Politik” eine Sendung über den Islam in Indonesien: Terror im Reich der tausend Inseln. Der Lede lautete:
Keine Religion hat in Indonesien so nachhaltig Fuß gefasst wie der Islam. Fast 90 Prozent der etwa 230 Millionen Einwohner sind sunnitische Muslime. Durch die Verschmelzung mit der einheimischen Kultur unterscheidet sich das islamische Leben in Indonesien aber stark von seinem Ursprung in der arabischen Welt. Seit Jahren trüben jedoch Morde und Bombenanschläge das Bild vom toleranten multikulturellen Indonesien.
Im Untertitel wurde die Frage gestellt:
Indonesien: Krisenherd oder Muster für eine tolerante muslimische Gesellschaft?
Diese Frage dürfte spätestens mit diesem Weltspiegel-Bericht beantwortet sein:
Radikal-islamische Ideen auf dem Vormarsch – Bedrängte Christen in Indonesien
In Indonesien gewinnen radikal-islamische Ideen mehr und mehr an Boden. Vor allem auf lokaler Ebene hindern radikale Moslems Christen an der Religionsausübung und erzwingen die Schließung von Kirchen. Die kleine christliche Gemeinde von Bogor gibt nicht auf und trifft sich jetzt heimlich.
Ich muss gestehen, dass mir langsam dieser Begriff “Islamismus” zu schillernd geworden ist. Die Unterscheidung bei Medien und Politik ist klar: Auf der einen Seite steht “der Islam”, die Religion des Friedens, die bedeutende Weltreligion, das Gute. Alles Schlechte, was mit dem Islam irgendwie zusammenhängen könnte, wird demgegenüber einfach als “Islamismus” bezeichnet, der selbstverständlich die eigentlichen Werte des Islam verrate und bekämpft werden müsse.
Und es bleibt die Frage, warum es in islamischen Ländern nicht möglich ist, dem “Islamismus” die Grundlage zu entziehen und warum ihm nur durch Druck der autoritären Staatsmacht einerseits und Abtauchen der Opfer in den Untergrund der Anonymität andererseits begegnet wird.
Für die Entstehung und die Attraktivität islamistischer Bestrebungen gibt es viele Ursachen, aber eines ist klar: die indonesischen Christen haben keine davon gesetzt und können am wenigsten dafür. Wenn das den Islamisten und der nicht-islamistischen Mehrheitsgesellschaft Indonesiens egal ist, dann gibt es da ein gewisses Glaubwürdigkeitsproblem. Meine Vorstellung von einer Religion des Friedens und der Menschenrechte ist jedenfalls eine andere.
Zur Rolle des bösen, christlichen Westens in Indonesien siehe auch diesen alten Eintrag bei der Achse des Guten: Überraschung im Tsunami-Waisenhaus.
Verfasst von Marian Wirth um 22:09 Uhr in der Kategorie Grundsatzfragen (Trackback)
38 Kommentare